Eine deutschsprachige Presse in den Niederlanden in Form einer Tages- oder Wochenpresse hat sich außerhalb des heutigen Grenzraums später als andere Strukturen herausgebildet, lange Zeit standen einer Entstehung eine Reihe von Hindernissen im Weg. Die nationalsozialistische Machtübernahme von 1933 führte in den Niederlanden zur Gründung von Exilblättern. Nach der Besetzung des Landes im Jahr 1940 mussten diese aufgegeben werden, nun folgten sowohl eine Besatzungszeitung als auch eine Widerstandspresse. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es in den Niederlanden keine deutschsprachige Presselandschaft mehr, Neu- und Wiedergründungen waren meist nur von kurzer Dauer. Merkmale der deutschsprachigen Medien in den Niederlanden waren je nach Titel Kurzlebigkeit, geringe Verbreitung, Abhängigkeit von Subventionierung oder erzwungene Einstellung aufgrund äußerer Widrigkeiten, die dauerhafte Etablierung eines bedeutenden Vertreters gelang nicht.

Hindernisse zur Etablierung einer deutschsprachigen Presse und der Sonderfall Herzogtum/Provinz Limburg

mini|Zeitungskopf des Limburger Courier von 1868.

mini|Anzeige für die Kirchrather Volkszeitung.

Innerhalb der deutschen Gemeinde in den Niederlanden ist eine deutschsprachige Presse später als andere Institutionen entstanden, so kam es bereits 1620 zur Gründung der ältesten deutschsprachigen Kirchengemeinde als Teil der niederländisch-reformierten Kirche, auch existierten seit Mitte des 19. Jahrhunderts deutsche Schulen,Deutsche in den Niederlanden 1918 bis 1945, NiederlandeNet der Westfälischen Wilhelms-Universität, von Katja Happe. doch die Randstad mit ihrer großen wirtschaftlichen Bedeutung blieb zunächst ohne deutschsprachige Zeitung. Eine Ausnahme bildete die während der Revolte gegen die Oranier von 1785 bis 1787 herausgegebene Holländische Zeitung, die sich nach dem Willen ihres niederländischen Gründers „falschen Vorstellungen der Deutschen“ gegenüber den Niederlanden entgegenstellen sollte (dementsprechend der Untertitel Wahrheit und Tugend zum Ziel). Sie erschien zweimal wöchentlich unter der Mitarbeit eines deutschen Amsterdamer Pfarrers, der die Texte übersetzte.Jan Izaak van Doorninck: Vermomde en naamlooze schrijvers opgespoord op het gebied der Nederlandsche en Vlaamsche letteren. B.M. Israël, Amsterdam 1970 (Nachdruck der Ausgabe von 1885), Band 2 „Naamlooze geschriften“, S. 674. Online-Ausgabe, alternative PDF-Ausgabe.

Eine Sonderstellung nimmt das Herzogtum Limburg ein, das bis 1866 Teil des Deutschen Bundes, aber doch in erster Linie eine niederländische Provinz war. Ab 1847 erschien in Heerlen als Nachfolger einer wenig erfolgreichen niederländischsprachigen Wochenzeitung der Limburger Courier, der im Oktober 1868, möglicherweise, um ganz Südlimburg zu erreichen, zur Sprache seines Vorgängers zurückkehrte. Um der deutschsprachigen Leserschaft entgegenzukommen, erhielt die Zeitung ab September 1869 eine entsprechende Beilage. Später erschien in Kerkrade wöchentlich von 1907 bis 1911 die Kirchrather Volkszeitung. Der kurzlebige niederländischsprachige Nachfolger Nieuwe Kerkraadsche Courant enthielt noch für eine längere Zeit deutsche Inserate, Leserbriefe und Feuilletons. Das nach dem Ersten Weltkrieg für einige Jahre erscheinende Limburger Tageblatt befasste sich kaum mit Limburg und war ansonsten inhaltlich identisch mit dem Aachener Echo der Gegenwart, wahrscheinlich richtete es sich an die in der Provinz lebenden deutschen Bergarbeiter. In Vaals gab es ab 1902 den in deutscher Frakturschrift gedruckten Limburger Volksfreund. Bis in die 1930er Jahre erschien der zweisprachige Vaalser Anzeiger, der möglicherweise ein Nachfolger des Limburger Volksfreunds war und ein deutschsprachiges Kirchenblatt enthielt.Vorgänger des Limburger Courier nach Ann Marynissen: Limburgers worden Nederlanders? In: Taal & Tongval. Themanummer 17: Taalvariatie en groepsidentiteit. Amsterdam University Press, Amsterdam 2004, S. 78 (mit deutscher Zusammenfassung, (PDF)), Rest nach Wolfgang Cortjaens, Jan de Maeyer, Tom Verschaffel: Historism and Cultural Identity in the Rhine-Meuse Region/Historismus und kulturelle Identität im Raum Rhein-Maas. Leuven University Press, Leuven 2008, ISBN 978-90-5867-666-5, S. 118–120.

