mini|250px|David Hume und Adam Smith an der Scottish National Portrait Gallery Die Schottische Aufklärung (englisch Scottish Enlightenment, Scots Scots Enlichtenment, gälisch Soillseachadh na h-Alba) war eine Zeitspanne im 18. Jahrhundert, in der Schottland eine Vielzahl herausragender Persönlichkeiten auf den Gebieten der Kunst und Literatur, der Wissenschaften, der Technik und der Architektur hervorbrachte wie auch signifikante technische und wissenschaftliche Fortschritte machte. Dies geschah gerade zu einer Zeit, als Schottland seine politische Unabhängigkeit verloren hatte und wesentliche Teile der alten Führungsschicht wie der politischen Macht nach London abwanderten.
Der Begriff selbst wurde um 1900 geprägt und seit den 1960er Jahren systematisch erforscht.Karl Ballestrem: Adam Smith. C. H. Beck, 2001, S. 10 ff. Die schottischen Aufklärer, Technologen und Intellektuellen wurden lange als britisch bzw. englisch subsumiert und erst im 20. Jahrhundert in ihrer Eigenständigkeit erforscht. Die in Schottland erlebte ökonomische Prosperität wurde gegenüber der Macht der Könige und des Adels betont und als Grundpfeiler der einsetzenden kulturellen Blüte gesehen. Die schottische Aufklärung war dabei materialistischer orientiert als die idealistische französische oder deutsche Version; die nach wie vor virulente Konkurrenz zu England trug mit zu ihrem Erfolg bei.Bernd Carqué: Stil und Erinnerung: französische Hofkunst im Jahrhundert Karls V. und im Zeitalter ihrer Deutung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 978-3-525-35190-1, S. 121 ff.
Hintergrund Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Schottland mit seinen etwa 1,2 Millionen Einwohnern noch deutlich ärmer als England. Seine Landbevölkerung wurde im Umfeld der Clearances gezwungen, ihre Dörfer zu verlassen, um Schafen Platz zu machen. Die Union mit England 1707 und das endgültige Ende der staatlichen Unabhängigkeit Schottlands nach der Schlacht bei Culloden 1746 veranlasste Parlament, Politiker, Aristokraten und deren Klientel (die sogenannten Placemen) nach London abzuwandern.
Jedoch blieb das schottische Recht vom englischen unterschiedlich. Die Gerichte und die zugehörigen Juristen blieben in Edinburgh, genauso wie die Presbyterianische Kirche, die Universitäten und das medizinische Establishment in Schottland verblieb. Entfernt vom politischen Zentrum bildete sich eine neue Mittelklasse in größerer intellektueller Freiheit.Alexander Broadie: The Scottish Enlightenment. 1997, S. 10.Michael Lynch (Hrsg.): Oxford Companion to Scottish History. 2001, S. 133–137. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts etablierten sich Schulen in den Kirchbezirken wie fünf Universitäten. Lesegesellschaften und intellektuelle Zirkel wie die Select Society und der Poker Club in Edinburgh wie an den weiteren Universitätsstädte St Andrews, Glasgow und Aberdeen florierten.Mark R. M. Towsey: Reading the Scottish Enlightenment: Books and Their Readers in Provincial Scotland, 1750–1820. 2010.
Einige der Protagonisten, namentlich Adam Smith, bezeichneten sich als Nord-Engländer und waren an einem eigenständigen schottischen Profil gar nicht interessiert.Krzysztof Michalski (Hrsg.): Aufklärung heute. Klett-Cotta, 1997, Fußnote S. 195. Smith, Hume und andere betonten die menschliche Vernunft und deren Fähigkeit, Gesellschaft und Natur zum besseren zu ändern. Der pragmatische und empirische Ansatz unterschied die schottischen Aufklärer vom Kontinent. Die schottische Aufklärung strahlte auch weit über Schottland hinaus – nicht nur wegen des Rufs der schottischen Gelehrten in Schottland, sondern weil das Bildungssystem und seine Absolventen auch in anderen Zentren und Regionen tätig wurden. Zeitlich ist mit ihr der Umschwung von hergebrachten Naturrechtstheorien zu den modernen Sozialwissenschaften verbunden.Maximilian Oettingen-Wallerstein: Humes These. Königshausen & Neumann, 2008, S. 66.
