mini|Joseph P. Kennedy Joseph Patrick „Joe“ Kennedy (* 6. September 1888 in Boston, Massachusetts; † 18. November 1969 in Hyannis Port, Massachusetts) war ein US-amerikanischer Unternehmer und Diplomat. Er gilt als Begründer der Familie Kennedy.
Leben Kennedy wurde als Sohn des irischstämmigen Unternehmers und Politikers Patrick Joseph Kennedy und Mary Augusta Hickey in den Vereinigten Staaten geboren. Am 7. Oktober 1914 heiratete er Rose Elizabeth Fitzgerald (1890–1995), die Tochter des Bostoner Bürgermeisters John F. Fitzgerald, mit der er später insgesamt neun Kinder hatte:
Joseph Patrick Kennedy, Jr., genannt Joe (1915–1944), im Zweiten Weltkrieg verunglückt John Fitzgerald Kennedy, genannt Jack (1917–1963), 35. Präsident der Vereinigten Staaten; am 22. November 1963 in Dallas ermordet Rosemary Kennedy (1918–2005), lebte ab ihrem 23. Lebensjahr in einer Nervenheilanstalt Kathleen Agnes Kennedy, genannt Kick (1920–1948), bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen Eunice Mary Kennedy (1921–2009), Gründerin der Special Olympics, Mutter von Arnold Schwarzeneggers Ex-Frau Maria Shriver Patricia Helen Kennedy, genannt Pat (1924–2006) Robert Francis Kennedy, genannt Bobby (1925–1968), US-Justizminister und Senator; am 6. Juni 1968 in Los Angeles ermordet Jean Ann Kennedy (1928–2020) Edward Moore Kennedy, genannt Ted (1932–2009), war US-Senator und einer der führenden linksliberalen Politiker der USA
Bekanntheit erlangten davon vor allem der spätere Präsident John F. Kennedy, der einem Attentat zum Opfer fiel, der ebenfalls ermordete Politiker Robert F. Kennedy sowie der langjährige Senator von Massachusetts, Edward Kennedy. Rosemary Kennedy musste sich im Alter von 23 Jahren auf Kennedys Anweisung einer Lobotomie unterziehen, durch die sie zum Pflegefall wurde. Darüber hinaus hatte Kennedy noch einen unehelichen Sohn (Joseph) aus der Liaison mit der Schauspielerin Gloria Swanson, die nach seinem Umzug nach Hollywood im Jahr 1925 seine Geschäftspartnerin und Geliebte war.Ronald Kessler: The Sins of the Father. Warner Books, New York 1997, ISBN 0-446-60384-8.
Schulischer Werdegang miniatur|Ein Bild aus Kennedys Jahrbuch an der Boston Latin School Nach der Boston Latin School besuchte Kennedy ab 1908 die Harvard University, die er 1912 mit einem Abschluss B.A. verließ. In der Folge entschied er sich für eine Laufbahn im Bankwesen, obwohl er während des Studiums keinen besonderen Schwerpunkt auf die Wirtschaftswissenschaften gelegt hatte.Robert Dallek: John F. Kennedy – Ein unvollendetes Leben. München 2003, S. 27f. Joseph Kennedy strebte von nun an nach zwei Zielen, denen er alles unterordnete: schnell reich zu werden und hohe gesellschaftliche Macht und Anerkennung; letzteres umso mehr, nachdem ihm die Mitgliedschaft in allen wichtigen Clubs aufgrund seiner Religion und Ethnie verwehrt geblieben war.Knox Beran, Michael in The New York Times: The Last Patrician – Bobby Kennedy and the End of American Aristocracy. http://www.nytimes.com/books/first/b/beran-patrician.htmlNasaw, David: The Patriarch – The remarkable life and turbulent times of Joseph P. Kennedy. The Penguin Press, New York 2012, ISBN 978-1-59420-376-3-
Wirtschaftliche Aktivitäten
Joe Kennedy übernahm einen Posten in der Columbia Trust seines Vaters und wurde zunächst staatlicher Bankprüfer, eine Funktion, in der er anderthalb Jahre durch Massachusetts reiste und das Berufsbild des Bankgeschäfts näher kennenlernte. Am 21. Januar 1914 wurde er zum Präsidenten des Trusts gewählt.David Nasaw: The Patriarch – The Remarkable Life and Turbulent Times of Joseph P. Kennedy. Penguin Press, New York City 2012, ISBN 978-1-101-59591-6, S. 39. Joseph Kennedy wurde so mit 25 Jahren zum jüngsten Bankdirektor der USA, als neuer Direktor der Columbia Trust.Robert Dallek: John F. Kennedy – Ein unvollendetes Leben. München 2003, S. 29. In den Jahren zuvor hatte er einen Großteil des Aktienkapitals der Bank erworben und somit seinen Einfluss ausgebaut. Das Geld dazu hatte er sich in der Familie geliehen. 