Krankheitseinsicht ist ein in der Medizin verwendeter Begriff und beschreibt das Wissen und die Überzeugung, krank zu sein (entsprechend einer medizinischen Diagnose, also nicht wegen eingebildeter Krankheit oder Hypochondrie). Er wird überwiegend aus ärztlicher Perspektive gebraucht und kommt vornehmlich in der Psychiatrie und bei neurologischen Erkrankungen (sowie in Folge neurologisch relevanter Verletzungen) zur Anwendung. Bei diesem Begriff handelt es sich um ein Konstrukt, das u. a. stark von fachmedizinischen und gesellschaftspolitischen Vorstellungen und Normen geprägt ist.
Meist werden durch diesen Begriff Zweifel daran zum Ausdruck gebracht, dass ein Patient die ihm mitgeteilten ärztlichen Einschätzungen verstanden hat oder genügend Leidensdruck empfindet und sich den daraus folgenden ärztlicherseits für sinnvoll oder notwendig erachteten Therapie-Empfehlungen anschließt.
Bei einer krankheits- oder verletzungsbedingten Veränderung der Wahrnehmung (oder Selbstwahrnehmung), mit Auswirkungen auf die individuelle Krankheitseinsicht, kann eine Anosognosie die Ursache sein.Dorsch. Lexikon der Psychologie. Anosognosie. Hogrefe Verlag, abgerufen am 29. August 2025
Beschreibung Mangelnde Krankheitseinsicht kann in Arztbriefen, psychopathologischen Befunden und anderen ärztlichen Dokumenten vermerkt werden. Laut AMDP-System sollte sie aber von einem Mangel an Krankheitsgefühl unterschieden werden und – wegen mitunter weitreichender Folgen für den Patienten – nur in eindeutigen Fällen (längerer Patientenkontakt und sichere Diagnosestellung) nach sorgfältiger Abwägung durch den Arzt dokumentiert werden.
Die Krankheitseinsicht hängt stark von der Kommunikation und Qualität des Arzt-Patienten-Verhältnisses ab und geht ärztlicherseits von der Prämisse der objektiven Richtigkeit seiner Diagnose und Therapie-Empfehlungen aus: Diese Prämisse ist jedoch nicht in jedem Fall zutreffend. Ärztliche Diagnosen sind, insbesondere im psychiatrischen Bereich (und teilweise auch bei komplexen oder schwer diagnostizierbaren somatischen Erkrankungen), grundsätzlich auch (subjektive) Einschätzungen des Arztes; sie sind den Grenzen seines fachmedizinischen Wissens (z. B. bei schwieriger Differentialdiagnose, die fachmedizinische Abklärung auf mehreren Gebieten – zuweilen auch große ärztliche Intuition – erfordert) und potentiellen diagnostischen Fehlermöglichkeiten unterworfen. So kann es vorkommen (insbesondere bei komplexen oder schwerdiagnostizierbaren chronischen Erkrankungen oder bei psychologisch-psychiatrischen und psychosomatischen Befunden und dem oft gegebenen Zeit- und Kostenrahmen), dass die Vollständigkeit und Richtigkeit der erhobenen Anamnese und der durchgeführten Untersuchungen und deren korrekter Analyse und Interpretation durch den Arzt nicht immer gewährleistet werden kann. Auch ist zu berücksichtigen, dass der Krankheitsbegriff nie frei von evaluativen (wertenden) und normativen Einflüssen ist und ein wertfreier, absolut-objektivierbarer und allgemein akzeptierter wissenschaftlicher Krankheitsbegriff medizintheoretisch nicht existieren kann. Eine möglicherweise unzutreffende Einschätzung, einem Patienten fehle es an Krankheitseinsicht, kann für diesen nicht unerhebliche Folgen hinsichtlich der weiteren Behandlung und bei leistungsrechtlichen Fragen gegenüber Kostenträgern haben.
Auch in der Existenzphilosophie und philosophischen Anthropologie wird der Terminus „Krankheitseinsicht“ verwendet. Die therapeutischen Mitteilungen des Arztes an den Patienten stellen u. U. notwendige, aber evtl. subjektiv wertende Schlussfolgerungen des Arztes dar, die sich aus Untersuchung und Befunderhebung ergeben. Es handelt sich aber bei der Frage der Krankheitseinsicht nicht nur um die aus erhaltenen Empfehlungen sich letztlich ergebende sog. Therapietreue, sondern auch um alle subjektiven Voraussetzungen eines Patienten zur Befolgung des ihm erteilten ärztlichen Rats.Markus Antonius Wirtz. (Hg.): Dorsch - Lexikon der Psychologie. Verlag Hans Huber, Bern, 162013, ISBN 978-3-456-85234-8; Lexikon-Lemma: „Subjektivität“: online Dabei sind ggf. bestehende Einschränkungen der Einsichtigkeit eines Patienten durch eigene Vorurteile, etwa in Form von intrapsychischen Abwehrmechanismen zu berücksichtigen einschließlich seiner letztlich ganz persönlichen Reaktionen und seiner eigenen Urteilsbildung bzw. Beurteilung. Alles dies ist vom Arzt zu beachten und betrifft den sogenannten Krankheitszustand des „mündigen Patienten“.
