Boubou Hama (* 1906 in Fonéko; † 29. Januar 1982 in Niamey) war ein nigrischer Politiker und Intellektueller.
Hama gehörte der Ethnie der Songhai an und war der Sohn eines entkommenen Sklaven. Er arbeitete zunächst als Lehrer für die Kolonialverwaltung Frankreichs in Niger. Ab 1946 engagierte er sich politisch in der Nigrischen Fortschrittspartei (PPN-RDA). Im 1960 von Frankreich unabhängig gewordenen Niger lenkte er als Parteivorsitzender und Parlamentspräsident neben Staatspräsident Hamani Diori die Geschicke des Staates. Nach dem Sturz des Einparteiensystems durch einen Militärputsch 1974 verbrachte er drei Jahre in Gefangenschaft. Hama veröffentlichte zahlreiche belletristische Werke, anthropologische Schriften und Essays. Zu seinen bekanntesten Romanen zählt Kotia-Nima (1968). In vielen seiner Arbeiten setzte er sich mit einem afrikanischen Denken auseinander, in dem er einen Beitrag zur globalen Zivilisation sah.
Leben Aufstieg vom Sohn eines Sklaven zum Lehrer im Kolonialdienst Boubou Hama wurde im zur Stadt Téra gehörenden Songhai-Viertel Fonéko geboren, das seit Anfang des 20. Jahrhunderts unter französischer Kolonialherrschaft stand. Als sein Geburtsjahr wird in offiziellen Dokumenten 1906 angegeben, während er selbst gelegentlich auch das Jahr 1909 nannte. Hama stammte aus einer niedrigen sozialen Schicht der Songhai-Gesellschaft. Sein Vater wurde Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Téra und Yagha gefangen genommen und musste lange Zeit als Sklave in der Gegend von Sebba verbringen, bis es ihm gelang, zu entkommen und in seinen Heimatort Fonéko zurückzukehren. Dort heiratete er Boubou Hamas spätere Mutter, die wie er aus einfachen Verhältnissen kam.
mini|Karte von Französisch-Westafrika (1936) Der Dorfchef von Fonéko sandte den jungen Boubou Hama auf die „Schule der Weißen“, damit seine eigenen Söhne diesbezüglich nicht behelligt würden. Nach der Elementarschule in Téra besuchte Hama von 1918 bis 1924 die Regionalschule in Dori. Danach ging er von 1924 bis 1926 auf die höhere Grundschule in Ouagadougou. Wegen seiner herausragenden schulischen Leistungen wurde er 1926 auf die École normale William Ponty in Senegal geschickt. Dies war die Kaderschmiede für die einheimische Bevölkerung Französisch-Westafrikas, an der viele später einflussreiche Politiker und Gelehrte ihre Ausbildung erhielten. Hama diplomierte dort 1929. Zu seinem Abschlussjahrgang gehörten die späteren Schriftsteller Abdoulaye Sadji und Ousmane Socé Diop.
Er war anschließend im Kolonialdienst als erster aus Niger stammender Französisch-Lehrer tätig. Fünf Jahre lang unterrichtete an der Grundschule in Niamey, der Hauptstadt Nigers, und wechselte danach an die Grundschule in Tillabéri. Als ihm vorgeworfen wurde, Bauern in der Region zum Aufstand gegen Ungerechtigkeiten der Kolonialherrschaft anzustiften, wurde er 1938 zurück nach Niamey versetzt. 1942 lernte er den in Niger tätigen französischen Anthropologen und Filmregisseur Jean Rouch kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband.
Boubou Hama war verheiratet und hatte mehrere Töchter und Söhne. In seiner Ehe sah er exemplarisch die Synthese Europas und Afrikas verwirklicht: als Bund zwischen seiner europäischen Bildung und der davon unberührten afrikanischen Herkunft seiner Frau.
Beginn der politischen Tätigkeit unter französischer Herrschaft Die Konferenz von Brazzaville im Jahr 1944 läutete einen Veränderungsprozess im Verhältnis des Mutterlands Frankreich zu seinen Kolonien ein, der stufenweise mehr Autonomie, Gleichberechtigung und politische Partizipation für die einheimische Bevölkerung der Kolonien brachte. Die wirtschaftlich unbedeutende Kolonie Niger war innerhalb des französischen Kolonialreichs politisch marginalisiert. Um den Einfluss der einheimischen Bevölkerung Nigers gegenüber politischen Vertretern aus anderen Teilen Französisch-Westafrikas zu stärken, trafen sich 1945 junge, europäisch gebildete Nigrer heimlich auf einer Insel im Niger. Die Gruppe, die sich als „zweite Konferenz von Brazzaville“ verstand, wählte Boubou Hama zu ihrem Anführer. Sie begann gegen die Kolonialverwaltung zu agitieren. Jean Toby, der französische Gouverneur Nigers, ließ daraufhin Boubou Hama noch 1945 aus der Hauptstadt Niamey entfernen und entsandte ihn als Schuldirektor nach Dori.