6 Tage später, am 27. Januar, wurde er von seinem späteren Schwiegervater zum Direktor der Collateral Loan Company (CLC) ernannt. Die Hochzeit mit Rose Kennedy, der Tochter des früheren Bostoner Bürgermeisters John F. Fitzgerald, folgte am 7. Oktober 1914.David Nasaw: The Patriarch – The Remarkable Life and Turbulent Times of Joseph P. Kennedy. Penguin Press, New York City 2012, ISBN 978-1-101-59591-6, S. 39–41. Als eine Bostoner Bank – die First Ward National Bank – die Übernahme von Columbia Trust androhte, gelang es Kennedy mit geschicktem Verhandeln, genug Geld aufzubringen, um das Angebot der gegnerischen Bank zu überbieten. Den überwiegenden Teil der hierfür erforderlichen Summe (US$ 45.000) lieh er sich von seinem Freund aus Harvard-Zeiten, Eugene V. Thayer, seinerseits Präsident der Merchants National Bank. Zu dieser Zeit warf die Columbia Trust US$ 37.000 Gewinn im Jahr ab, bei einem Stammkapital von US$ 200.000.Richard J. Whalen: 10. April 2011. Aufgrund anhaltender Ermittlungen gegen ihn im Rahmen eines Finanzskandals bei der CLC sah sich Kennedy veranlasst, sich ab 1917 für eine Weile vollständig aus dem Bankgeschäft zurückzuziehen.John N. Ingham: Biographical Dictionary of American Business Leaders. Band 2, S. 704 f.
miniatur|hochkant|Joseph Kennedy (etwa 1914) Schon während seiner Tätigkeit als Banker hatte er sich mit einem Investment von 1.000 US-Dollar in der Old Colony Realty Associates Inc. engagiert, deren Geschäftszweck in der günstigen und schnellen Renovierung alter Häuser und deren Weiterverkauf bestand. Als das Unternehmen während des Ersten Weltkriegs aufgelöst wurde, war Kennedys ursprüngliches Investment bereits 25.000 US-Dollar wert. Am 29. Mai 1917 wurde Kennedy in den Vorstand der Massachusetts Electric Company berufen, als damals eines der jüngsten Vorstandsmitglieder in einem amerikanischen Großunternehmen. Nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten unter Woodrow Wilson in den Ersten Weltkrieg hatten sich gemäß dem Selective Service Act von 1917 alle Männer zwischen 21 und 30 Jahren für den Militärdienst zu melden. Kennedy bemühte sich um eine Ausnahmegenehmigung, welche er ab Mitte Oktober 1917 trotz seiner mangelnden Fachkenntnisse im Schiffsbau von der Bethlehem Shipbuilding Corporation am Fore River bekam, weil er in einem für die Führung des Krieges unentbehrlichen Unternehmen tätig war.David Nasaw: The Patriarch – The Remarkable Life and Turbulent Times of Joseph P. Kennedy. Penguin Press, New York City 2012, ISBN 978-1-101-59591-6, S. 47 f. Aufgrund einer Empfehlung von Guy Currier, dem Anwalt von Bethlehem Steel, erhielt er den Posten des stellvertretenden Hauptmanagers der Werft, der ein jährliches Gehalt von 4.000 US-Dollar beinhaltete.Arthur M. Schlesinger: Robert Kennedy and his times. Ballantine Books 1978, ISBN 0-345-32547-8, S. 5David Nasaw: The Patriarch – The Remarkable Life and Turbulent Times of Joseph P. Kennedy. Penguin Press, New York City 2012, ISBN 978-1-101-59591-6, S. 48. Hier traf Kennedy erstmals mit Franklin D. Roosevelt zusammen, der damals als Marineminister tätig war.http://www.jfklibrary.org/JFK/The-Kennedy-Family/Joseph-P-Kennedy.aspx
Im Jahr 1919 übernahm Kennedy die Maine & New Hampshire Theaters Co., die über 31 Filmtheater in New England sowie Rechte an einigen englischen Filmproduktionen besaß. In dieser Zeit zeigte sich erstmals, wie eng verwoben Kennedys wirtschaftliche und politische Interessen waren: Sein Schwiegervater, John F. Fitzgerald, gewann am 5. November 1918 die Wahl zum Repräsentanten von Boston gegen den ebenfalls demokratischen Kandidaten Peter Francis Tague. Fitzgerald hatte nur deshalb gegen Tague kandidiert, weil dieser nicht bereit war, sich gemeinsam mit Fore River Shipyard an einem lukrativen Grundstücksgeschäft zu beteiligen. Joe Kennedy, der zu den Wahlkampforganisatoren gehörte, engagierte italienische Immigranten und Profiboxer, um Tagues Wähler umzustimmen. Am 24. Oktober 1919 wurde Fitzgerald nach achtmonatiger Untersuchung wegen Wahlbetrugs aus dem Repräsentantenhaus ausgeschlossen.Seymour Myron Hersh: Kennedy – Das Ende einer Legende. (The Dark Side of Camelot, 1998) 3. Auflage. Hamburg 1999, ISBN 3-455-11257-9. 1919 verließ Kennedy nach erfolgreicher Arbeit die Firma und arbeitete fortan für die Bostoner Brokerfirma Hayden, Stone and Company.
