mini|Der Name Mistiwojs in Futhark eingraviert auf dem Runenstein 1 von Sønder Vissing.
Mistiwoj († 990/995) aus dem Geschlecht der Nakoniden war ein elbslawischer Fürst, der im 10. Jahrhundert im heutigen Mecklenburg und Ostholstein über den Stammesverband der Abodriten herrschte.
Nach dem Tod seines Vorgängers Nakon erlangte Mistiwoj 965/967 die Herrschaft über den abodritischen Stamm, spätestens 967 auch die Samtherrschaft über den aus mehreren Teilstämmen bestehenden Stammesverband. Unter Mistiwojs christlich-monarchischer Regentschaft erfolgte der Aufbau einer Kirchenorganisation im Abodritenreich durch das um 972 eingerichtete Bistum Oldenburg in Holstein. Zu den Bischöfen sowie den Fürsten der benachbarten Sachsen und Dänen unterhielt Mistiwoj enge Beziehungen, die er durch dynastische Eheschließungen abzusichern suchte. Obwohl ihm für das Jahr 983 eine Beteiligung am Slawenaufstand und die Zerstörung Hamburgs zugeschrieben wird, verlor Mistiwoj als Folge der Erhebung große Teile seines Herrschaftsgebietes an die siegreichen Lutizen. Nachdem er wenige Monate später in Quedlinburg zunächst um die Unterstützung des baierischen Thronanwärters Heinrich des Zänkers gegen die Lutizen nachgesucht hatte, erwies er sich bis zu seinem Tod als Verbündeter des römisch-deutschen Königs Otto III.
Erst die neuere Forschung zur Geschichte der Abodriten stuft Mistiwoj auch für die Zeit nach dem Slawenaufstand als „reichsnahen Slawenfürsten“ ein. In den Darstellungen zur ottonischen Kaiserzeit beschränkt sich die Rolle Mistiwojs dagegen nach wie vor auf die Zerstörung Hamburgs und seine Beteiligung am Slawenaufstand von 983.
Leben Herkunft, Familie und Name Mistiwoj gilt als Sohn des abodritischen Fürsten Nakon.Peter Donat: Mecklenburg und Oldenburg im 8. bis 10. Jahrhundert. In: Mecklenburgische Jahrbücher. Bd. 110, 1995, S. 5–20 hier S. 13; Nils Rühberg: Obodritische Samtherrscher und sächsische Reichsgewalt von der Mitte des 10. Jahrhunderts bis zur Erhebung des Fürstentums Mecklenburg 1167. In: Mecklenburgische Jahrbücher. Bd. 110, 1995, , S. 21–50, hier S. 22; Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219 hier S. 159, kritisch zur Abstammung Helge Bei der Wieden: Die Anfänge des Hauses Mecklenburg – Wunsch und Wirklichkeit. In: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands. Bd. 53, 2007, S. 1–20, hier S. 5 f. mit dem Hinweis, dass diese durch Quellen nicht belegt ist. Aus der Verbindung mit einer ungenannten Frau hatte Mistiwoj einen Sohn Mistislaw.Nach Franz Boll: Über den Obotritenfürsten Mistuwoi. In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde, Bd. 18. Schwerin 1853, S. 160–175, hier S. 173 eine „wendische Gemahlin.“ Dieser erlangte um 990/995 die Samtherrscherwürde, musste aber 1018 vor einem heidnischen Aufstand ins sächsische Lüneburg fliehen. Mit der Schwester des Oldenburger Bischofs Wago hatte Mistiwoj eine Tochter Hodica, die spätere Äbtissin des Nonnenklosters auf der Mecklenburg.Helmold I, 13–15. Die Ehe mit Wagos Schwester wurde später aufgelöst. Eine weitere Tochter Tove vermählte Mistiwoj vor 987 mit dem dänischen König Harald Blauzahn.Christian Lübke: Die Beziehungen zwischen Elb- und Ostseeslawen und Dänen vom 9. bis zum 12. Jahrhundert : eine andere Option elbslawischer Geschichte ? in: Ole Harck, Christian Lübke (Hrsg.): Zwischen Reric und Bornhöved. Steiner, Stuttgart 2001, S. 23–36, hier S. 31 nimmt als Jahr der Eheschließung ohne nähere Begründung 967 an. Nach anderer Auffassung heiratete nicht die Tochter Tove den dänischen König, sondern Mistiwojs Witwe,Birgit and Peter Sawyer: A Gormless History ? The jelling dynastie reviseted. In: Wilhelm Heizmann, Astrid van Nahl (Hrsg.): Runica - Germanica - Mediaevalia. De Gruyter, Berlin, New York 2003, S. 689–706, hier S. 702, gegen diese ausdrücklich Marie Stoklund: Artikel Sønder Vissing. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 29. De Gruyter, Berlin, New York 2005. Eine Ehe Harald Blauzahns mit Mistiwojs verstoßener Frau (Wagos Schwester) wird von beiden nicht erwogen. was aber ein Ableben Mistiwojs noch vor 987 voraussetzen würde. Bei dem durch Adam von Bremen überlieferten Mistidrag/Mizzidrog könnte es sich um einen Bruder Mistiwojs gehandelt haben.
