Dieser Artikel behandelt im Detail die Frage, welche Quellen Shakespeare bei der Abfassung seines Dramas Hamlet verwendet hat.

Antike und nordische Sagen und ihre Überlieferung

Lucius Brutus

Shakespeare könnte im Hamlet Motive der Sage von Lucius Iunius Brutus verwendet haben. Der Gründer der römischen Republik (509 vor Chr.) rächte den Mord an seinem Vater und an seinem Bruder durch Tarquinius, den er täuschte, indem er sich blödsinnig stellte. Ob Shakespeare diese Legende einschließlich des in ihr schon ausgeprägten Motivs der Verstellung des Klugen als dumm kannte, ist ungewiss. Vielleicht hatte er Zugang zum ersten Buch von Titus Livius’ Werk Ab urbe condita libri, das 1600 in einer englischen Übersetzung von Philemon Holland erschien, oder er kannte die Geschichte aus Ovids Fasti. Die Lucius-Brutus-Legende hat in weiteren Stücken Shakespeares einen Widerhall gefunden, unter anderem in Julius Cäsar, Heinrich V. und Lucretia.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 64.

Ödipus und Orestes

Schon 1897 stellte Freud in einem Brief an Fließ Hamlet neben Ödipus und äußerte die Vermutung, Shakespeares Unbewusstes habe das Unbewusste seines Helden als Geschichte eines ödipalen Konfliktes gestaltet.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 26. (Garber 124-71) Andere Autoren sind der Meinung, dass die Geschichte des Orestes mehr Ähnlichkeiten mit der Hamlets aufweist als die Geschichte des Ödipus. Agamemnon und Klytaimnestra sind die Eltern Orests. Agamemnon zieht in den Krieg, seine Frau will seine Rückkehr nicht erwarten und heiratet einen Freier, Aigisthos. Als Agamemnon zurückkehrt, tötet Aigisthos den Heimkehrer. Orestes rächt seinen Vater, indem er den Mörder und seine Mutter tötet. Dafür wird er von den Erinyen mit Wahnsinn geschlagen. Die Motive der untreuen Mutter, vom mörderischen Bruder und dem rächenden Sohn seien hier viel offensichtlicher als bei Ödipus.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 64.

Amlethus

mini|Das Angers-Fragment Übereinstimmend wird bei der Frage nach dem Namen des Stückes und den Grundzügen des Plots auf eine nordische Tradition hingewiesen. Dazu gehören die ersten Berichte über Amlóði in der Snorra-Edda des Isländers Snorri Sturluson.George Richard Hibbard (Hrsg.): Hamlet. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 1987, 2008. S. 6. Snorri erwähnt im dritten Teil der Prosa-Edda, dem Skáldskaparmál, das Bild (Kenning) von dem Meer, als Amlóðis Mühle (altisländisch Amlóða kvern).Enzyklopädie des Märchens Band 6. S. 424, Artikel „Hamlet“ von Werner Bies.

mini|links|Titelseite der Danorum Regum heroumque Historia Die Erzählung von Amlethus wird in der Gesta Danorum des Saxo Grammaticus, die vermutlich um 1185 entstanden ist, weiterverarbeitet. Von dem Werk sind vier Fragmente erhalten: das Angers-Fragment, das Lassen-Fragment, das Kall-Rasmussen-Fragment und das Plesner-Fragment. Das Angers-Fragment ist das älteste und stammt ca. aus dem Jahr 1200. Es besteht aus vier vollständig beschriebenen Pergamentblättern und gilt als Handschrift des Saxo. Die drei weiteren Fragmente sind Abschriften aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Sie befinden sich alle in der königlichen Bibliothek in Kopenhagen.

