Die Rede Gottes () ist in der islamischen Theologie eines der Attribute Gottes. Als Rede Gottes gilt hierbei sowohl das den Propheten offenbarte Wort Gottes als auch das Schöpfungswort kun („Sei!“), mit dem Gott die Welt erschafft. Das Verhältnis der Rede Gottes zu Gott selbst sowie zu dem offenbarten Koran ist eines der zentralen Themen in der Auseinandersetzung zwischen den theologischen Schulen der Muʿtaziliten, Aschʿariten, Māturīditen und Hanbaliten. Einige muslimische Gelehrte vermuteten, dass die Rede Gottes auch namengebend für die Kalām-Wissenschaft war: Da sie eine der Hauptfragen gewesen sei, um die sich die Kontroversen dieser Wissenschaft drehten, habe man sie insgesamt danach benannt.So zum Beispiel aš-Šahrastānī (gest. 1153): al-Milal wa-n-niḥal. Ed. Aḥmad Fahmī Muḥammad. Dār al-Kutub al-ʿilmīya, Beirut 1992. S. 23. Digitalisat. – Deutsche Übers. Theodor Haarbrücker. 2 Bde. Halle 1850–1851. Bd. I, S. 26. Digitalisat.

Koranische Aussagen Der Ausdruck „Rede Gottes“ (kalām Allāh) kommt an drei Stellen im Koran vor: Sure 2:75: „Seid ihr denn darauf aus, dass sie euch glauben, wo einige die Rede Gottes schon hörten, dann aber, nachdem sie sie verstanden hatten, sie verfälschten, und zwar wissentlich?“ Sure 9:6: „Wenn Dich einer von den Beigesellern um ein Nachbarschaftsbündnis bittet, so gewähre es ihm, auf dass er die Rede Gottes hören kann.“ Sure 48:15, wo es, auf die Heuchler bezogen, heißt: „Sie wollen die Rede Gottes verändern.“ Von großer Bedeutung für spätere theologische Diskussionen war außerdem Sure 16:40: „Vielmehr ist unsere Rede (qaulu-nā), wenn wir irgendetwas wollen, dass wir zu ihm sagen: ‚Sei!‘ (kun) – und dann ist es.“ Daneben wird noch an zahlreichen anderen Stellen die Rede Gottes indirekt thematisiert. So wird in Sure 2:253 ausgesagt, dass Gott einige von den Gesandten den anderen vorgezogen hat und es einige unter ihnen gibt, zu denen Gott redete (wa-min-hum man kallama Llāhu), und einige, die er um Stufen erhöhte. Eine besondere Position unter den Propheten nimmt Moses im Islam ein, denn mit ihm soll Gott, wie es in Sure 4:164 (kallama Llāhu Mūsā taklīman) heißt, wirklich gesprochen haben.Vgl. as-Saffārīnī: Lawāmiʿ al-anwār al-bahīya. 1982, S. 138. Deswegen hat er den Beinamen Kalīm Allāh („Angeredeter Gottes“) erhalten.Vgl. Gardet: Art. "Kalām" in EI² Bd. IV, S. 469a.

Wenn Gott mit einem Menschen spricht, dann tut er dies nur auf ganz bestimmte Weise, nämlich entweder durch Eingebung (waḥyan), hinter einem Vorhang (min warāʾ ḥiǧāb), oder indem er einen Boten sendet, der ihm dann mit seiner Erlaubnis eingibt, was er will (Sure 42:51). Die Fähigkeit der Rede unterscheidet Gott von den Götzen, denn diese können nicht sprechen (Sure 7:148).

Problemfelder der theologischen Diskussion Allgemein schlossen die islamischen Theologen aus diesen Versen, dass Gott eine Rede (kalām) besitzt und ein Sprechender (mutakallim) ist.Vgl. al-Māturīdī: Kitāb al-Tauḥīd. 1986, S. 57f. Wie sich aber die Rede Gottes zu Gott selbst und zu dem Koran verhält, ob die Rede erschaffen oder unerschaffen ist, ob sie hörbar ist oder nicht und ob es mehrere Reden Gottes gibt oder nur eine, war unter islamischen Theologen umstritten. Ausführungen dazu finden sich in fast allen Handbüchern zum Kalām sowie zu den "Grundlagen der Religion" (uṣūl ad-dīn).Vgl. Gardet: Art. "Kalām" in EI² Bd. IV, S. 471a.

Die Rede Gottes: erschaffen oder unerschaffen? Zu den strittigen Punkten hinsichtlich der Rede Gottes gehörte die Frage, ob sie erschaffen oder unerschaffen ist. Allgemein wird den Muʿtaziliten nachgesagt, dass sie die Rede Gottes für erschaffen hielten, so wie sie auch die Erschaffenheit des Korans lehrten, allerdings gab es auch einzelne Muʿtaziliten wie Murdār, den Schüler von Bischr ibn al-Muʿtamir, die nur den Koran für erschaffen hielten, die Rede Gottes jedoch für unerschaffen.Vgl. Tritton: "The speech of God". 1972, S. 12.

