mini|„Lesen Sie die neue Tageszeitung; die große Zeitung. Aktuell, interessant, am besten informiert.“ Die Brüsseler Zeitung (BZ) war eine überregionale deutschsprachige Tageszeitung mit Redaktionssitz in Brüssel, die während der deutschen Besatzung Belgiens im Zweiten Weltkrieg vom 1. Juli 1940 bis zum 2. September 1944 erschien. Sie war Teil einer Gruppe von Zeitungen, die speziell für die vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten Gebiete gegründet und später aufgrund der alliierten Rückeroberungen wieder eingestellt wurden.
Im Gegensatz zu ihren nord- und westeuropäischen Schwesterzeitungen erreichte die BZ teils Auflagen im Bereich einer großen deutschen überregionalen Zeitung und stach besonders im Vergleich zu den im Deutschen Reich erscheinenden Zeitungen durch einen gemäßigteren Stil und ein gehobeneres Niveau heraus, was sie auch in Deutschland recht beliebt machte. Trotz größerer Freiheiten, die sie genoss, war auch sie klar eine nationalsozialistische Zeitung; die belgische Leserschaft, von der vonseiten der BZ besonders die Flamen als „germanisches Brudervolk“ Beachtung fanden, blieb gering.
Gründungsphase
mini|Militärbefehlshaber von Falkenhausen sorgte dafür, dass die BZ ihre Büros und Druckerei bekam. Die Zeitung wurde anschließend zum Sprachrohr seiner Militärverwaltung.
Nachdem feststand, dass die Soldatenzeitung West-Front in Belgien nicht mehr erscheinen würde, unterstützte auch die Militärverwaltung in Belgien und Nordfrankreich die Gründung eines Nachfolgers, da Verwaltungschef Eggert Reeder durch das Fehlen von deutschsprachigen Zeitungen, den unterbrochenen Telefonverkehr, den schlechten Radioempfang und der Konfrontation der Soldaten mit der Zivilbevölkerung die Dringlichkeit einer „eingehende[n] politischen Unterrichtung“ gegeben sah.Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 48–49. Die West-Front wurde nicht, wie aus Eggerts Äußerung zu entnehmen wäre, gänzlich eingestellt, sondern lediglich nach Paris verlegt (Heinz-Werner Eckhardt: Die Frontzeitungen des deutschen Heeres 1939–1945. Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung, Wien/Stuttgart 1975 (= Schriftenreihe des Instituts für Publizistik der Universität Wien; Band 1), ISBN 3-7003-0080-8, S. 48). Die Herausgabe des Nachfolgers der West-Front ging in zivile Hände über, dem Europa-Verlag, einem von Rolf Rienhardt geleiteten Tochterunternehmen des Franz-Eher-Verlags unter Max Amann; diesem wurden schließlich alle Besatzungszeitungen zugeordnet, so auch die Deutsche Zeitung in den Niederlanden, die am 5. Juni 1940 als bis dahin neuestes derartiges Druckerzeugnis in Umlauf gebracht worden war.Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 43–44. Der Europa-Verlag stellte eine Umfirmierung der leeren Mantelgesellschaft Rheinische Verlagsanstalt dar (Thomas Tavernaro: Der Verlag Hitlers und der NSDAP. Die Franz Eher Nachfolger GmbH. Edition Praesens, Wien 2004, ISBN 3-7069-0220-6, S. 75). Die Spitze der Gründungsbelegschaft bildeten Chefredakteur Rudolf Sparing und Verlagsdirektor Viktor Muckel. Sparing war zuvor bei der Frankfurter Zeitung gewesen, hatte anschließend die Zeitung Das Reich mitgegründet und zuletzt an der Schaffung einer deutschen Presse in den besetzten polnischen Gebieten mitgewirkt.Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 49. Muckel war Verlagsdirektor der Rheinischen Landeszeitung gewesen und hatte anschließend kurzzeitig bis zu einer Verwundung als Soldat am Krieg teilgenommen.Friedemann Siering: Zeitung für Deutschland. Die Gründergeneration der Frankfurter Allgemeinen. In: Lutz Hachmeister, Friedemann Siering (Hrsg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. München 2002, ISBN 3-406-47597-3, S. 55–56. Rolf Falter vermutete irrigerweise, dass Muckel Verlagsdirektor beim Kölner Westdeutschen Beobachter gewesen war, obwohl er zwei Absätze zuvor korrekt angab, dass Muckel in Düsseldorf arbeitete (Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 51).
