mini|Zwei Talibés einer Daara in Vélingara mit Betteldose Daara (Wolof , auch dahra oder dara geschrieben, von ) ist eine traditionelle islamische Bildungsinstitution im Senegal, die bis heute eine sehr wichtige Rolle im Erziehungssystem des Landes spielt. Die Daara wird üblicherweise durch einen Marabout oder Scheich geleitet, der als Sérigné ("Meister") angeredet wird und einer sufischen Bruderschaft angehört. Die Schüler der Daara, die talibés genannt werden, sind heute meist zwischen sechs und 19 Jahren alt.Vgl. Lewandowski/Niane: Acteurs transnationaux. 2013, S. 519. Hauptziele der Daara-Ausbildung sind das Memorieren des Korans und die Vermittlung von basalen Kenntnissen über die religiösen Pflichten des Islams. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Daara-Erziehung ist, dass der Talibé lernen soll, den Sérigné zu respektieren und zu lieben und ihm zu dienen.Vgl. Ware III: The Walking Qur'an. 2014, S. 53.
Bis in die 1880er Jahre war die Daara die einzige Erziehungsinstitution im Senegal, die den Muslimen offenstand.Vgl. Ware: The Longue Durée of Quran Schooling. 2009, S. 36. Auch heute noch erhalten viele Senegalesen ihre religiöse Sozialisation in einer solchen Einrichtung.Diallo: Les Métamorphoses des Modèles de Succession. 2010, S. 323. Nach Schätzung des senegalesischen Erziehungsministers besuchten im Jahre 2002 etwa 800.000 bis eine Million Kinder eine Daara.Vgl. Charlier: "Les écoles au Sénégal". 2004, Abs. 41. 2009 gab es im Senegal insgesamt etwa 6.000 Daaras, von denen sich knapp 1.000 in der Hauptstadt Dakar befanden. Die Zahl der Schüler auf den Daaras schwankt zwischen 50 und 300, einzelne große Daaras wie die von Coki haben sogar 1.000 Schüler.Vgl. Lewandowski/Niane: "Acteurs transnationaux". 2013, S. 519.
Wegen seiner negativen sozialen Effekte (u. a. Verbreitung von Zwangsbettelei) geriet das Daara-System in den vergangenen Jahrzehnten stark in die Kritik. Zurzeit befindet es sich in einem umfassenden Reformprozess, an dem sowohl staatliche Behörden als auch verschiedene internationale Nichtregierungsorganisationen beteiligt sind.
Die verschiedenen Daara-Typen Jean-Émile Charlier unterschied 2004 drei verschiedene Typen von Daaras: 1. traditionelle Daaras, 2. moderne Daaras und 3. Daaras, die als Teilzeit-Koranschulen fungieren.Vgl. Charlier: "Les écoles au Sénégal". 2004, Abs. 20–24. Die traditionellen Daaras befinden sich zumeist in Städten und sind dadurch gekennzeichnet, dass sie über keine finanzielle Basis verfügen. Die Eltern, die dem Marabout ihre Kinder anvertrauen, erbringen ihm für deren Erziehung keinerlei Gegenleistung. Die Schüler leben deshalb in Armut und müssen Betteln gehen, um sich selbst, den Marabout und die Daara zu unterhalten. Sie verbringen viel Zeit mit ihren Bettelschalen auf der Straße, wobei sie üblicherweise ungewaschen und nur in Lumpen gekleidet sind. Als Gegenleistung für ihre Dienste bringt ihnen der Marabout Lesen und Schreiben bei, unterrichtet sie im Koran und vermittelt ihnen grundlegende Kenntnisse über die islamische Religion. Schüler, die sich seiner Autorität nicht fügen, werden gezüchtigt. Die Erniedrigung und das Leid, das die Schüler in der Daara erleben, sind intendiert und gelten als Bestandteil ihrer moralischen Erziehung.Vgl. Charlier: "Les écoles au Sénégal". 2004, Abs. 27. Die Talibés sollen lernen, sich irgendwie "durchzuschlagen".Vgl. Gaitanidou-Berthuet: Organisation und Netzwerk. 2012, S. 78.