Krankheitszustand Berücksichtigt man den Krankheitszustand eines Patienten, so sind u. a. bewusste und unbewusste Einstellungen und Haltungen wesentlich, bevor und nachdem er sich einer ärztlichen Untersuchung unterzogen hat. Damit ist auch die Frage verbunden, ob die vom Behandler erteilten Ratschläge einschließlich der ärztlichen Aufklärung mehr oder weniger vorbehalt- und fraglos vom Patienten angenommen werden und wie sie ggf. verarbeitet werden. Hieraus ergeben sich evtl. Forderungen nach einer geeigneten Krankheitsbewältigung.Philip G. Zimbardo, Richard J. Gerrig: Psychologie. Pearson, Hallbergmoos bei München 2008, ISBN 978-3-8273-7275-8; (b) S. 491, 651–653 - zu Stw. „Therapietreue (Compliance)“; (b) S. 482 - zu Stw. „Krankheitsbewältigung (Coping)“.Sven Olaf Hoffmann und Hochapfel, G.: Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin. , CompactLehrbuch, Schattauer, Stuttgart 62003, ISBN 3-7945-1960-4; (a) S. 376 ff. - zu Stw. „Krankheitsbewältigung“, (b) S. 408 f. - zu Stw. „Widerstand“, S. 69 - zu Stw. „Krankheitsgewinn“.
Im Rahmen der Patient-Arzt-Beziehung stehen dem Begriff der Krankheitseinsicht – aus ärztlicher Perspektive tendenziell verobjektivierend verwendet – die subjektiven Bezeichnungen des sprachlichen Umfelds der Befindlichkeit gegenüber. Diese sind oft von ausschlaggebender Bedeutung für das eigne Urteil, gesund oder krank zu sein, nicht das Urteil des Arztes.Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. Springer, Berlin 91973, ISBN 3-540-03340-8, (); (a) S. 184 ff., 349 ff., 504, (654) – zu Stw. „Krankheitseinsicht“; (b) S. 353, 652, 666 f. - zu Stw. „subjektive Beweggründe“; (c) S. 353 f. - zu Stw. „Wille zur Krankheit und Charcot-Zitat“; (d) S. 353 - zu Stw. „Krankheitseinsicht und körperliche Erkrankung“; (e) S. 309 f., 587 f. - zu Stw. „Krankheitsbereitschaft als Folge eines Erlebnisses (Disposition, Komplex)“ und S. 518 f., 531 ff. - zu Stw. „Krankheitsbereitschaft als Folge von Konstitution“; (f) S. 174 f., 322, 324 ff., 602 f., 652, 353 - zu Stw. „Unfallneurose, Rentenneurose“; (g) S. 349 - zu Stw. „Definition Krankheitsbewusstsein“; (h) S. 349 - zu Stw. „Krankheitseinsicht und Kulturkreis“; (i) S. 652 ff. - zu Stw. „Wertbegriffe in der Psychiatrie“; (j) S. 651 - zu Stw. „Fragwürdigkeit des Krankheitsbegriffs in der Psychiatrie“; (k)+(l) S. 351 ff. - zu Stw. „Krankheitseinsicht bei Psychosen und Psychopathien“; (m) S. 184 f. - zu Stw. „Krankheitseinsicht bei organischer Demenz“. Zwar sollte jeder Arzt versuchen, sich bei der Untersuchung eines Patienten ein korrektes und umfassendes Bild von dessen Allgemeinzustand zu machen und sich in sein Befinden einzufühlen, doch erschöpft sich damit die Untersuchung noch nicht. Der Arzt ist auf eine Verständigung und Kooperation mit dem Patienten angewiesen, um den konkret gegebenen Zustand der vom Patienten letztlich meist nur vermuteten und vom Arzt diagnostizierten (aber zuweilen nicht mit letzter Sicherheit diagnostizierbaren) Krankheit zu bessern. Dabei ist es im Interesse eines idealen ärztlichen Therapieerfolges wünschenswert, wenn das durch den „Krankheitszustand“ des Patienten geprägte subjektive Krankheitsbewusstsein sich mit den regelhaften ärztlichen Vorstellungen über ein bestimmtes ggf. festgestelltes Krankheitsbild deckt.
