mini|Die Grazer Herrengasse, einer der Tatorte (Foto von 2003) Bei der Amokfahrt von Graz am 20. Juni 2015 fuhr ein 26-Jähriger mit einem SUV und hoher Geschwindigkeit durch die Grazer Innenstadt. Dabei tötete er drei Menschen und verletzte 36 weitere.
Der Täter wurde für schuldfähig befunden und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Im September 2023 beging er in Haft Suizid.Das kurze Leben des Mörders Alen R., www.falter.at, 26. September 2023, Falter Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien, abgerufen am 5. Juni 2026.
Tathergang mini|Route der Amokfahrt durch Graz mini|Spontanes Gedenken vor dem Grazer Rathaus am Abend des 20. Juni
Die Amokfahrt in der Grazer Innenstadt führte ab 12:15 Uhr vom Griesplatz zum Hauptplatz und schließlich in die Schmiedgasse, wobei der Fahrer mit seinem grünen SUV vom Typ Daewoo Rexton vorsätzlich Fußgänger und Fahrradfahrer an- und überfuhr. Drei Personen wurden tödlich verletzt, darunter ein vierjähriges Kind. Weitere 36 Personen wurden teilweise schwer verletzt, darunter ein Mann (75), der acht Monate später in der Reha-Klinik verstarb. , Website der Stadt Graz, abgerufen am 22. Juni 2015.Amok-Opfer in Rehaklinik verstorben, Kleine Zeitung, 23. Februar 2016, abgerufen am 8. Oktober 2016. Während seiner Amokfahrt sprang der Fahrer außerdem vor einem Supermarkt in der Grazbachgasse kurz aus dem Auto, griff zwei Menschen mit einem Messer an und verletzte diese teils schwer. In der Schmiedgasse auf Höhe der Polizeiinspektion beendete er schließlich die Fahrt und konnte von der Polizei festgenommen werden.Ein Todesopfer war frisch verheiratet, kleinezeitung.at, 21. Juni 2015, abgerufen am 21. Juni 2015.Amokfahrt in Graz: Drei Erwachsene noch in kritischem Zustand. In: salzburg.com, 22. Juni 2015, abgerufen am September 2023. Neben der Polizei, international in Zusammenarbeit mit Interpol, untersuchte auch das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung den Fall, um religiöse Hintergründe für die Tat ausschließen zu können.Graz: Behörden prüfen Kontakte des Amokfahrers, diepresse.com, 22. Juni 2015, abgerufen am 27. Juni 2015.
Strecke der Amokfahrt
Die Amokfahrt führte vom Griesplatz über die Zweiglgasse, Augartenbrücke, Grazbachgasse, den Dietrichsteinplatz, die Schlögelgasse, Luthergasse, Girardigasse, Hamerlinggasse, Hans-Sachs-Gasse und die Herrengasse zum Hauptplatz bis zur Murgasse und schließlich in die Schmiedgasse. Die in Summe etwa zweieinhalb Kilometer lange Fahrtstrecke verlief ab Griesplatz bis zur Girardigasse anderthalb Kilometer weit durch zweispurige Einbahnen, nur die Girardigasse ist überwiegend eine einspurige Einbahn. Die Hamerlinggasse ist üblicherweise sehr verkehrsarm, da mit der Hans-Sachs-Gasse die Fußgängerzone beginnt. Hier liegt Streckenkilometer 1,7. In der Fußgängerzone Herrengasse verläuft mittig eine niveaugleiche zweispurige Straßenbahntrasse, streckenweise flankiert von Fahnenmasten oder Schanigärten, am Hauptplatz bestehen niedrige Haltestellen-Gehsteigkanten. Alleine der erste Streckenabschnitt in der Schmiedgasse entlang des Rathauses war damals noch keine Fußgängerzone. Der Amokfahrer befuhr in der Zweiglgasse und Grazbachgasse auch zumindest drei Gehsteige. Ein versenkbarer Poller, der vor vielen Jahren am nördlichen Ende der Hamerlinggasse Autos aus der Fußgängerzone aussperren sollte, wurde nach Fehlfunktion und Beschwerden stillgelegt und später wieder entfernt.
Die höchste Geschwindigkeit – von Zeugen auf bis rund 100 km/h geschätzt – soll der Amokfahrer auf der Geraden der Herrengasse, von der Hans-Sachs-Gasse bis zum Hauptplatz verlaufend, erreicht haben.