Räumlichkeiten und Druckerei wurden bei der wegen ihres angeblichen „liberalen Freimaurercharakters“ verbotenen Zeitung La Dernière Heure gefunden, die diese aufgrund einer Weisung des Militärbefehlshabers Alexander von Falkenhausen an Muckel übergeben musste. Letzterer konnte den Großteil des Personals davon überzeugen, in Zukunft für die Brüsseler Zeitung zu arbeiten. Allerdings wurden die leitenden Positionen durch Deutsche besetzt; die frühere Leitung befasste sich noch eine Weile mit administrativen Belangen, musste dann aber das Feld räumen. Da das Verwaltungsgebiet von Falkenhausens auch Nordfrankreich umfasste, wurde abweichend vom bisherigen Benennungsschema nicht der Name Deutsche Zeitung in Belgien verwendet.Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 51–52.
Der schnelle Start der Zeitung stellte zunächst enorme Anforderungen an die Redakteure, die 16 Stunden am Tag arbeiten mussten. Da es bislang kaum lokale Kontakte gab, war die BZ zu jener Zeit noch stark auf Berliner Berichte und Artikel angewiesen, die wegen der noch unterbrochenen Telefon- und Radioverbindungen per Flugzeug angeliefert und mit dem Auto aus Melsbroek abgeholt werden mussten. Auch hatte Sparing Probleme, sich mit dem belgischen Personal zu verständigen; die mangelnden Sprachkenntnisse der Schriftsetzer, die von den deutschen Redakteuren einen Setzkasten mit Umlauten bekommen hatten, führten schon einmal dazu, dass in der Zeitung ein „söben“ statt einem „soeben“ zu lesen war. Die vorgenannten Umstände erzwangen, dass die Zeitung mit Ausnahme der Sonntagsausgabe zunächst erst nachmittags erscheinen konnte. Mit dem 18. Juli konnte auf morgendliche Erscheinungsweise umgestellt werden, und die Arbeitsbedingungen begannen sich zu normalisieren.Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 52–53.
Nach der Gründung eines Anzeigenbüros im November, dem Anfang September 1941 noch ein weiteres in Antwerpen folgen sollte,Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 54. war die Gründungsphase soweit abgeschlossen, dass Viktor Muckel etwa einen Monat später die Zeitung verließ, um die neugegründete Pariser Zeitung aufzubauen, ihm folgte sein Stellvertreter Theo Hansen nach. Hansen wurde ab Ende 1943 als Nachfolger Muckels bei der Pariser Zeitung geführt, blieb jedoch bei der BZ bis zu ihrem Ende,Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 53. sodass er für eine Weile beide Zeitungen gleichzeitig geleitet zu haben scheint. Sparing hatte bereits Mitte Oktober 1940 seinen Posten niedergelegt und war fortan wie Muckel in alter Position bei der Pariser Zeitung tätig, bei der er ebenfalls nicht lange blieb. Sein Nachfolger wurde August Haase, vormals Belgien-Korrespondent verschiedener Zeitungen. Er war nach dem deutschen Angriff durch die belgischen Autoritäten nach Frankreich deportiert worden und erst im Oktober wieder zurückgekehrt, kam also als Außenstehender in die Zeitung. Er blieb jedoch weniger als ein Jahr; am 1. September 1941 wurde sein Status als „verreist“ gemeldet, bis er im Oktober durch Heinrich Tötter ersetzt wurde. Tötter war zuvor verantwortlich für den Politikteil gewesen und kurz vor Haases Weggang zu dessen Stellvertreter ernannt worden. Seine Artikel waren gemäßigter als die seines Vorgängers, der mit Vorliebe völkische Texte radikaler Färbung geschrieben hatte. Von Haase kam 1944 noch einmal ein Artikel, diesmal als Kriegsberichterstatter einer Propaganda-Kompanie; daher war er vermutlich von der Wehrmacht eingezogen worden.Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 64–65.
