Friesenhof bezeichnet ein ehemaliges Unternehmen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Offiziell firmierte das Unternehmen unter Barbara Janssen GmbH (Amtsgericht Pinneberg, HRB 8117 PI) mit Sitz in Büsum; zuvor war es im Handelsregister als Johanna Janssen SO.R.GE GmbH und als Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Friesenhof Barbara Janssen GmbH & Co. KG eingetragen. Inhaberin war Barbara Janssen.
Standorte
EinrichtungAdresseBetriebserlaubnis vomLageVerwaltungssitzWerftstraße 8, 25761 Büsum -- Charlottenhof Koog Chaussee 11, 25761 Hedwigenkoog 28.04.2008Nanna Oesterstr.5, 25779 Wrohm16.08.2010Campina Dammstr. 18, 25764 Wesselburenerkoog 24.08.2011
Das Unternehmen betrieb in den Jahren 1999 bis 2015 drei Standorte zur Unterbringung von Mädchen und jungen Frauen in Wesselburenerkoog („Campina“), Wrohm („Mädchencamp Nanna“) und Hedwigenkoog („Charlottenhof“) im Kreis Dithmarschen.Kleine Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Sabine Boeddinghaus und Mehmet Yildiz (Die Linke) in der Bürgerschaft Hamburg vom 18. Mai 2015 (online) Die Einrichtungen wurden im Jahr 2015 wegen Kindeswohlgefährdung geschlossen.
Vorwürfe
Publik wurden die Vorwürfe durch die Fraktion der Linken in der Hamburger Bürgerschaft Ende Mai 2015.SHZ: Kinderheime in Dithmarschen: „Sie mussten sich nackt ausziehen“, 29. Mai 2015. Sie publizierte ein ihr vorliegendes Schreiben des Landesjugendamtes.
Zu den Vorwürfen zählten: Es seien Kollektivstrafen verhängt worden. Es seien Briefe geöffnet und zurückgehalten sowie ungestörte Telefonate mit Erziehungsberechtigten verweigert worden. An den Fenstern seien die Griffe abmontiert worden. Die jungen Bewohnerinnen mussten sich angeblich .
Mitarbeiter des Norddeutschen Rundfunks (NDR) sprachen mit 20 ehemaligen Heimbewohnerinnen. Sie berichten von Schlägen, tagelanger Isolation, Schlafentzug und nächtlichen Sportstunden als Strafen. Beschwerdebriefe seien zerrissen worden. Der Kontakt zur Außenwelt sei verhindert worden. Die Unternehmensleitung sprach von einer der Insassen.
Zu den weiteren genannten Vorwürfen gehörten:Pressemitteilung von Die Linke Hamburg: , 1. Juni 2015
, bei dem eine Gruppe von Mädchen stundenlang zusammensitzen musste, bis es ein Fehlverhalten eingestanden hatteNDR: Neue Vorwürfe im „Friesenhof“-Skandal, 9. Juni 2015 Anschreien Beschimpfungen Wecken zur Nachtzeit Sprechverbot Essensentzug Zwang zur Essensaufnahme Zwang zum Tragen bestimmter Kleidung „keines der Mädchen [durfte] alleine zur Toilette oder zum Duschen gehen, stets müsse eine ,Patin‘ dabei sein, um Fehlverhalten oder Entweichen zu verhindern“Die Tageszeitung: „System der Bespitzelung“, 31. Mai 2015.
Am 8. Juni 2015 wurde bekannt, dass ein Betreuer ein sexuelles Verhältnis mit einem minderjährigen Mädchen gehabt haben soll, dessen genaues Alter aus Datenschutzgründen nicht genannt wurde.
Ehemalige Mitarbeiter hatten sich über die Erziehungsmethoden beim zuständigen Jugendamt beschwert, wie das Landesjugendamt von Schleswig-Holstein berichtet. Es kritisierte die Zustände am 30. Januar 2015. Dem Kreis Dithmarschen waren Probleme seit Jahren bekannt.SHZ: Offizieller Grund für Jugendheim-Schließung: Kein qualifiziertes Personal, 3. Juni 2015. Das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein soll bereits Mitte Januar 2015 von der angeblichen sexuellen Beziehung eines Betreuers gewusst haben.SHZ: Heim-Skandal: Betreuer hatte sexuelles Verhältnis mit Minderjähriger, 8. Juni 2015. Zuständige Bereichsleiterin des Ministeriums für die Heimaufsicht war zuletzt Sabine Toffolo.