Ein veröffentlichtes Überwachungsvideo zeigt, dass der Wagen etwa zehn Meter vor dem Schanigarten des Cafe Gino-Muhr, Hauptplatz 17, am nördlichen Ende der Herrengasse nicht auf der für Straßenbahnen und Kfz-Verkehr freigehaltenen etwa mittigen Trasse der Herrengasse fuhr, sondern in nur zwei bis zuletzt ein Meter Abstand von der östlichen Hausfassade in die etwa drei Meter breite Fußgängertrasse zwischen Schanigarten und Hauswand einfuhr.3 Einzelbilder, indiziert 20-06-2015 12:25:25; ...:26; ...:27. In: Kronenzeitung, Print vom 28. Juni 2015, Grafik S. 18. Auf den drei Bildern sind etwa acht seitlich weglaufende Menschen zu sehen, sowie eine Frau, die mit einem Kinderwagen-Buggy zur Hauswand fährt und sich an diese drängt, als der Wagen in anderthalb Meter Abstand nordwärts passiert.
Gerichtsprozess und Polizeiakt Nach erfolgten Ermittlungen begann am 20. September 2016, genau 15 Monate nach der Tat, die auf 9 Tage anberaumte Hauptverhandlung am Landesgericht vor einem Geschworenengericht.Prozess gegen Amokfahrer startet im September auf kleinezeitung.atAmokfahrt Graz: Ermittlungsverfahren abgeschlossen nachrichten.at, 5. Juli 2016, abgerufen am 19. September 2016. Staatsanwalt und Haftrichter bestellten unterschiedliche Gutachter, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Dadurch wurde das Urteil eines Obergutachters nötig, der den Täter als nicht zurechnungsfähig einstufte.Grazer Amokfahrer Anstalt statt Gefängnis Die Presse, abgerufen am 16. Juni 2016
Untersuchungshaft und forensisch-therapeutische Unterbringung Nach seiner Verhaftung wurde der Amokfahrer in Untersuchungshaft genommen und in die Justizanstalt Graz-Jakomini eingeliefert. Er zeigte dort ein sehr aggressives und unkooperatives Verhalten, sodass er in einem gesicherten Haftraum untergebracht werden musste. Die Anstaltsleitung von Graz-Jakomini beantragte die Verlegung des U-Häftlings in die Justizanstalt Wien-Josefstadt. Als Gründe wurden zum einen die große Emotionalität in der Grazer Justizanstalt bei Personal und Insassen, zum anderen die suizidalen Tendenzen des Amokfahrers genannt.Amokfahrer rastete in U-Haft aus In: kleinezeitung.at, 3. Juli 2015, abgerufen am 6. Juli 2015. Verlegt wurde Alen R. schließlich in die Sonderanstalt JA Göllersdorf. Der Täter befand sich bis Juni 2016 in Untersuchungshaft und wurde im direkten Anschluss in die forensisch-therapeutische Abteilung des LKH Graz II Standort Süd eingewiesen.Tiroler Tageszeitung Online: Haftprüfung abgesagt – Amokfahrer von Graz erst 2016 vor Gericht, 23. November 2015, abgerufen am 9. März 2020.U-Haft für Grazer Amokfahrer Alen R. aufgehoben, nicht schuldfähig krone.at, 8. Juni 2016, abgerufen am 30. September 2023.
Hintergründe Der zum Tatzeitpunkt 26-jährige Alen R. war als Vierjähriger mit den Eltern vor dem Bosnienkrieg nach Österreich geflohen und erhielt die österreichische Staatsbürgerschaft. Ursprünglich stammt die Familie aus Bihać. Er arbeitete als Kraftfahrer und lebte mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Kalsdorf bei Graz. Am 28. Mai 2015 wurde er für zwei Wochen wegen häuslicher Gewalt aus der gemeinsamen Wohnung verwiesen, seine Frau wurde von der Polizei in einem Frauenhaus untergebracht., tv.orf.at, abgerufen am 28. Juni 2015. Die Polizei bestätigte für ihn ein Betretungsverbot der Wohnstätte seiner Familie. In: BR-Online, 21. Juni 2015.⁰„Nicht nur Graz ist geschockt, sondern Kalsdorf auch“. In: kleinezeitung.at, abgerufen am 21. Juni 2015. Am 1. Februar 2016 wurde die Ehe einvernehmlich geschieden.Grazer Amokfahrer wurde einvernehmlich von Ehefrau geschieden derstandard.at, Di 2. Februar 2016, abgerufen am 30. September 2023.