Der Name Mistiwoj entstammt der polabischen Sprache und könnte Mstiwoj, in der Kurzform Mstuj, gelautet haben.Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219 hier S. 157 Anmerkung 125. Es handelte sich um eine Zusammensetzung aus den Wörtern m'stiti (=rächen) und woj (= Kriegsmann).Christian Lübke: Das östliche Europa. Siedler, München 2004 S. 532. Als lautmalerische Wiedergabe der polabischen Aussprache finden sich in den mittelalterlichen sächsischen Schriftquellen die Schreibweisen Mistav,Widukind III, 68. Mystuwoi und Mistui,Thietmar III, 18 und II, 14. Mystewoi,Adam II, 40. Mistiwoi,Helmold I, 16. und MistwinChronik des Lüneburger Michaelisklosters a. A. 1001.. Auf dem Runenstein von Sønder Vissing wird Mistiwoj je nach Lesart als Mistvir oder Mistives bezeichnet.Birgit and Peter Sawyer: A Gormless History ? The jelling dynastie reviseted. in: Wilhelm Heizmann, Astrid van Nahl (Hrsg.): Runica - Germanica - Mediaevalia. De Gruyter, Berlin, New York 2003, S. 689–706, hier S. 702.
Als Taufname könnte Mistiwoj den Namen BillugFür eine Gleichsetzung von Mistiwoj und Billug Gerd Althoff: Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century. In: The New Cambridge Medieval History. Band 3: Timothy Reuter (Hrsg.): c. 900 – c.1024 Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1999, ISBN 0-521-36447-7, S. 267–292, hier S. 283. nach seinem möglichen Paten Hermann Billung erhalten haben.Ruth Bork: Die Billunger. Mit Beiträgen zur Geschichte des deutsch-wendischen Grenzraumes im 10. und 11. Jahrhundert. Greifswald 1951, S. 26; ihr folgend Bernhard Friedmann: Untersuchungen zur Geschichte des abodritischen Fürstentums bis zum Ende des 10. Jahrhunderts (= Osteuropastudien des Landes Hessen. Reihe 1: Giessener Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens. Bd. 197). Duncker & Humblot, Berlin 1986, ISBN 3-428-05886-0, S. 244.
Samtherrschaft Mistiwojs monarchisch-christliche Samtherrschaft über den abodritischen Stammesverband beruhte auf einer wirtschaftlich und militärisch starken Hausmacht im Gebiet des abodritischen Teilstamms und einer Durchdringung des Abodritenreiches durch eine christliche Kirchenorganisation.
Herrschaft über Stamm und Stammesverband Nach dem Tod Nakons 965/967 übernahm Mistiwoj zunächst nur die Herrschaft über den Teilstamm der Abodriten im engeren Sinne. Dieser siedelte im Gebiet um das heutige Wismar und Schwerin. Bei den Abodriten beruhte die Nachfolge in den Fürstentitel auf dem Erbrecht. Alle männlichen Angehörigen der Herrscherfamilie waren Inhaber des Titels, der vom ältesten männlichen Vertreter ausgeübt wurde (Brüdergemeine). Der Fürst war aber nicht der alleinige Vertreter des politischen Willens. Zur Einsetzung des Fürsten als Samtherrscher über alle Teilstämme bedurfte es der Bestätigung durch eine Versammlung des Adels.Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219 hier S. S. 184; ihm ausdrücklich folgend Klaus Zernack: Abodriten. In: Herbert Jankuhn, Heinrich Beck u. a. (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 1: Aachen – Bajuwaren. 2., völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. de Gruyter, Berlin u. a. 1974, ISBN 3-11-004897-3, S. 13–15, hier S. 13. Belegt ist eine derartige Legitimationsakt für Mistiwoj nicht; in der Forschung gilt seine Samtherrschaft gleichwohl als gesichert.
