Ferdinand „Nand“ Peeters (* 13. Oktober 1918 in Mechelen; † 27. Dezember 1998 in Turnhout) war ein belgischer (flämischer) Gynäkologe und Wissenschaftler, der maßgeblich an der Entwicklung von „Anovlar“ beteiligt war. Anovlar war die erste Antibabypille, die außerhalb der USA vermarktet wurde (1961), die akzeptable Nebenwirkungen aufwies und die weltweit verwendet wurde.Albach 1997:939.
In der von ihm empfohlenen Originalzusammensetzung wurde Anovlar seit der Einführung bis 1986 durch die Schering AG produziert, obwohl ab 1964 auch Varianten mit niedrigeren Hormonmengen auf den Markt kamen – darunter einige unter dem Namen „Anovlar“.
Darüber hinaus lieferte Nand Peeters auch einen wichtigen Beitrag zur Behandlung der Rhesus-Inkompatibilität.
Leben Nand Peeters wurde als Sohn von Désiré Peeters geboren, einem Chirurgen, der in Mechelen eine eigene Klinik gegründet hatte. Nand besuchte dort die Sint-Rombouts-Mittelschule und studierte danach Medizin an der Katholieke Universiteit Leuven. Seine Ausbildung zum Facharzt der Gynäkologie schloss er aber in einer Entbindungsanstalt in Brügge ab.
1945 heiratete er Paula Langbeen, mit der er sechs Kinder hatte, und die sein ganzes Leben seine Buchhalterin war – Peeters selbst verabscheute jede Verwaltungsarbeit.
1946 ließ er sich als Gynäkologe in Turnhout nieder. Bis dahin verfügte Turnhout über keinen Gynäkologen, obwohl es mit 32.000 Einwohnern die größte Stadt des nördlichen Kempen war.Verslag over het Bestuur en de Toestand der Zaken van de Stad Turnhout … 7 Juni 1948 im Turnhouter Stadtarchiv, abrufbar. Bevor er seine Praxis eröffnete, betrug die perinatale Sterberate in Turnhout etwa 10 bis 12 Prozent; in seinem ersten Jahr gelang es ihm, sie auf zwei Fälle von etwa 500 Entbindungen zu senken.
1951 wurde er zum Direktor der Maria-Gabriël-Entbindungsanstalt und der gynäkologischen Abteilung des Sankt-Elisabeth-Hospitals ernannt. Unter seiner Leitung wurde diese Abteilung eine der besten im ganzen Land, was seine statistischen Ergebnisse, die er bei einer Tagung an der Katholieke Universiteit Leuven vorlegte, zeigten.Van den Broeck 2014:61. Er schaffte die modernste Technologie an, betrieb innovative Forschung, regte junge und vielversprechende Ärzte, die er anstellte, zur Forschung an, und führte neue Techniken, wie die Sonografie, ein. 1952 stellte die Katholieke Universiteit Leuven ihn als Lehrkraft auszubildender Ärzte an. Diese Anstellung wurde 1963 aus bisher nicht geklärten Gründen beendet. Noch in 2011 behauptete die Universität, seine Akte, die diese Gründe wohl erklären könnte, sei „schwer zu finden“.In Anführungszeichen „moeilijk te vinden“ im niederländischen Originaltext in Van den Broeck 2014:157.
Ebenfalls in Turnhout gründete er 1953 die Sankt-Elisabeth-Krankenschwesterschule, wo er ehrenamtlich lehrte. Er war ein anspruchsvoller Dozent und Prüfer, übertrug den von ihm ausgebildeten Krankenschwestern aber viel Verantwortung.Van den Broeck 2014:65.
1986 trat er in den Ruhestand. Eine Hirnblutung 1988 beendete sein berufliches Leben, da er nicht länger kommunikationsfähig war. Er lebte noch zehn Jahre, bis zum 27. Dezember 1998.
Gynäkologe Beruflich war Peeters vor allen Dingen Gynäkologe, der eine große Zahl an Geburten begleitet hat. So zählte er die Entbindungen, die er begleitet hatte, nicht länger, als sie 30.000 überschritten. Sein Ziel war dabei stets, das Wohlbefinden seiner Patientinnen, in deren Geschichten über ihn ihre Achtung vor und ihr Vertrauen zu Peeters zum Ausdruck kommen.In De pil van dokter Peeters, einem Dokumentarfilm am 8. März 2012 von Canvas ausgestrahlt, und in Van den Broeck 2014:131-145. (Van den Broeck (2014:130) beschreibt seine Interviews mit den ersten Patientinnen, die sich freiwillig für Peeters’ Untersuchungen zur Verfügung stellten, die zur Entwicklung von Anovlar führen sollten, als die tiefgründigsten seiner ganzen 25-jährigen Journalistenlaufbahn).
