Positive Pädagogik ist eine wissenschaftliche Theorie der Bildung und Erziehung, die eine an den Stärken der Lernenden orientierte, wertschätzende und das Individuum in den Blick nehmende Lehre/Begleitung postuliert. Sie nutzt Erkenntnisse und Konzepte einer ressourcenorientierten Perspektive, wie sie in der Positiven Psychologie und verwandten Ansätzen beschrieben sind. Diese erforscht sie in Hinblick auf die Gestaltung von Bildungsbereichen und setzt gewonnene Erkenntnisse praktisch um.

Theoretischer Hintergrund Die Positive Pädagogik berücksichtigt Prozesse der Selbstbildung,J. Overhoff: Vom Glück, lernen zu dürfen: Für eine zweckfreie Bildung. Klett-Cotta, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-608-94171-5.M. Storch, J. Kuhl: Die Kraft aus dem Selbst. Hogrefe, Bern 2012, ISBN 978-3-456-85256-0. die eine individuelle Grundlage für die Nutzung von Bildungspotentialen haben. Im Einzelnen bezieht sich die Positive Pädagogik neben der Positiven PsychologieM. E. P. Seligman: Flourish: Wie Menschen aufblühen. 2012. (Seligman Europe vertreten durch Philipp Streit (Graz)) auf wissenschaftliche Erkenntnisse der Bildungsforschung,D. Zöllner: Der Allgemeinbildungsbegriff in Zeiten des reformpädagogischen Umbruchs am Beispiel von Wilhelm von Humboldt, Hans Herbert Becker (DDR) und dem Deutschen Ausschuss (BRD). In: Pädagogische Rundschau. 62, 3, 2008, S. 271–283. der Philosophie,T. Hoyer: Vom Glück und glücklichen Leben: Sozial- und geisteswissenschaftliche Zugänge. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-45180-9. der Neurobiologie,T. Esch: Neurobiologie des Glücks. Wie die Positive Psychologie die Medizin verändert. Thieme, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-13-166112-8.G. Hüther: Die Macht der inneren Bilder. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-46213-1. der Salutogenese,A. Antonovsky: Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Deutsche erweiterte Herausgabe von A. Franke. Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie, Tübingen 1997, ISBN 3-87159-136-X. der Resilienz,A. Seifert: Resilienzförderung an der Schule: Eine Studie zu Service-Learning mit Schüler aus Risikolagen. VS, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-18228-5. des Flows,M. Csikszentmihalyi: Flow im Beruf: Das Geheimnis des Glücks am Arbeitsplatz. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-93532-0. der Gestaltpädagogik,O.-A. Burow: Grundlagen der Gestaltpädagogik. Verlag Modernes Lernen, Dortmund 1988, ISBN 3-8080-0162-3. sowie der interdisziplinären Glücksforschung.B. S. Frey, C. Frey Marti, C.: Glück. Die Sicht der Ökonomie. (= Kompaktwissen CH. Band 13). Rüegger, Zürich / Chur 2010, ISBN 978-3-7253-0936-8.

Wissenschaftliches Verständnis Die Positive Pädagogik versteht sich als Teil einer qualitativen Entwicklungsforschung und untersucht, welche Prozesse und Kräfte dazu beitragen können, Potenziale zu entfalten und in Teilhabekräfte zu überführen.

Pädagogische Praxis In der pädagogischen Praxis teilt sie das Anliegen, die individuellen und sozialen Ressourcen zu benennen, zu betonen und zu mehren. Dabei werden Noch-Defizite nicht übersehen, aber ressourcenorientiert und beziehungssensibelUlrike Graf: Du kannst etwas. Ich möchte es mit dir herausfinden: Überlegungen zu einer ressourcenorientierten und beziehungssensiblen pädagogischen Diagnostik. In: C. Solzbacher, S. Müller-Using, I. Doll (Hrsg.): Ressourcen stärken! Individuelle Förderung als Herausforderung für die Grundschule. Carl Link, Köln 2012, ISBN 978-3-556-06155-8, S. 123–137. analysiert. Die Positive Pädagogik steht im Dienst der PersönlichkeitsentwicklungT. Rammsayer: Humanistische Persönlichkeitstheorien. In: T. Rammsayer, H. Weber: Differentielle Psychologie – Persönlichkeitstheorien. Hogrefe, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8017-2171-8, S. 146–163.H. Weber: Theorien zum Selbstkonzept. In: T. Rammsayer, H. Weber: Differentielle Psychologie – Persönlichkeitstheorien. Hogrefe, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8017-2171-8, S. 99–129. über den Weg, Stärken und Schwächen ausbalanciert zu thematisieren und zur synergetischen Potenzialentfaltung zu nutzen. Die Erschließung der individuellen und sozialen Entwicklungsfelder steht dabei im Vordergrund. Autonomes wie verantwortliches, also sozial bezogenes Handeln, werden gleichermaßen gefördert.E. L. Deci, R. M. Ryan: Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. In: Zeitschrift für Pädagogik. Band 39, 1993, S. 223–238.

