mini|hochkant=1.4|Die erschreckliche Wasser-Fluth. Zeitgenössische Darstellung der Burchardiflut (Kupferstich)
Die Burchardiflut war eine verheerende Sturmflut, die in der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1634 die Nordseeküste zwischen Ribe und Brunsbüttel verwüstete. Ihr fielen mindestens 11.000 bis 12.000 Menschen zum Opfer. Die zeitgenössisch hochgerechnete Zahl von (gut) 15.000 lässt sich nicht belegen. In Flugschriften wird sogar von 30.000 Opfern geredet, was zu der Zeit auch selbst angezweifelt wurde.Die meisten Zahlen, einschließlich der Schätzung von gut 15.000, entstammen der Schriften des Pastors Anton Heimreich: Nordfresische Chronik. 3. Aufl. Tondern 1819, Bd. 2, S. 134–152, bes. 151. Die Gesamtzahl der Opfer betrug laut seiner (unvollständigen) Angaben etwa 11.500, einschließlich die Todesfälle in Südwestjütland, jedoch ohne die ertrunkenen Wanderarbeiter. Die Zahl von 11 bis 12.000 bei Mads H. Nielsen: Stormfloden 1634 og dens virkninger på Sønderjyllands Vestkyst. In: Sønderjyske Årbøger 12 (1900), S. 253–292 und 13 (1901), S. 57–103, hier S. 101–102 (Teil 1, Teil 2). Dagegen Marcus Petersen und Hans Rohde: Sturmflut. Die großen Fluten an die Küsten Schleswig-Holsteins und in der Elbe. Wachholtz, Neumünster 1977, S. 46, 3. verb. Aufl. 1991, S. 54 („nach neueren Vorstellungen 8400 Menschen ums Leben gekommen“). Vgl. Riecken: Die Flutkatastrophe am 11. Oktober 1634, S. 41 („zwischen 8000 und 15.000“). So auch Rheinheimer: Mythos Sturmflut, S. 16. Ib Gram-Jensen: Stormfloder. Kopenhagen 1991, S. 69 (Danish Metereological Institute, Scientific Report 91-1). Die schwersten Schäden entstanden in Nordfriesland, wo Wasser und Wind insbesondere Eiderstedt verheerenden Schaden zufügten und große Teile der Insel Alt-Nordstrand und Pellworm im Meer untergingen. In den benachbarten Regionen Sønderjylland und Dithmarschen waren die Schäden ebenfalls beträchtlich.
Nach der Zweiten Marcellusflut von 1362 ging die Burchardiflut als eine weitere Grote Mandrenke (etwa „großes Menschenertrinken“) in die Geschichte ein. Die Flut wurde, wie andere Fluten auch, nach einem Heiligen benannt: der 14. Oktober ist der Gedenktag des Bischofs Burkhard von Würzburg. Ob die Zuordnung zum „Tage Burchardi“ auch volkssprachlich verbreitet war, ist jedoch unsicher. Die Katastrophe wurde zunächst als Große Nordstrandische Flut bekannt.Die Andeutung in der BurchardtsNacht entstammt einem zeitgenössischen Flugschrift, verfasst vom Pfarrer Volkmar Jessen in Jevenstedt. Sie wurde vom Chronisten Anton Heimreich übernommen und durch Eberhard Happel weiter verbreitet, zuerst in seiner Straff- und Unglücks-Chronick (Hamburg 1682, S. 92). Der Namen Burchardiflut hat sich angeblich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts durchgesetzt.Früher Beleg der Namen Burchardi-flut: Reimer Kay Holander: Theodor Storm, Der Schimmelreiter. Kommentar und Dokumentation. Dichtung und Wirklichkeit. Ullstein, Berlin, 1976, S. 73. Das gilt auch der Andeutung als "zweite große Manndränke".Arnold Agatz: Eröffnungsansprache anläßlich der 3. Arbeitstagung des Küstenausschusses Nord- und Ostsee am 15. und 16. Oktober 1959 in Bremen. In: Die Küste 8 (1960), S. 1–4, hier S. 2. Nicht jedoch bei: Reinhardt: „Die erschreckliche Wasser-Fluth“ (1984) oder Hinrichs: Flutkatastrophe 1634 (1985).