Er widmete sich in diesem Bereich der Forschung, lehrte, hielt aber auch nicht-akademische Vorlesungen und publizierte sowohl für die Fachwelt als für das breite Publikum. Er tat dies, weil er damit hoffte, das Wohlbefinden seiner Patientinnen sowie schwangerer und heiratsfähiger Frauen zu verbessern. Bezeichnenderweise war das erste Problem, mit dem er sich noch während seiner Ausbildung in Brügge beschäftigte, Schmerzbehandlung während der Entbindung.
Die Entwicklung von Anovlar In den fünfziger Jahren verfolgte Peeters die Entwicklung verschiedener Hormone sowie ihre Anwendungen mit großer Aufmerksamkeit. Er kannte das Werk Gregory Pincus’ und auch die bedenklichen Nebenwirkungen dessen Medikaments „Enovid“, das ursprünglich ab 1957 als Arzneimittel gegen Menstruationsbeschwerden verschrieben wurde. Er wusste außerdem, dass die Schering AG eine Anzahl von Hormonen entwickelt hatte. Als Jean Frenay, ein Vertreter bei Schering, ihm mitteilte, seine Firma habe zwei davon zum Versuchspräparat SH-513 kombiniert (2 mg Noresthisteronacetat und 0,01 mg Ethinylestradiol), bat Peeters ihn um eine ausreichende Menge SH-513, um das Präparat bei seinen Patientinnen zu testen. In einem Brief an Schering schrieb Frenay, dass Peeters „vor allem an Ovulationshemmung im Hinblick auf Empfängnisverhütung denkt“.Brief vom 5. Mai 1959, zitiert in Van den Broeck, Janssens & Defoort 2012:322. Das bedeutet, dass die Idee, SH-513 als Antibabypille zu entwickeln, von Peeters stammte, und nicht von Schering AG. Der Hauptgynäkologe der Schering AG wollte anfangs, dass Peeters SH-513 als Medikament gegen Menstruationsbeschwerden entwickelte. Letzten Endes aber gestattete Schering AG Peeters SH-513 als Antibabypille zu entwickeln.
Peeters wählte für seine Untersuchung Patientinnen, für die eine Entbindung lebensbedrohend gewesen wäre, oder die Gefahr liefen, ein Kind tot auf die Welt zu bringen, etwa wegen Rhesus-Inkompatibilität. Er sagte ihnen ausdrücklich, dass er dabei sei, ein neues Medikament zu entwickeln, und erhielt ihre Zustimmung, dies bei ihnen zu prüfen. Die Ergebnisse seiner sehr begrenzten Untersuchung, an der nur 50 verheiratete und fruchtbare Frauen teilnahmen,Van den Broeck, Janssens & Defoort 2012:323. ergaben, dass eine Dosis von 3 bis 4 mg Noresthisteronacetat und „mindestens“ 0,05 mg Ethinylestradiol wirksam war und zugleich wenig Nebenwirkungen hatte. Seiner Empfehlung folgend, produzierte Schering AG sein SH-639-Präparat mit genau dieser Dosis und veranlasste groß angelegte Untersuchungen in Deutschland, Australien, Japan und den Vereinigten Staaten, in denen 14,038 Monatszyklen an 2433 Frauen beobachtet wurden. Die Ergebnisse waren eindeutig und führten zur Empfehlung SH-639 als hormonales Verhütungsmittel.
Aber die Schering AG zögerte, die Arznei in Deutschland einzuführen, weil sie fürchtete, Erinnerungen an die Eugenik des Nationalsozialismus wachzurufen. In der Nazizeit hatte die Schering A.G. nämlich ihre Untersuchungen nicht eingestellt und sie hatte zum Beispiel Carl Clauberg Sexualhormonen zur Verfügung gestellt, der als SS-Arzt an hunderten weiblichen KZ-Häftlingen Zwangssterilisationen vorgenommen hat.Bastian 1995:86. — Über das Verhältnis zwischen Schering AG und dem Nationalsozialismus, cf. Wlasich 2001.
