mini|hochkant=1.3|Barrikaden in Bordeaux mini|hochkant=1.3|Graffiti an der Universität von Lyon

Im Mai 1968 in Frankreich (auch Pariser Mai) kulminierte die 68er-Bewegung in Frankreich. Ging es anfänglich um die Verbesserungen der Studienbedingungen, wurden anschließend politische Forderungen zur Arbeitslosigkeit, zur Konsumgesellschaft (Kapitalismuskritik), zur Friedensbewegung (vor allem gegen den Vietnamkrieg, zum Prager Frühling, Internationale Solidarität) und zur Demokratisierung der Gesellschaft erhoben.

Die Unruhen, die nach Studentenprotesten im Mai 1968 zunächst durch die Räumung einer Fakultät der Pariser Universität Sorbonne ausgelöst wurden, führten zu einem wochenlangen Generalstreik, der das ganze Land lahmlegte. Langfristig zog diese Revolte kulturelle, politische und ökonomische Reformen in Frankreich nach sich.

Vorbedingungen

Beginn der Proteste in Frankreich

1967/68 fanden politische Studentenproteste auch in Deutschland, den USA, Italien, der Tschechoslowakei, Polen, Japan, Mexiko, der Schweiz und weiteren Ländern statt, erreichten allerdings nirgendwo das Ausmaß der Geschehnisse in Frankreich: Das Frankreich der 1958 begründeten Fünften Republik hatte in den 1960er Jahren eine konservative Regierung unter Staatspräsident Charles de Gaulle und Premier Georges Pompidou. Bereits im November des Jahres 1967 verlangten mehrere politisch aktive Studentengruppen eine Verbesserung der Studienbedingungen, oder kritisierten anderweitig den Gaullismus, den französischen Konservativismus, was in der Administration jedoch ohne Gehör blieb. So hatte es in Nantes mit der Besetzung des Justizpalastes und in Jussieu nahe Lyon bereits mehrere Aktionen und Demonstrationen von Studenten gegeben.

In der in Nanterre, einer Trabantenstadt westlich von Paris, gelegenen Universität kam es zu größeren Protesten von Studenten gegen auf dem Campus anwesende Polizisten in Zivil. Im Januar 1968 wurden diese von Studenten fotografiert, und ihre Porträts wurden als Schilder bei Demonstrationen getragen. Vorlesungen der Soziologie wurden gestört. Am 14. Februar besetzten die sog. Enragés (Wütenden) in Nanterre die Studentenheime.

Ebenfalls im Februar demonstrierten Filmschaffende wiederholt auf dem Trocadéro unter der Leitung von François Truffaut gegen die von Kulturminister André Malraux veranlasste Absetzung Henri Langlois’ als Leiter der Cinémathèque française. International setzte sich u. a. Charles Chaplin für Langlois ein. Doch die Regierung blieb unnachgiebig. Unter den 5000 Demonstranten befanden sich prominente Künstler und Intellektuelle wie François Truffaut, Jean-Paul Sartre, Jean-Luc Godard, Jean-Pierre Léaud und Claude Jade, dennoch prügelten Hundertschaften von Polizisten auf die Beteiligten ein.

Im März streikten Arbeiter der Garnier-Werke in Redon. Der Streik griff auf die ganze Stadt über. In Nanterre gründete eine Gruppe von 142 linken Studenten verschiedener politischer Herkunft an der philosophischen Fakultät die radikale „Bewegung 22. März“. Zunächst wurde das Verwaltungsgebäude besetzt, um hochschulpolitische Ziele, aber auch die Aufhebung der Geschlechtertrennung in den Studentenheimen durchzusetzen. Führende Sprecher dieser Gruppe waren u. a. Daniel Bensaïd und Daniel Cohn-Bendit, der in den folgenden Monaten und Ereignissen auch als „Dany le Rouge“ in der Presse häufig als Redner zitiert wurde. Sein erster öffentlich bekannt gewordener Auftritt fand bei einer Schwimmbadeinweihung in Nanterre am 8. Januar 1968 statt, als er den anwesenden Sport- und Jugendminister François Missoffe öffentlich u. a. dafür kritisierte, sich nicht für die sexuellen Schwierigkeiten der Jugend zu interessieren.

Die Universität von Nanterre wurde aufgrund der fortgesetzten Unruhen von den Behörden am 2. Mai geschlossen.

