mini|Die M8, die Übungsvariante M9 und gleichzeitig entwickelte Bazooka-Raketen
Die M8, offizielle Bezeichnung Rocket, HE, 4.5-inch, M8 (auf Deutsch etwa Rakete, hochexplosiv, 4,5-Zoll, M8), war eine militärische Rakete der United States Army. Sie wurde während des Zweiten Weltkriegs entwickelt und eingesetzt, durch ein Klappleitwerk stabilisiert und verfügte über eine elektrische Zündung. Ursprünglich als Luft-Luft-Rakete geplant, wurde sie als Luft-Boden- und Boden-Boden-Rakete eingesetzt.
Bis zum Kriegsende 1945 wurden über 2,5 Mio. Raketen produziert, danach wurde die M8 durch verbesserte Nachfolger ersetzt. Trotz ihres kurzen Einsatzes war die M8 für das amerikanische Militär ein wichtiger Schritt, um Erkenntnisse aus Entwicklung, Produktion und Einsatz von Flugkörpern zu sammeln.
Entwicklung mini|Robert Goddard mit einem Prototyp, 1918 hochkant|mini|Hauptentwickler Leslie Skinner Während des Ersten Weltkriegs führte der amerikanische Wissenschaftler und Raketenpionier Robert Goddard in Aberdeen Proving Ground Versuche durch, wie die Raketentechnik militärisch genutzt werden könnte. Sein damaliger Assistent Clarence Hickman hatte die Idee, Raketen als Flugzeugbewaffnung zu nutzen. Diese Raketen sollten aus Röhren, welche unter den Tragflächen angebracht waren, gestartet werden. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges stoppte die US-Armee die weitere Raketenentwicklung.U. S. rocket ordnance, 1946, S. 23–24.
In den 1930ern beschäftigte sich der US-Army-Offizier Leslie Skinner mit der Weiterführung der Versuche von Goddard und Hickman. Das United States Army Ordnance Department unterstützte ihn nur in geringem Maße und versetzte ihn 1938 nach Hawaii.Mark J. Reardon: Bazooka in: A History of Innovation: U.S. Army Adaptation in War and Peace: U.S. Army Adaptation in War and Peace, Center of Military History (U.S. Army), 2010, ISBN 978-0-16-086722-4
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bemerkten die USA den technischen Rückstand in der Raketentechnik gegenüber dem Vereinigten Königreich, der Sowjetunion und dem Deutschen Reich. Das daraufhin gegründete National Defense Research Committee (Nationales Komitee zur Verteidigungsforschung, NDRC) übernahm die Koordinierung der Forschung zu militärischen Zwecken.U. S. rocket ordnance, 1946, S. 1–2, 23. Hickman, nun in Verantwortung einer Sektion des NDRC, sorgte dafür, dass Skinner im November 1940West Point Association of Graduates über Leslie Skinner, basierend auf dem Artikel Pioneers in Rocketry II von Leo A. Codd im ORDNANCE-Magazine, Januar–Februar 1959 () zur Indian Head Powder Factory versetzt wurde, um dort für die US Army die Forschungsarbeit an den Raketen fortzusetzen. Neben der M8 entwickelte Skinner die Panzerabwehrrakete Bazooka.Mark J. Reardon: Bazooka in: A History of Innovation: U.S. Army Adaptation in War and Peace: U.S. Army Adaptation in War and Peace, Center of Military History (U.S. Army), 2010, ISBN 978-0-16-086722-4
Die Intention des NDRC war es, zunächst eine Luft-Luft-Rakete mit Annäherungszünder zu entwickeln. Die Rakete sollte insbesondere bei der Bekämpfung von feindlichen Bombern zum Einsatz kommen. Durch den Annäherungszünder müsste die Rakete das Flugzeug nicht direkt treffen, denn auch ein Vorbeiflug würde die Sprengung auslösen. Splitter und Detonationswelle sollten daraufhin das Flugzeug treffen.U. S. rocket ordnance, S. 23–24. Skinner baute als Hauptentwickler, mit Hilfe weiterer Personen des Army Ordnance Department, des NDRC sowie der US Navy, einen Prototyp, der am 29. Mai 1941 zum ersten Mal vom Boden aus gestartet wurde.U. S. rocket ordnance, 1946, S. 23–24. Die Raketenhülle bildete ein ausgemusterter 4,5-Zoll-Feuerlöscher, der so auch den späteren Durchmesser der M8 festlegte.Green u. a.: The Ordnance Department, 1955, S. 444. Die zuerst starren Leitflächen wurden durch einklappbare ersetzt, um die Rakete aus einer Röhre starten zu können.U. S. rocket ordnance, 1946, S. 23–24. Die Rakete war zunächst unter der Testbezeichnung T12 bekannt.Bishop: The Encyclopedia of Weapons of World War II, 2002, S. 175. Im Dezember 1941 erreichte der Prototyp stabile Flugeigenschaften.Green u. a.: The Ordnance Department, 1955, S. 444.