Vorgeschichte Die Burchardiflut war die letzte in einer Reihe von Sturmfluten, die im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts die schleswig-holsteinische Küste heimsuchten und schwere Verluste brachten. Dort, wo der Heverstrom nördlich des ehemaligen Rungholts auf die Insel Strand stieß, hatte Anfang des Jahrhunderts ein Kirchspiel aufgegeben werden müssen. 1615 war Rickelsbüll, der westlichste Ort der Wiedingharde, untergegangen. 1625 hatten große Eisschollen während der sogenannten Eisflut Schäden an den Deichen hinterlassen.Fritz-Ferdinand Zitscher: Der Einfluß der Sturmfluten auf die historische Entwicklung des nordfriesischen Lebensraumes. In: Reinhardt: Die erschreckliche Wasser-Fluth 1634, S. 149–202, hier S. 184. Die Chroniken berichten in den Jahren vor 1634 von mehreren Deichbrüchen bei Sommerfluten. Die Tatsache, dass selbst im Sommer die Deiche nicht mehr hielten, weist auf ihren damals schlechten Erhaltungszustand hin; durch die sommerlichen Flutschäden wurden die Deiche weiter geschwächt. Verschärfend kam hinzu, dass Entwässerung und Austrocknung des Moorbodens das Niveau des eingedeichten Landes unter den Meeresspiegel hatten absinken lassen. Das Vorland der Halligen wurde dazu durch Salztorfabbau beeinträchtigt.
Die Flut traf die schleswig-holsteinische Westküste in einer Zeit ökonomischer Schwäche. Eine Pestepidemie, die zahlreiche Einwohner das Leben gekostet hatte, war 1603 über das Land gezogen. Zudem fiel die Flut in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs, von dem auch die schleswig-holsteinische Küste nicht verschont blieb. Insbesondere auf Alt-Nordstrand (auch Strand genannt) war es in den Jahren 1628/1629 zu Kämpfen zwischen den Einwohnern und den Truppen des schleswig-holstein-gottorfschen Herzogs Friedrich III. gekommen. Die Nordstrander wehrten sich gegen herzogliche Eingriffe in ihre Wehrverfassung und gegen die Zwangseinquartierung von Soldaten. Unterstützt von einem dänischen Flottenkommando, schlugen sie zuerst sowohl ein kaiserliches als auch dann ein herzogliches Heer zurück. Um 1629 wurden sie besiegt. Die Insel und auch die Instandhaltung der Küstenschutzanlagen litten unter diesen Kämpfen.
Verlauf mini|Flutmarken von 1532 und 1634 in der Kirche in Klixbüll Nachdem in den Tagen vor der Flut ruhiges Wetter geherrscht hatte, zog am 11. Oktober ein kräftiger Sturm aus Osten herauf, der sich im Laufe des Abends nach Südwest drehte und sich immer weiter zu einem Orkan aus Nordwest entwickelte. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Sturmtief des Jütland-Typs, das auf kleinem Raum und für relativ kurze Zeit sehr hohe Windgeschwindigkeiten erreichte. Der ausführlichste Augenzeugenbericht stammt vom niederländischen Wasserbauingenieur Jan Adriaanszoon Leeghwater, der beauftragt war, einen Teil der Dagebüller Bucht vom Meer zu gewinnen.Rheinheimer: Mythos Sturmflut, S. 13–16.
gegen den Abend [hat] sich ein großer Sturm und Unwetter von Südwest her aus der See erhoben […] Da begann der Wind aus dem Westen so heftig zu wehen, daß kein Schlaf in unsere Augen kam. Als wir ungefähr eine Stunde auf dem Bett gelegen hatten, sagte mein Sohn zu mir „Vater, ich fühle das Wasser auf mein Angesicht tropfen“. Die Wogen sprangen am Seedeich in die Höhe auf das Dach des Hauses. Es war ganz gefährlich anzuhören.
