Die Jüdische Gemeinde Oberwesel, der ehemaligen Reichsstadt Wesel (1237 bis 1309), wurde erstmals in dem Reichssteuerverzeichnis von 1241 erwähnt.Hermann Kellenbenz in: Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein, Konrad Schilling (Hrsg.), hier „Steuern“ S. 209 ff Wie in den meisten Regionen des Reichs erlebten in den dann folgenden Jahrhunderten auch die Oberweseler Juden eine ständige Abfolge von Duldung und Vertreibung. Letzteres ging zumeist einher mit dem Verlust ihrer Habe, oft sogar mit dem ihres Lebens. Selbst eine im 19. Jahrhundert einsetzende Periode des friedlichen Miteinanders endete bald nach dem Ersten Weltkrieg, denn der auch in Oberwesel noch immer latent vorhandene Antisemitismus gewann erneut die Oberhand und gipfelte in der Zeit der Nationalsozialisten in der völligen Vernichtung jüdischen Lebens der Stadt.Anton Schwarz, Eine Zeitreise durch Oberwesel, in: Bauverein Historische Stadt Oberwesel, S. 96 ff miniatur|Mahn- und Denkmal mit den Namen der letzten jüdischen Gemeindemitglieder der Stadt Geschichte mini|links|Juden im 13. Jahrhundert Juden am Rhein Die einschlägige Forschung nimmt an, dass bereits im Gefolge der römischen Eroberung Niedergermaniens aschkenasische Juden entlang des Rheins Handel trieben und sich an diesem von Heerstraßen gesäumten Wasserweg niederließen. Jedoch erst für die Zeit der Salier bis hin zu den ersten Kreuzzügen ist eine feste Ansässigkeit von Juden für die größeren Städte am Rhein nachgewiesen. In welcher wirtschaftlich-sozialen Situation diese Bevölkerungsgruppe damals lebte, verdeutlicht eine etwa in der Mitte des 12. Jahrhunderts verfasste Schrift des Herimanus quodam Judaeus. Den Schilderungen dieser Schrift ist zu entnehmen, dass die Juden zu dieser Zeit noch keiner willkürlichen Gesetzgebung unterstanden, wie sie dann in den kommenden Jahrhunderten in diversen Judenordnungen erlassen und auch praktiziert wurde. Vorerst hatten sie freien Spielraum für ihre geschäftlichen Aktivitäten, konnten inner- und außerhalb der Städte Grundbesitz erwerben, den sie sogar durch christliche Tagelöhner bewirtschaften lassen durften.Hermann Kellenbenz in: Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein, hier „Die Juden in der Wirtschaftsgeschichte des rheinischen Raumes“, S. 207, Anm. 40, Verweis auf: J. Greven: Die Schrift des Herimannus quondam Judaeus »De conversione sua opusculum«. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein. Band 115, 1929, S. 111–135
Freie Reichsstadt und der Schutz der Herrscher In einem Erlass Kaiser Heinrichs hieß es noch im Jahr 1090: niemand soll von ihnen (den Juden) Zoll oder eine öffentliche oder private Abgabe erheben, jedoch erlebten die Juden, dass die Wirklichkeit bald anders aussah. So sollte ein zum Schutz der Juden gegebenes kaiserliches Privileg die Juden unter die besondere Obhut des Herrschers stellen und regelte ihre Rechte im Umgang mit den Christen. Doch schon mit den gegen die Mainzer Judenschaft ausbrechenden Pogromen war der Schutz ausgeblieben und mit dem Tod Heinrichs im Jahr 1106 wurden die Lebensumstände der Juden am Rhein fast unaufhörlich schlechter.Hermann Kellenbenz in: Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein, hier „Die Juden in der Wirtschaftsgeschichte des rheinischen Raumes“, S. 199 ff