Zentren mini|Arthur's Seat und Edinburgh Die Schottische Aufklärung hatte ihr Zentrum in Edinburgh. Dort entstand die erste Fortschrittstheorie in Britannien, vertreten von den schottischen Philosophen David Hume (1711–1776) und Adam Ferguson (1723–1816). Sie erkannten in der historischen Tragödie ihres eigenen Landes die gesamte Spannweite der humanen sozialen Entwicklung: von Sammlern und Jägern über die Landwirtschaft bis hin zur wahren Zivilisation – der kommerziellen, industriellen und wissenschaftlichen Welt der Städte. Ein Ausdruck dieser Aufklärungsperiode mit ihrem Fortschrittsoptimismus ist noch heute in der New Town von Edinburgh zu sehen. George Drummond, dem seinerzeitigen Bürgermeister, ist es zu verdanken, dass sich das Bild der Stadt und deren Situation angesichts der Übervölkerung der Altstadt derart drastisch veränderte. Bedeutende Architekten wurden in Schottland tätig. Einer davon war Robert Adam, der die Edinburgher Anlage um Charlotte Square in der New Town konzipierte.
Kaum eine Generation nach Culloden wurden die Städte Glasgow und Edinburgh bekannt als Stätten geistiger Produktivität. Der Romancier Tobias Smollet (1721–1771) konnte seinen Helden Matthew Bramble in dem Briefroman Humphrey Clinker (1771) gar feststellen lassen: „Edinburgh ist eine Brutstätte des Genies“ („hot-bed of genius“). Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich dort eine geistige Elite, die selbst auf dem Kontinent ihresgleichen suchte.
Der Schotte, der auf dem Gebiet der Ökonomie am weitesten wirkte, war Adam Smith (1723–1790). In seinem Werk Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations legte er die Annahme zugrunde, dass die Menschheit einen natürlichen Hang zur Selbstverbesserung habe. Erlaube man ihr, ihren natürlichen Bedürfnissen zu folgen, schaffe sie auch ungewollt eine bessere Welt: reicher, freier und mit einer besseren Ausbildung. Die Regierungen sollten sich nicht in den Weg der sich entwickelnden Märkte stellen. Neben seiner Rolle als Wegbereiter der Nationalökonomie erstellte er auch ein umfangreiches moralphilosophisches Werk, etwa die Theorie der ethischen Gefühle.
Einige andere der herausragenden Persönlichkeiten der Schottischen Aufklärung waren Schriftsteller und Poeten wie Robert Burns (1759–96) und Sir Walter Scott (1771–1832), Maler wie Allan Ramsay (1713–84) und Henry Raeburn (1756–1823) oder Techniker wie James Watt (1736–1819). David Hume, Dugald Stewart, Thomas Reid, Adam Ferguson, John Playfair, Joseph Black und der Geologe James Hutton wären ebenso zu nennen. Die Rolle der Frauen in dem Prozess wird erst seit vergleichsweise kurzer Zeit untersucht. Es gab interessanterweise keine schottischen Blaustrümpfe und deutlich mehr bekannte weibliche Intellektuelle in England als in Schottland.
Auswirkungen Wirtschaft mini|Siedlungsreste in den Highlands bei Kilmaluag Zu Beginn der Union mit England war Schottlands Bevölkerung nur ein Fünftel der britischen, das Wirtschaftsleistung und Vermögen war nur ein Bruchteil britischen Zahlen. Schottland begann dann aber aufzuschließen.R. H. Campbell: The Anglo-Scottish Union of 1707. II: The Economic Consequences. In: Economic History Review. vol. 16, April 1964. Insbesondere bemühte sich die Gentry und der Adel, die Landwirtschaft auf englisches Niveau zu bringen, was zugleich eine erhebliche Landflucht verursachte.J. D. Mackie, B. Lenman, G. Parker: A History of Scotland. Penguin, London 1991, ISBN 0-14-013649-5, S. 288–291. Beim internationalen Handel wurden die amerikanischen Kolonien von entscheidender Bedeutung.J. D. Mackie, B. Lenman, G. Parker: A History of Scotland. Penguin, London 1991, ISBN 0-14-013649-5, S. 292. Glasgow profitierte insbesondere vom Handel mit Industriegütern und als Umschlagplatz des Tabakhandels. Die Royal Bank of Scotland wurde 1727 gegründet, als Konkurrenz der jakobitischer Sympathien verdächtigten Bank of Scotland. Ebenso folgten lokale Banken in Glasgow und Ayr, die auch als Finanziers des Handels und bei Infrastrukturverbesserungen wirkten.J. D. Mackie, B. Lenman, G. Parker: A History of Scotland. Penguin, London 1991, ISBN 0-14-013649-5, S. 297.