Leeghwater und sein Sohn flüchteten über den Deich in das höher gelegene Herrenhaus, während das Wasser bereits ungefähr die Höhe der Deichkrone erreicht hatte. Im Haus befanden sich 38 Personen, davon 20 Flüchtlinge aus niedrig gelegenen Gegenden. Er fuhr fort:
Der Wind drehte sich ein wenig nach Nordwesten und wehte platt gegen das Herrenhaus, so hart und steif, wie ich’s in meinem Leben nicht gesehen habe. An einer starken Tür, die an der Westseite stand, sprangen die Riegel aus dem Pfosten von den Meereswogen, so daß das Wasser das Feuer auslöschte und so hoch auf den Flur kam, daß es über meine Kniestiefel hinweglief, ungefähr 13 Fuß höher als das Maifeld des alten Landes […] Am Nordende des Herrenhauses, welches dicht am Seetief stand, spülte die Erde unter dem Haus weg […] Infolgedessen barst das Haus, die Diele und der Boden auseinander […] Es schien nicht anders als solle das Herrenhaus mit allen, die darin waren, vom Deich abspülen. Des Morgens […] da waren alle Zelte und Hütten weggespült, die auf dem ganzen Werk waren, sechs- oder siebenunddreißig an der Zahl, mit allen Menschen, die darin waren. […] Große Seeschiffe waren auf dem hohen Deich stehengeblieben, wie ich selber gesehen habe. Mehrere Schiffe standen in Husum auf der hohen Straße. Ich bin auch den Strand allda geritten, da hab ich wunderliche Dinge gesehen, viele verschiedene tote Tiere, Balken von Häusern, zertrümmerte Wagen und eine ganze Menge Holz, Heu, Stroh und Stoppeln. Auch habe ich dabei so manche Menschen gesehen, die ertrunken waren.
Der Augenzeuge Peter Sax aus Koldenbüttel auf Eiderstedt beschrieb das Szenario:
[…] um sechs Uhr am abend fing Gott der Herr aus dem Osten mit Wind und Regen zu wettern, um sieben wendete er den Wind nach dem Südwesten und ließ ihn so stark wehen, daß fast kein Menschen gehen oder stehen konnte, um acht und neun waren alle Deiche schon zerschlagen […] Gott der Herr ließ donnern, regnen, hageln, blitzen und den Wind so kräftig wehen, daß die Grundfeste der Erde sich bewegten […] um zehn Uhr war alles geschehen.Zit. n. Riecken: Die Flutkatastrophe am 11. Oktober 1634, S. 35.
Im Zusammenwirken mit einer halben Springflut drückte der Wind das Wasser mit einer solchen Gewalt in die Rungholter Bucht auf Alt-Nordstrand, dass gegen zehn Uhr abends der erste Deich im Kirchspiel Stintebüll brach. Wenig später drehte der Wind nach Nordwest. Das Wasser erreichte etwa zwei Stunden nach Mitternacht seinen Höchststand. Zeitgenössische Berichte sprechen für das Festland von etwa vier Metern über dem mittleren Tidehochwasser, nur wenig unter dem höchsten Stand einer bisher wissenschaftlich gemessenen Sturmflut: Die Flut von 1976 erreichte in Husum die Marke von 4,11 Meter über dem mittleren Tidehochwasser. Das Wasser stieg so hoch, dass nicht nur zahlreiche weitere Deiche brachen, sondern auch Häuser in der flachen Marsch und selbst auf Warften überflutet wurden. Häuser stürzten ein, in anderen brachen durch außer Kontrolle geratenes Feuer Brände aus.
Direkte Folgen mini|Alt-Nordstrand auf der Karte von Johannes Blaeu, 1662. Die alten Umrisse sind noch eingezeichnet, ein Großteil der Insel ist aber schon als unter Wasser liegend gekennzeichnet mini|Karte von Christian Jensen zur Situation vor der Burchardiflut 1634 und 1924 Die Deiche brachen in dieser Nacht an mehreren hundert Stellen. Schätzungen der gesamten Opferzahlen schwanken zwischen 8.000 und 15.000. Davon ein wichtiger Teil in Eiderstedt und auf Nordstrand, dessen Zahl durch zeitgenössische Quellen und den Vergleich mit Einwohnerregistern gesichert ist. Die tatsächliche Zahl liegt wahrscheinlich weit höher als die verzeichneten Zahlen, da laut Anton Heimreichs Nordfresischer Chronik zu dieser Zeit „viele fremde Drescher und Arbeitsleute im Lande gewesen, von deren Anzahl man so eben keine Gewissheit hat haben können.“Heimreich: Chronik, Bd. 2, S. 151.
Allein auf Strand kamen durch die 44 Deichbrüche mindestens 6.123 Menschen um, das entsprach etwa zwei Drittel der Inselbevölkerung. Darüber hinaus ertranken 50.000 Stück Vieh. Das Wasser zerstörte 1.300 Häuser und 30 Mühlen; alle 21 Kirchen auf Strand wurden schwer beschädigt, 17 davon völlig zerstört. Fast der gesamte frisch abgeerntete Jahresertrag der Felder ging verloren. Die Insel Strand wurde in die später wiedereingedeichten Inseln (Neu)-Nordstrand und Pellworm sowie die Halligen Südfall und Nordstrandischmoor zerrissen, die Halligen Nübbel und Nieland versanken ins Meer.