Innerhalb des Lagers derjenigen, die die Erschaffenheit der göttlichen Rede annahmen, gab es noch feine Unterschiede. Die meisten Muʿtaziliten lehrten, dass Gott die Rede in etwas anderem als sich selbst erschaffe. Das könne ein brennender Dornbusch sein wie bei Mose, oder die Luft wie bei dem Engel Gabriel.Vgl. as-Saffārīnī: Lawāmiʿ al-anwār al-bahīya. 1982, S. 133. Dschahm ibn Safwān, Dirār ibn ʿAmr (gest. 815) und an-Naddschār (gest. ca. 830) meinten, dass Gott seine Rede in Körpern erschaffe.Vgl. as-Saffārīnī: Lawāmiʿ al-anwār al-bahīya. 1982, S. 136. Abū ʿAlī al-Dschubbā'ī und sein Sohn Abū Hāschim vertraten die Auffassung, "dass Gott ein Redender (mutakallim) ist, durch eine Rede, die er in einem Subjekt erschafft."Vgl. Muḥammad aš-Šahrastānī: al-Milal wa-n-niḥal Ed. Aḥmad Fahmī Muḥammad. Dār al-Kutub al-ʿilmīya, Beirut, 1992. S. 67f. Digitalisat – Deutsche Übers. Theodor Haarbrücker. 2 Bde. Halle 1850-51. Bd. I, S. 81. Digitalisat Andere Muʿtaziliten dagegen meinten, dass das Sprechen Gottes lediglich die Erschaffung der Wahrnehmung des Erschaffenen sei, so dass er hören könne. Die Erschaffung der Rede ist somit die Befähigung des Menschen zum Hören. Für ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad ist dagegen die Rede eine von Gott erschaffene Handlung.Vgl. Tritton: "The speech of God". 1972, S. 16.

Zu denjenigen, die die Rede Gottes als unerschaffen betrachteten, gehörte Abū l-Hasan al-Aschʿarī. Er nahm in sein Glaubensbekenntnis den Lehrsatz auf, "dass die Rede Gottes unerschaffen ist, und Er nichts erschaffen hat, ohne zu ihm zu sagen 'Sei!' (kun)", so wie es in Sure 16:40 ausgedrückt wird.Vgl. Abū l-Ḥasan al-Ašʿarī: al-Ibāna ʿan uṣūl ad-diyāna. Ed. ʿAbbās Ṣabbāġ. Dār an-Nafāʾis, Beirut, 1994. S. 36. Die Rede Gottes kann seiner Auffassung nach deswegen nicht erschaffen sein, weil sie auch das Schöpfungswort einschließt, und dieses nicht durch sich selbst erschaffen sein kann. Wenn Gott nicht von Anfang sprechend gewesen wäre, wäre er stumm gewesen und hätte die Schöpfung und die Offenbarung nicht hervorbringen können.Vgl. Allard: Le problème des attributs divins. 1965, S. 234. Auch der Zāhirit Ibn Hazm hielt die Rede für unerschaffen.Vgl. Ibn Ḥazm: al-Faṣl fi-l-milal. 1985, Bd. III, S. 19.

Nach dem Hanbaliten Ibn Taimīya (st. 1328) ist es die unter den Altvorderen (salaf al-umma) etablierte Lehre, dass die Rede Gottes unerschaffen ist. Sie sei herabgesandt, aber eben nicht erschaffen, gehe von Gott aus und kehre zu ihm zurück. Mit der Rückkehr der Rede Gottes, so erklärte Ibn Taimīya, ist dabei die am Ende der Zeiten stattfindende Entfernung des Korantextes aus den Koranexemplaren und von den Herzen der Menschen gemeint. In der Waṣīyat Abī Ḥanīfa, einer māturīditischen Bekenntnisschrift, die in der frühen Neuzeit häufig kommentiert wurde, wird die Unerschaffenheit der göttlichen Rede bekräftigt und gesagt: "Wer sagt, dass die Rede Gottes erschaffen ist, ist ein Kāfir hinsichtlich Gottes. Gott, den die Menschen anbeten, bleibt derselbe, und seine Rede wird rezitiert, geschrieben und memoriert, ohne aber von ihm getrennt zu sein."

Das Verhältnis der Rede zu Gott Der Murdschi'it an-Naddschār (gest. ca. 830) lehrte, dass die Rede Gottes, wenn sie rezitiert werde, ein Akzidens (ʿaraḍ) sei, wenn sie aufgeschrieben werde, dagegen zum Körper (ǧism) werde.Vgl. H.S. Nyberg u Khalīl ʿAthāmina: Art. "al-Nadjdjār" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. VII, S. 866b–868a. Hier S. 867b. Die Vorstellung, dass die Rede Gottes ein Akzidens ist, wurde von verschiedenen Muʿtaziliten, so zum Beispiel an-Nazzām (gest. 846) und al-Iskāfī (gest. 854), übernommen.Vgl. Tritton: "The speech of God". 1972, S. 10, 12.