Im Prozess behauptete Alen R., Christ zu sein. Eine Nachfrage der beisitzenden Richterin, ob er getauft worden sei, verneinte er. Bei Durchsuchung seiner Wohnung durch die Polizei war als einziges Buch der Koran gefunden worden, R. gab an, dass dieser seiner Frau gehöre. Die Festplatte seines PCs hatte Alen R. anscheinend vor seiner Amokfahrt mit einer speziellen Software gelöscht, so dass sie nicht mehr rekonstruierbar war. Alen R. war mit dem in einem anderen Prozess verurteilten IS-Prediger Fikret B. befreundet. Die ehemalige Ehefrau beschrieb bei ihrer Aussage eine Prügelei der beiden mit rumänischen Kunden ihres Fahrzeughandels. Auch bei seiner Ersteinvernahme noch am Tattag hatte er gegenüber den Polizisten geäußert: „Mein Gott wird euch bestrafen“ und erklärt, Muslim zu sein. Jedoch widerrief er diese Behauptung einen Tag später. Der Gutachter Walzl beschrieb am siebenten Prozesstag, dass Alen R. ein Kreuz getragen und im Koran gelesen habe, sowie eine protokollierte Aussage von ihm zu seinem Glauben: „Jesus Christus oder Allah, irgendeiner von denen wird es schon sein.“ Tickernachlese zum siebten Prozesstag Der Standard
Prozess
Aussagen des Täters und Zeugenaussagen Im Prozess behauptete Alen R., aus Angst gehandelt zu haben. Er habe sich verfolgt und von seinem Schwiegervater bedroht gefühlt, sei von seiner (ins Frauenhaus geflohenen) Frau unterdrückt worden, diese habe auch versucht ihn zu vergiften und der Auslöser für seine Amokfahrt seien Schüsse gewesen, die er glaubte gehört zu haben. Er habe in Panik psychotisch gehandelt, könne sich an nichts erinnern und habe nur die nächste Polizeiinspektion aufsuchen wollen. Daneben gab er am ersten Prozesstag an, selbst Opfer zu sein, und erklärte am vierten Prozesstag, dies mit seiner weißen Kleidung vor Gericht indirekt unterstreichen zu wollen.Vierter Prozesstag: Grazer Amokfahrer für Aufarbeitung „brauche ich Therapie“ Der Standard, Tickernachlese zum 4. Prozesstag Außerdem habe er die Kontrolle über seinen Wagen verloren und das Gas- mit dem Bremspedal verwechselt. Dass er auch kurz ausgestiegen und mit einem kleinen Messer auf ein von ihm angefahrenes Paar eingestochen hatte (der Ehemann des frisch verheirateten Paares war das erste Todesopfer), erklärte Alen R. damit, dass er sich von diesen bedroht gefühlt habe, weil sie sich so nahe an seinem Autofenster befunden hatten.
Dieser Darstellung widersprachen jedoch zahlreiche Zeugen, die aussagten, dass Alen R. zielgerichtet auf Menschen zugefahren und geschickt Hindernissen (Hydrant, Laternen, Betonbänke, Fahnenmasten, Werbesäulen usw.) ausgewichen sei. Ein paar Zeugen erklärten sogar, ihn mit einem Arm lässig aus dem offenen Fenster gelehnt beim Lenken seines Autos beobachtet zu haben. Außerdem wurde er dabei gefilmt und gesehen, wie er während der Amokfahrt beim Einbiegen in die Grazbachgasse an einer roten Ampel anhielt und ordnungsgemäß den Blinker betätigte. In der Stubenberggasse wurde Alen R. dabei gesehen, wie er mit seinem Geländewagen umdrehte, da dort eine Baustelle die Straße blockierte. Dabei musste er in der engen Gasse mehrmals reversieren. Auch hier wurde sein Fahrstil von den Zeugen als zielgerichtet und geschickt beschrieben.
Von zahlreichen Zeugen der Amokfahrt in der Herrengasse wurde beschrieben, dass Alen R. dort absichtlich nicht die Fahrbahn oder das Gleisbett der Straßenbahn gewählt hatte, sondern seinen Wagen zielgerichtet auf den relativ schmalen, aber von Fußgängern stark frequentierten Gehbereich entlang der Einkaufsgeschäfte gelenkt hatte und dabei auch ein paar gut besuchte Schanigärten durchfuhr. Dort verursachte er auch die meisten Verletzten (einige davon schwer) sowie zwei der drei Todesopfer (einen 4-jährigen Buben und eine 53-jährige alleinlebende Grazerin, die erst Wochen nach der Fahrt identifiziert werden konnte). Außerdem gaben die Zeugen übereinstimmend an, dass Alen R. dort mit seinem SUV noch stark beschleunigt hatte, und schätzten die Geschwindigkeit auf 50–80 km/h. Ein Zeuge am 4. Prozesstag und einer am 5. ProzesstagFünfter Prozesstag zu Grazer Amokfahrt Der Standard, Tickernachlese 5. Prozesstag erklärten jeweils, dass Alen R. bei seiner Fahrt in der Herrengasse sogar gelacht habe, als er in die Menschenmenge fuhr. Eine ähnliche Beobachtung hatte ein anderer Zeuge der Fahrt in der Zweiglgasse bereits am zweiten Prozesstag beschrieben.Tickernachlese zum ersten Prozesstag Die PresseTickernachleser zum zweiten Prozesstag. Die PresseTickernachleser zum dritten Prozesstag Die PresseTickernachleser zum ersten Prozesstag Der StandardTickernachlese zum zweiten Prozesstag Der StandardTickernachlese zum dritten Prozesstag Der Standard