Als zentraler Herrschaftssitz und Repräsentationsort diente Mistiwoj die Mecklenburg. Auf oder nahe der Burg befand sich neben einer dem Apostel Petrus als Namenspatron geweihten Kirche ein Nonnenkloster. Es diente der Zentrierung und Festigung der Herrschaftsbildung, als Grablege und durch das Gebetsgedenken der Identitätsfindung einer Familie und Sippe sowie der Repräsentation adeliger Herrschaft.Irene Crusius Dort wurden die Töchter der Vornehmen des Abodritenlandes aufgenommen, um die einheimischen Adelsfamilien an den Ort der Herrschaftsausübung zu binden.Jürgen Petersohn: König Otto III. und die Slawen an Ostsee, Oder und Elbe um das Jahr 995. Mecklenburgzug – Slavnikidenmassaker – Meißenprivileg. In: Frühmittelalterliche Studien. Bd. 37, 2003, , S. 99–139, hier S. 111. Die Mecklenburg war nicht zum dauerhaften Aufenthalt des Fürsten bestimmt. So musste sich Mistiwoj anlässlich einer Visitation des Oldenburger Bischofs Wago erst gesondert dorthin begeben.Helmold I, 15. Die Existenz eines Kaplans könnte auf einen Hof als Verwaltungseinrichtung und den Einzug der Schriftlichkeit hindeuten.Einen Kaplan erwähnt Thietmar IV 2; Gerd Althoff: Saxony and the Elbe Slavs in the Tenth Century. In: The New Cambridge Medieval History. Band 3: Timothy Reuter (Hrsg.): c. 900 – c.1024 Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1999, S. 267–292, hier S. 283 billigt Mistiwoj eine „entourage“, also ein Gefolge, zu. Urkunden Mistiwojs sind allerdings nicht überliefert. Weitere Burgen befanden sich in Ilow und Schwerin.
Neben diesen Burgen bildeten gepanzerte Reiter einen zusätzlichen Rückhalt der fürstlichen Macht. Sie sollen unmittelbar dem Befehl Mistiwojs unterstanden haben.Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219 hier S. 197. Für das Jahr 965 ist eine Bewaffnung der abodritischen Krieger mit Schwert, Helm und Kettenhemd belegt.Bericht des Ibrahim ibn Yaqub, abgedruckt bei Georg Jacob: Arabische Berichte von Gesandten an germanische Fürstenhöfe aus dem 9. und 10. Jahrhundert. In: Viktor v. Geramb, Lutz Mackensen: Quellen zur Deutschen Volkskunde., Bd. 1, De Gruyter, Berlin, Leipzig 1927, S. 11–18, hier S. 11. Die beträchtlichen Mittel für Ausstattung und Unterhaltung dieser Streitmacht stammten neben den Erträgen aus fürstlichen Eigengut insbesondere aus Geldabgaben einer mit zwei Getreideaussaaten und bemerkenswerter Pferdezucht offenbar im Überfluss produzierenden Landwirtschaft.Matthias Hardt: Fernhandel und Subsistenzwirtschaft. Überlegungen zur Wirtschaftsgeschichte der frühen Westslawen. in: Uwe Ludwig, Thomas Schilp (Hrsg.): Nomen et Fraternitas. Festschrift für Dieter Geuenich zum 65. Geburtstag. De Gruyter. Berlin, New York 2008, S. 741–764, hier S. 753; Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219 hier S. 196f. Darüber hinaus lassen Münzfunde arabischer Dirham auf Einnahmen aus dem Fernhandel schließen, wobei es sich um Sklavenhandel gehandelt haben könnte.Zum Fernhandel mit Sklaven bei den Westslawen Matthias Hardt: Fernhandel und Subsistenzwirtschaft. Überlegungen zur Wirtschaftsgeschichte der frühen Westslawen. in: Uwe Ludwig, Thomas Schilp (Hrsg.): Nomen et Fraternitas. Festschrift für Dieter Geuenich zum 65. Geburtstag. De Gruyter. Berlin, New York 2008, S. 741–764, hier S. 747–749.