Motive und kultureller Hintergrund des Protests

Die wirtschaftliche Lage in Frankreich begann sich gerade, zum ersten Mal seit dem Krieg, zu verschlechtern, die Arbeitslosigkeit nahm zu. Viele Protestaktionen richteten sich gegen den autoritären Geist der konservativen Gesellschaft, gegen den nach Meinung vieler Studenten und Intellektueller um sich greifenden Materialismus der Wohlstandsgesellschaft und gegen die sich ausbreitende Technokratie. Neben konkreten Zielen, wie Verbesserung der Studienbedingungen und Demokratisierung der Hochschulen sowie der Gesellschaft, standen auch unterschiedliche Forderungen nach einer anderen Gesellschaft. Das Ende der 1960er Jahre war dabei nicht nur in Frankreich eine Zeit des Umbruchs.

Die freizügige Kultur der Hippie-Bewegung war erst kurze Zeit zuvor aus den USA nach Europa gekommen, vermittelt z. B. durch Musik und Mode, und beeinflusste dort die Jugendkultur. Es wurde nun auch in Frankreich immer mehr über die sexuelle Revolution, über freie Liebe und Selbstverwirklichung diskutiert. Häufig entstand ein Generationenkonflikt kultureller Art mit den Eltern im historisch vom Katholizismus geprägten Frankreich, in dem Verhütungsmittel bis 1967 verboten waren. Der Protest gegen den Vietnamkrieg politisierte um 1968 Studenten in der ganzen Welt. Allerdings hatte auch das Frankreich de Gaulles allgemein eine gegenüber den USA auf Eigenständigkeit bedachte bis skeptische Haltung eingenommen. Das Attentat auf Rudi Dutschke in West-Berlin stieß auch in Frankreich auf große Empörung. Daniel Cohn-Bendit lud einige Wochen später den SDS-Vorsitzenden Karl Dietrich Wolff nach Nanterre ein.

Die Linke in Frankreich vor 1968

In Frankreich war die Linke traditionell stark.

Es existierte allerdings noch keine große sozialistische Partei, die sozialistische Bewegung war in mehrere kleinere Parteien und Gruppen gespalten. Kleinere marxistische und neomarxistische Strömungen waren in Frankreich zahlreich vertreten, etwa Trotzkisten, Maoisten, Leninisten oder Operaisten. Die in der Bevölkerung weitaus populärere Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) und die angeschlossene größte Gewerkschaft Confédération générale du travail (CGT) waren daran interessiert, im Sinne pragmatischer Realpolitik Lohnerhöhungen durchzusetzen und ansonsten im Kalten Krieg stabile Verhältnisse zu bewahren und ihre Führungsrolle in der Arbeiterschaft zu behalten. Während des Zweiten Weltkriegs hatten französische Kommunisten in der Résistance gegen die deutschen Besatzer mitgekämpft. Stalin wurde von ihnen als einer der Befreier vom Faschismus traditionell nicht hinterfragt, sondern verteidigt, auch als der Stalinismus in den 1960ern im politischen Moskau bereits kritisch diskutiert wurde.

mini|Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre und Che Guevara (v. l.), Kuba 1960

Die einflussreichsten Intellektuellen der Zeit (neben Sartre etwa Maurice Merleau-Ponty, Simone de Beauvoir, Roland Barthes, Claude Lévi-Strauss oder Henri Lefebvre) standen zum Teil der KPF nahe. Sie argumentierten in der Tradition des Existentialismus und Humanismus oder des Strukturalismus. Daneben gab es bis 1967 die Gruppe/Zeitschrift Socialisme ou barbarie um den Intellektuellen und libertären Sozialisten Cornelius Castoriadis, der marxistische Denkrichtungen radikal kritisierte. Diverse Anarchisten und anarchosyndikalistische Gewerkschaften (Confédération nationale du travail, CNT) waren an den klassischen anarchistischen Theorien orientiert und lehnten entsprechend jeden Führungsanspruch anderer linker Organisationen ab. Die Situationistische Internationale war eine kleine kulturrevolutionäre Gruppe um Guy Debord.

Die Studentenbewegung Hauptsächlich wurde von den meisten Studenten zunächst gegen das veraltete und erstarrte Bildungssystem protestiert.