Für das im Rest des Landes lange Fehlen einer deutschsprachigen Presse gab es mehrere Gründe: Bis 1869 gab es den Dagbladzegel (Zeitungsstempel), dieser stand für die hohe Besteuerung von Zeitungen in den Niederlanden. Dies alleine erschwerte bereits die Gründung und Etablierung einer deutschsprachigen Zeitung. Auch war es zum Beispiel nicht möglich, gleichzeitig eine katholische und protestantische Leserschaft zu gewinnen (siehe hierzu auch den sich damals in den Niederlanden herausbildenden Partikularismus in Form der Versäulung). Prinzipiell gab es zwar Blätter wie die Kölnische Zeitung in den Niederlanden zu kaufen, diese waren aber durch die Steuer sehr teuer. Ausländische Zeitungen konnten aber in Gesellschaftsvereinen und Kaffeehäusern gelesen werden, des Weiteren auch in den Lesegesellschaften, die während des 19. Jahrhunderts in den Niederlanden sehr beliebt waren.Marlou Schrover: Een kolonie van Duitsers. Groepsvorming onder Duitse immigranten in Utrecht in de negentiende eeuw. Aksant, Amsterdam 2002, ISBN 90-5260-066-X, S. 174–175 (Online als PDF) u. „“, politiekcompendium.nl.

Abschaffung des Zeitungsstempels und Presse bis zur Machtergreifung in Deutschland von 1933

mini|Sonderausgabe der Deutschen Wochenzeitung für die Niederlande und Belgien (1918)

Die Abschaffung des Dagbladzegel sorgte dafür, dass Zeitungen erheblich günstiger wurden. Die deutschsprachige Presse der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war jedoch zunächst fast vollständig auf den Handelsplatz Niederlande bezogen, so gab es den Wöchentlichen Marktbericht sowie die Handels- und Schiffahrts-Zeitung, Allgemeine Kaffeezeitung, Holländische Nachrichten Zeitung für Handel, Industrie, Kunst und Wissenschaft und Niederländische Handels- und Schiffahrts-Zeitung.Marlou Schrover: Een kolonie van Duitsers. Groepsvorming onder Duitse immigranten in Utrecht in de negentiende eeuw. Aksant, Amsterdam 2002, ISBN 90-5260-066-X, S. 175 (Online als PDF).

Seit 1893 erschien in Haarlem, später in Amsterdam die Deutsche Wochenzeitung in den Niederlanden (ab 1906 Deutsche Wochenzeitung für die Niederlande und Belgien), eine Gründung des gebürtigen Bayern August Prell, der sich eine Zeit lang in der Kolonialarmee in Niederländisch-Indien verdingt hatte.Deutsche Wochenzeitung in den Niederlanden, Deutsche Wochenzeitung für die Niederlande und Belgien im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek u. Genootschap Amstelodamum (Hrsg.): Jaarboek Amstelodamum 1928. Genootschap Amstelodamum, Amsterdam 1928, S. 219–220 (enthalten auf Genootschap Amstelodamum 1900–2000. Alle Jaarboeken & Maandbladen. Stichting Historic Future, Amsterdam 2000, ISBN 90-76650-11-X). Diese konnte sich jedoch nur mit Mühe über Wasser halten und wurde während des Ersten Weltkriegs von deutscher Seite aus subventioniert, da eine Einstellung der Zeitung zu jener Zeit als nicht ratsam erschien. Sie war bisweilen für den einen oder anderen Konflikt „gut“, das ging von einem Prozess, den Prell 1900 gegen einen ehemaligen Mitarbeiter führte, der eine Deutsche Anti-Prellerei-Zeitung in den Niederlanden veröffentlicht hatte, bis hin zu einer Beschwerde Walther Rathenaus, der über die Art der Darstellung seiner Person sehr verärgert war.Zur Deutschen Anti-Prellerei-Zeitung in den Niederlanden vgl. „Rechtzaaken: Beleeding.“, Algemeen Handelsblad, 5. November 1900, S. 2, „Volledig eerherstel.“, Het nieuws van den dag, 7. November 1901, S. 11 u. Eintrag der Zeitung im Katalog des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte. Verärgerung Walther Rathenaus nach Nicole Eversdijk: Kultur als politisches Werbemittel. Waxmann Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-8309-2308-4, S. 216–218. Überarbeitete und gekürzte Dissertation, Münster 2007. Trotz ihrer verhältnismäßig langen Existenz dürfte die Wirkung der Zeitung außerhalb der deutschen Leserschaft gering gewesen sein, in niederländischer pressehistorischer Literatur wird sie zuweilen gar nicht erwähnt.In Jan van de Plasses Kroniek van de Nederlandse dagblad- en opiniepers fehlt sie beispielsweise (Jan van de Plasse: Kroniek van de Nederlandse dagblad- en opiniepers/samengesteld door Jan van de Plasse. Red. Wim Verbei. Otto Cramwinckel Uitgever, Amsterdam 2005, ISBN 90-75727-77-1).

