Peter Kafka (* 29. Juni 1933 in Berlin; † 23. Dezember 2000 in Unterföhring bei München) war ein deutscher Astrophysiker, der später vor allem als Technologie-Kritiker bekannt war.

Leben Kafka studierte von 1952 bis 1957 Physik in Erlangen und Berlin. Nach einer Unterbrechung des Studiums bis 1962 erwarb er 1965 das Diplom (in Astrophysik) bei Arnulf Schlüter in München und war danach ein Jahr Assistent an der Universität. Er war von 1965 bis 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in München, später Garching.

Kafka befasste sich in den 1970er Jahren in der Abteilung von Heinz Billing mit Gravitationswellen-Experimenten – unter anderem war er einer Derjenigen, die vergeblich (mit Suche nach Koinzidenzen in Detektoren in München und Frascati) die Experimente von Joseph Weber reproduzieren wollten und dessen Ergebnisse so in Zweifel zogen.

Neben der wissenschaftlichen Arbeit in Kosmologie und relativistischer Astrophysik (z. B. Quasare) arbeitete Kafka seit den 1960er Jahren publizistisch über das Wesen des Fortschritts. Er warnte vor einer „globalen Beschleunigungskrise“, die im Schöpfungsprinzip der Evolution angelegt sei und in unserer Zeit durch den beschleunigten und gleichzeitig globalisierten Fortschritt der menschlichen Zivilisation verwirklicht würde.

Im Hinblick auf seine ausgedehnte Vortragstätigkeit zu diesem Thema nannte sich Peter Kafka selbstironisch einen „Wanderprediger“. Er war jedoch kein kulturpessimistischer „Untergangsprediger“. Er betonte, dass crisis nicht „Untergang“ bedeute, sondern „Entscheidung“, und dass die entscheidende Neuorientierung im Bewusstsein einer genügend großen Zahl von Menschen, die bisher nur eine Utopie sein konnte, auf dem Höhepunkt der Krise wahrscheinlich würde.

Im Jahr 2000, kurz vor seinem Tod, wurde Kafka mit der Medaille München leuchtet ausgezeichnet.

Fortschrittskritik Kafka diagnostizierte eine zunehmende Destabilisierung des lebensfreundlichen Ökosystems der Erde durch die Veränderungen, die der globalisiert-beschleunigte Fortschritt der menschlichen Kultur mit sich bringt. Zur Erklärung unterzog er die Evolution auf Erden – das „Schöpfungsprinzip“ – und die Auswirkungen des kulturellen Fortschritts einer systemtheoretischen Betrachtungsweise. Er identifizierte zwei Stabilitätskriterien für einen „aufwärts“ führenden Fortschritt, die er unter den Schlagwörtern „Vielfalt und Gemächlichkeit“ zusammenfasste. Würden diese Stabilitätskriterien durch den immer weiter beschleunigten Fortschritt einer global immer einheitlicheren Zivilisation verletzt, führe der Fortschritt nicht mehr zu „höherer“ Komplexität, sondern taumle „abwärts“ in ein immer komplizierteres Chaos. In diesem kritischen Stadium der irdischen Evolution sei die Menschheit jetzt angelangt.

Schöpfungsprinzip Die Wirklichkeit auf Erden ist ein komplexes dynamisches System, das sich selbst organisiert. Die Geschichte dieses Systems ist nicht vorherbestimmt. Da die Erde kein energetisch abgeschlossenes System ist, in dem die Entropie nur zunehmen kann, sondern ein offenes System mit einem ständigen, in historischen Zeiträumen praktisch nicht abnehmenden Zufluss an Freier Energie (aus der Sonne) und unverstopfbaren Abflüssen für die erzeugte Entropie (in den dunklen Nachthimmel), war der beobachtete Aufstieg zu immer höherer Komplexität und Ordnung von vornherein wahrscheinlich, weil sehr lange mit vielen unabhängigen Versuchen nach attraktiven Gestalten (Attraktoren) getastet werden konnte.

