mini|Nezāmi: Sieben Schönheiten (um 1200). Illustration: Am Donnerstag in der sandelfarbenen Jupiterkuppel bei der chinesischen Schönheit. Iran, Aquarell, 19. Jahrhundert
Die Rezeption persischer Literatur im deutschsprachigen Raum ist für die Literatur von großer Bedeutung. Dies betrifft die Kenntnis der Weltanschauung persischer Dichter sowie ihrer poetischen Verfahren.
Der späte Johann Wolfgang von Goethe zum Beispiel erkannte und schätzte die skeptische Beweglichkeit, die in der persischen Dichtung zum Ausdruck kommt. Fast zweihundert Jahre zuvor, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, gab es erste Übersetzungen persischer Literatur ins Deutsche, anfangs mit Französisch als Mittlersprache.Paris ist ein altes Zentrum iranistischer Forschung und auch heute eines der wichtigsten Zentren iranischer Exilkultur. Vgl. Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Geschichte – Gegenwart – Rituale. Band 2, Stuttgart: Kohlhammer, 2002, ISBN 3-17-017119-4, S. 328. Zwischen 1800 und 1900 wurden in Frankreich 2004 Monografien und 475 Artikel zu persischer Dichtung veröffentlicht, im deutschsprachigen Raum 58 Monografien und 5 Artikel. Vgl. Kambiz Djalali: Das Fremde ist dem Eigenen zu Eigen. Die klassische persische Dichtung im deutsch-französischen Raum des 19. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 2014, ISBN 978-3-8260-5159-3, S. 468. Als Joseph von Hammer-Purgstall 1799 in Istanbul mit seinen berühmten Lyrik-Übersetzungen begann, war Persisch übersetzerisch noch kaum erschlossen.Stefan Weidner: Poetische Inventur des Orients. Nachwort in: Hafis: Der Diwan. Aus dem Persischen von Joseph von Hammer-Purgstall. München: Süddeutsche Zeitung (Schriftenreihe Bibliotheca Anna Amalia), ISBN 3-86615-415-1, 2007, S. 973–987.
mini|Titelblatt des einflussreichen Bibliografischen Lexikons Bibliothéque Orientale (1697) von Barthélemy d’Herbelot de Molainvilles Neben reinen Übersetzungen werden gelegentlich zweisprachige Ausgaben erarbeitet. Als die erste gilt die Teilausgabe von Nezāmis Sieben Schönheiten (um 1200), die Franz Erdmann 1843 in Kasan (Tatarstan, Russland)In diesem Zentrum russischer Orientalistik war 1826 ein durchreisender Gelehrter mit persischen Wurzeln für eine Stelle an der Universität gewonnen worden, vgl. David Schimmelpenninck van der Oye: Mirza Kazem-Bek and the Kazan School of Russian Orientology. In: Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East, Volume 28, Number 3, 2008, S. 443–458, S. 452–453. publizierte und deren 2. Auflage im Jahr darauf auch in Berlin erschien.Heutiges Beispiel einer zweisprachigen Lyrik-Anthologie: Haus der Kulturen der Welt (Hrsg.): Persischsprachige Literatur. Das Arabische Buch, Berlin 1991, ISBN 3-923446-75-6.
Persische Literatur wird seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts auch unmittelbar durch Autoren mit persischer Muttersprache rezipiert, die im deutschsprachigen Raum leben und publizieren.
Osmanischer Vorlauf seit dem 15. Jahrhundert mini|Die Süleymaniye-Moschee in Konstantinopel, Kupferstich von Melchior Lorck, 1570
Zwischen 1481 und 1566 waren viele arabische und persische Werke ins Türkische übersetzt worden.Kioumars Ghereghlou (2011/2012): KAŠF AL-ẒONUN (“Unveiling of suppositions”), a major bibliographical dictionary in Arabic, composed by Kāteb Čelebi Moṣṭafā b. ʿAbd-Allāh, also known as Ḥāji Ḵalifa (1609-57), Encyclopædia Iranica In den 1630ern begann der osmanische Universalgelehrte Katib Çelebi auf der Durchreise im syrischen Aleppo die Titel von Handschriften zu erfassen, die er bei dortigen Antiquaren vorfand, und begann damit sein umfassendes Projekt: rund 14.500 Werke in arabischer, persischer und türkischer Sprache aus Wissenschaft und Literatur in alphabetischer Reihung zu beschreiben (in arabischer Sprache, Kašf aẓ-Ẓunūn ʿan Asāmī al-Kutub va-l-Funūn; ). Dieses bibliografische Lexikon wurde für Barthélemy d’Herbelot de Molainvilles Bibliothéque Orientale (1697) grundlegend, das in den Jahren 1777 bis 1779 von J. Chr. F. Schulz ins Deutsche übersetzt wurde, Zusätze von J. J. Reiske und H. A. Schultens einbezog und in den Jahren 1785 bis 1790 in Halle veröffentlicht wurde mit dem Titel Orientalische Bibliothek oder Universalwörterbuch, welches alles enthält, was zur Kenntnis des Orients notwendig ist.
