mini|Die ungefähre Reiseroute mini|Ausgangspunkt der Reise: Zürich Hauptbahnhof mini|Ziel der Reise: Finnischer Bahnhof in Petrograd mini|Lenin 1915
Die Reise Lenins im plombierten Wagen fand während des Ersten Weltkriegs vom 9. bis 16. April 1917Soweit nicht anders angegeben, handelt es sich um Daten nach dem Gregorianischen Kalender. In Russland galt damals noch der Julianische Kalender mit einer Zeitverschiebung von 13 Tagen. statt. Sie führte Wladimir Iljitsch Lenin zusammen mit weiteren Emigranten vom Schweizer Exil durch das Deutsche Reich über Skandinavien nach Petrograd, dem heutigen Sankt Petersburg. Der „plombierte Wagen“Der Eisenbahnwagen war nicht plombiert, durfte aber nicht verlassen werden. Mehr dazu vgl. im entsprechenden Abschnitt. wurde dabei nur auf dem deutschen Streckenabschnitt benutzt.
Hintergrund Im Russischen Kaiserreich mussten politische Aktivisten, die sich für eine revolutionäre Änderung der Gesellschaftsordnung einsetzten, mit Gefängnis oder Verbannung rechnen. Lenin und viele andere russische Sozialisten waren nach der gescheiterten Russischen Revolution von 1905 gezwungen gewesen, Russland zu verlassen und ins Exil zu gehen. Nach dem Sturz des Zaren Nikolaus II. in der Februarrevolution 1917 bestand volle Betätigungsfreiheit für alle sozialistischen Richtungen.
Lenin, der sich seit 1914 in der neutralen, aber von kriegsführenden Mächten umgebenen Schweiz aufhielt, versuchte nach der Revolution verzweifelt, nach Russland zurückzukehren. Er war weiterhin russischer Staatsbürger und damit Angehöriger einer kriegführenden Macht. Sondierungen in Richtung der mit Russland verbündeten Mächte Frankreich und Großbritannien, um über sie und die ebenfalls neutralen skandinavischen Staaten nach Russland zu gelangen, scheiterten, weil jene befürchteten, dass die gegen den Krieg gerichtete Haltung Lenins ihre Interessen in Russland beeinträchtigen könnte. Die Alternative, über Deutschland und die skandinavischen Staaten nach Russland zu reisen, bedeutete für den Russen Lenin, die Hilfe des Kriegsgegners anzunehmen. Lenin fürchtete, dass dieser Vorwurf ihm politisch schaden würde. Da die mit Russland verbündeten Länder der Triple Entente sich aber strikt weigerten, Lenin ein Visum auszustellen, blieb ihm letztendlich nur dieser Weg.
Informelle Kontakte zwischen dem deutschen Auswärtigen Amt und den in mehrere rivalisierende Gruppen gespaltenen russischen Exilanten in der Schweiz hatten bereits seit September 1914 bestanden, als der deutsche Gesandte in Bern, Gisbert von Romberg, über den estnischen Revolutionär Aleksander Kesküla die Einstellung der russischen Revolutionäre zur Rolle Deutschlands bei einer Revolutionierung Russlands sondierte. Weitere Kontakte bestanden über die Gesandten in den neutralen Staaten Dänemark (Ulrich von Brockdorff-Rantzau) und Schweden (Hellmuth Freiherr Lucius von Stoedten). Am 6. Dezember 1915 schrieb Brockdorff-Rantzau in einer Denkschrift an Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg:
Allerdings sollte hierdurch bestenfalls eine Drohkulisse gegenüber Russland aufgebaut werden, konkrete Schritte wurden von deutscher Seite bis März 1917 nicht unternommen.Hahlweg: Lenins Reise durch Deutschland im April 1917, S. 308–312. Anfang April 1917 entwickelte Brockdorff-Rantzau in einer weiteren Denkschrift das Programm, im revolutionären Russland durch die Anschürung von Konflikten zwischen den politischen Lagern ein „größtmögliches Chaos zu schaffen“, wobei die radikalen Elemente bevorzugt zu unterstützen seien, um im Osten baldmöglichst zu einem Separatfrieden zu kommen.Hahlweg: Lenins Reise durch Deutschland im April 1917. S. 312 f. Auf diese Linie schwenkte schließlich auch Bethmann Hollweg ein, der Romberg anwies, den Revolutionären in der Schweiz die Rückreise über Deutschland anzubieten.
