Rheinau ist eine politische Gemeinde im Bezirk Andelfingen, dem Weinland des Schweizer Kantons Zürich. Der Mundartname lautet Riinau.
Geographie Bei Rheinau bildet der Rhein eine Doppelschleife. Die Ortschaft liegt in der westlichen Schleife gegenüber der Rheininsel mit dem ehemaligen Kloster Rheinau. Der Rhein wurde für das Kraftwerk Rheinau gestaut. Die Ortschaft grenzt in drei Himmelsrichtungen an die Bundesrepublik Deutschland. Von der Gemeindefläche dienen 25,6 % der Landwirtschaft, 54,7 % sind mit Wald bedeckt, 4,1 % sind Verkehrsfläche und 7,8 % Siedlungsfläche, 7,4 % sind Gewässer und 0,4 % unproduktive Fläche.Gemeindeporträts. Rheinau. Flächen. Statistisches Amt des Kantons Zürich, 2018. mini|Rheinschleife mit Rheininsel Rheinau mini| Rheinau, historisches Luftbild von 1929, aufgenommen aus 500 Metern Höhe von Walter Mittelholzer
Bevölkerung + BevölkerungsentwicklungQuellen: 1528/1834: HLS, 1850–1960: Eidgenössische Volkszählungen (XLS; 927 kB), danach: Gemeindeporträts. Rheinau. Bevölkerung (Personen). Statistisches Amt des Kantons Zürich, 1962–2022. Jahr Einwohner 1528 ca. 112*) 1834 604 1850 716 1900 1'454**) 1950 2'313**) 2000 1'340 2005 1'308 2010 1'300 2015 1'316 2020 1'291 2022 1'285 *) 1528: Zahl der Haushalte, entspricht ca. 450–500 Einwohnern
**) 1900/1950: Zählung umfasst auch Patienten der Kant. Psych. Klinik Rheinau Bevölkerungsdichte: 143,6 Einw./km² Anzahl Haushalte: 590 (Stand: 2022)Gemeindeporträts. Rheinau. Privathaushalte. Statistisches Amt des Kantons Zürich, 2022. Konfessionszugehörigkeit: 30,12 % evangelisch-reformiert, 27,78 % römisch-katholisch, 42,10 % andere oder keine konfessionelle Zugehörigkeit (Stand: 2022)Gemeindeporträts. Rheinau. Konfession. Statistisches Amt des Kantons Zürich, 2022.
Politik Gemeindepräsident ist Andreas Jenni (SP, Stand 2023).Gemeinderat. Website der Gemeinde Rheinau.
Bei der Nationalratswahl 2019 erreichten die Parteien folgende Wähleranteile: SVP 33,01 %, SP 21,15 %, Grüne 12,84 %, glp 10,72 %, CVP 8,21 %, FDP 6,01 %, BDP 2,18 %, EDU 1,55 %, AL 1,51, EVP 1,39 % und andere (7) 1,45 %.
Die Wähleranteile bei der Nationalratswahl 2023: SVP 32,27 % (−0,74 %), SP 17,89 % (−3,26 %), Die Mitte 13,95 % (+3,56 %), Grüne 9,88 % (−2,96 %), glp 8,88 % (−1,84 %), FDP 7,57 % (+1,56 %), Aufrecht Zürich 2,75 %, EVP 1,89 % (+0,50 %), EDU 1,41 % (−0,15 %), DLA 0,93 % (+0,43 %), Mass-Voll! 0,92 %, andere (9) 1,68 %.Nationalratswahl 2023. Kanton Zürich. 25. Oktober 2023.
Die Gemeinde erregte Anfang Juni 2018 Aufmerksamkeit, als die SP-Gemeinderätin Karin Eigenheer verkündete, dass der Gemeinderat an der örtlichen Bevölkerung das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) testen möchte. Das Projekt wurde von der Aargauer Filmemacherin Rebecca Panian initiiert. Sie versuchte, über Crowdfunding die Mittel dafür einzuwerben. Für das Vorhaben wurden im Juni 2018 Freiwillige gesucht, welche das Projekt unterstützen und dabei als Geldempfänger mitmachen möchten. Ab 2019 sollte jeder Rheinauer über 25 Jahren die Möglichkeit bekommen, ein Jahr lang einen Grundbetrag von monatlich 2500 Franken zu erhalten. Wenn jedoch ein Empfänger mehr verdient als 2500 Franken, könnte er kein BGE mehr beziehen. Es handelte sich also um eine Supplementation des Einkommens auf 2500 Franken, und deshalb wurde die angepriesene Bedingungslosigkeit bereits kritisiert. Im Dezember 2018 wurde bekannt, dass die Finanzierung nicht zustande kam.
