Wie weiter ist ein Buch der deutschen Schriftstellerin Angela Krauß, das 2006 von Suhrkamp Verlag veröffentlicht wurde.

Inhalt Das romanähnliche Buch Wie weiter von Angela Krauß lässt sich zunächst als recht handlungsarm bezeichnen. Es gliedert sich grob in eine Rahmenerzählung und eine Binnenerzählung. Die Rahmenhandlung beginnt mit dem Aufwachen der Protagonistin an einem Sonntagmorgen in ihrer Mietwohnung gegenüber einem Zoo und schließt mit dem Aufwachen Romans, des Schlafgefährten der Protagonistin. Im weitaus größeren Teil der Erzählung verfolgt man die Protagonistin auf einer Gedankenreise, die teilweise weit in ihre Vergangenheit zurückgeht.

Wichtigste Figuren Ich-Erzählerin „Du, der Du alles weißt! Wenn nicht, ich fass nochmal zusammen: Hier bin ich. Das Kaiserspiel auf der Bettdecke. Unten die spitzen Schuhe. Auf dem Scheitel der Abdruck eines Gedankens. Soviel zu meiner Person.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 7.

Genaueres über die Ich-Erzählerin in Wie weiter erfährt der Leser zunächst nicht. Wie schon in ihren vorangegangenen Prosatexten Weggeküsst und die Überfliegerin bleibt die Protagonistin „physisch bemerkenswert konturlos“.Pottbeckers, Jörg: Warum schauen wir Tiere an? Über den animalischen Voyeurismus in Angela Krauß‘ späterer Prosa. In: Gees, Marion u. a. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH 104-117 Weitere Informationen ergeben sich lediglich aus dem Kontext der Erzählung. Bei der Ich-Erzählerin handelt es sich um eine Frau, vermutlich im mittleren Alter, die in der DDR -genauer in der Erzgebirgsregion- aufgewachsen ist und in die in Mitte ihres LebensAngela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 24. entscheidend von Wiedervereinigung Deutschlands geprägt wird. Ihre wichtigsten Bezugspunkte sind vor allem ihre drei Liebesmenschen Leo, Toma und Roman, die allesamt verschiedene Bedeutungen für die Erzählerin einnehmen, sich jedoch untereinander nie begegnet sind.

Roman ist dabei nicht nur einer ihrer Liebesmenschen, sondern zudem ihr „Schlafgefährte“. Offensichtlich befindet sich die Erzählerin seit mehreren Jahren in einer festen Beziehung zu ihm. Die Wohnung gegenüber einem Zoo in Mitteldeutschland (vermutlich in Leipzig) teilt sie sich zudem mit Kastanorka, einer Schildkröte.

Sowohl zur Ich-Erzählerin in Wie weiter, als auch in ihren anderen Prosawerken, lassen sich zahlreiche autobiografische Parallelen zur 1950 in Chemnitz geborenen und seit 1981 in Leipzig lebenden Autorin Angela Krauß ausmachen. So stehen Themen wie das Erzgebirge oder die Wiedervereinigung im engen Zusammenhang mit der Autorin und treten wiederholt in ihren Werken auf.

Liebesmenschen „Ich habe sie nie miteinander bekannt gemacht. Was würde aus ihnen, wenn sie genötigt wären, etwas miteinander anfangen zu müssen, meine Liebesmenschen? Etwa ein Freundeskreis? Ich mute ihnen keine Geburtstagsfeiern zu, kein Herumstehen in Zusammenhängen, die sie füreinander austauschbar erscheinen lassen könnten, in denen auch ich ihnen fremd wäre. Ein jeder hat sich einst seine Liebesperson aus mir hervorgelockt, die kein anderer kennt, nur wir beide. Wir sind jeweils zwei gegenseitig Hervorgelockte, weshalb kein Dritter etwas entbehren muß. Mit jedem meiner Liebesmenschen führe ich ein anderes Leben, eins von den vielen, die noch in mir bereitliegen.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 57.