1911 kam noch eine weitere Wochenzeitung, die Deutsche Zeitung in Amsterdam, hinzu, die auch außerhalb der Niederlande verbreitet wurde. Chefredakteur war der Deutsch-Österreicher Heinrich Poeschl, der sich aus Wien aufgrund einer Zuchthausstrafe abgesetzt hatte.Verbreitungsgebiet nach Nicole Eversdijk: Kultur als politisches Werbemittel. Waxmann Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-8309-2308-4, S. 215. Überarbeitete und gekürzte Dissertation, Münster 2007. Herkunft Poeschls nach André Beening: Onder de vleugels van de adelaar. De Duitse buitenlandse politiek ten anzien van Nederland in de periode 1890–1914. Dissertation, Amsterdam 1994, S. 111. Strafe nach Mededeelingen van den Nederlandsche Journalistenkring. Nummer 149, Oktober 1912, S. 123. Auffällig war das Blatt durch seine antikatholischen und antisemitischen Tiraden. Auch attackierte Poeschl seinen Konkurrenten Prell wegen angeblichen geschäftsschädigen Verhaltens. Generalkonsul Rienacker investierte laut Prell, zu dem er kein gutes Verhältnis hatte, aus eigener Tasche in die Zeitung, was aber deren Ende nach einem Jahr nicht verhinderte.André Beening: Onder de vleugels van de adelaar. De Duitse buitenlandse politiek ten anzien van Nederland in de periode 1890–1914. Dissertation, Amsterdam 1994, S. 111–112 u. Nicole Eversdijk: Kultur als politisches Werbemittel. Waxmann Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-8309-2308-4, S. 215–216. Überarbeitete und gekürzte Dissertation, Münster 2007.

Während der letzten Monate des Ersten Weltkriegs gaben in den Niederlanden internierte Deutsche eine Gefangenenzeitung heraus. Die Deutsche Zeitung erschien in Den Haag in teils halbmonatlicher, teils monatlicher Erscheinungsweise.Deutsche Zeitung im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Nach dem Krieg verkürzte die Deutsche Wochenzeitung für die Niederlande und Belgien ihren Namen auf Deutsche Wochenzeitung für die Niederlande,Deutsche Wochenzeitung für die Niederlande im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. zur Frage nach dem Grund, beispielsweise ob sie wegen des Krieges nicht mehr erscheinen konnte, finden sich bislang keine Angaben.

1931 gab es eine weitere kurzlebige Neugründung, die Rotterdamer Niederländische Wochenschau. Deutsche Zeitung für Rotterdam, Den Haag und Dordrecht.Eintrag der Zeitung im Katalog des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte. Auch die Amsterdamer Deutsch-niederländische Rundschau blieb zwei Jahre später nur für kurze Zeit auf dem Markt.Eintrag der Zeitung im Katalog des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte.

Deutsche Exilblätter seit 1933 und Presse während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg

mini|Eine Titelseite des deutschen Exilorgans Der Deutsche Weg von 1934

mini|Werbeplakat für die Deutsche Zeitung in den Niederlanden (1940)