Die Pille wurde zuerst in Australien unter dem Namen „Anovlar“ eingeführt; der Name, vom australischen Vertreter der Schering A.G. Alexander Hart ausgedacht,Van den Broeck, Janssen & Defoort 2012:324. sollte ‘ohne Eisprung’ bedeuten. Die folgende ListeAus Albach 1997:939. gibt die Zeitpunkte seiner Einführung in einigen Ländern wieder: Australien: Februar 1961 Deutschland: Juni 1961 Schweiz: Oktober 1961 Österreich: Juni 1962 Frankreich: Februar 1964 Spanien: Juni 1964 Belgien: März 1965 Italien: Ende der 60er Jahre Japan: Anfang der 70er Jahre, nur auf „medizinische Indikation“; Juni 1999 als Kontrazeptivum zugelassen
Peeters’ Moral in Bezug auf die Pille Peeters war stolz auf seinen Beitrag zur Entwicklung der Antibabypille und stimmte in diesem Punkt nie mit der katholischen Kirche, der er angehörte, und ihrer radikalen Ablehnung des Verhütungsmittels überein. Als er um einen Beitrag über ihn in einer niederländischen Fassung des Who’s Who gebeten wurde, zitierte er nur eine seiner Veröffentlichungen: Peeters 1970. Sie war seine niederländische Bearbeitung eines deutschen Werkes über Hormonbehandlungen und für Ärzte gedacht. Er wollte, dass die Ärzte Hormone weiter benützten, darunter auch Anovlar, das er in seinem Buch besprach, ohne seine Rolle in dessen Entwicklung zu erwähnen. Er führte seine Forschungen weiter fort, nicht nur mit Anovlar, sondern auch mit anderen Medikamenten wie Eugynon (siehe dazu auch Aconcen) und Sequilar. Er veröffentlichte seine Forschungsergebnisse aber nur in Fachzeitschriften.
Wichtiger ist, dass er ohne Zurückhaltung die Pille verschrieb, wenn er die Gesundheit seiner Patientin als bedroht ansah. Dem konnten sowohl zu viel Schwangerschaften, die öfters lebensbedrohend waren (zehn oder zwölf Kinder war in den Kempen in den sechziger Jahren nicht selten), eine späte Schwangerschaft oder eine Totgeburt, zum Beispiel wegen Rhesus-Inkompatibilität, zugrunde liegen. Auch verteidigte er eindeutig das Recht eines Ehepaares, selbst zu entscheiden, wie viel Kinder sie haben möchten: „Sie und Ihr Mann entscheiden, wie viel Kinder Sie wollen,“ sagte er zu einer Patientin, „und der Papst hat damit nichts zu tun.“Im niederländischen Originaltext (in Van den Broeck 2014:144-145): „Het zijn u en uw man die beslissen over het aantal kinderen en daar heeft de paus niets mee te maken.“
Trotzdem blieb Peeters ein im Grunde konservativer Katholik, der die (weitgehend der Pille zuzuschreibenden) losen Sitten der sexuellen Revolution entschieden ablehnte. Einer seiner Söhne behauptet, diese Ablehnung sei auch ein Grund dafür gewesen, dass Peeters über Anovlar schwieg, weil es sein mittelbarer Beitrag zur sexuellen Revolution war.Van den Broeck 2014:103. Wie seine Kirche war er der Meinung, dass der Geschlechtsverkehr nur innerhalb der Ehe stattfinden sollte.
Ruf in der Öffentlichkeit Die Ergebnisse von Peeters' Forschungen wurden als Peeters F., M. Van Roy & R. Oeyen 1960 veröffentlicht. Van Roy war Peeters' klinischer Biologe, Oeyen sein Assistent. Es kamen mehr als 50.000 Anfragen um Sonderdrucke aus der ganzen Welt, besonders nach der Einführung von Anovlar.Van den Broeck 2014:91.
Peeters sprach zu dem „Third World Congress of Gynecology and Obstetrics“ in Wien im September 1961 und auf dem 60. Kongress der Nordwestdeutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (Kiel 1961). Er war einer der Referenten beim „Second Fertility Congress“ in Brüssel, wo er sich mit Eleanor Mears traf, die Mitverfasserin eines sehr positivenAus der Zusammenfassung (übersetzt): „Es sieht so aus, als ob dies eine sehr akzeptable Form der Empfängnisverhütung ist. Das Präparat wurde gut ertragen und es gab nur wenig Nebeneffekte. … Die Beherrschung des Monatszyklus war außergewöhnlich gut. … Als ein Ergebnis dieser [Untersuchung] hat der ‚Council for the Investigation of Fertility Control‘ den Gebrauch von Anovlar in Kliniken der ‚Family Planning Association‘ als ein alternatives Kontrazeptivum empfohlen.“ Berichtes im renommierten British Medical Journal.
In den frühen sechziger Jahren war sein Ruf sehr bedeutend.
Aber in seinem eigenen Land stieß Peeters auf Probleme: Bis 1973 liefen Veröffentlichungen über Verhütung Gefahr, gegen die belgische Gesetzgebung zu verstoßen, die sie als „obszön“ betrachtete. In Belgien musste Peeters daher über sein Werk schweigen. Eine Tagung der flämischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in Turnhout beispielsweise, zu der Peeters im Mai 1960 einlud, war den „Ovulationsunterdrückern“ gewidmet. Im Protokoll aber fehlen die Wörter Geburtenkontrolle und Verhütung, die voraussichtlich dazu geführt hätten, dass die Tagung als obszön gegolten hätte.