Was Charlier "moderne Daaras" nennt, sind Internate, die fernab der Städte auf dem Land liegen. Die Schüler erhalten hier eine strenge religiöse Ausbildung und zur Sicherung des Unterhalts der Daara leisten sie für den Marabout landwirtschaftliche Arbeit. Die modernen Daaras verlangen außerdem, dass die Familien der Schüler einen finanziellen Beitrag zum Unterhalt der Daara leisten. Derartige landwirtschaftliche Daaras sind vor allem während der französischen Kolonialzeit von der Murīdīya-Bruderschaft gegründet worden (vgl. dazu unten) und werden hier Daara Tarbiya genannt, aber auch einige Daaras der Tidschānīya entsprechen diesem Typ. Die Lebensbedingungen in den Daaras des modernen Typs sind erheblicher besser als in den traditionellen Daaras.Vgl. Charlier: "Les écoles au Sénégal". 2004, Abs. 25. Da die meisten Talibés bis zu ihrer Eheschließung in der Daara leben, bildet sie für sie eine Ersatzfamilie. Der Talibé kann die Daara erst verlassen, wenn der Marabout eine Dankeszeremonie (gërëm) durchgeführt hat.Diallo: Les Métamorphoses des Modèles de Succession. 2010, S. 313. Ein spezielles Kennzeichen der Daaras der Murīdīya ist, dass sie nur männlichen Schülern vorbehalten ist, während in den Daaras der Tidschānīya auch Mädchen untergebracht sind.Vgl. Babou: Fighting the Greater Jihad. 2007, S. 105f. Allerdings wird eine strikte Geschlechtertrennung aufrechterhalten.Diallo: Les Métamorphoses des Modèles de Succession. 2010, S. 320.
Bei den traditionellen und modernen Daaras wohnen die Schüler in dieser Einrichtung und sehen ihre Eltern nur sehr selten. Sie leben dort als talibés bis zu ihrer Eheschließung. Dies ist anders bei denjenigen Daaras, die als Teilzeit-Koranschulen funktionieren. Sie werden von den Schülern, die ihre reguläre Ausbildung an einer staatlichen französischsprachigen Schule erhalten, nur am Abend oder in den Ferien besucht. Während die französische Schule in diesem Fall die Aufgabe hat, die Schüler auf das diesseitige Leben (jàng àdduna) vorzubereiten, soll sie die Daara sie auf das jenseitige Leben (jàng àllaaxira) vorbereiten.Vgl. Ware: "The Longue Durée of Quran Schooling". 2009, S. 37. Anders als bei den traditionellen und modernen Daaras hat der Marabout bei den Teilzeit-Daaras keine vollständige Autorität mehr über seine Schüler.Diallo: Les Métamorphoses des Modèles de Succession. 2010, S. 312. In den letzten Jahren haben derartige Teilzeit-Daaras stark an Bedeutung zugenommen. Im Jahre 2007 besuchten nur 10 Prozent der senegalesischen Kinder zwischen 6 und 12 Jahren eine Vollzeit-Daara, während 50 Prozent eine Teilzeit-Daara besuchten.Vgl. D’Aoust: "Écoles franco-arabes publiques et daaras modernes au Sénégal". 2013, Fn. 10.
Die Gültigkeit von Charliers Typisierung für die unmittelbare Gegenwart ist allerdings dadurch eingeschränkt, dass die vor wenigen Jahren geschaffene staatliche Aufsichtsbehörde für die Daaras heute selbst eine Definition für das vorgibt, was sie als eine "moderne Daara" anerkennt und finanziell fördert. Demnach handelt es sich um eine Einrichtung, die Schüler zwischen fünf und 18 Jahren aufnimmt, sie auf die Memorisierung des Korans vorbereitet und ihnen eine qualitätvolle religiöse Erziehung und Basiskompetenzen entsprechend dem cycle fondamental vermittelt. Sie muss dabei ergonomische Normen, didaktische Prinzipien und hygienische Vorschriften beachten und den geltenden staatlichen Bestimmungen entsprechen. Daneben gibt es noch eine Anzahl von Daaras, die 2002 an einem staatlichen Modernisierungsprogramm teilgenommen haben. Sie werden in der staatlichen Diktion als "modernisierte Daaras" bezeichnet. Aufgrund dessen hat Sophie d'Aoust 2013 die Daaras in vier Typen eingeteilt: 1. traditionelle Daaras ohne Internat, 2. traditionelle Daaras mit Internat, 3. modernisierte Daaras und 4. moderne Daaras.Vgl. D’Aoust: "Écoles franco-arabes publiques et daaras modernes au Sénégal". 2013, Abs. 9.
Geschichte der Institution Ursprünge Die historischen Ursprünge der Daara-Institution liegen im Dunkeln. In verschiedenen neueren Studien wird die Verwandtschaft der Daara zum mittelalterlichen Ribāt hervorgehoben, in dem Adepten abgeschieden vom Rest der Welt lebten und sich ihrer spirituellen Vervollkommnung widmeten.Vgl. Babou: Fighting the Greater Jihad. 2007, S. 107. Auch das Wolof-Wort daara soll auf diesen Entstehungszusammenhang verweisen. Es soll ursprünglich eine Abkürzung des arabischen Ausdrucks Dār al-murābiṭīn (Haus der Grenzkämpfer) sein, der wie der Begriff Ribāt in der nomadischen Gesellschaft Westafrikas eine Einrichtung bezeichnete, die der religiösen Erziehung, dem Rückzug und dem Dschihad diente.Diallo: Les Métamorphoses des Modèles de Succession. 2010, S. 314.