Krankheitseinsicht ist in positiver oder negativer Hinsicht die Grundlage und das definitive Resultat einer jeden ärztlichen Konsultation. Ärztliche Maßnahmen stellen den Versuch dar, die bis dahin u. U. vagen subjektiven Annahmen und Befürchtungen eines leidenden Patienten oder seines leidenden Umfelds zu verobjektivieren und Krankheiten und Befindlichkeitsstörungen zu erkennen und möglichst zu bessern oder zu heilen.Rudolf Degkwitz et al. (Hrsg.): Psychisch krank. Einführung in die Psychiatrie für das klinische Studium. Urban & Schwarzenberg, München 1982, ISBN 3-541-09911-9; (a+b) S. 47–50 - zu Stw. „Krankheitszustand, Krankheitsbild, Zustandsbild“; (c) S. 436 ff. - zu Stw. „Antipsychiatrie“.
Mögliche Verlaufsstadien der Krankheitseinsicht Widerstand gegen Krankheit und Wille zur Krankheit Die subjektive Wahrnehmung einer Befindlichkeitsstörung geht mit einer Einbuße an Wohlbefinden des Betroffenen einher. Sie stellt eine gefühlsmäßig negative Tatsache für den Patienten dar. Das Ablehnen bewusster Wahrnehmung einer solchen Gefühlsregung erscheint daher verständlich. Dies ist ggf. bedingt durch Widerstände gegen das Eingeständnis eigener Ohnmacht und Bedürftigkeit. Es ist ggf. auch als Ausdruck eines gesunden Nichtwahrhabenwollens zu verstehen. Das Störende soll damit verdrängt werden. Die Ablehnung kann auf den Arzt übertragen werden und damit der Unterordnung unter seine Autorität und der Compliance des Patienten hinsichtlich der Therapie Grenzen setzen.Hans-Georg Gadamer: Über die Verborgenheit der Gesundheit. Kap. „Zum Problem der Intelligenz“. In: Der Nervenarzt, 7, Heidelberg 1964, S. 281–286 (Vortrag auf der Tagung des Gesamtverbandes Deutscher Nervenärzte in Wiesbaden im September 1963) Bibliothek Suhrkamp, Band 1135, Frankfurt / M 1993, ISBN 3-518-22135-3; (a) S. 77 f., 80 - zu Stw. „Krankheitseinsicht“; (b)+(c) S. 77–79, 81, 83 - zu Stw. „Schwankungen des inneren Gleichgewichts und Widerstand gegen Krankheit“; (d) S. 80 f./S. 82 - Stw.: „Besondere Probleme der Selbsterkenntnis: Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten versus Anpassung und Instinktgehorsam“; (e) S. 72, 75 und S. 76 - Stw.: „Relativierung der Aussagen des Bewusstseins: Nietzsche und Köhler“; (f) S. 82 f. - Stw.: „Bedeutung der Psychiatrie“. Hierdurch kann auch die weitere Aufmerksamkeit gegenüber der Wahrnehmung des eigenen Befindens gehemmt werden.Peter R. Hofstätter (Hrsg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1972, ISBN 3-436-01159-2; S. 41 - zu Stw. „Aufmerksamkeit und Widerstände“ und S. 200 - zu Stw. „Abschwächung von Angst und Aversionstendenzen in der Psychotherapie“.
Den Ausführungen von Jean-Martin Charcot (1825–1893) zufolge steht der Selbstbeherrschung und dem Willen zum normalen Leben häufig ein sog. „Wille zur Krankheit“ gegenüber. Von ihm stammt der Satz: „Für die Entwicklung zwischen Gesundheit und Krankheit ist ein Augenblick entscheidend, der vom Patienten abzuhängen scheint.“ Beide Einstellungen und Kräfte – Abwehr von Krankheit und Wille zur Krankheit – wurden von der Psychoanalyse näher erforscht. Sie haben einen Niederschlag in den Theorien des Widerstands und des Krankheitsgewinns gefunden. Die subjektive Überwältigung durch körperliche Erkrankung ist unabhängiger von solch unterschiedlicher eigener Stellungnahme des Patienten. Ernsthafte körperliche Erkrankung ist meist mit einer radikalen Umstellung des vitalen Selbstbewusstseins verbunden. Wird den Krankheitsvorgängen zu viel Aufmerksamkeit entgegengebracht, kann dies Krankheitseinsicht und Therapietreue ungünstig beeinflussen. Durch vermehrte Aufmerksamkeit kann auch die Angst vor der Krankheit vergrößert werden.A. J. Christensen et al.: Monitoring attentional style and medical regimen adherence in hemodialysis patients. In: Health Psychology 16, S. 256–293, 1997