In den Anfängen des Zweiten Kreuzzuges (1147/49) nutzte ein Radulf (auch Rudolf, Roudolphe) genannter, fanatisierter Mönch der Zisterzienser (der Orden hatte später auch in Oberwesel eine Niederlassung), indem er die auch die Region Oberwesel durchziehenden Kreuzzügler dazu aufrief, die Ungläubigen (eine gern benutzte Metapher für Andersgläubige) zu erschlagen. Noch 1236, im letzten Jahr seiner Regentschaft hatte Kaiser Friedrich II. per Dekret ein sogenanntes Judenregal erlassen – eine als Schutzgeld bezeichnete Steuer – aber dennoch erhielten die Juden in einem schon bald eintretenden Ernstfall keinen Schutz. So bei den Pogromen im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts, als erneut aufkommende brutale Übergriffen gegen die jüdische Bevölkerung aufkamen. Als oberster Schutzherr verteidigt Friedrich die Juden gegen sogenannte Blutlügen, doch waren es nur Worte der Kritik, Maßnahmen blieben aus.Online-Version von Die Blutlüge, Schildberger, Berlin 1892 Auch auf einem Hoftag wandte er sich gegen weitere derartige Anklagen gegen die Juden und untersagte sie. Von angedrohten Sanktionen bei Verstößen wurden auf dem Hoftag in der Pfalz zu Hagenau nicht berichtet.Hermann Kellenbenz in: Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein, hier „Ausschreitungen des 12. Jahrhunderts“, S. 68 ff
Regalien – Steuern Mit dem neuen Status der Stadt, der Erhebung zur freien Reichsstadt, unterstand (Ober)Wesel nur dem Nachfolger Friedrichs König Konrad IV. als oberster Instanz. Ansonsten war die Stadt fast in allen Bereichen autark. So blieb beispielsweise die Judensteuer vorerst dem Reich vorbehalten. Bei dieser wurde es für die Obrigkeit bald zur Regel, diese von Juden zu entrichtenden Kopfsteuer nicht im Einzelfall, sondern als Pauschale von dem Vorsteher (zumeist der Gemeinderabbiner) der jeweiligen jüdischen Gemeinde eintreiben zu lassen. Die Urkunde einer erhaltenen Steuerliste enthält die erfassten Daten der Region. Danach waren die Steuersätze der innerhalb einer christlichen Kommune entstandenen Judengemeinden gestaffelt. Beispielsweise erhob der Fiskus während der Regierungszeit Kaiser Friedrichs II. für die jüdische Gemeinde Oberwesel 1241 eine Abgabe von jährlich 20 Mark Silber. Eine vergleichende Untersuchung der festgesetzten Steuerbeträge verschiedener Judengemeinden des Reichs ergab einerseits, dass das Gros dieser Gemeinden am Mittelrhein lag, zum anderen zeigten die Daten der steuerlichen Bemessungshöhe die Größenordnung der entstandenen Gemeinden. Nach der Recherche Schillings hatten die Wormser Juden 130, die in Speyer 80 Mark, die Oppenheimer Juden 15 und die von Sinzig und Boppard hatten je 25 Mark zu zahlen.Konrad Schilling In: Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein . Hier „Steuern“ S. 209 ff
Pogrom von 1287 1287/88 entwickelte sich aus den Geschehnissen eines angeblich in Oberwesel verübten Ritualmordes eine zwei Jahre andauernde überregionale Gewaltwelle gegen Juden. mini|Ruine der ehemaligen Klosterkirche Auslöser dieser eskalierenden Gewalt sollen Angehörige des Franziskanischen Ordens gewesen sein, die bereits 1242 in Oberwesel (Wesel) eine Niederlassung gegründet hatten. Die Franziskaner predigten bis zur Fertigstellung ihrer eigenen Klosterkirche am nordwestlichen Martinsberg, in den beiden Pfarrkirchen Liebfrauen und St. Martin des Ortes. Die in diesen Kirchen volksnah in einfachsten Worten gehaltenen Predigten waren sehr beliebt und fanden immer größeren Zulauf. Da die Inhalte dieser Predigten jedoch sehr aggressiv gegen die Juden gerichtet waren, schürten sie den Judenhass der Gläubigen und ermunterten zur Gewalt.
