In seiner Autobiographie Innenansichten eines Artgenossen – Meine Bilanz präsentiert Hoimar von Ditfurth (1921–1989) seine im Laufe des Lebens gewonnenen Einsichten (fossiles Gehirn, abgeschlossene Weltbilder, Evolution als Schöpfungsakt) und setzt sie in einen Zusammenhang mit seiner Biographie, die die Zeiträume NS-System (Heranwachsender in einem national(-istisch)-konservativen Elternhaus), Adenauerzeit (berufliche Erfahrungen als Psychiater) und die 1970/1980er Jahre (Ditfurths „eigentliches Leben“Ditfurth bezieht sich auf den Existenzphilosophen Martin Heidegger (1889–1976), der den Sinn des Lebens darin sieht, sich im Rahmen der grundsätzlich gegebenen Möglichkeiten zur „Eigentlichkeit seiner Existenz aufzuschwingen“. (Sein und Zeit) als Publizist) umfasst.
Das Gehirn Das Gehirn (von Mensch und Tier) setzt sich aus drei Teilen zusammen: Stammhirn (evolutionsbiologisch der älteste Hirnteil): Reguliert die Stoffwechselbilanz, Herzschlag/Atmung, Körpertemperatur, Überwachung aller vegetativen Funktionen zur Aufrechterhaltung der Lebensfähigkeit des Organismus Zwischenhirn:Das Zwischenhirn sitzt anatomisch „zwischen“ Stammhirn und Großhirn. Lässt den Menschen (und das Tier) in einer speziellen Stimmung sein (lustig, traurig, besorgt, wütend). Instinkte (Triebe) sind im Zwischenhirn als abrufbare Programme in Form neuronaler Schaltmuster enthalten (Imponierverhalten, Unterwerfungsgesten, Fluchttrieb).Konrad Lorenz (1903–1989, Verhaltensforscher) nennt Instinkte „fleischgewordene Ratgeber“, die (z. B. bei Gefahr) für eine schnelle und angemessene Reaktion sorgen. Müsste ein Küken erst lernen, was es mit einem Schatten mit kurzem Hals (Habicht, Verhaltensprogramm: Gestalterkennung) auf sich habe, wären die Hühner schon längst ausgestorben; vgl. auch Konrad Lorenz (1959): Gestaltwahrnehmung als Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis. Auf: klha.atEin Beispiel für ein Zwischenhirnwesen sei der Hund. Er sei seinen Stimmungen bedingungslos ausgeliefert, da er nicht, wie der Mensch, über ein Großhirn verfüge. Der Hund könne seine Stimmungen nicht beherrschen, z. B. sie unterdrücken oder hinauszögern. Hunde beziehen alles, was sich in der Umwelt ereignet, auf sich selbst. Deshalb verkriechen sich Hunde bei einem Gewitter mit eingeklemmtem Schwanz in eine schützende Ecke. In dem (Un-)Bewusstsein der Hunde sei da ein in der Gewitterwolke hausender Dämon, der mit Blitzen auf sie ziele. Hunde wissen nichts von dem objektiv vorhandenen Naturgesetz des elektrischen Funkenschlags. Großhirn (stammesgeschichtlich der jüngste Hirnteil): Besteht aus ca. 15 Milliarden Nervenzellen. Jede dieser Nervenzellen ist mit bis zu 10.000 weiteren Nervenzellen über Leiterbahnen (Dendriten) vernetzt. Das Großhirn ist das eigentliche Denkorgan des Menschen. Gedanke folgt auf Gedanke, auf welche Weise auch immer (Ignoramus et ignorabimus). Gedanken werden vom Großhirn wahrgenommen, wie z. B. das Auge ein Bild wahrnimmt. Der Mensch kann Gedankenblitze haben (ein Gedanke schießt einem durch den Kopf) und spontane „Einsichten“ (Arthur Koestler (1905–1983)). Nach Nicolai Hartmann (1882–1950) setze sich die Welt aus Schichten zusammen: a) die materiell-anorganische Schicht, b) die organisch-biologische Schicht und c) die Schicht des Geistigen. Das Großhirn sei dann zu verstehen als ein Organ zur Wahrnehmung, zum Hervorbringen des „geistigen Prinzips“.
Alle Hirnteile haben ihre Funktion. Das sei beim Großhirn richtig, denn es mache den Menschen, den Homo sapiens, zum geistigen Wesen, zur Krone der Schöpfung auf der Erde und beim Stammhirn wichtig, da ohne es kein Mensch auch nur zehn Sekunden überleben könne. Das Zwischenhirn sei der „Stimmungsmacher“ des Menschen. Der Mensch sei zu jeder Zeit „gestimmt“. Bei körperlichem Wohlergehen melde das Zwischenhirn: „Du fühlst dich gut, riskier was.“ Bei Niedergeschlagenheit sei der Mensch objektiv nicht auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit, das Zwischenhirn lasse den Menschen vorsichtig und zurückhaltend sein.