Im Aktienhandel setzte er sein Jahresgehalt von 10.000 Dollar gewinnbringend ein und wurde ab 1926 zum Millionär. Es ist unwahrscheinlich, dass Kennedys Gehalt allein ausreichte, um derart erfolgreich an der Börse zu spekulieren, dass er seine inzwischen fünfköpfige Familie ernähren, seiner Wettleidenschaft nachgehen und nebenbei noch zum Millionär avancieren konnte. Vielmehr ist durch zahlreiche Quellen dokumentiert, dass Kennedy schon sehr früh zu Beginn der Prohibition (16. Januar 1920) in den Alkoholschmuggel einstieg.Sam und Chuck Giancana: Giancana – Der Pate der Macht.Frank Collier, David Horowitz: The Kennedys – An American Drama. Encounter Books, 1984, ISBN 1-893554-31-7. Den wohl deutlichsten Hinweis auf Kennedys Aktivitäten im Alkoholschmuggel liefert die kanadische Royal Commission on Customs and Excise, die dokumentiert, dass sich Kennedy mit seiner Firma namens Silk Hat Cocktail Co. in Vancouver (B.C.), in der Homer Street 1206 (downtown) mit der ebenfalls dort registrierten Produktionsfirma für Alkohol von Henry Reifel die Büroräume teilte. Der einzige Geschäftszweck der Firma Reifel bestand in der Herstellung alkoholischer Getränke und deren Export in die Vereinigten Staaten. In einem 1928 erstellten Bericht dokumentiert die Royal Commission umfangreiche und dauerhafte Unregelmäßigkeiten dieser Firmen in Zusammenhang mit diesen Exportgeschäften.Stephen Schneider: Iced – The Story of Organized Crime in Canada. 2009, ISBN 978-0-470-83500-5, S. 207.
Den hierfür erforderlichen Zucker bezog er von Diamond Joe Esposito, dem Chef des Chicago Outfit und seinerzeit wohl mächtigsten Gangsterboss der Vereinigten Staaten. Esposito kontrollierte die Distribution des aus Kuba importierten Zuckers im Nordosten der USA.Sam und Chuck Giancana: Giancana – Der Pate der Macht. S. 34 f. alt=Joseph Kennedy mit seiner Familie, 1931|links|mini|Joseph Kennedy mit seiner Familie, 1931 Während der Prohibition sicherte Präsident Calvin Coolidge (1923–1929) Esposito und allen von ihm mit Zucker belieferten Abnehmern – darunter Joe Kennedy, Lewis Rosenstiel und Joe Reinfeld – Protektion zu, als Gegenleistung für deren politische Unterstützung. Im Rahmen derselben Unterredung, die im Frühherbst 1924 stattfand, rang Esposito dem Präsidenten außerdem das Versprechen ab, nichts gegen eine auf das gesamte Land ausgedehnte Übernahme sämtlicher gewerkschaftlicher Aktivitäten durch das Chicago Outfit zu unternehmen.Sam und Chuck Giancana: Giancana – Der Pate der Macht. S. 35. Hierdurch wurde der Grundstein für die massive Einflussnahme der Mafia auf die US-amerikanische Wirtschafts-, Innen- und auch Außenpolitik der folgenden Jahrzehnte gelegt. Espositos Zuckerlieferungen an Kennedy erfolgten meist über einen gewissen Sam Giancana, der damals noch für Esposito als Fahrer und sog. Enforcer arbeiteteSam und Chuck Giancana: Giancana – Der Pate der Macht. und später einmal zum Acting Boss der Chicagoer Mafia avancieren sollte.