mini|Titelseite des fünften Bandes der „Histoires tragiques“ von Belleforest, 1572 Die Fragmente der Gesta Danorum aus dem 13. Jahrhundert sind unvollständig. Allerdings ist sie komplett in einer lateinischen Fassung aus dem 16. Jahrhundert erhalten. Es handelt sich dabei um die Danorum Regum heroumque Historia, die Christiern Pedersen 1514 in Paris verfasst hat. Die darin enthaltene Amlethus-Erzählung wurde von François de Belleforest ins Französische übersetzt und stark bearbeitet im Jahre 1572 erstmals im fünften Band der Histoires tragiques veröffentlicht. Dieser Band enthält zwölf Erzählungen, bei einer davon handelt es sich um die Amlethus-Sage.Siehe Günter Jürgensmeier (Hrsg.): Shakespeare und seine Welt. Galiani, Berlin 2016, ISBN 978-3-86971-118-8, S. 427 ff. Vgl. ebenso die Rezension von Kathleen Wine: François de Belleforest. Le Cinquiesme Tome des Histoires Tragiques. Ed. Hervé-Thomas Campangne. Textes Littéraires Français 622. Geneva: Librairie Droz, 2013. In: Renaissance Quarterly. Volume 67, Issue 3, 2014, S. 1085. In zahlreichen anderen Quellen wird die Erstveröffentlichung des fünften Bandes der Histoires tragiques davon abweichend auf 1570 datiert. Siehe Sabine Schülting: Hamlet, Prince of Denmark. In: Ina Schabert: Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt. Kröner, Stuttgart 1972, ISBN 3-520-38601-1 (5., durchgesehene und ergänzte Auflage ebenda 2009, ISBN 978-3-520-38605-2), S. 528. Auch die Herausgeber der dritten Arden-Ausgabe von Hamlet datieren die französische Erstpublikation des fünften Bandes der Histoires tragiques auf 1570. Siehe Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006, Introduction, S. 64ff. Eine solche Datierung auf 1570 findet sich gleichfalls im Hamlet-Handbuch. Siehe Ralf Haekel: François de Belleforest. In: Peter W. Marx (Hrsg.): Hamlet-Handbuch. Stoffe, Aneignungen, Deutungen. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 2014, ISBN 978-3-476-02352-0, S. 3–5, hier S. 3. Zu Belleforest als Quelle siehe auch Israel Gollancz: The sources of Hamlet, with essay on the legend. Humphrey Milford, London 1926, S. 318 (englisch, ), der allerdings nur die Ausgabe von 1576 kennt. Bei der Umarbeitung der Amlethus-Geschichte durch Belleforest hat dieser das Element der Melancholie des Helden neu eingeführt und die misogynen Elemente vertieft und ausgeweitet, die schon bei Saxo angelegt sind. Zugleich ergänzte Belleforest seine Vorlage durch schwerfällige moralisierende Kommentare, so dass der Umfang des ursprünglichen Textes sich nahezu verdoppelte.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 67f. Vgl. ferner Sabine Schülting: Hamlet, Prince of Denmark. In: Ina Schabert: Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt. Kröner, Stuttgart 1972, ISBN 3-520-38601-1 (5., durchgesehene und ergänzte Auflage ebenda 2009, ISBN 978-3-520-38605-2), S. 528. Siehe ebenso Günter Jürgensmeier (Hrsg.): Shakespeare und seine Welt. Galiani, Berlin 2016, ISBN 978-3-86971-118-8, S. 427 sowie Wolfgang G. Müller: Die Quellen des Hamlet und Interpretationsprobleme des Dramas. In: Norbert Greiner, Wolfgang G. Müller (Hrsg.): Hamlet, Prince of Denmark. Englisch-deutsche Studienausgabe. Stauffenburg Verlag, Tübingen 2008, S. 28–36, hier S. 32f. Die französische Version der Histoires tragiques erscheint bis 1601 ins sieben Auflagen. Im Jahre 1608 erscheint die Amleth-Geschichte Belleforests erstmals in einer englischen Übersetzung als The Hystorie of Hamblet.George Richard Hibbard (Hrsg.): Hamlet. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press, Oxford 1987, 2008. S. 6.

In Belleforests Fassung sind seine auf christlichen Grundüberzeugungen basierenden Vorbehalte gegen eine auf altgermanischen Vergeltungsvorschlägen beruhende Darstellung der Geschichte Hamlets bereits deutlich erkennbar. So deutet er Hamlet als „Vollstrecker eines göttlichen Strafurteils“, um ihn nicht als „barbarischen Verbrecher“ verurteilen zu müssen.Siehe Andreas Höfele: Hamlet. In: Interpretationen - Shakespeares Dramen. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-15-017513-5, S. 238–272, hier S. 243.

Die von Saxo Grammaticus erzählte Geschichte des Amlethus weist in den Grundzügen bereits deutliche Übereinstimmungen mit dem Handlungsverlauf von Shakespeares Hamlet auf. So sind hier beispielsweise verschiedene Schachzüge wie der vorgetäuschte Wahnsinn oder die Umwandlung der Tötungsbefehle während der Englandfahrt vorgezeichnet, wenngleich der Protagonist hier nicht als zögernder, nachdenklicher Mensch dargestellt wird, sondern seinen Racheplan mit kluger List zielstrebig verfolgt.Vgl. den Abdruck der deutsche Übersetzung des Amleth von Saxo Grammaticus in Günter Jürgensmeier (Hrsg.): Shakespeare und seine Welt. Galiani, Berlin 2016, ISBN 978-3-86971-118-8, S. 428-440. Siehe auch Ulrich Suerbaum: Der Shakespeare-Führer. Reclam, Ditzingen 2006, ISBN 3-15-017663-8, 3. rev. Auflage 2015, ISBN 978-3-15-020395-8, S. 332.