Aus diesem Grund konnte Hama nicht persönlich an der Gründungsversammlung der Nigrischen Fortschrittspartei (PPN-RDA), der ersten politischen Partei Nigers, teilnehmen, die am 12. Mai 1946 in Niamey stattfand. Er gründete in Dori eine PPN-RDA-Sektion. Der PPN-RDA war eine Mitgliedspartei der Afrikanischen Demokratischen Sammlung (RDA), an deren Gründungskongress, der im Oktober 1946 in Bamako abgehalten wurde, Hama als Mitglied der PPN-Delegation teilnahm. Als Niger einen Sitz in der Nationalversammlung Frankreichs zugesprochen bekam, wäre es naheliegend gewesen, dass sich dafür für den PPN-RDA mit Issoufou Saïdou Djermakoye der Parteivorsitzende zur Wahl gestellt hätte. Boubou Hama gelang es jedoch, Hamani Diori, seinen ehemaligen Schüler in der Grundschule von Niamey, innerparteilich als Kandidat durchzusetzen. Saïdou Djermakoye nahm ohne Listenzugehörigkeit an der Wahl teil, die von Diori gewonnen wurde. Letzterer setzte sich erfolgreich bei René Barthes, dem Generalgouverneur Französisch-Westafrikas, dafür ein, dass Boubou Hama von Dori zurück nach Niamey versetzt wurde.
Bei den Wahlen zum Generalrat am 15. Dezember 1946 wurde Hama im Wahlkreis Tillabéri in den Generalrat, das erste Parlament Nigers, gewählt. Es folgten am 13. Januar 1947 seine Wahl als Vertreter Nigers in die Versammlung der Französischen Union in Paris – diese Funktion hatte er bis 1952 inne – und im Juli 1948 seine Wahl als PPN-RDA-Abgeordneter in den Großen Rat von Französisch-Westafrika in Dakar. Der Partei wehte starker Gegenwind seitens der Kolonialverwaltung entgegen. Gouverneur Toby initiierte 1948 die Gründung der ihm loyalen Partei Union unabhängiger Nigrer und Sympathisanten (UNIS), der sich der ehemalige PPN-RDA-Vorsitzende Saïdou Djermakoye anschloss. Im Januar des Folgejahres nahm Boubou Hama an einer Versammlung der PPN-RDA-Mutterpartei RDA in Treichville teil. Zu dem Treffen reisten auch Kommunisten aus Metropolitan-Frankreich an. Es war von einer antiimperialistischen Stimmung geprägt. Die führenden Politiker des PPN-RDA waren sich bezüglich ihrer Positionierung uneinig. Ein moderater Flügel um Boubou Hama und Hamani Diori wollte den radikalen Konfrontationskurs gegenüber der Kolonialverwaltung aufgeben. Ihm stand eine Gruppe um Djibo Bakary, den Generalsekretär der Partei, gegenüber, die weitermachen wollte wie bisher.
In dieser politisch angespannten Zeit erhielt Boubou Hama einen Posten, der es ihm ermöglichte, sich intensiv mit afrikanischer Kultur und Wissenschaft auseinanderzusetzen: Er wurde 1950 Direktor des Institut Français d’Afrique Noire du Niger, aus dem später das Nigrische Nationalmuseum hervorging. Die Grundlage für das Museum bildeten Hamas umfangreiche archäologische, ethnographische und paläontologische Sammlungen. Der PPN-RDA, als dessen Sekretär für wirtschaftliche Angelegenheiten Hama von 1952 bis 1956 fungierte, musste eine Serie von Rückschlägen hinnehmen. Bei den Wahlen zur Territorialversammlung am 30. März 1952 triumphierte die UNIS. Hama versuchte durch die Gründung der Wochenzeitung Le Niger zugunsten des PPN-RDA publizistisch gegenzusteuern. Doch bereits mit seiner – trotz des Unterstützung des Ex-UNIS-Politikers Georges Condat – gescheiterten Wiederwahl in die Versammlung der Französischen Union musste er eine persönliche Niederlage hinnehmen, die für die Partei einen Schock bedeutete. Die internen Richtungsstreitigkeiten führten schließlich dazu, dass sich der PPN-RDA-Generalsekretär Djibo Bakary 1954 mit einer eigenen Partei abspaltete.