Persische Handschriften in europäischen Bibliotheken vor 1700 mini|links|Bibliothek der Universität in Leiden, 1694
Mitte des 17. Jahrhunderts begann die Universiteit Leiden (NL) damit, eine persische Handschriftensammlung anzulegen.Eintrag zur Collection Persian Manuscripts and Rare Books, Universitätsbibliothek Leiden Von dort war Jacobus Golius für die Zeit zwischen 1625 und 1629 in den Orient aufgebrochen, um Studien zu treiben und Handschriften anzukaufen. Orientalische Manuskripte wurden später auch für die Bibliothèque Royale in Paris gekauft und für die Bodleian Library in Oxford. In deutschen Ländern gab es kein vergleichbares Zentrum, allerdings in München, Berlin, Hamburg und Dresden einige Handschriften in Privatbibliotheken von Gelehrten. Seit dem späten 17. Jahrhundert dann waren die orientalischen Studien in Europa im Niedergang begriffen. Nach Leiden machte sich auch 1738 noch Johann Jakob Reiske von Leipzig aus auf, um seine Sprachkenntnisse zu vertiefen.Karin Rührdanz: Orientalische Handschriften in der Herzogin Amalia Bibliothek. In: Goethes Morgenlandfahrten. West-östliche Begegnungen. (Ausstellung des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar im Goethe-Jahr, vom 26. Mai bis 18. Juli 1999), herausgegeben von Jochen Golz, Frankfurt am Main; Leipzig: Insel-Verlag, ISBN 3-458-34300-8, 1999, S. 97–111, S. 98–101.
Drucke in persischer Sprache vor 1700 Schon 1554 wurden in Wien die ersten Holzlettern für arabische Schriftzeichen geschnitten, denn man interessierte sich für die praktische Verwendung orientalischer Sprachen. Außer in Wien sind in Amsterdam 1651 Typen für den Druck von Saadis Golestan im Einsatz gewesen und blieben bis mindestens 1882 erhalten, als sie für den Druck eines anderen Werkes in den Niederlanden wieder verwendet wurden.Paul de Lagarde: Persische Studien. 1884. (Reprint: Zeller, Osnabrück 1970), S. 5, Fußnote 8 und S. 9 mit Fußnote 13. Vgl. Abschnitt Saadis Bustan in deutscher Sprache (1696), evtl. war dieser Druck schon 1644.
Thesaurus Linguarum Orientalium (1680–1687) mini|Stadtansicht von Konstantinopel, aus Guillaume-Joseph Grelot: Relation nouvelle d'un voyage de Constantinople (1672)
1653 war Franz von Mesgnien Meninski (1620/1623–1698), der später erster Dolmetscher von Kaiser Leopold I. wurde, mit der Gesandtschaft Polens nach Konstantinopel gegangen und sein Thesaurus Linguarum Orientalium Turcicae, Arabicae, Persicae ... das persische Lehnwörter im Türkischen verzeichnete und in vier Bänden 1680–1687 in Wien gedruckt wurde, enthielt auch Übersetzungen ins Deutsche (neben Latein, Italienisch, Französisch und Polnisch).Digitalisat, Bayerische StaatsBibliothek digital
17. Jahrhundert mini|links|Eine Seite aus Saadis Golestān, geschrieben im Nastaliq-Stil, 14. Jahrhundert
Im Frühbarock hatte unter anderen Martin Opitz in seinem Buch von der deutschen Poeterey (1624) die gründliche Kenntnis von Dichtung in lateinischer und griechischer Sprache als Voraussetzung dafür angesehen, auf Deutsch dichten zu können. Opitz hat die Bedeutung des Übersetzens erkannt, „um eine Grundlegung für die deutsche Sprache zu schaffen.“Maria Cäcilie Pohl: Die Bedeutung des Übersetzens im Frühbarock. In: Paul Fleming. Ich-Darstellung, Übersetzungen, Reisegedichte. Inhaltsverzeichnis. Lit-Verlag, Münster 1993, ISBN 3-89473-579-1, S. 90–94, S. 209 Fußnote 51. Mit der Übersetzung und Rezeption persischer Literatur gelangten weitere Werke in den Horizont seiner sprachschöpferisch tätigen Zeitgenossen.
Saadis Golestān (1636 bzw. 1654, Persianischer Rosenthal) mini|Titelblatt von Olearius' Persianischer Rosenthal (1654), eine Übersetzung von Saadis Golestān (13. Jahrhundert)