Hans-Werner Kroesinger (* 1962 in Bonn) ist ein deutscher Theaterregisseur und Autor. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Dokumentartheaters im deutschsprachigen Raum.Theater der Zeit: Hans-Werner Kroesinger

Leben Nach seinem Abitur 1982 am Collegium Josephinum Bonn nahm Kroesinger in Bonn zunächst ein Studium der Rechtswissenschaft, Germanistik und Philosophie auf. Von Bonn wechselte Kroesinger, der „entweder etwas mit Theater oder mit Jura machen“Peter Laudenbach: Die Theaterzentrale für politische Aufklärung. In: Theater heute, Nr. 5, Mai 2016, S. 37–41, hier S. 39 wollte, 1984 an das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen und studierte dort bis 1988 „Drama/Theater/Medien“ bei Andrzej Wirth und Hans-Thies Lehmann. Kroesinger schätzte den Gießener Ausbildungsansatz: „In Gießen konnte man lernen, Kontexte herzustellen, die über den Stücktext hinausgehen. Bei den Büchner-Texten haben mich zum Beispiel immer auch die historischen Quellen interessiert, die Wirklichkeitsablagerungen im literarischen Text.“

Bereits während seines Studiums arbeitete Kroesinger von 1987 bis 1989 als Regieassistent und Dramaturg für Robert Wilson. Dabei wirkte an den Aufführungen von Die Hamletmaschine in New York, Salome in Mailand und The Forest in Berlin mit. Seine erste eigene Inszenierung war Gertrude Steins Doctor Faustus Lights the Lights in Dallas.Peter Laudenbach: Die Theaterzentrale für politische Aufklärung. In: Theater heute, Nr. 5, Mai 2016, S. 37–41, hier S. 40 1989 engagierte ihn Heiner Müller als künstlerischen Mitarbeiter für die Produktion Hamlet/Hamletmaschine am Deutschen Theater Berlin.

Seit 1993 arbeitet Kroesinger als Autor und Regisseur. Sein Theaterstück Don’t look now führte er 1997 auf der documenta X in Kassel auf. Bekannt ist er auch für Inszenierungen wie etwa Ruanda Revisited über den Völkermord in Ruanda, das zum Impulse Festival 2009 eingeladen wurde, oder das Jugendtheaterstück Kindertransporte, für das er 2007 mit dem Brüder-Grimm-Preis ausgezeichnet wurde.Impulse Festival: .Theaterstückverlag: Kindertransporte

Kroesinger inszenierte an diversen Bühnen im deutschsprachigen Raum, sowohl an Staats- und Stadttheatern – etwa am Berliner Ensemble, dem Staatstheater Stuttgart, dem Bayerischen Staatsschauspiel, dem Maxim-Gorki-Theater oder dem Theater an der Parkaue – als auch in der freien Szene, vor allem am Hebbel am Ufer, in den Sophiensælen, im Radialsystem V, und im Palais Podewils, im FFT Düsseldorf, im Festspielhaus Hellerau oder dem Theaterhaus Gessnerallee Zürich.

Kroesingers Stücke waren auf diversen nationalen wie internationalen Festivals zu sehen, etwa bei Politik im Freien Theater (Hamburg 2003), Cultura Nova (Heerlen 2008) und Impulse (NRW 2009). Neben seiner Theaterarbeit ist Kroesinger immer wieder Lehrbeauftragter an diversen Hochschulen und Akademien. Sein Stück Stolpersteine Staatstheater (Badisches Staatstheater Karlsruhe) wurde 2016 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Seit 2000 arbeitet Kroesinger mit der Theatermacherin Regine Dura zusammen.

Theaterästhetik In seinen dokumentarischen Theaterabenden collagiert Kroesinger historische Originaltexte, aktuelle Dokumente und literarische oder theoretische Texte. „Nicht eine Zeile ist erfunden oder zwecks besserer Sprechbarkeit sprachlich geglättet, alles ist aus den Originaltexten der Dokumente montiert.“Peter Laudenbach: Die Theaterzentrale für politische Aufklärung. In: Theater heute, Nr. 5, Mai 2016, S. 37–41, hier S. 38 Dokumentarische Versatzstücke werden nicht kommentiert oder ironisiert, sondern deutlich ausgestellt. Im Zentrum dieser Theaterprojekte stehen meist politische Themen und Fragestellungen, insbesondere Gewaltkonflikte, in denen Kroesingers Auffassung nach eine Gesellschaft mit sich selbst verhandelt: „Es gibt, etwa in den reichen Ländern, immer nur die lokale Abwesenheit von Krieg. Das sollte man nicht mit Frieden verwechseln. Dass hier kein Krieg stattfindet, heißt nicht, dass wir nicht in Gewaltkonflikte involviert sind. Theater ist ein guter Ort, um das zu verhandeln.“

Auszeichnungen 2007: Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin für seine Jugendtheaterinszenierung Kindertransporte im Theater an der Parkaue