Weg zur Macht Hama übernahm 1956 von Daddy Gaoh den Parteivorsitz des PPN-RDA, den er bis Auflösung der Partei 1974 innehatte. Im selben Jahr erfolgte bei den nach dem Tod eines Abgeordneten einberufenen Teilwahlen seine Wiederwahl in das Parlament Nigers. Während die UNIS aufgrund interner Krisen in der Bedeutungslosigkeit versunken war, erwuchs dem PPN-RDA in Djibo Bakarys Partei Sawaba (Hausa für „Freiheit“) ein starker Konkurrent um die politische Macht. Als Ergebnis der Kommunalwahlen in Niamey am 18. November 1956 wurde Bakary Bürgermeister der Hauptstadt, während sich Boubou Hama mit dem Amt des Vizebürgermeisters begnügen musste. Bei den Wahlen zur Territorialversammlung am 31. März 1957 wurde Hama im Wahlkreis Tillabéri in das Parlament Nigers wiedergewählt, jedoch ging die Mandatsmehrheit an den Sawaba. Als Niger infolge der Wahlen seine erste eigene Regierung zusammenstellen konnte, handelte es sich um eine Sawaba-Regierung, die Boubou Hama noch 1957 von seinem Posten als Direktor des Institut Français d’Afrique Noire du Niger entließ.
Den entscheidenden Umschwung brachte das Verfassungsreferendum am 28. September 1958 mit sich. Dabei warb der Sawaba für ein Nein und damit für die sofortige Unabhängigkeit Nigers von Frankreich, während sich der PPN-RDA für ein Ja und somit für einen Verbleib innerhalb der Communauté française einsetzte. Der Wahlausgang für ein Ja machte den PPN-RDA zur Partei des Vertrauens der französischen Verwaltung, während sich der Sawaba Repressionen ausgesetzt sah. Diese führten letztlich am 12. Oktober 1959 zu einem Verbot des Sawaba und zur Etablierung eines Einparteiensystems des PPN-RDA. Zwischenzeitlich verdrängte der PPN-RDA bei den Wahlen zur Territorialversammlung am 14. Dezember 1958 (und endgültig bei den Nachwahlen vom 27. Juni 1959) den Sawaba von der Macht. Boubou Hama wurde zum Parlamentspräsidenten gewählt, eine Funktion, die er bis 1974 ausübte. Am 23. Januar 1959 revanchierte er sich für seine Wahlniederlage gegen Djibo Bakary um den Bürgermeistersessel von Niamey: Der Gemeinderat wurde aufgelöst und Hama zum Präsidenten der Sonderdelegation der Stadt Niamey ernannt, mit dem Rang und den Vorrechten eines Bürgermeisters.
Auch in den kurzlebigen politischen Strukturen, mit denen Frankreich versuchte, die Reste seines Kolonialreichs zusammenhalten, übernahm er hohe Ämter. Am 29. April 1959 wurde er zu einem Vertreter Nigers im Senat der Communauté franco-africaine ernannt. Hama wurde zum Ersten Vizepräsidenten des Senats gewählt und war Mitglied der Kommission für Verträge, internationale Abkommen und gemeinsame Verteidigung. Er nahm an der Wahl von Charles de Gaulle zum Präsidenten der Communauté franco-africaine teil. Zudem war er Vizepräsident und Mitglied der ständigen Kommission der ersten Konferenz der Eurafrikanischen Versammlung. Der PPN-RDA führte die Republik Niger durch einen Vertrag mit Frankreich vom 1. August 1960 geordnet in die Unabhängigkeit. Das Parlament wählt Hamani Diori am 9. November 1960 zum Staatspräsidenten.
Als Führungspersönlichkeit im unabhängigen Niger mini|hochkant|Hamani Diori (1968)
Als Niger von Frankreich unabhängig wurde, hatte Boubou Hama seine Rolle als überragende und einflussreiche politische Persönlichkeit seines Landes gefestigt. Die Erste Republik (1960–1974) war ein ziviles autoritäres Regime unter der Führung eines „Duumvirats“, bestehend aus dem Staatspräsidenten Hamani Diori und dem Parteivorsitzenden und Parlamentspräsidenten Boubou Hama. Hama agierte politisch direkter und kompromissloser als der um zehn Jahre jüngere Diori, der diplomatischer auftrat. In den 1960er Jahren war das Regime noch relativ gefestigt. Der Ausbau der in der Kolonialzeit kaum entwickelten Infrastruktur des Landes, etwa im Bildungsbereich, war eine der vorrangigen Aufgaben der jungen Republik. Die staatlich beeinflusste Wirtschaft konnte auf wachsenden Exportzahlen bei Erdnüssen aufbauen. Außenpolitisch lehnte sich Niger stark an Frankreich an.