Einen wesentlichen systemtheoretischen Aspekt der Evolution beschreibt Kafka anhand des Bildes der „Schöpfungstage“: „Nach Eröffnung eines neuen Bereichs im Raum der Möglichkeiten muss lange ‚gezappelt‘ werden, bis alles ‚sehr gut‘ ist, nämlich ‚auf lebensfähige Weise zusammenpassend‘. Wenn dann ein ‚neuer Tag‘ anbricht, so werden die an früheren ‚Tagen‘ entwickelten, durch stärkere Wechselwirkungskräfte zusammengehaltenen Bausteine nicht wieder abgeschafft, sondern sie werden mit schwächeren Wechselwirkungskräften zu größeren, komplexeren Ordnungsstrukturen zusammengefügt“.Aus einer Zusammenfassung von P. Kafka zur Ringvorlesung „Energie, Umwelt, Gesellschaft – Aktuelle Probleme aus naturwissenschaftlicher Sicht“ im Wintersemester 1999/2000 an der Freien Universität Berlin

Vielfalt und Gemächlichkeit Die Vielfalt an bewährten Gestaltungs- oder Reaktionsmöglichkeiten ist Voraussetzung für die Fehlerfreundlichkeit des Systems und seine „Widerstandskraft“ (Resilienz) gegen Störungen. Eine Störung kann damit wahrscheinlich kompensiert werden oder sogar neue Möglichkeiten eröffnen. Die „Güte“ einer Neuerung erweist sich an ihrer zeitlichen Bewährung. Ein anderes Kriterium gibt es nicht.

Gemächlichkeit bedeutet: Zeit, um sich bewähren zu können. Ein System, das darauf angewiesen ist, sich selbst zu organisieren und zu regenerieren, braucht Zeit für Lern- und Bewährungsprozesse. Wenn ein komplexes dynamisches System sich so schnell verändert, dass immer mehr Neuerungen auf Unerprobtem aufbauen, dann erhöht sich die Fehlerquote mit jeder Neuerung exponentiell, und die Wahrscheinlichkeit, dass das System mit den zunehmenden Problemen fertigwird, geht schnell gegen null. Es gibt eine kritische Obergrenze für die Geschwindigkeit, mit der ein räumlich in sich geschlossenes System wie die Biosphäre sich global verändern kann, ohne in eine Instabilität zu geraten.

Globale Beschleunigungskrise In einem räumlich abgeschlossenen Bereich muss dieses erfolgreiche Schöpfungsprinzip in eine Krise führen, weil die Organisation im Großen und die höhere Innovationsgeschwindigkeit einen selektiven Vorteil haben – bis entsprechende kritische Grenzen erreicht sind. Dann lässt beschleunigte globale Innovation die Wirklichkeit im Raum der Möglichkeiten so schnell voranstürmen, dass sie wahrscheinlich keine bewährungsfähigen attraktiven Gestalten mehr findet.

Die räumliche kritische Grenze der Erde ist ihre „Globalität“; die kritische Grenze der Innovationsgeschwindigkeit ist durch die Zyklusdauer (Generationsdauer) der „führenden Gestalten“ selbst definiert (sie ist wahrscheinlich überschritten, wenn Heranwachsenden die Welt, die sie als Kind kennengelernt haben, schon als „überholt“ erscheint, bevor sie selbst Kinder haben). Mit den Prinzipien der biologischen Evolution war diese Grenze noch nicht erreichbar, wohl aber nach der Entwicklung des Großhirns und Entdeckung der wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten. Erprobung und Bewährung werden durch die hohe Innovationsgeschwindigkeit unmöglich, der Wettlauf zwischen Problemlösung und Problemerzeugung wird instabil, das „Nicht-Zusammenpassen“ des Neuen und des Alten breitet sich immer schneller und weiter ins Hinterland der evolutionären Front aus. Nicht nur machtvolle gesellschaftliche Leitideen erweisen sich als nicht mehr fortsetzbar, sondern sogar der Strahlungshaushalt der Atmosphäre und die gesamte Biosphäre sind bedroht.

Die Überwindung der globalen Beschleunigungskrise Kafka sah diese bereits im Schöpfungsprinzip veranlagte und durch den Menschen verwirklichte globale Systemkrise als unvermeidlich an, aber als wahrscheinlich überwindbar. Die Überwindung läge in einer „verfassungsmäßigen Fesselung zu starker Wechselwirkungen“, also darin, dass die Macht des „Großen und Schnellen“ durch (demokratisch legitimierte) Leitplanken für Politik und Wirtschaft begrenzt würde und somit die logischen Voraussetzungen für einen „aufwärts“ führenden Fortschritt global gesichert blieben. Dazu gehörten konsequente Ökosteuern („Entropiesteuern“ und „Größenbegrenzungssteuern“) sowie die „Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus“, um den ökonomischen Wachstumszwang und die Konkurrenz um Aneignung fremder Lebensgrundlagen beenden zu können. In Anlehnung an Silvio Gesell und Dieter Suhr schlug Kafka u. a. eine Reform des Geldsystems durch Umlaufsicherung und die gerechte Verteilung der leistungslosen Einkommen vor.