Die Forschungseinrichtung am Wright Field übernahm die Konzeption eines flugzeugtauglichen Raketenwerfers.U. S. rocket ordnance, 1946, S. 23–24. Der erste Start in der Luft erfolgte am 6. Juli 1942; der Raketenwerfer war dabei unter einem Flügel einer Curtiss P-40 montiert. Weitere Pläne waren die Entwicklung eines nachladbaren Raketenwerfers für den Bombenschacht einer Douglas A-20.Green u. a.: The Ordnance Department, 1955, S. 444–445. Da die M8 dank des Startrohres theoretisch auch in andere Richtungen als die Flugrichtung des Flugzeugs gefeuert werden konnte, folgten Experimente mit nach oben und nach hinten feuernden Raketenwerfern.Green u. a.: The Ordnance Department, 1955, S. 435–437, 449.
Zu dieser Zeit waren das Ordnance Department und NDRC sehr zuversichtlich bezüglich des Entwicklungsfortschritts der M8, sodass Zusagen über die Verfügbarkeit der Raketen für die im November 1942 angesetzte Operation Torch gemacht wurden. Die Anforderung von anfangs 15.000 Raketen wurde auf 600.000 erhöht. Doch dann geriet das Projekt ins Stocken; neben vielen technischen Problemen wurde die Versorgung mit dem neuartigen Treibladungspulver zum Engpass. Um mehr Ressourcen zur Entwicklung und später beim Bau zur Verfügung stellen zu können, entschied sich das Ordnance Department, das Einsatzprofil auf eine Boden-Boden-Rakete für die Bodenstreitkräfte zu erweitern. Die unterschiedlichen Anwendungsarten sollten durch verschiedene Zünder ermöglicht werden: Annäherungs- für die Luft-Luft-Rakete bzw. Aufschlagzünder für die Boden-Boden-Rakete. Da sich später die Kriegslage zugunsten der Alliierten wendete und feindliche Flugzeuge keine größere Bedrohung mehr darstellten, wurde die Variante mit Annäherungszünder nie eingesetzt. Das Konzept floss aber in eine langfristige Entwicklung zukünftiger Luftkampfwaffen ein. Anstelle des Annäherungszünder statteten die United States Army Air Forces die M8 ebenfalls mit Aufschlagzünder aus, um diese als Luft-Boden-Rakete einzusetzen.Green u. a.: The Ordnance Department, 1955, S. 444–446.
Die Massenproduktion begann schließlich erst im Februar 1943; begleitende Tests zeigten jedoch einige Schwächen in der Konstruktion sowie der Ausführung. Die Produktion wurde im Juni 1943 gestoppt, um die M8 nachzubessern. Alte Lieferverträge wurden gekündigt, neue wurden mit Revere Copper and Brass aus Rome (New York) abgeschlossen.OS 9-69, 1944, S. 75. Es wurden auch personelle und organisatorische Umstrukturierungen vorgenommen. Während Skinner nach Europa versetzt wurdeCol. Leslie Skinner, Inventor of Bazooka in Evening Independent vom 4. November 1978 (Online), übernahm Gervais Trichel die innerhalb des Army Ordnance Department neu gegründete Abteilung für Raketenentwicklung, mit deutlich aufgestocktem Personal und Budget.Green u. a.: The Ordnance Department, 1955, S. 448–449.
Die Rakete durchlief mehrere Entwicklungszyklen. Die Verbesserungen in der M8A1 waren ein verstärkter Triebwerkskörper und die Eignung für den Einsatz bei höheren Umgebungstemperaturen. Die M8A2 hatte einen kleineren Sprengkopf sowie verstärkte Ummantelung und die M8A3 verbesserte Leitflächen.TM 9-394 1945, S. 110–111. Erst das endgültige Modell T22 funktionierte zufriedenstellend in einem weiten Temperaturbereich.U. S. rocket ordnance, 1946, S. 24.
