miniatur|Ohne einander (1993) von Martin Walser Ohne einander ist ein Roman des deutschen Schriftstellers Martin Walser, der im Juli 1993 im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Das als Dreiecksgeschichte konzipierte Werk schildert aus verschiedenen Perspektiven einen Tag im Leben einer Familie am Starnberger See.
Der Titel Ohne einander verweist auf die zentralen Themen der Entfremdung und der Beziehungslosigkeit zwischen den Mitgliedern einer Familie. Walser beschreibt die gescheiterten Versuche seiner Figuren, ihre Lebensentwürfe mit dem familiären Alltag in Einklang zu bringen. Der Schauplatz der Handlung ist das deutsche Medienmilieu am Ende des 20. Jahrhunderts, dessen an Klischees orientierte Motive und Figuren den satirischen Charakter des Romans bestimmen.
Der Roman stellt insofern einen Wendepunkt in Martin Walsers Gesamtwerk dar, als er Themen wie die Auseinandersetzung mit dem Älterwerden sowie Liebe und Sexualität im Alter anklingen lässt, die seine literarischen Arbeiten in den nächsten Jahrzehnten prägen.
Inhalt Ohne einander ist ein satirisches Porträt und zugleich eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit den bürgerlichen Kreisen und dem Medienmilieu zu Zeiten der deutschen Wiedervereinigung. Der Roman ist in drei Kapitel untergliedert, von denen jedes in der dritten Person aus der Perspektive eines anderen Familienmitgliedes erzählt wird. Im Zentrum der Handlung stehen das kraftlos agierende Ehepaar Ellen Kern-Krenn und Sylvio Kern sowie ihre beiden erwachsenen Kinder Sylvi und Alf in ihrer Villa am Starnberger See.
Das erste Kapitel, das aus Sicht der 55-jährigen Ellen Kern-Krenn – Mutter, Ehefrau, Geliebte und Journalistin – geschildert wird, spielt im Arabellapark im Münchener Medienmilieu. Ellen, die mit ihrem Mann Sylvio eine offene Ehe führt und sich mit dem Scheitern ihres Lebensmodells auseinandersetzen muss, leitet als Redakteurin das Ressort ‚Lebensart‘ in der Redaktion der auflagenstarken Wochenzeitschrift DAS (DAS MAGAZIN DER MEINUNG), das „zwischen Spiegel, Stern und Titanic ein Freiräumchen“Martin Walser: Ohne einander. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993. S. 25. gefunden hat. Ihre Lebensängste und Schreibblockaden versucht Ellen seit geraumer Zeit erfolglos mit Alkohol und Tabletten zu unterdrücken. Um Aufsehen in der Redaktion zu vermeiden, hat sie jegliches eigenverantwortliche Arbeiten eingestellt und konzentriert sich nur noch auf das Redigieren von Interviews. Während einer Redaktionskonferenz erhält Ellen vom Verleger des Magazins Dr. Bertram Spitz, der in der Medienbranche nur „Der Prinz“ genannt wird, den Auftrag, innerhalb von zwei Stunden einen rühmenden Artikel über den Film Hitlerjunge Salomon zu schreiben, um den Verdacht des Antisemitismus zu zerstreuen, in welchen die Zeitschrift aufgrund einer Rezension des berühmten Literaturkritikers Willi André König, auch „Erlkönig“ genannt, geraten ist. Dieser hat in seiner Buchbesprechung zu provokativ die Dominanz des Judentums beim organisierten Verbrechen betont. Ellen, unfähig unter Zeitdruck auch nur eine einzige Zeile auf das Papier zu bringen, lässt sich den geforderten Artikel von ihrem unsympathischen, schweißtropfenden und an Hautkrankheiten leidenden Kollegen Wolf Koltzsch schreiben. Als Gegenleistung dafür erduldet Ellen „einen Geschlechtsverkehr […], den sie in der klassischen Büroform, auf der Schreibtischkante sitzend, in Kauf nehmen“Martin Walser: Ohne einander. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993. S. 90. muss. Nach dieser erpressten Demütigung erreicht Ellen aufgewühlt und mit mehreren Stunden Verspätung das Familienanwesen, wo sie mit ihrem älteren Liebhaber Ernest Müller-Ernst verabredet gewesen wäre.