Für andere Muʿtaziliten gehörte die Rede Gottes zu den sogenannten Attributen des Handelns (ṣifāt al-fiʿl), die im Gegensatz zu den Attributen der Essenz (ṣifāt aḏ-ḏāt) an die Zeit gebunden sind. ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad betrachtete dementsprechend Gottes Rede als sein Handeln und meinte, dass man Gott auch nur deshalb als "redend" (mutakallim) bezeichnen könne, weil er ein "Macher von Rede" (fāʿil kalām) ist.Vgl. Peters: God’s created speech. 1976, S. 283, 291, 336f. Nach Abū l-Hasan al-Aschʿarī lehrten die meisten Muʿtaziliten, "dass die Rede Gottes sein Handeln ist, das er zu einer Rede gemacht hat, und dass es unmöglich ist, dass Gott immer ein Redender ist."Vgl. Abū l-Ḥasan al-Ašʿarī: Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. Ed. Hellmut Ritter. Steiner, Wiesbaden, 1963. S. 516. Sie sahen die Rede Gottes also als eine Handlung an, die der Vergangenheit angehört.Vgl. Allard: Le problème des attributs divins. 1965, S. 243.

Eine andere Position hinsichtlich der Rede Gottes nahm Ibn Kullāb (gest. 855) ein. Er meinte, dass die Rede eines der essentiellen Attribute Gottes ist, das ihm so inhärent ist wie das Leben und von Anfang an existiert.Vgl. as-Saffārīnī: Lawāmiʿ al-anwār al-bahīya. 1982, S. 134f. Für ihn ist die Rede Gottes weder mit Gott identisch, noch ist sie etwas anderes als er. Die gleiche Auffassung vertrat auch al-Aschʿarī.Vgl. Peters: God’s created speech. 1976, S. 331. Er widmete ein ganzes Kapitel seines "Buches der Schlaglichter" (Kitāb al-Lumaʿ) dem Beweis dafür, dass die Rede Gottes zu den Attributen der Essenz (ṣifāt aḏ-ḏāt) gehört.Vgl. Allard: Le problème des attributs divins. 1965, S. 242. Damit richtete er sich gegen die Muʿtaziliten, für die die Rede Gottes nicht zu den ewigen Attributen der Essenz Gottes, sondern zu den Attributen der Handlung gehörte. Al-Aschʿarī hielt die Rede Gottes im Gegensatz zu ihnen nicht für eine vergangene Handlung, sondern eine Handlung, die in Gott gegenwärtig ist. Auch al-Bāqillānī (st. 1013).Vgl. Tritton: "The speech of God". 1972, S. 14. und Ibn Taimīya (st. 1328) betrachteten die Rede als ein essentielles Attribut Gottes. Ibn Taimīya meinte allerdings, dass die Rede Gottes gleichzeitig ein essentielles und ein aktives Attribut sei.Vgl. Tritton: "The speech of God". 1972, S. 18.

Bei denjenigen, die die Rede für ein essentielles Attribut Gottes hielten, war umstritten, wie sie sich zu den anderen essentiellen Attributen verhält. Ibn Kullāb meinte, dass die Rede Gott in der Weise inhärent ist wie das Leben und auch nicht von dem Willen (irāda) oder der Allmacht (qudra) abhängig ist. Nach Ibn Taimīya ist dagegen das Attribut der Rede dem Attribut des Willens untergeordnet, weil Gott spricht, wann und wie er will.Vgl. Gardet: Art. "Kalām" in EI² Bd. IV, S. 469b–470a. Für as-Saffārīnī ist die Rede das zweite der insgesamt sieben bestätigten Attribute (aṣ-ṣifāt aṯ-ṯubūtīya). Das erste dieser Attribute ist das Leben Gottes, die anderen fünf sind das Sehen, das Hören, der Wille, das Wissen und die Allmächtigkeit Gottes.Vgl. as-Saffārīnī: Lawāmiʿ al-anwār al-bahīya. 1982, S. 130–150.

Das Verhältnis der Rede zum Koran Die Vorstellung, dass der Koran die Rede Gottes ist, lässt sich schon früh nachweisen. Auf einem Grabstein, der wahrscheinlich aus dem Jahre 815 stammt, heißt es: "Der Koran ist die Rede Gottes, hinabgesandt und unerschaffen."Vgl. Tritton: "The speech of God". 1972, S. 7. Ahmad ibn Hanbal wird mit den Worten zitiert, dass der Koran die Rede Gottes, wohin auch immer er gesandt wird.Vgl. Tritton: "The speech of God". 1972, S. 8. Den Hanbaliten wird nachgesagt, dass sie alles, was sich zwischen den beiden Buchdeckeln befindet, alles, was rezitiert und gehört wird, Laute und Buchstaben, für die Rede Gottes hielten.Vgl. Tritton: "The speech of God". 1972, S. 9. Die Auffassung, dass der Koran die Rede Gottes ist, wurde auch von den Muʿtaziliten geteilt. Al-Dschubbā'ī zum Beispiel lehrte, dass Gott bei der Rezitation des Korans "eine Rede von sich im Subjekt der Rezitation neu erschafft". ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad meinte, dass der Koran die letzte Rede Gottes an die Menschen ist, er jedoch weiter zu den Engeln spricht.Vgl. Tritton: "The speech of God". 1972, S. 17.