Das Problem, das Ditfurth sieht: Im Zwischenhirn seien auch die von den genetischen Vorgängern des Menschen, den FrühmenschenAustralopithecinen (vor 4,2 Millionen Jahre – 2 Millionen Jahre), Homo habilis (Werkzeug, vor 2,1 Millionen Jahre – 1,5 Millionen Jahre), Homo erectus (Werkzeug, vor 1 Million Jahre – 50.000 v. Chr.), Neandertaler (Werkzeug, Bestattung der Toten, vor 220.000 Jahre – 27.000 v. Chr.). Die Frühmenschen lebten in der Steinzeit (Pleistozän). Zum Vergleich: Homo sapiens (der anatomisch moderne Mensch) (Sprache, Kunst, Ackerbau, Viehzucht, seit 130.000 Jahren), in der Steinzeit gemachten (und vererbten) Erfahrungen in Form von Instinkten wirksam.
Unangepasste Instinkte Ditfurth hält die folgenden vier „Neandertalergesetze“ für unangepasst an die heutige Zivilisation: Fremdenfeindlichkeit (Xenophobie) Bereitschaft zum intraspezifischen Totschlag (Mensch gegen Mensch) Unterordnung des Einzelnen unter die Interessen der eigenen Gesellschaft die Interessen der eigenen Gesellschaft sind denen aller anderen Konkurrenten übergeordnet (Chauvinismus)
Der heutige Mensch habe den aus der Steinzeit überkommenen Neandertalergesetzen die zehn Gebote Moses (ca. 800 v. Chr.) entgegengesetzt: Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen, nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut. Bemerkenswert: Die mosaischen Gebote seien sämtlichst Verbote, es gehe den mosaischen Geboten also darum, die Neandertalergesetze einzudämmen, dem alten Adam Einhalt zu gebieten.
Irrationalität Ditfurth zerbrach sich den Kopf über ein Vorkommnis aus dem Krieg, ohne (damals) zu einem klaren Resultat zu gelangen. Ein am Arm verwundeter junger Leutnant in ordensgeschmückter Uniform, dick weiß mit einem Gipsverband in der Schlinge, betrat im Oktober 1939 ein Café am Kurfürstendamm, in dem Ditfurth (als frisch gebackener Medizinstudent) saß. Alle im Café sich befindenden Leute, auch Ditfurth, verstummten und betrachteten ehrfürchtig den Leutnant. Ditfurth fühlte sich in diesem Augenblick schuldig und wäre gerne der Leutnant gewesen, der da in der Tür stand. Ditfurth versuchte, seine Schuldgefühle zu analysieren, um auf den Grund seines Verhaltens und das der Leute im Café zu kommen. Aber es war vergebens. Erst Jahrzehnte später (Der Geist fiel nicht vom Himmel (1976)) kam Ditfurth auf die Lösung. Er versuchte, eine unbewusste und instinkthafte Verhaltensweise, die dem Zwischenhirn, dem Neandertaler zuzuordnen sei, mit rationalen Mitteln, durch Nachdenken (also mit dem Großhirn) zu verstehen. Aber da gebe es nichts zu verstehen. Instinkte seien unbefragbare Vorgänge, die für die Überlebensfähigkeit des Menschen (und der Tiere) sorgen, aber eben nicht „richtig“ oder „falsch“ (objektiv, rational) seien, sondern „gut“ oder „schlecht“ (subjektiv, irrational). Im Falle des Leutnants wurden die Schuldgefühle dadurch hervorgerufen, dass der Leutnant sein Leben für die Gemeinschaft (das deutsche Volk) einsetzte, Ditfurth aber seinen privaten Interessen (Medizinstudium in Berlin) nachging. Aus der Sicht des Neandertalers war das Soldatendasein des Leutnants gut für die Gemeinschaft, das eigensüchtige Verhalten Ditfurths dagegen schlecht für die Gemeinschaft.
Nach dem Krieg erkannte dann auch Ditfurth, dass es eine objektive Seite der Angelegenheit gab. Der Leutnant nahm, objektiv gesehen, an einer verbrecherischen Politik (räuberischer Angriffskrieg auf Polen) teil, was aus rationaler Sicht falsch war.