Technik mini|hochkant|Prinzipschaubild mini|Triebwerk mini|Halte- und Kontaktbügel
Der Raketenkörper setzte sich aus zwei Hauptteilen zusammen: dem Sprengkopf und dem Raketenantrieb. Der Sprengkopf bestand aus einer metallischen Ummantelung, dem Kopfzünder mit Verstärkerladung und einer Sprengröhre, die weit in den Raketenantrieb hineinragte.OS 9-69, 1944, S. 53, 64. Um den Sprengstoff vor der Hitze der gezündeten Treibladung zu schützen, war die Sprengröhre auf der Außenseite mit Ton isoliert.OS 9-69, 1944, S. 70. Der Sprengkopf und die Röhre waren mit TNT-SprengstoffOS 9-69, 1944, S. 70., bzw. einer inerten Substanz bei der Übungsvariante M9, gefüllt. Die in den Motor ragende Sprengröhre sorgte bei der Explosion dafür, dass dessen Bestandteile zur Erzeugung zusätzlicher Splitter genutzt wurden.TM 9-394, 1945, S. 103. Die Ummantelung des Sprengkopfs war mittels Gewinde mit der Ummantelung des Motors verbunden.OS 9-69, 1944, S. 64.
Für die Rakete musste ein neuer Zünder, der M4, konstruiert werden, da der Zünder eines Artilleriegeschosses nicht genutzt werden konnte. Bei Artilleriegeschossen basiert das Scharfstellen des Zünders (Vorrohrsicherung) auf dem Prinzip des Dralls und der Längsbeschleunigung; bei der leitflächenstabilisierten M8 konnte hingegen nur die Längsbeschleunigung genutzt werden.OS 9-69, 1944, S. 53. Das Scharfstellen erfolgt in zwei Schritten; erstens musste der Zünder beim Raketenstart eine Vorwärtsbeschleunigung erfahren, dann musste diese Beschleunigung nach dem Ausbrennen des Triebwerks enden. Die Treibladungsstäbe waren ungefähr 26 Meter nach dem Start verbrannt. Die Absicht hierfür bestand darin, dass keine versehentliche Zündung vor dem Start und während der kurzen Beschleunigungsphase geschah.OS 9-69, 1944, S. 63–64. Der Zünder wurde allerdings bei einer relativ geringen Beschleunigung von 100 g scharfgestellt, was vergleichbar wenig gegenüber einem Artilleriegeschoss (etwa 20.000 g) oder einer Mörsergranate (etwa 4.000 g) ist. Sobald der Sicherungsstift des Zünders gezogen wurde, durften deshalb beim Beladen des Startrohres keine großen Erschütterungen stattfinden.TM 9-394, 1945, S. 112. Der Aufschlagzünder konnte auf sofortige oder eine verzögerte (0,1 s) Zündung eingestellt werden.TM 9-394, 1945, S. 103. Bei sofortiger Zündung erfolgte die Explosion an der Oberfläche; Druckwelle und Splitter verteilte sich in einem großen Umkreis. Bei verzögerter Zündung drang die Rakete in das Ziel ein oder es wurde ein tiefer Explosionskrater gebildet.
Die metallische Ummantelung des Motors war zylindrisch und am hinteren Ende zu einer Düse geformt. Sie enthielt die Treibladung und die Anzündvorrichtung. Außen an der Düse waren die eingeklappten Leitflächen montiert. Wenn die Rakete die Abschussröhre verließ, klappten die sechs Leitflächen auf und stabilisierten den Flug der Rakete. Eine Sollbruchstelle in der Motorummantelung stellte bei einem zu großen Druck innerhalb der Motorummantelung sicher, dass Sprengkopf und Motor getrennt wurden. Der Sprengkopf wurde nach vorne ausgestoßen und hatte dadurch eine deutlich verkürzte Reichweite von nur etwa 100 bis 1000 Metern. Dieses konnte bei einer verstopften Düse oder bei frühen Modellen bei zu hohen Umgebungstemperaturen vorkommen.TM 9-394, 1945, S. 103.
Die frühen Versionen der M8 funktionierten sicher mit der fabrikmäßig ausgelieferten Treibladung nur in bestimmten Bereichen der Umgebungstemperatur, beispielsweise bis 32 °C bei der ersten Version. Bei einem Einsatz über der Grenztemperatur musste die Treibladung vor Ort um einzelne Stäbe reduziert werden.TM 9-394, 1945, S. 107, 110–111.
Die Treibladung bestand aus 30 Ladungsstäben aus Ballistit. Jeweils drei Stäbe waren auf einem Haltedraht aufgefädelt; dabei war genügend Spiel zwischen Draht und Stab, so dass diese sowohl an der Außen- wie auch Innenseite abbrennen konnten. Insgesamt waren zehn Haltedrähte ringförmig innerhalb der Ummantelung gespannt. Zwei mit Schwarzpulver gefüllte Beutel waren auf jeder Seite angebracht. Sie sollten sicherstellen, dass auch die obere Sektion der Treibladung sicher angezündet wurde.OS 9-69, 1944, S. 70.