Der nicht aufgeklärte Tod des 16-jährigen Tagelöhners Werner von Oberwesel aus Womrath, der bei einer jüdischen Familie in Oberwesel beschäftigt war, führte zu einer langanhaltenden Pogromwelle.Anton Ph. Schwarz in: Bürger im Schutz ihrer Mauern. 800 Jahre Stadtbefestigung Oberwesel
Nach einem Bericht aus der lateinischen Übersetzung der Colmarer Handschrift hatten sich die Juden hilfesuchend an den Herrscher gewandt. Danach sah sich 1288 Rudolf von Habsburg gezwungen zu reagieren und belegte die Bürger der Reichsstädte Boppard und Oberwesel mit einer Geldstrafe. Zudem gab er den verjagten Juden ihr Eigentum zurück.Eduard Sebald und Co-Autoren: Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz, Band 9. Die Kunstdenkmäler des Rhein-Hunsrück-Kreises Teil 2. Ehemaliger Kreis St. Goar, hier: Stadt Oberwesel, Innenstadt ehemalige Synagoge, S. 706 ff
Unter den Judenordnungen in fürstbischöflichen Zeiten Als 1308 die Wahl eines neuen Königs anstand, soll Balduin, Kurfürst und Erzbischof von Trier, mit allen Mitteln (diplomatisch und finanziell) seinem Bruder Heinrich erfolgreich zur Macht verholfen haben. Für die erforderlichen enormen Geldmittel zur Krönung und späteren Salbung in Rom, hatte sich nun Heinrich VII. bei seinem Bruder mit 394 Mark (Kölnisch) verschulden müssen, dem er zur Absicherung die Judensteuer der Städte Boppard und Oberwesel übereignete.Konrad Schilling in: Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein . Hier „Staatsarchiv Koblenz, I Urkunden, Bestand 1 A Nr. 4417 (24. Jan. 1309)“ Anm. 67, S. 237 Zudem verlieh Heinrich seinem Bruder Balduin in dem Vertrag vom September 1309 die Rechte eines Gubernators (Vogt) über beide Städte. Da die Verpfändung nie ausgelöst wurde (Heinrich starb auf dem Rückweg von Rom), verloren die beiden Städte ihre Reichsunmittelbarkeit. Nach diesem Statusverlust entfiel das schützende System des Kammerschutzes auch für Oberwesels Juden. Die Novellierung und Nutznießung des Judenregals lag in der Folge fest in den Händen des Trierer Landesfürsten und blieb eine geschätzte Einnahmequelle der herrschenden Obrigkeit.
Während der Zeit der marodierenden Armlederpogrome 1336/37 kommt es zu neuen Ausschreitungen und Plünderungen gegen Oberweseler Juden, worauf 1338 Erzbischof Balduin die Stadt zwang, das den Juden geraubte Eigentum gegen eine hohe Entschädigung abzugelten und legte Bedingungen fest, wie die Juden künftig in Oberwesel leben sollten. In den Jahren der sich von Genua aus verbreitenden, europaweit grassierenden Pest (1347 bis 1351), beschuldigte man auch die Oberweseler Juden, die Seuche u. a. durch Brunnenvergiftung ausgelöst zu haben. Die wirklichen Gründe für Plünderungen und Mord waren jedoch fehlende religiöse Toleranz sowie häufige Überschuldung der christlichen Bevölkerung bei ihren jüdischen Gläubigern. Zu dieser Zeit sollen 217 Oberweseler Bürger christlichen Glaubens bei 29 Juden ihrer Stadt verschuldet gewesen sein. Bei rund einem Drittel dieser Gläubiger soll es sich um Frauen gehandelt haben, die als Geldverleiher auftraten.Hermann Kellenbenz in: Monumenta Judaica. 2000 Jahre Geschichte und Kultur der Juden am Rhein . Hier „Geldgeschäfte“, S. 214 ff Fast in allen Regionen des Reiches wurden die Juden von ausbrechenden Pogromen heimgesucht. Am Mittelrhein traf es 1349 besonders hart die Gemeinden der Orte Andernach, Bacharach, Boppard, Braubach, Kaub, Koblenz, Lahnstein, Mayen, Oberwesel, Remagen und Sinzig.Adolf Kober, in: Zur Geschichte und Kultur der Juden im Rheinland, S. 23, Anmerkung 3.) All diesen schlechten Zeiten zum Trotz betrachteten vertriebene oder überlebende Juden ihre jeweilige Stadt am Rhein als ihre Heimat, die sie in der Regel nicht aufgaben, auch wenn einige erst nach Jahren den Mut hatten, zurückzukehren.
Addiert man einige Daten und Fakten, beispielsweise die Steuerliste von 1241 mit der Ersterwähnung der Oberweseler Judengemeinde, die Kostenerstattungen an Erzbischof Balduin durch die Verpfändung der Jahressteuer im Jahr 1309, die für das Jahr 1338 nachgewiesenen 49 jüdischen Familien des Ortes sowie die in einer Pergamenturkunde des Jahres 1379 angeführte Eintragung: „Joseph, Sohn des Jakob von Montabaur ("Montabur"), Jude zu Oberwesel ("Wesel"), stellt dem Junker Eberhard von Isenburg einen Revers über eine Vereinbarung aus, die noch schuldigen 400 Goldgulden aus dem Zoll zu Kaub zu erhalten“,Landeshauptarchiv Koblenz. Bestand 35, Reichsgrafschaft Wied-Runkel (Wied-Isenburg), Urkunde 153 so dokumentieren diese Fakten das Bestehen einer etablierten jüdischen Gemeinde mittlerer Größe in Oberwesel, wie sie am Mittelrhein scheinbar typisch anzutreffen waren.
Spätmittelalter und Neuzeit mini|Eine im 15. Jahrhundert aufkommende, die Juden verhöhnende Abbildung.