In der Zeit vor der französischen Kolonisierung stand in den Daaras das Memorisieren des Korans im Vordergrund. Es waren insbesondere die Söhne aus Familien muslimischer Geistlicher, die hier studierten, um die Familientradition weiter zu pflegen und sich auf eine geistliche Karriere vorzubereiten. Kinder, die nicht aus klerikalen Familien stammten, verließen die Daara meist schon nach wenigen Jahren, nachdem sie die elementaren Regeln des Islams, Lesen und Schreiben und genügend Texte aus dem Koran gelernt hatten, um korrekt beten zu können.Vgl. Babou: Fighting the Greater Jihad. 2007, S. 105f.
Entwicklungen während der französischen Kolonialzeit mini|Amadu Bamba, der Gründer der Murīdīya Eine neue Form der Daara entwickelte sich in der französischen Kolonialzeit mit der Daara Tarbiya des Murīdīya-Ordens. Die Daara Tarbiya ist eine spezielle Institution der Murīdīya und hat auch eine zentrale Rolle bei der Gründung und Entwicklung dieser Tarīqa gespielt. Früher wurde diese Form der Daara als eine Erfindung von Ibra Fall, einem engen Anhänger Amadu Bambas, beschrieben, heute wird dagegen angenommen, dass diese Institution nicht "erfunden" wurde, sondern sich ganz allmählich herausgebildet hat, wobei Ibra Fall an dieser Entwicklung nur geringen Anteil hatte. Die Daara Tarbiya wird als eine Strategie gesehen, auf die Amadu Bamba und seine ersten Anhänger zurückgriffen, um mit der immer weiter steigenden Anzahl von Schülern, die sich um sie versammelten, zurechtzukommen.Vgl. Babou: Fighting the Greater Jihad. 2007, S. 105f.
Bambas Vater Momar Anta Sali hatte 1871 in Mbacké-Kayor eine Daara gegründet, die hauptsächlich von älteren Schülern besucht wurde.Vgl. Babou: Fighting the Greater Jihad. 2007, S. 45f. Nachdem sein Vater 1883 gestorben war, führte Bamba die Daara von Mbacké Kayor weiter, wobei er einen neuen Erziehungsstil einführte, bei dem das Ziel nicht so sehr die Memorisierung des Korans, sondern die "Läuterung" und "Zähmung" der SeeleVgl. Ware III: The Walking Qur'an. 2014, S. 183f. sowie die Erziehung hin zu Gemeinschaft und Solidarität war.Vgl. Gaitanidou-Berthuet: Organisation und Netzwerk. 2012, S. 75. Als Amadu Bamba später in sein Heimatdorf Mbacké-Baol zurückkehrte, führte er die dortige Daara in der gleichen Weise. Die Erziehung hin zur Gemeinschaft war gerade im Hinblick auf die Heterogenität von Bambas Anhängerschaft sehr wichtig. Viele seiner Schüler waren ehemalige Sklaven sowie Angehörige niederer Kasten der Wolof-Gesellschaft, die keinerlei Schulausbildung erhalten hatten, andere waren ehemalige Krieger.Vgl. Gaitanidou-Berthuet: Organisation und Netzwerk. 2012, S. 75.
Die Art, wie Bamba die Daara in Mbacké-Baol führte, wurde von den Geistlichen der Umgebung und seiner eigenen Familie stark kritisiert.Vgl. Babou: Fighting the Greater Jihad. 2007, S. 67. Diese Konflikte zwangen Amadu Bamba um 1888, das Dorf Mbacké-Baol zu verlassen und in der Nähe ein neues Daara-Dorf zu gründen. In diesem Dorf, dem er den Namen Darou Salam gab, entwickelte er die Art der Daara-Führung zu einem speziellen Typ weiter, den er Daara Tarbiya ("Daara der Erziehung") nannte.Vgl. Babou: Fighting the Greater Jihad. 2007, S. 70. In der Daara Tarbiya wurde der Dienst für den Sufi-Scheich als Führer und spirituellen Mentor betont. Dies erfolgte in Anknüpfung an das in vielen Koranschulen gepflegte Chidma-Konzept (von arab. ḫidma = "Dienst"), allerdings in einer sufischen Umdeutung, denn in der Daara Tarbiya wurde das Lehrer-Schüler-Verhältnis nach dem sufischen Modell von Murschid und Murīd konzipiert. Der Schüler diente seinem Scheich, um seine Baraka zu erhalten und sein Verhalten nachzuahmen. Die Gründe für den Eintritt in die Daara Tarbiya waren sehr unterschiedlich. Nicht wenige Talibés traten auf Wunsch ihres Scheichs in sie ein.Vgl. Babou: Fighting the Greater Jihad. 2007, S. 70.