Im zweiten Kapitel, dessen Handlung zeitlich parallel zu den von Ellen im ersten Kapitel geschilderten Ereignissen spielt, wechselt der Schauplatz der Familientragödie in die Familienvilla am Ufer des Starnberger Sees. Die Geschehnisse dieses Freitagnachmittages werden aus Sicht der 19-jährigen Tochter Sylvi erzählt, die sowohl in der Schule als auch mit ihrer Karriere als Pianistin gescheitert ist und sich jetzt auf das Windsurfen fixiert. Durch einen Anruf wird Sylvi von ihrer Mutter Ellen über deren Verspätung sowie die kurz bevorstehende Ankunft des Geliebten Ernest Müller-Ernst informiert. Um eine Katastrophe zu verhindern, soll die Tochter dafür sorgen, dass ihr Vater Sylvio das Familienanwesen noch vor Eintreffen des reichen und erfolgreichen Liebhabers verlässt. Auch ihr 27-jähriger Bruder Alf, der seit drei Jahren apathisch in einem von ihm angehaltenen Schaukelstuhl in der Empfangshalle sitzt und seiner Cellisten-Karriere nachtrauert, soll dem Gast nicht begegnen. Doch Sylvi kann ein „lange[s], peinliche[s] Zusammentreffen mit dem als Ehegatte, Liebhaber und Vater dreifach gedemütigten Sylvio“Jörg Magenau: „Die erträgliche Leichtigkeit der Literatur“. In: Freitag, 6. August 1993. S. 12. und Ernest Müller-Ernst nicht mehr verhindern. Um die prekäre Situation zu entzerren, nimmt Sylvi den Geliebten ihrer Mutter mit an das Seeufer zum Surftraining. Doch die Abgeschiedenheit des idyllischen Ortes wird zur Falle: Ernest Müller-Ernst, der „alte Körperfetischist“Martin Walser: Ohne einander. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993. S. 145., verführt und vergewaltigt die Tochter seiner Geliebten im flachen Uferwasser, bevor er Sylvi auf einem zweiten Surfbrett verfolgt und in den Wellen des Starnberger Sees ertrinkt.
Das dritte und letzte Kapitel des Romans spielt zeitgleich zu den ersten beiden Kapiteln und schildert die Erlebnisse aus Sicht des erfolglosen Schriftstellers und Familienvaters Sylvio Kern. Nach der Begegnung mit dem Geliebten seiner Frau sinniert der betrunkene Romanautor über die erlittenen Demütigungen durch seine Umwelt, denen er sich immer wieder masochistisch aussetzt. Nicht nur die Affäre seiner Frau und die Entfremdung zu seinen Kindern setzen Sylvio zu, auch beruflich ist er an einem absoluten Tiefpunkt angekommen: Seine Werke sind der zynischen Kritik und Verurteilung durch die Medien ausgesetzt, insbesondere der Literaturkritiker Erlkönig hat ihn ausgerechnet im DAS-Magazin als „ermüdend umständlichen Plauderer“Martin Walser: Ohne einander. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993. S. 27. verrissen. Doch Sylvio hat in seiner Hilflosigkeit eine eigene Technik zur Verarbeitung seines gescheiterten Lebensmodells entwickelt. Es gelingt ihm die Realität zu ertragen, indem er die ihm zugefügten Leiden in seiner Trilogie mit den passenden Titeln Schwächling, Rohling und Feigling literarisch aufgreift und verarbeitet. In Anlehnung an sein Leben haben seine Romane unverschlüsselt und nur notdürftig maskiert die Affäre seiner Frau mit dem erfolgreichen Fabrikbesitzer Ernest Müller-Ernst zum Gegenstand.
Nach dem tödlichen Unfall von Ernest Müller-Ernst treffen alle vier Familienmitglieder im Wohnzimmer aufeinander. Die endgültige Entfremdung und Beziehungslosigkeit zwischen den Figuren offenbart sich jetzt in Form von Sprachlosigkeit: „Eine Gruppe von von einander Getrennten. Auf engstem Raum. Unzertrennbar Getrennte.“Martin Walser: Ohne einander. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993. S. 210., wie es Sylvio unmissverständlich ausdrückt. Überraschenderweise erwacht Alf nach drei Jahren im Schaukelstuhl aus seiner Erstarrung, packt seine Koffer und verlässt die Familie. Am Ende des Romans zieht sich Sylvio in sein Arbeitszimmer zurück und schreibt auf ein leeres Blatt zwei Wörter, welche die Trauer über das unendliche und unvermeidliche Getrenntsein derer ausdrückt, die glaubten, für immer zueinander zu gehören: Ohne einander.