Seit den 1950ern hatte sich die Anzahl der Studenten mehr als verdreifacht, ohne dass darauf von staatlicher Seite angemessen reagiert worden war. Eine notwendige Reform und Modernisierung der Universitäten und ihre Anpassung an die neuen Anforderungen des Wirtschaftssystems wurde von den meisten Studenten und Experten bereits diskutiert. 1966 hatten Situationisten in Straßburg eine Fundamentalkritik an der Gesellschaft und dem Bildungssystem geäußert und damit den eher ökonomisch grundierten Reformbestrebungen der Universität eine Absage erteilt. Ihr Pamphlet Über das Elend im Studentenmilieu hatte zu einem lokalen Skandal geführt, der ihren Thesen dann zu noch mehr Popularität unter Studenten verholfen hatte. Die Bewegung 22. März stand in Kontakt mit ihnen. 1967 waren Bücher wie Der eindimensionale Mensch von Herbert Marcuse (Kritische Theorie), oder das Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen von Raoul Vaneigem und Die Gesellschaft des Spektakels von Guy Debord (beides Situationisten) in Frankreich erschienen. Sie fanden einige Resonanz unter politisch interessierten Studenten. In der französischen Presse wurden einige dieser Bücher später für die Unruhen mit verantwortlich gemacht. Man las in linken Studentenkreisen neben verschiedenen Klassikern, wie Marx oder Bakunin, auch Autoren wie Wilhelm Reich (Freudomarxismus) oder Charles Fourier (Frühsozialismus).

Die Studentenbewegung in Frankreich war somit auch von politischen Fragen bestimmt, auf die man bei den vorherrschenden Ideologien verschiedener Richtungen, gerade auch bei der traditionellen Linken, keine Antworten mehr fand.

Aus einem Flugblatt, das in Nanterre zu dieser Zeit verteilt wurde:

Mai 1968 Radikalisierung des Protestes und der Gegenmaßnahmen mini|Eingang der Sorbonne

Am 3. Mai 1968 besetzten politisch linksstehende Studenten der Sorbonne die Räume der Universität, nachdem eine Versammlung in der Universität verboten worden war. Dort sollte gegen die Schließung der Universität von Nanterre am Morgen desselben Tages protestiert werden. Wegen der Gefahr, dass es zu gewaltsamen Ausschreitungen mit rechtsstehenden Studenten der Gruppe „Occident“ kommen könnte, ließen die Pariser Behörden die Gebäude am Nachmittag durch die Polizei räumen. Die Polizei setzte Tränengas ein, 500Remond, René: Geschichte Frankreichs. Frankreich im 20.Jhd II 1958 bis zur Gegenwart. 1995. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. Studenten wurden festgenommen und abtransportiert. Andere Studenten protestierten dagegen. Daraufhin begannen heftige Unruhen im Quartier Latin.

Einige Tausend Demonstranten lieferten sich Straßenschlachten mit der zunehmend überforderten Polizei. Weitere 600 Personen wurden festgenommen. Am 4. Mai wurde die Sorbonne geschlossen. Als Reaktion riefen die Gewerkschaft der Universitäten und die Studentengewerkschaft am 5. Mai zu einem Hochschulstreik auf. Die KPF distanzierte sich von diesen Protesten.

Am 6. Mai kam es wieder zu Demonstrationen, die sich am Abend zuspitzten. Die Forderungen waren: Öffnung der Universität von Nanterre, Abzug der Polizei aus der Sorbonne und Freilassung der inhaftierten Studenten.

Nachdem dies abgelehnt worden war, begannen mehr als 10.000 Demonstranten, Barrikaden zu errichten. Autos wurden umgeworfen, Pflastersteine aus den Straßen gebrochen und aufgetürmt. Beteiligt waren neben den Studenten zunehmend auch junge Arbeitslose, Schüler, Rocker und Arbeiter, Einwanderer, zumeist Männer, aber auch zahlreiche Frauen. Die Medien versuchten anfangs vergeblich, Sprecher der Bewegung für Interviews zu gewinnen.

Die Demonstrationen und Krawalle gingen in den folgenden Tagen weiter. Behörden und Polizei reagierten repressiv. Obwohl auch Autos der Anwohner in Flammen aufgingen, reagierten diese oft solidarisch und versorgten Demonstranten mit Nahrung oder boten Fluchtmöglichkeiten.

Die Barrikaden