Das NS-System Ditfurth schreibt, dass die Nationalsozialisten es geschafft hätten, die Neandertalergesetze wieder in Kraft zu setzen. „Viele Menschen hielten die aus dem Käfig ihres Unbewussten mobilisierten archaischen AffekteAffekt = starke Gefühlsregung für einen Gewinn an Kraft und Freiheit.“ Wie aktiv die Instinkte seien, sieht Ditfurth in den alten Wochenschauen und Propagandafilmen dokumentiert. „Verzückte, in ekstatischer Verehrung leuchtende Gesichter der Menschen, die ihrem Führer wie einem Erlöser zujubeln.“ „Jetzt stellte sich heraus, wie dünn die Wand tatsächlich ist, die moderne Menschen von der Geistesverfassung des Neandertalers trennt.“
Das Weltbild des NS-Systems Dem Nationalsozialismus in Deutschland (1933–1945) lag nach Meinung Ditfurths ein WeltbildDer Mensch lebe nicht in der Welt, sondern in dem Bild (Weltbild), das er sich von der Welt mache, so Ditfurth. Wenn dann das Weltbild sich als falsch herausstellen sollte – Ditfurth behauptet, es sei immer falsch, wenn man es genau nehme –, „bricht für einen Menschen die Welt zusammen“ („Man versteht die Welt nicht mehr.“). Falsch sind alle Weltbilder im folgenden Sinn: Sie bilden nur einen Teil der Welt ab (nach Meinung Ditfurths einen verschwindend geringen). Weltbilder sind abgeschlossen in dem Sinn, dass sie es den Individuen einer Art trotzdem gestatten, sich in der Welt zurechtzufinden. Das Weltbild eines Huhns oder eines Hundes z. B., obwohl bestimmt ärmer als das Weltbild des Menschen, reicht für das Huhn bzw. den Hund sehr wohl aus, um sich in der Welt zurechtzufinden. zugrunde, und zwar das des Sozialdarwinismus. Es gab zwei „Lehrfilme“, die Ditfurth als Schüler im Biologieunterricht gezeigt bekam, die dieses Weltbild veranschaulichen sollten. a) Ein Huhn frisst mit Appetit Regenwürmer. Für die nationalsozialistische Obrigkeit ein Beweis, dass es in der Welt einen „Kampf ums Leben“ gebe. b) Ein „Professor“ erklärt einem „naiven Blondchen“ einen anderen Vorgang: Ein Hirschkäfer kämpft mit einem anderen Hirschkäfer und besiegt diesen schließlich wegen seiner Überlegenheit. Nach Ansicht der nationalsozialistischen Obrigkeit ein Beweis, dass der Stärkere überlebt. Damit, so die nationalsozialistischen Machthaber, sei gezeigt, wie es in der Welt, unter den Völkern, zugehe. Ditfurth schreibt, dass „die nationalsozialistische Propaganda unermüdlich bestrebt war, uns davon zu überzeugen, daß die Mitglieder nichtgermanischer Völker und Rassen, insbesondere Juden und Slawen, nicht in dem vollgültigen Sinne als Menschen angesehen werden könnten wie wir (sondern nur als Untermenschen, sozusagen als Mitglieder degenerierter Nebenlinien unserer Art).“
Die Darwin’sche Lehre Ditfurth räumt ein, dass es in der Natur einen „Kampf“ gebe. Aber dieser Überlebenskampf verlaufe auf völlig anderen Schienen. Es gebe den wesentlichen Unterschied zwischen intraspezifischer Aggression und interspezifischer Aggression.Gedächtnisstütze: Jagdflinte = interspezifische Aggression, Militärkarabiner = intraspezifische Aggression (Konrad Lorenz) Der in der Natur vorkommende Kampf ums Überleben finde statt zwischen Individuen derselben (biologischen) Art, also intraspezifisch. In dem Vergleich der Fähigkeiten entscheide sich, welches Individuum sich erfolgreicher fortpflanzt und so in der nachfolgenden Generation mit seinen Erbanlagen (DNS) zahlreicher auftritt. Der Huhn-Regenwurm-Vorgang sei also von den nat.-soz. Machthabern missverstanden und entstellt worden, da er eine interspezifische Aggression darstelle und keinerlei Bedeutung für die Evolution der biologischen Arten habe.
Der von der Kamera gezeigte Hirschkäferkampf (intraspezifische Aggression) zeige schon die Wahrheit, aber der „Professor“ erklärt dem „naiven Blondchen“, dass der unterlegene Hirschkäfer bestimmt vom Sieger getötet worden wäre, wenn er nicht das Weite gesucht hätte. Aber die Natur sei nicht so dumm, schreibt Ditfurth, Leben mutwillig zu vergeuden. Die intraspezifische Aggression („der Kampf ums Überleben“) sei mit der Flucht des unterlegenen Hirschkäfers beendet. Es stehe nun fest, dass der siegreiche Hirschkäfer das umstrittene Revier, die umkämpfte Nahrungsquelle oder das umkämpfte Weibchen mit Beschlag belegen kann. Eine zusätzliche Tötung sei überflüssig und komme in der Natur wegen angeborener Verhaltensprogramme (Fluchttrieb, Tötungshemmung) auch nicht vor.