Zwei Ideologien Angesichts der globalen Krise sieht Kafka den „Bürger“ in der Verantwortung zu „entscheiden“, welche Ideologie ihr Leben bestimmen soll. Diese beiden Ideologien fasst er im Nachwort zu dem Buch „Streitbriefe über Kernenergie“ wie folgt zusammen:

Rezeption

Schriften

Bücher 1982: Streitbriefe über Kernenergie. Zwei Physiker über Wissenschaft, Fortschritt und die Folgen. Piper-Verlag, 1982.Kafka 1982 – Buchindex bei Weeber 1987: Kernenergie, ja oder nein? Eine Auseinandersetzung zwischen zwei Physikern. Mit Heinz Maier-Leibnitz, Piper, München 1987, ISBN 3-492-10739-7.Kafka 1987 – Erweiterte Neuausgabe von Streitbriefe über Kernenergie mit einem Vorwort von Hubert Markl. 1989: Das Grundgesetz vom Aufstieg. Vielfalt, Gemächlichkeit, Selbstorganisation: Wege zum wirklichen Fortschritt. Hanser, München 1989, ISBN 3-446-15741-7.Kafka 1989 – Buchindex bei Weeber 1994: Gegen den Untergang. Schöpfungsprinzip und globale Beschleunigungskrise. Carl-Hanser-Verlag, München 1994, ISBN 3-446-17834-1.Kafka 1994 – Buchindex bei Weeber

Beiträge Zwei Dinge, in: Eckhard Slawik / Uwe Reichert: Atlas der Sternbilder, Heidelberg/Berlin 1998, ISBN 3-8274-0268-9 Geld oder Leben? Zur Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus, in: Müller/Müller (Hg.): Markt und Sinn. Dominiert der Markt unsere Werte? Ffm 1996, ISBN 3-593-35516-7. Gesetz und Chaos – Gibt es Leitlinien in der Beliebigkeit? in: Rainer Lindenmann, Hermann Glaser (Hg.), Von der Moderne der Renaissance – Was uns im 21. Jahrhundert erwartet, Cadolzburg 1996, ISBN 3-931043-23-1 Hat die moderne Physik Weltbildfunktion? oder: Der unserem Bewußtseinsstand angemessene Schöpfungsmythos, in: K. Mainzer und W. Schirmacher (Hg): Quanten, Chaos und Dämonen – Erkenntnistheoretische Aspekte der modernen Physik, Mannheim 1994, ISBN 3411163011 Omnis Scientia Ancilla Oecologiae oder das Ende der Unbehaustheit. Ansatz zu einem Recycling der Aufklärung. In: Was uns bewegt, Beltz 1991, ISBN 3-407-85100-6. Läßt sich Frieden organisieren?, in: Rudolf Steinmetz (Hg.): Das Erbe des Sokrates. Wissenschaftler im Dialog über die Befriedung der Welt, München 1986, ISBN 3-423-10577-1 Vom Urknall zum Endknall. Eine Standpauke für Energiepolitiker, Tages-Anzeiger Magazin, Zürich, 14. Juli 1979, S. 8 ff.

Zur Astrophysik: How to count Quasars. Nature, Band 213, 1967, S. 346–350, Abstract Quasars. Naturwissenschaften, Band 55, 1968, S. 248–254 Gravars. Nature, Band 226, 1970, S. 436–439, Abstract mit Lisa Schnupp: Final result of the Munich-Frascati gravitational wave experiment. Astron. & Astrophys., Band 70, 1978, S. 97–103 Physics and astrophysics of gravitational waves. ESA, Space Science and Fundamental Physics, Proc. Summer School Alpbach 1987, 121–130 Wie wichtig ist die Gravitationswellenastronomie? Teil 1,2, Naturwissenschaften, Bd. 73, 1986 Gravitationswellen aus dem Kosmos? Physik in unserer Zeit, Bd. 1, 1970, S. 186 Relativistische Astrophysik. Physikalische Blätter, Juni/August 1979, Teil 1, Teil 2

Literatur Hermann Scheer: Die Entropiesteuer, Kapitel 8 in Sonnen-Strategie, 1998, ISBN 3-492-22135-1 (Scheer greift hier eine von Kafka vorgeschlagene „Entropiesteuer“ oder „Minderwertsteuer“ auf. Mit der so genannten Ökosteuer ist der Vorschlag bereits teilweise umgesetzt worden. Im Prinzip ist jede Steuer auf Energieverbrauch bereits eine Steuer auf Entropieproduktion.)

Weblinks

Private Website zu Peter Kafka Claus Biegert: Gedenken an Peter Kafka, Sendung des BR2-Kulturjournal, 2010 (Archivlink)

Einzelnachweise

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