Leo – weiser Ratgeber aus dem Westen „Ich hatte meinen Kopf in die Hand gestützt, weit über den Tisch zu ihm hingelehnt, lächelte ich ihn an, noch frisch verwundert, daß ein fremder Mensch innerhalb von drei Tagen in ein langeleerstehendes Zimmer meiner Seele eingezogen war.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, S. 99f ISBN 3-518-41824-6.

Leo ist ein alter Jude, der nach der Machtergreifung Hitlers aus Wien nach New York geflohen ist. Die Ich-Erzählerin begegnet ihm erstmals etwa zur Jahrtausendwende während eines Amerika-Aufenthalts auf dem World Trade Center: „Leo war von hinten her neben mich getreten, nach einer Weile wendeten wir gleichzeitig unsere Gesichter einander zu. Ich traf das Auge, das über die Stadt sah, und wollte mich schon zurück in diese Richtung wenden, als er mich mit dem anderen festhielt.“,Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 20. Leo, „der unter Schwarzen lebt“, führt die Ich-Erzählerin in einer rückblickend erzählten Episode nach Harlem in ein Theater. Kurz zuvor wurde der Protagonistin bei einem gemeinsamen Café-Aufenthalts der Rucksack entwendet, gerade in dem Moment, als Leo ihr Leben „umarmt“.Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 100. Während die Ich-Erzählerin nicht weiter weiß und in Tränen ausbricht, telefoniert Leo bereits mit diversen Behörden, um die wichtigsten Dokumente als gestohlen zu melden. Wie genau das innige Verhältnis in dieser kurzen Zeit entstanden ist, bleibt weitgehend offen. Ebenso, ob es weitere Treffen gab oder der Kontakt seitdem lediglich über Telefongespräche aufrechterhalten wird. Leo nimmt in gewisser Weise die Vaterfigur unter den Liebesmenschen ein. Er ist der einzige, von dem sich die Protagonistin Kosenamen gefallen lässt. Sie darf ihn jederzeit anrufen und um Rat fragen. So ist Leo der erste Ansprechpartner nach dem „wie weiter“. Leo rät ihr zu „[…]eine[r] beliebigen Handlung, als ob du würfelst“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 10. die sie wieder neugierig machen soll.

Toma – ruhelose Nomadin aus dem Osten „Toma lacht nur, wenn sie vom Westen hört“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 30.

Bei Toma handelt es sich um eine ehemalige sowjetische Brieffreundin, die bereits in Die Überfliegerin erwähnt wird. Das erste Treffen fand auf einem kleinen Flugplatz im Ural statt. Ähnlich wie schon bei Leo, berichtet die Erzählerin vom ersten Blickkontakt: „Mich traf ein Blick aus schwarzen tatarischen Augen. Spöttisch erwartungsvoll, ob ich der ungewöhnlichen, Schritt für Schritt heranrückenden Präsentation, dieser unmittelbaren Zukunft gewachsen sei.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 20. Anders als, der auf die Protagonistin eher beruhigend einwirkende, Leo, wird Toma als unruhig, fast schon aufwühlend beschrieben. „Nichts würde die Lage so sehr ändern, als wenn Toma jetzt in der Tür stände.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 10. Zu DDR-Zeiten –„[…]als der Westen noch Osten war.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 30. – haben sich Toma und die Erzählerin insgesamt viermal besucht, während Toma davon nur ein einziges Mal den Weg in den Westen auf sich nahm. Auch nach dem Mauerfall ist Toma das erste Reiseziel, „um zu sehen, wie es weitergeht.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 32. Der ruhelose Eindruck, den Toma auf den Leser macht, spiegelt sich auch in räumlicher Hinsicht wider. Sie wird als Nomadin beschrieben. „Von meinen drei Liebesmenschen ist sie derjenige, der sich am weitesten von mir entfernt hat.“ Auf ihrem Weg nach Osten –„gegen die Westwanderströme“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 11. – ist sie schließlich in Sibirien „angekommen“. Die zu „blindwütigen carpe diem“Chiarloni, Anna: Absolute Realität. Zu Angela Krauß‘ Die Überfliegerin. In: Gees, Marion u. a. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann GmbH 129-138 neigende Toma symbolisiert ein Fernweh, den Aufbruch in eine ungewisse Zukunft. Während Leo eine Ruhepolfunktion einnimmt, steht Toma für Veränderung.