Verhandlungen zur Durchreise durch Deutschland Bereits unmittelbar nach Bekanntwerden des Sturzes des Zaren hatten die Exilanten ein „Zentralkomitee zur Rückkehr der in der Schweiz weilenden russischen Emigranten“ gegründet, das über 500 von ihnen vertrat. Dieses hatte unabhängig von deutschen Angeboten am 19. März entschieden, von den Deutschen eine Durchreiseerlaubnis im Austausch gegen deutsche und österreich-ungarische Kriegsgefangene in Russland zu beantragen. Die politischen Verhandlungen wurden von dem Komitee dem Schweizer Sozialdemokraten Robert Grimm übertragen. Das Ersuchen wurde am 23. März vom Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Arthur Zimmermann, der in Bad Kreuznach weilenden Obersten Heeresleitung bekanntgemacht, die keine Einwände erhob.Hahlweg: Lenins Reise durch Deutschland im April 1917. S. 315 f. Die einzigen Bedingungen waren, dass die Modalitäten der Reise gemeinsam vom Auswärtigen Amt und der Abteilung III b des Stellvertretenden Generalstabs geregelt werden sollten. Zudem bestanden Bedenken über die Haltung der anderen geplanten Durchreisestaaten. Die deutsche Seite war entschlossen, Lenin nötigenfalls über die Frontlinie nach Russland zu bringen, sollte das neutrale Schweden die Durchreise verweigern.
Unabhängig vom Emigrantenkomitee nahm Lenin, der den Deutschen von Alexander Parvus als besonders geeignet zur Destabilisierung Russlands empfohlen wurde, Ende März Kontakt mit der deutschen Gesandtschaft in Bern auf. Zu seinem Mittelsmann bestimmte er den Schweizer Sozialisten Fritz Platten, durch den er am 4. April eine Liste von Bedingungen übermitteln ließ. Von Romberg reichte sie am folgenden Tag nach Berlin weiter.Merridale, S. 169. Kernpunkt war, dass der Eisenbahnwagen, in dem Lenin und seine Begleiter reisten, als staatsrechtlich neutral deklariert wurde, Lenin und seine Begleiter somit den Boden des „feindlichen Auslandes“ nicht betraten, solange sie sich im Wagen aufhielten. Auch wurde direkter Kontakt zwischen Deutschen und Russen vermieden, indem Platten mitreiste und als „neutraler“ Schweizer Nachrichten zwischen Russen und deutscher Begleitung transportierte, so dass diese nicht direkt miteinander sprachen. Lenin konnte also immer angeben, dass keiner seiner Reisegruppe während der Durchfahrt mit Deutschen gesprochen habe.Hahlweg: Lenins Rückkehr. S. 91. Die Bedingungen wurden drei Tage später von der deutschen Seite bestätigt und das Verfahren während der Reise im Großen und Ganzen eingehalten. Die Situation, durch Deutschland reisen zu müssen, wurde auch seitens russischer Exilanten in der Schweiz scharf kritisiert,Merridale, S. 170. so dass Lenin darauf bestand, dass alle Mitreisenden die Durchfahrt durch Deutschland bezahlten, und auch bis einen Tag vor der Abreise noch versuchte, die Durchfahrt von den Alliierten genehmigt zu bekommen. Noch am Ostersonntag,Ostersonntag der West-Kirchen. dem 8. April 1917, versuchte er, bei der Gesandtschaft der Vereinigten Staaten in Bern vorstellig zu werden. Der junge Mitarbeiter, den er telefonisch erreichte, war Allen Dulles, der aber zu einem Tennismatch verabredet war und ihn auf den folgenden Montag verwies.Merridale, S. 170 f.
Platten fungierte später bei der Fahrt durch das Deutsche Reich als Transportführer. Als Begleiter des Transports wurden von deutscher Seite Rittmeister der Reserve Arwed von der Planitz und der deutsch-schwedische Gewerkschafter Wilhelm Jansson bestimmt, wobei die Russen den letzteren jedoch ablehnten. Die Presse sollte über das Ereignis nicht berichten.Romberg wies Legationssekretär Simon in Zürich an, eine kurze Notiz in der Zürcher Morgenzeitung veröffentlichen zu lassen, die im deutschen Sinne davon berichten solle, vgl. Hahlweg: Lenins Reise durch Deutschland im April 1917. S. 323. Eine solche Notiz ist in der Zürcher Presse nicht nachweisbar. Über die deutsche Gesandtschaft in Stockholm erwirkte man außerdem die Durchreiseerlaubnis durch Schweden, die erst eintraf, als die Fahrt schon begonnen hatte.
Kaiser Wilhelm II. erfuhr von der Angelegenheit erst im Nachhinein, am 11. April 1917, als die Aktion schon in vollem Gange war. Er hatte dagegen nichts einzuwenden.Hahlweg: Lenins Rückkehr. S. 93–95.