Erste Auffälligkeiten habe es schon in den Jahren 2007, 2009 und 2011 gegeben, die dem Landesjugendamt vorgelegen hätten.Hamburger Abendblatt: Ministerin Alheit wegen Friesenhof-Heim unter Druck, 10. Juni 2015
Die Inhaberin des Unternehmens, Barbara Jannsen bestreitet die Vorwürfe; die Verfügung des Landesjugendamts habe sie , insbesondere mussten sich die Mädchen Die Zeit: „Die Mädchen mussten sich niemals nackt ausziehen!“, 12. Juni 2015
Schließung
Die Einrichtungen wurden vom Ministerium am 3. Juni 2015 geschlossen.Lübecker Nachrichten: „Friesenhof“: Alheit gesteht Fehler ein, 17. Juni 2015
Die Betreiberin Barbara Janssen meldete am 5. Juni die Insolvenz des Unternehmens an.Norddeutscher Rundfunk: Insolvenzantrag für „Friesenhof“-Jugendheime, 8. Juni 2015. Der Insolvenzverwalter ist laut Mitteilung des Amtsgerichtes Meldorf vom 5. Juni 2015 der Hamburger Rechtsanwalt Christian Heim. Insgesamt waren im Unternehmen zum Zeitpunkt der Insolvenz 52 Mitarbeiter beschäftigt. Das jüngste untergebrachte Mädchen war zwölf Jahre alt. Bei der Auflösung versuchten einige Mädchen verzweifelt zu fliehen, um nicht in andere Einrichtungen gebracht zu werden.Norddeutscher Rundfunk: „Friesenhof“-Schließung: Flucht und Verletzte, 4. Juni 2015.
Aufarbeitung In sieben Jahren waren in den Einrichtungen unter anderem rund 80 Mädchen und junge Frauen aus Hamburg untergebracht. Michael Lindenberg, Professor an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie, Hamburg, warnte davor, den Betroffenen nicht zu glauben.
Die Betreiberin Barbara Janssen berichtete über ihre eigene Qualifikation, leider habe sie nur eine Ausbildung zur Erzieherin, dazu noch eine jugendpsychiatrische Weiterbildung absolviert: Die Zeit: „Die Mädchen mussten sich niemals nackt ausziehen!“, 12. Juni 2015
Wegen des Vorwurfs eines sexuellen Verhältnisses zwischen einem Pfleger und einer minderjährigen Insassin ermittelt die Staatsanwaltschaft seit Januar 2015.
Am 9. Juni 2015 und am 11. Juni 2015 fanden Sondersitzungen des Sozialausschusses des Landtages von Schleswig-Holstein statt.Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag: Friesenhof-Skandal: Alheit schon wieder im Sozialausschuss, 14. Juni 2015NDR: Fall „Friesenhof“: Alheit muss Akten herausgeben, 11. Juni 2015. Insbesondere steht die Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) in der Kritik. Alheit hält demgegenüber vor, dass für die Kontrolle von 1800 Einrichtungen nur sechs Mitarbeiter zur Verfügung stünden., Lübecker Nachrichten am 9. Juni 2015 Darüber hinaus sei sie über die Missstände nicht rechtzeitig informiert worden.Lübecker Nachrichten: Alheit: Mitarbeiter haben mich nicht informiert, 11. Juni 2015.
Wolfgang Dudda, Mitglied der Piratenpartei Schleswig-Holstein im Landtag, kritisierte: SHZ: Schläge, Isolation, Schlafentzug – Amt reagierte nicht, 10. Juni 2015.
Die CDU kritisiert zudem auch Staatssekretärin Anette Langner.Die Welt: CDU kritisiert „überforderte“ Sozialministerin, 17. Juni 2015
Anfang Juli 2015 erschienen Meldungen, dass interne Dokumente belegen sollen, dass einige Mitarbeiter des Ministeriums seit Ende Januar oder früher von den Missständen gewusst haben müssen, zudem gab es erste Medienberichte über Missstände bereits im Jahr 2014. Wegen verschwundener Aktenvermerke erstattete Ministerin Alheit Strafanzeige gegen Unbekannt.„Wir brechen euren Willen“-Skandal in Heimen für schwer Erziehbare: Mädchen mussten sich zur Strafe nackt ausziehen auf www.focus.de abgerufen am 3. Juli 2015
Im Juli 2015 wurde vom Landtag die Einrichtung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses (PUA) beschlossen.Fall "Friesenhof": Weg für Ausschuss ist frei. NDR, 7. Juli 2015 Der PUA Friesenhof konstituierte sich am 29. September 2015, den Vorsitz übernahm Barbara Ostmeier (CDU).
Das Schleswig-Holsteinische Oberverwaltungsgericht entschied im Juli 2021, dass die Schließung der Friesenhof-Mädchenheime im Jahr 2015 rechtswidrig war und bestätigte damit ein Urteil aus erster Instanz. Barbara Janssen fordert vor diesem Hintergrund Schadensersatz vom Land Schleswig-Holstein.
Weblinks
taz: Vorwürfe gegen Dithmarscher Jugendeinrichtung „System der Bespitzelung“, 31. Mai 2015 Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag : Das sind die Friesenhof-Dokumente im Original, 17. Juni 2015
Einzelnachweise
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