Konzeptuelle Einordnung In Hinblick auf das Feld der pädagogischen Theorien versteht sich die Positive Pädagogik als Ergänzung der auf Wissens- und Fähigkeitsfundierung ausgerichteten Wissenspädagogik und der auf Erziehung zielenden Sozialisationspädagogik.

Die Positive Pädagogik argumentiert aus salutogenetischer Sicht, nach der die Bedeutung der Verbundenheit mit sich selbst, seinen physischen und psychischen Dimensionen sowie der Grunderfahrung, die Welt zusammenhängend und sinnvoll zu erleben sowie gestalten zu können, wichtige Determinanten des körperlichen, geistigen, sozialen und seelischen Wohlbefindens sind.

Als zentrale Aspekte der Positiven Pädagogik werden die drei Säulen der Positiven Psychologie verstanden: Das positive Erleben, die positiven Eigenschaften (Charakterstärken) und die positiven Institutionen bzw. die „Kreativen Felder“,O.-A. Burow: Team-Flow: Gemeinsam wachsen im Kreativen Feld. Beltz, Weinheim 2015, ISBN 978-3-407-36569-9. die in besonderer Weise die Potenzialentwicklung von Einzelnen und Gruppen fördern.

Entstehung und neue Entwicklungen Der Begriff der Positiven Pädagogik ist aus der Kritik einer einseitig akademisch-kognitiven Schul- und Unterrichtspraxis sowie der Defizitorientierung des gegliederten Schulsystems entstanden. Angestoßen durch die Auseinandersetzung mit den in der Einleitung genannten Konzepten hat der Erziehungswissenschaftler Olaf-Axel Burow das Konzept einer Positiven Pädagogik vorgelegt,O.-A. Burow: Positive Pädagogik: Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück. Beltz, Weinheim 2011, ISBN 978-3-407-25567-9. das er im Bildungs- und Unternehmensbereich durch Schulentwicklungswerkstätten und das Verfahren der Wertschätzenden Organisationsentwicklung weiterentwickelt und in Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie für Pädagogische Führung (DAPF) auch evaluiert hat. An diesen Werkstätten haben seit 2008 über 1000 Schulleiter und sonstige Führungskräfte teilgenommen.

2007 hat Ernst Fritz-SchubertE. Fritz-Schubert: Schulfach Glück. Wie ein neues Fach die Schule verändert. Herder, Freiburg i. Br. 2008, ISBN 978-3-451-06323-7.E. Fritz-Schubert: Glück kann man lernen. Was Kinder stark fürs Leben macht. Ullstein, Berlin 2010, ISBN 978-3-548-37424-6.E. Fritz-Schubert: Dem Glück auf die Sprünge helfen. Das Geheimnis der Lebensfreude. Kreuz, Freiburg i. Br. 2012, ISBN 978-3-451-61107-0. in Heidelberg mit dem „Schulfach Glück“ eine mittlerweile weit verbreitete praktische Umsetzung der Positiven Psychologie und salutogenetischer Prinzipien in Form eines Curriculums im schulischen Kontext begründet. Im Mittelpunkt des Faches steht der Erwerb emotionaler Kompetenzen und die Gestaltung der eigenen Persönlichkeit im Sinne eines Prozesses des Selbstfindens und „Sichbildens“. Das Fach, das mittlerweile (Stand 2014) an über hundert Schulen in Deutschland verankert ist, hat inzwischen auch Eingang in die Lehreraus- und -weiterbildung gefunden. Empirische Studien belegen als Folge des „Glücksunterrichts“ die gesteigerte Handlungsfähigkeit im Sinne verbesserter Selbst- und Umweltsteuerung, als wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem glücklichen Leben.A. Bertrams: Unterricht zum Glücklichsein. Presseinformation Universität Mannheim 12. August 2011. uni-mannheim.de (Abruf am 30. November 2014).R. Rupp, W. Knörzer: Schüler glücklich und stark machen: Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleituntersuchung zur Einführung des Schulfachs „Glück“ an der Willy-Hellpach-Berufsfachschule. (Abruf am 22. März 2026).