Erziehung und intellektuelles Klima 1496 wurden im Rahmen des Education Act alle Söhne von Baronen und Freisassen zum erweiterten Schulbesuch verpflichtet.P. J. Bawcutt, J. H. Williams: A Companion to Medieval Scottish Poetry. Brewer, Woodbridge 2006, ISBN 1-84384-096-0, S. 29–30. Das bereits seit dem 17. Jahrhundert etablierte Netzwerk von Schulen in den Pfarrbezirken wurde weiter verstärkt, ausgebaut und besser finanziert, wobei die Lowlands schneller und besser versorgt waren.R. Anderson: The history of Scottish Education pre-1980. In: T. G. K. Bryce, W. M. Humes (Hrsg.): Scottish Education: Post-Devolution. 2. Auflage. Edinburgh University Press, Edinburgh 2003, ISBN 0-7486-1625-X, S. 219–228. Der bereits im 19. Jahrhundert weit verbreitete Mythos der many a lad of pairts. dem in Schottland nun im Gegensatz zu England möglichen Aufstieg Jungs einfacher Herkunft rührt daher. Die Geschichtsschreibung sieht das mittlerweile etwas differenzierter,T. M. Devine: The Scottish Nation, 1700–2000. Penguin Books, London 2001, ISBN 0-14-100234-4, S. 91–100. wobei der Erfolg der schottischen Bildungsausweitung grundsätzlich nicht in Frage steht. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts war der Universitätszugang einfacher und breiter als in England, Frankreich oder DeutschlandR. A. Houston: Scottish Literacy and the Scottish Identity: Illiteracy and Society in Scotland and Northern England, 1600–1800. Cambridge University Press, Cambridge 2002, ISBN 0-521-89088-8, S. 245. was sich dann anschließend auszuzahlen begann.A. Herman: How the Scots Invented the Modern World. Crown Publishing Group, London 2001, ISBN 0-609-80999-7. In England wurde die Schulpflicht erst in den 1880er Jahren eingeführt und die Oberschicht verteidigte nicht nur ihre Privilegien, sondern legte deutlich weniger Wert auf formale Bildung als andernorts, etwa beim preußischen Bildungsbürgertum.Yasemin Nuhoglu Soysal, David Strang: Construction of the First Mass Education Systems in Nineteenth-Century Europe. In: Sociology of Education. Vol. 62, No. 4 (Oct., 1989), S. 277–288 American Sociological Association Zum Ende des 17. Jahrhunderts hatte Schottland fünf Universitäten, England nach wie vor nur zwei. Mathematik und Astronomie wurden etabliert, insbesondere die medizinischen Fakultäten in Edinburgh wurden überregional bedeutend. Robert Sibbald war bei der Gründung des Royal College of Physicians of Edinburgh (1681) beteiligt.T. M. Devine: The rise and fall of the Scottish Enlightenment. In: T. M. Devine, J. Wormald: The Oxford Handbook of Modern Scottish History. Oxford University Press, Oxford 2012, ISBN 978-0-19-162433-9, S. 373. mini|Bücherei des Royal College of Physicians of Edinburgh Die französische Aufklärung kulminierte in den Salons und der großen Encyclopédie (1751–72) von Denis Diderot und Jean le Rond d’Alembert, an der Hunderte von führenden Intellektuellen mitwirkten. In Schottland wurden (ähnlich wie in Deutschland) private Klubs, Verbindungen und Netzwerke bedeutsam; die Bedeutung des Druck- und Verlagswesens war allein schon in Edinburgh spürbar, wo zwischen 1763 und 1783 die Anzahl der Verlage von sechs auf 16 und die der Papiermühlen von drei auf 12 stieg.R. B. Sher: Scotland Transformed: The Eighteenth Century. In: J. Wormald (Hrsg.): Scotland: A History. Oxford University Press, Oxford 2005, S. 169. Die Encyclopædia Britannica wurde in Edinburgh zwischen 1768 und 1771 zuerst herausgegeben und wurde bis 1898 auch dort verlegt.