Form Ohne einander ist in drei Kapitel gegliedert, welche sich jeweils auf eine zentrale Figur des Romans konzentrieren, aus deren Perspektive die Ereignisse eines einzigen Nachmittages im Leben der Familie Kern-Krenn geschildert werden. Die Kapitel tragen als Überschriften den Namen des jeweiligen die Erzählperspektive bestimmenden Familienmitgliedes (Ellen, Sylvi und Sylvio). Das Ehepaar Ellen und Sylvio wird bereits durch die Kapiteleinteilung von der vermittelnden Tochter Sylvi verbunden und gleichzeitig getrennt. Diese Positionierung der Kapitel ist bewusst gewählt und spiegelt die Funktion der einzelnen Protagonisten wider. In Aufbau und Form erinnert das Werk an Martin Walsers ersten Roman Ehen in Philippsburg (1957), der ebenfalls in Rollenprosa und in einem stark assoziativen Stil geschrieben ist.
Ganz offensichtlich schildert in Ohne einander kein Ich-Erzähler und auch kein auktorialer Erzähler das Geschehen. Weder sind der Erzähler und die Figuren miteinander identisch, noch tritt der Erzähler an einer Stelle des Romans als Figur auf, so dass eine heterodiegetische Erzählsituation gegeben ist. Die Schilderungen in Ohne einander wirken wie ein erzählerloses Erzählen, da es keine wertenden oder kommentierenden Äußerungen gibt und der Rezipient die Ereignisse dieses Tages ausschließlich aus der Perspektive des jeweiligen Protagonisten wahrnimmt.
Martin Walser arbeitet in diesem Roman, wie auch bereits in Ein fliehendes Pferd (1978), mit einem personalen Erzähler und legt damit das Gewicht auf die innere Handlung der einzelnen Figuren. Da das Geschehen in Ohne einander aus der Sicht von verschiedenen Protagonisten – Ellen, Sylvi und Sylvio – erzählt wird, ist in diesem Fall ein mehrstimmiger Erzählmodus – eine sog. personale Multiperspektive – gegeben. Die Erzählung ist dabei auf den Bewusstseinshorizont des im jeweiligen Kapitel beschriebenen Charakters beschränkt, was eine suggestive Wirkung auf den Leser ausübt, da ihm die erzählte Wirklichkeit ausschließlich durch die Gefühle und Gedanken dieser Figur vermittelt wird. Die Nähe zwischen personalem Erzähler und den Figuren Ellen, Sylvi und Sylvio entsteht durch die szenische Darstellung und den häufigen Gebrauch von erlebter Rede und innerem Monolog, welche für den Leser nahezu unbemerkt in die Erzählerrede integriert werden.
Der Roman Ohne einander erzählt auf 226 Seiten die Geschehnisse, die sich in einer Zeitspanne von einem einzigen Freitagnachmittag, also wenigen Stunden erstrecken. Das hohe Erzähltempo und die Dynamik des Werks erreicht Martin Walser trotz des zeitdeckenden Erzählens, indem er die drei Erzählsequenzen zeitgleich ablaufen lässt und die ereignisreichen Stunden dieses Nachmittages abwechslungsreich aus drei verschiedenen Perspektiven schildert. Die prägnante Kürze und das hohe Erzähltempo sowie die dramatische Zuspitzung auf einen entscheidenden Moment im Leben von Ellen, Sylvi und Sylvio, verleihen dem Werk novelleske Züge, obgleich Ohne einander von Seiten des Autors und des Verlages eindeutig als Roman klassifiziert wird.
Martin Walser arbeitet in Ohne einander mit Vorliebe mit Stilelementen und rhetorischen Figuren, die sich auch in seinen zahlreichen anderen Werken ausfindig machen lassen und deswegen zu seinem Markenzeichen geworden sind. Dazu zählt der formale Kunstgriff, eine Erzählung mit ähnlichen Sätzen bzw. Bildern beginnen und auch enden zu lassen, wie in Ein fliehendes Pferd (1978), Brandung (1985), Tod eines Kritikers (2002), Der Augenblick der Liebe (2004) und auch in Ohne einander (1993). Zahlreiche Literaturwissenschaftler und -kritiker sind der Meinung, dass dieser Zirkelschluss das Zeichen der ausweglosen Kreisbewegung ist, in der sich die Figuren in Martin Walsers Werken hoffnungslos verfangen: „Die Erzählweise will damit verhindern, dass durch literarische Transposition und Abreaktion ein Problem aufgehoben wird, das in den Augen des Autors weiterhin besteht.“Heike Doane: „Innen- und Außenwelt in Martin Walsers Novelle ‚Ein fliehendes Pferd‘“. In: GSR III/1 (1980). S. 83.