Roman – stiller Schlafgefährte „Mein süßer Schlafgefährte weiß von nichts. Er träumt sich durch sein Nachtepos, eine mannhafte Welt, hinter flirrenden Lidern schlägt er sich hindurch.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 9. Roman ist derjenige Liebesmensch, der Wohnung und Leben mit der Erzählerin teilt. Er liegt in der Rahmenhandlung neben ihr im Bett und träumt von Heldenkämpfen. Auch im wachen Zustand wird er als stiller Träumer beschrieben, der eher passiv am Geschehen teilhat. Da er Langschläfer ist, bieten sich für die Protagonistin an Wochenenden zwei Stunden Zeit zum Nachdenken.

Die erste Begegnung der beiden findet in einer Menschenmenge während einer Montagsdemonstration statt. Der erste Blickkontakt wird hier wie folgt beschrieben: „Wir wechselten einen Blick, der keinen zweiten nötig hatte.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 32. Während Roman wohl anfangs sehr aktiv an der Protestbewegung beteiligt war, hat er im Laufe der turbulenten Ereignisse das Sprechen für Monate eingestellt und sich in sich selbst zurückgezogen. Dabei scheint er der Protagonistin bei der Bewältigung ihrer eigenen Orientierungslosigkeit im Laufe des Umsturzes Halt zu geben: „Roman hatte das Sprechen eingestellt, und ich lernte ihn kennen. Alles drängte vorwärts, er verharrte.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 45.

Die Erzählerin beschreibt rückblickend in einer kurzen Episode eine Begegnung mit einem weiteren Roman. Dabei wurde sie im Alter von sieben Jahren von ebendiesem über einen Fluss getragen. Sie erinnert sich dabei an ihre Rivalin um ihn und spricht bereits von Liebe. Ob die Namensgleichheit lediglich ein Zufall ist, oder der Name Roman eher als Konzept für den idealen Liebesmenschen zu verstehen ist, bleibt offen. So ist an anderer Stelle der Erzählung die Rede: „[…] und immer wenn mir ein Roman begegnet ist, haben wir einen Blick gewechselt, meine Mutter und ich.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 61. Verena Auffermann wirft in ihrer Rezension zur Erzählung sogar die Frage auf, ob die Erzählerin womöglich sogar neben einem -angelehnt an den Gattungsnamen- fleischgewordenen Roman im Bett liegt.Rezension von Verena Auffermann. Süddeutsche Zeitung. Besprechung vom 6. November 2006 buecher.de

Familie Mutter „Vorsicht! Mahnte meine Mutter, das kann auch ganz falsch weitergehen! Das ist schon mal ganz falsch weitergegangen, und dann dauert es immer gleich ein halbes Menschenleben. Nur weil es mit welchen durchgegangen ist.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 39.

Die Mutter der Protagonistin tritt rückblickend in der Rolle einer Ratgeberin auf. So hat sie der Erzählerin schon früh geraten, mehrere Liebesmenschen im Leben zu haben, um den einzelnen nicht zu überfordern. Auch für Beziehungen hatte sie einen Ratschlag parat: „Erkenne, was dir ein Mann geben kann, um es dir in für ihn erschwinglichen Dosen schenken zu lassen. Eröffne ihm nur klar umrissene Ausschnitte deiner Sehnsucht, gib ihnen eine konkrete Form, die er begreifen kann. Halte das wahre Ausmaß deiner Erwartungen geheim. Es liegt jenseits seiner Möglichkeiten.“Angela Krauß: Wie weiter (1. Aufl.) . Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41824-6, S. 18. Während manche der fast schon weltweise anmutenden Ratschläge ziemlich klar formuliert sind, bleibt die Bedeutung anderer für die Erzählerin nach wie vor unklar und beschäftigt sie auch Jahre später.