Inszenierungen (Auswahl) 1993: Man könnte Lust bekommen… – Ein Wozzeck Kommentar, Staatsoper Stuttgart 1994: Aventures – Nouvelles Aventures von György Ligeti, Gulbenkian Center Lissabon 1995: Words and Music von Morton Feldman/Samuel Beckett, Tage für Neue Musik, Stuttgart 1996: Q&A – Questions & Answers (zum Eichmann-Prozess),Lily Kelting: Get Infekted by Hans-Werner Kroesinger 20. Juni 2016 (englisch) Akademie Schloss Solitude Stuttgart, Podewil, BerlinHans-Werner Kroesinger: Produktionen Website des Goethe-Instituts, abgerufen am 31. Mai 2018 1996: Sextett von Andreas Stahl, Podewil, Berlin 1996: Stille Abteilung, Inszenierung zur Installation Camera Silens von Moonen & Arndt, ZKM Karlsruhe, Podewil, Berlin 1997: Chinesischer Vatermord, Berliner Ensemble 1997: Don´t look now, documenta X 1997: Twenty Minutes. Ein Abend zu „The Killing of a Chinese Bookie“ nach John Cassavetes, Theater am Halleschen Ufer 1998: Faustus 53 – ein Abend zu Hanns Eisler, Berliner Ensemble 1998: Don´t look now II, Podewil, Berlin 1998: SOP = Standard Operation Procedure, Podewil, Berlin 1999: Die Waffe Mensch, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin 2000: MorTal Combat – The Kosovo Files, Staatsbank, Berlin 2001: Journey through the heart of darkness, Europäische Kulturhauptstadt Rotterdam – Goethe-Institut Rotterdam 2001: TRUTH Part one, Forum Freies Theater, Düsseldorf 2002: Gladius Dei, Bayerisches Staatsschauspiel München, Haus der Kunst 2002: TRUTH – Commissioned by the Heart of Darkness, Podewil, Berlin 2003: Hyänenherz/Traum eines Kamikazefliegers von Paul M. Waschkau, Orphtheater BerlinDer Killer füttert den Vogel, H-W-Kroesinger inszeniert Paul M. Waschkaus "Hyänenherz", taz Berlin v. 23. August 2003. 2003: suicide bombers on air. PRIMETIME, Sophiensæle, Berlin, Forum Freies Theater, Düsseldorf, Gastspiele: Theaterhaus Gessnerallee, Zürich, LOT-Theater Braunschweig, Junges Theater Bremen 2003: Coming Home, Theater Hebbel am Ufer, Berlin, Forum Freies Theater, Düsseldorf 2004: Voyeur, Forum Neues Musiktheater, Staatsoper Stuttgart 2004: Road to Baghdad and Return, Sophiensæle, Berlin / Junges Theater Bremen 2005: Donnerschlag revisited, Europäisches Zentrum der Künste, Hellerau 2005: Die Tage der Commune – Eine Performance und Die Zeit scheint gegenwärtig schneller zu laufen (Die 11. und 12. Sitzung des zentralen Runden Tisches der DDR), Maxim Gorki Theater, Berlin 2005: Zu treuen Händen, Theater Hebbel am Ufer, Berlin 2005: HERERO 100, Theater Hebbel am Ufer, Berlin 2005: Plan Gelb – Liberators, Occupiers and Population, Theater Hebbel am Ufer, Berlin, Rotterdamse Schouwburg, Huuse van Bourgondie, Maastricht 2006: FREMD, Forum Neues Musiktheater, Staatsoper Stuttgart 2006: Peer Gynt, Sophiensæle, Berlin 2006: Das Floß der Medusa, Theater Aachen 2006: Kindertransporte, Theater an der Parkaue, Berlin 2007: Grenzgebiet Heimat Festspielhaus Hellerau, Dresden 2007: Vorsicht Schusswaffen, Staatstheater Stuttgart 2007: Werther – Letzte Briefe, Theater Aachen 2007: Beirut Report, Theater Hebbel am Ufer, Berlin 2007: History Tilt, Theater Hebbel am Ufer, Berlin 2008: Der Bericht des Matthäus, Rundfunkchor Berlin, Radialsystem, Berlin 2008: Die letzten Tage der Menschheit, Staatstheater Stuttgart 2008: König Alkohol, Theater Aachen 2008: Kindersoldaten, Theater an der Parkaue, Berlin 2009: Vermauern, Maxim Gorki Theater, Berlin 2009: Ich. Cyborg? Theater Freiburg 2009: Ruanda Revisited Theater Hebbel am Ufer, Berlin 2010: Blackwater Theater Hebbel am Ufer, Berlin 2010: CAPITALPolitics Theater Hebbel am Ufer, Berlin 2011: Karlsruhe – Stadt der Gerechten, Badisches Staatstheater Karlsruhe 2011: Unternehmen Hunger, Schauspiel Hannover 2011: Die Pest oder Menschen im Belagerungszustand nach Albert Camus, Theater Aachen 2011: Darfur – Mission Incomplete, Theater Hebbel am Ufer, Berlin 2013: Failed States One: Somalia, Theater Hebbel am Ufer, Berlin 2014: FRONTex SECURITY, HAU Hebbel am Ufer, Berlin 2014: 1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung, HAU Hebbel am Ufer, Berlin 2014: Operation Big Week, Theater Augsburg 2015: Musa Dagh – Tage des Widerstands, Maxim Gorki Theater, Berlin 2015: Stolpersteine Staatstheater, Dokumentartheater. Uraufführung am Staatstheater Karlsruhe im Spielzeit-Archiv 2014/15 des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, abgerufen am 27. November 2015. 2016: Graecomania – 200 years Hebbel am Ufer Berlin, HAU 3 2021: Westwall, Staatstheater Mainz 2022: Zehn Ave Maria, Landestheater Linz 2022: Die Spiele müssen weitergehen – München 1972, Residenztheater, München

Weblinks

Spiegel Online: Selbstmordbomber auf Sendung – Hans Werner Kroesinger

Einzelnachweise

Kategorie:Theaterregisseur Kategorie:Autor Kategorie:Künstler (documenta) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1962 Kategorie:Mann