Die Fahrt Übersicht + Reise Lenins von Zürich nach Petrograd im April 1917 Datum Von–Nach BahnstreckeNach Wikipedia-Klassifikation (soweit vorhanden) Zug Anmerkung 9. April Zürich HB–GottmadingenAngaben nach Merridale, S. 173–176. Bahnstrecke Zürich–WinterthurRheinfallbahnHochrheinbahn Personenzug ca. zwei Stunden FahrzeitMerridale, S. 175. 9. April Gottmadingen–Singen Hochrheinbahn Sonderzug („plombierter Wagen“) Übernachtung in Singen 10. April Singen–Stuttgart–Karlsruhe–Frankfurt am Main Schwarzwaldbahn (nur von Singen bis Immendingen) Bahnstrecke Plochingen–ImmendingenBahnstrecke Stuttgart–HorbBahnstrecke Stuttgart–BruchsalRheintalbahnBahnstrecke Frankfurt am Main–Heidelberg oder Riedbahn Sonderzug („plombierter Wagen“) Übernachtung in Frankfurt am Main 11. April Frankfurt–Erfurt–Berlin Bahnstrecke Frankfurt–GöttingenBahnstrecke Halle–BebraPeter Kehm: Bahnhof Bebra. Die Geschichte eines Eisenbahnknotens in der Mitte Deutschlands . DGEG Medien GmbH, Hövelhof 2019, ISBN 978-3-946594-14-7, S. 171.Bahnstrecke Berlin–Halle Sonderzug („plombierter Wagen“) Übernachtung in Berlin, dort etwa 20 Stunden Aufenthalt 12. April Berlin–Stralsund–Sassnitz–Trelleborg und weiter Richtung Malmö Bahnstrecke Berlin–StettinBahnstrecke Angermünde–StralsundBahnstrecke Stralsund–SassnitzKönigslinieKontinentalbananSödra stambananVästra stambanan Sonderzug („plombierter Wagen“) bis SassnitzFähre Drottning Victoria bis TrelleborgRegelzug bis MalmöNachtzug nach Stockholm 13. April Aufenthalt in Stockholm Abfahrt 18:37 in Richtung Bräcke, Übernachtung im Liegewagen 14. April Stockholm–Gävle–Bräcke–Boden Bahnstrecke Stockholm–SundsvallNorra stambananBahnstrecke Sundsvall–StorlienStambanan genom övre Norrland Nachtzug Stockholm–BräckePersonenzug Bräcke–Boden Übernachtung im Zug nach Bräcke Boden–Haparanda–Tornio Bahnstrecke Boden–HaparandaGrenzüberquerung von Haparanda nach Tornio mit Pferdeschlitten Personenzüge Abends, nach 18 Uhr, Abfahrt mit Zug in Richtung Helsingfors Tornio–RiihimäkiDie Angabe bei Merridale, S. 245, dass die Reisegruppe „knapp nördlich von Helsingfors“ umgestiegen sei, kann sich nur auf diesen Abzweigbahnhof beziehen. –Terijoki – Petrograd Bahnstrecke Oulu–TornioBahnstrecke Seinäjoki–OuluBahnstrecke Helsinki–SeinäjokiBahnstrecke Sankt Petersburg–Riihimäki Personenzüge Gegen 23 Uhr abends Ankunft im Finnischen Bahnhof in Petrograd
Schweiz Erster Tag mini|Abreise morgenLenin („oulianoff“) aus Bern an Henri Guilbeaux am 6. April 1917Text des Telegramms: partons demain midi allemagne platten accompagne train priere venir immediatement frais couvrirons amenez romain rolland s'il est d'accord en principe. faites possible pour amener naine ou graber. telegraphiez volkshaus oulianoff mini|Unterschriften der Teilnehmer, 9. April 1917
Am Ostermontag, den 9. April 1917, versammelte sich die Reisegruppe am Vormittag im Gasthaus Zähringerhof am Zürcher Hauptbahnhof, wo zu Mittag gegessen wurde. Abschiedsreden wurden gehalten und Lenin verlas ein Statement im Namen der gesamten Gruppe auf Deutsch und Französisch. Zu der Gruppe gehörten 32 Personen, darunter neben Lenin selbst:Merridale, S. 172. Nadeschda Krupskaja (Lenins Ehefrau) Inessa Armand Grigori Sinowjew mit seiner Ehefrau und seinem neunjährigen Sohn Sarra Rawitsch (Sinowjews geschiedene erste Ehefrau) David Suliaschwili Micha Zchakaia Grigori Ussijewitsch mit seiner Ehefrau Jelena Moissei Charitonow Georgi Safarow Grigori Sokolnikow Karl Radek (österreichischer Sozialist, verließ die Reisegruppe in Stockholm)Merridale, S. 231. Fritz Platten (Schweizer Kommunist, reiste bis zur finnischen Grenze in Tornio, wo er am Grenzübertritt gehindert wurde)