Mitte 1941 war der Betrieb soweit angewachsen, dass er fast 200 Mitarbeiter beschäftigte, davon 160 Belgier. Auf den Leitungspositionen fanden sich jetzt nur noch Deutsche. Da Muckel es nicht gelungen war, die Anteile des Verlages der Dernière Heure zu erwerben, war ein eigener Verlag belgischer Rechtsform gegründet worden, der fortan die Zeitung herausgab; Muckel und Hansen waren daran jeweils zur Hälfte beteiligt. Schließlich gelang es der BZ dennoch, an die Güter der Société d’Editions et de Publicité zu kommen. Letztere stand unter der Aufsicht eines deutschen Verwalters, der 1942 mit einem Verkauf die früheren Eigentümer der Societé vor vollendete Tatsachen stellte.Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 53–54.
Erscheinungsweise, Umfang und Sonderausgaben
Die BZ erschien zunächst an allen Wochentagen mit acht Seiten, gegen Ende 1940 samstags mit zehn und sonntags mit zwölf Seiten. Montags hatte die Zeitung zu allen Zeiten vier Seiten. Die zunehmende Papierknappheit wurde im Laufe der Zeit deutlich sichtbar, ab Juni 1942 gab es samstags und sonntags nur noch acht bzw. zehn Seiten. Seit Anfang 1943 erschien die Zeitung außer montags auch mittwochs und freitags mit vier Seiten, dienstags, donnerstags und samstags kam sie auf sechs Seiten. Im Mai 1944 wurde schließlich die Sonntagsausgabe abgeschafft. Insgesamt halbierte sich die Anzahl der Seiten im Zeitraum zwischen dem vierten Quartal 1940 und September 1944.Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 57.
Während der ersten zwei Jahre brachte die Zeitung diverse Sonderausgaben zu belgischen Brauereien, zum Textil- oder Möbelgewerbe oder zur Kölner bzw. Leipziger Messe heraus, diese waren dann doppelt so umfangreich wie sonst. Bisweilen gab es zu dieser Zeit bei besonderen Anlässen wie dem Angriff auf die Sowjetunion auch Extrablätter, die aber, nachdem sich das Blatt im Krieg gewendet hatte, nicht mehr erschienen. Der steigende Papiermangel führte dazu, dass der politisch-militärische Nachrichtenanteil zu Lasten von für die Propaganda eher unwichtigen Rubriken wie Wirtschaft und Sport anwuchs. Während sich der Umfang der Zeitung innerhalb von vier Jahren halbierte, verdoppelte sich der Preis im gleichen Zeitraum.
Im ersten Jahr profitierte die BZ noch von gehorteten Papierbeständen, doch unterlag auch sie wie ihre belgische Konkurrenz der Papierrationierung durch die Propaganda-Abteilung und bot pro Woche nur einige Seiten mehr als die deutschfreundlichen Volk en Staat und Le Nouveau Journal. Dennoch galt die BZ als so wichtig für die Soldaten, dass die Propaganda-Abteilung trotz ihres gespannten Verhältnisses zur Redaktion es nicht wagte, Einschnitte vorzunehmen.Rolf Falter: De Brüsseler Zeitung (1940–1944). In: Historica Lovaniensia, 137, Katholieke Universiteit Leuven (Fakultät für Geschichte), Löwen 1982, S. 56–57.
Die BZ verwendete Antiqua statt Fraktur, vorausgegangen war eine Anordnung, die für das Ausland bestimmten Druckerzeugnisse nur noch in dieser Schriftart auszuliefern.Otto Thomae: Die Propaganda-Maschinerie. Bildende Kunst u. Öffentlichkeitsarbeit im Dritten Reich. Mann, Berlin 1978, ISBN 3-7861-1159-6, S. 183–185. Zugleich Dissertation Berlin 1976.
Inhalt und Positionierung
Redaktion, Rubriken und Gestaltung
Die Redaktion