In Belleforests Version der Amleth-Erzählung finden sich darüber hinaus weitere für Shakespeares Hamlet durchaus interessante Änderungen und Zusätze. So hat etwa Fengon bereits zu Lebzeiten seines Bruders mit dessen Frau geschlafen, siehe dazu die Worte des Geistes in Hamlet, Szene I.5: „Lass Dänemarks königliches Bett kein Lager für Blutschand und verruchte Wollust sein!“ Darüber hinaus drängen sich nach Gerluths Vermählung mit Fengon zunehmend Fragen auf, ob sie von dem Mord Kenntnis gehabt habe oder ihn sogar mitgeplant habe, um ungestört ihre Beziehung zu Fengon ausleben zu können. Amleth wirft eben dies ähnlich wie Hamlet in Szene III.1 in einer leidenschaftlichen, rhetorisch geschliffenen Ansprache an seine Mutter vor, was diese jedoch wiederum abstreitet. Amleths Mutter schwört zudem wie bei Shakespeare, das Geheimnis Amleths zu bewahren und rät ihm, Rache zu üben und selber den Thron zu besteigen.

Während ein Teil der Shakespeare-Forscher vermutet, dass Belleforests Übersetzung ins Englische schon früher vorgelegen haben könnte und damit als wahrscheinliche Hauptquelle für Shakespeare in Frage käme, vertreten andere Wissenschaftler die Ansicht, dass die englische Übersetzung von Belleforest deutliche Kenntnisse von Shakespeares Hamlet aufzeige, damit erst danach entstanden sein könne und aus diesem Grunde als mögliche Quelle für Shakespeares Werk gänzlich ausscheide.Siehe Günter Jürgensmeier (Hrsg.): Shakespeare und seine Welt. Galiani, Berlin 2016, ISBN 978-3-86971-118-8, S. 427 ff. sowie den Abdruck der deutschen Übersetzung der Ansprache des Prinzen Amleth an Königin Geruthe, seine Mutter, ebenda S. 443-444. Jürgensmeier zufolge stellt Belleforests Fassung jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit Shakespeares Hauptquelle dar, obwohl er einräumt, dass dies nicht mit völliger Sicherheit nachgewiesen werden könne. Er selber betrachtet dennoch Belleforests Fassung als Shakespeares Hauptquelle, obwohl er einräumt, dass dies nicht mit völliger Sicherheit nachgewiesen werden könne (S. 427).

Zeitgenössische Theaterstücke

Ur-Hamlet und Spanische Tragödie

Das zweite Quellenproblem kreist um die Annahme eines der Abfassung des Hamlet unmittelbar zugrunde liegenden zeitgenössischen Theaterstückes, wobei in der Hauptsache zwei Kandidaten ins Spiel gebracht werden: die von Thomas Kyd verfasste spanische Tragödie und der ebenfalls Kyd zugeschriebene hypothetische Ur-Hamlet. Vergleiche hierzu den Abschnitt Unmittelbare Vorläufer von Shakespeares Hamlet.

Das unfreiwillige Geständnis einer Mörderin

Im Jahre 1599 hat Shakespeares Theatergruppe das Stück A Warning for Fair Women eines anonymen Autors aufgeführt. Es erzählt die Geschichte einer Gattenmörderin, die ein Theaterstück anschaut, in dem der Geist des Ehemanns die Mörderin verfolgt.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 60.

Darin heißt es:

She was so mooved with the sight thereof, As she cryed out, the Play was made by her, And openly confesst her husbands murder.

Sie war vom Betrachten [des Theaterstückes] so bewegt, dass sie laut rief, das Stück handele von ihr, und sie gestand den Mord an ihrem Ehemann.

Verschiedene Autoren halten dieses Stück als eine Quelle für Hamlets Plan, den König Claudius mittels eines Theaterstücks zu überführen.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Texts of 1603 and 1623. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 2, London 2006. S. 482.

The Murder of Gonzago

mini|Tizian, Francesco Maria I. della Rovere ca. 1536