Die Erziehungswissenschaftlerin Ulrike GrafU. Graf: Von der „Wert“haftigkeit des Glücks. Überlegungen zu einer salutogenetischen Orientierung in Unterricht und Lehrerbildung. In: E. Naurath, M. Blasberg-Kuhnke (Hrsg.): Wie sich Werte bilden: Fachübergreifende und fachspezifische Werte-Bildung (Werte-Bildung interdisziplinär). V&R Unipress, Osnabrück 2013, ISBN 978-3-8471-0130-7, S. 263–284. hat eine erste qualitative Evaluationsstudie zum Seminar „Schulfach Glück“ aus dem Bereich der LehrerbildungO.-A. Burow: Positive Pädagogik: Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück. Beltz, Weinheim 2011, ISBN 978-3-407-25567-9.S. Müller-Using: Die Bedeutung der Wertebildung für die Professionalisierung angehender LehrerInnen. In: E. Naurath u. a. (Hrsg.): Wie sich Werte bilden: Fachübergreifende und fachspezifische Werte-Bildung. Universitätsverlag, Osnabrück 2013, ISBN 978-3-8471-0130-7, S. 65–81. vorgelegt. Sie zeigt eine Bedeutsamkeit einer Kultur der Gefühls- und Bedürfniswahrnehmung für das professionelle Handeln im Schulkontext. Ebenso konnte eine Veränderung in der Haltung gegenüber den Schülern insofern festgestellt werden, als dass die Studierenden sich weniger mit den Sollansprüchen ihnen gegenüber sehen („Schüler sollen...“), sondern davon sprechen, wie sie die gewünschten Lernprozesse ermöglichen könnten. Nicht zuletzt die Einsicht, dass der Lehrberuf politische Bedeutsamkeit hat, konnte in der untersuchten Studentengruppe resümiert werden.

Erweitert wird diese Perspektive durch das Konzept der Charakterstärken und Tugenden, welches durch Psychologen wie Christopher Peterson, Martin Seligman und Nansook Park (im deutschen Sprachraum Willibald Ruch, René Proyer; dazu auch www.charakterstaerken.org) in die Literatur gebracht wurde. In einer Reihe von Untersuchungen wurde der Wirksamkeit des Einsatzes von Charakterstärken auf das Wohlbefinden in Schule, Arbeit und Freizeit belegt.W. Ruch, R. T. Proyer: Positive Psychologie: Grundlagen, Forschungsthemen und Anwendungen. In: Report Psychologie. Band 36, 2011, S. 60–70.W. Ruch, R. T. Proyer: Positive Interventionen: Stärkenorientierte Ansätze. In: R. Frank (Hrsg.): Therapieziel Wohlbefinden: Ressourcen aktivieren in der Psychotherapie. 2. Auflage. Springer, Berlin 2011, ISBN 978-3-642-13759-4, S. 83–92.

Ausgehend von diesen Ereignissen hat sich im Jahr 2014 im deutschsprachigen Raum eine interdisziplinäre Initiativgruppe gebildet, die an der wissenschaftlichen Grundlegung dieser neuen Richtung arbeitet.

Ziel und Schwerpunkte Ziel der Positiven Pädagogik ist die Unterstützung des Strebens jedes Einzelnen nach selbstgemäßer Entfaltung der eigenen Möglichkeiten. So soll in Freiheit und Selbstbestimmung, unter Wahrung des im Menschen angelegten Bedürfnisses, sich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen und im gedeihlichen Miteinander die Zukunft gestaltet werden.

Bildung und Erziehung In den Bereichen der Bildung und der Erziehung verfolgt die Positive Pädagogik das Ziel einer Überwindung der einseitigen Defizitorientierung. In diesem Sinn zielt sie auf die Entwicklung einer umfassenden Wertschätzungskultur in Bildungsinstitutionen. Hauptaufgabe der Pädagogik ist es aus dieser Perspektive, Kinder und Jugendliche darin zu unterstützen, ihre Talente und Stärken entdecken sowie Sinnerfahrungen machen zu können, die es ihnen erlauben, eigene Werte und Haltungen zu entwickeln, die sie zur Übernahme von selbstbestimmter Verantwortung befähigen. Die Positive Pädagogik sieht als wichtigstes Ziel die Befähigung zu Potenzialentwicklung und Selbstbildung in sozialer Verantwortung.