Geschichte Frühgeschichte und Mittelalter Älteste Siedlungsspuren auf dem Gemeindegebiet gehen zurück auf die Bronzezeit. Sie sind nicht zu trennen von der Fundstelle auf der gegenüberliegenden Halbinsel Schwaben von Altenburg-Rheinau auf deutschem Gebiet (Ausgrabungen 1972–1977), wo die Besiedlung noch etwas früher einsetzte. Von Luftbildern war der Siedlungsplatz auf der Halbinsel Rheinau bereits seit 1989 bekannt: ein spätlatènezeitliches Oppidum. Der Rheinübergang an der Verbindung Mittelmeer–Germanien war Kleingewerbe- und Handelsniederlassung. Bei Rettungsgrabungen 1994 an der Austrasse kamen 18 Fundstellen von Grubenhäusern zutage, dabei solche mit Feuerstellen und Schmiedeessen aus dem 1. Jh. v. Chr. 1996–1997 wurde ein weiteres späteisenzeitliches Siedlungsniveau erfasst und wurden neue Erkenntnisse zur keltischen Besiedlung gewonnen mit der Interpretation von Nauheimer-, geschweiften- und Schüsselfibeln, Gürtelhaken, Schildbeschlägen, Münzen und einem Fingerring mit Kristallgemme. Sie datierten die Funde in die Latènezeit D2. 6 Tüpfelplattenfragmente von Werkzeugen zur Silber- und Goldmünzenprägung sind neben einem entsprechenden Beleg vom Üetliberg erste eindeutige Hinweise keltischer Münzprägung auf Zürcher Kantonsgebiet. Vergleichsstücke liegen aus dem benachbarten keltischen Oppidum Altenburg (D) vor. Eine archäologische Luftbildprospektion liess 2002 auf der Halbinsel Au Spuren von Grubenhäusern, Staketenwänden und Palisaden beobachten; ihre Zeitstellung war noch unklar. Konkret war das Relikt einer zum Oppidum gehörigen, spätkeltischen Wallfrontmauer aus Sandsteinplatten, das beim Umbau eines Parkplatzes an der Poststrasse zutage kam und locker mit Bollensteinen hinterfüllt war.
Im Frühmittelalter (vor 858, traditionelles Gründungsjahr 778) wurde das Kloster Rheinau gegründet. Die Ersterwähnung (858, als monasterium Rinauva) findet statt mit der Erhebung zum Reichskloster unter Ludwig dem Deutschen. Im Jahr 1126 befestigte Graf Rudolf von Lenzburg die beim Kloster entstandene Siedlung Rheinau. Der Ortsname ist bereits 858 erstmals belegt als in ipso loco qui dicitur Rinauva. 1241 bezeichnete Kaiser Friedrich II. Rheinau erstmals ausdrücklich als Stadt (civitatem Renogienssem). Zwischen 1288 und 1298 zwang Schirmvogt Rudolf III. von Habsburg-Laufenburg die Bürger von Rheinau, ihre Wohnsitze «auf den Berg» in die später so genannte «Oberstadt» zu verlegen. Mit der Siedlungsverlegung einher ging die Befestigung mit einer Stadtmauer, die den Zugang zur Halbinsel beim heute noch sichtbaren Stadtgraben abschloss.
Das Kloster führte seit dem 14. Jh. einen Salm (Lachs) im Wappen; ein Stadtsiegel mit demselben Wappentier ist seit 1374 belegt. Der Ort unterstand bis 1798 der Klosterherrschaft. In der ersten Hälfte des 18. Jh. hatte sich die Bürgerschaft in zwei langwierigen Prozessen vergeblich gegen die Herrschaftsansprüche der Rheinauer Äbte gewehrt.
Gegen die Ansprüche der Grafen von Sulz wurde 1455 mit der Eidgenossenschaft ein Schutzvertrag abgeschlossen, der das Kloster vor weiteren Übergriffen der benachbarten klettgauischen Adelsfamilien bewahrte. Josias Simmler berichtet von einem speziellen Rheinauer Banner.Habent Rinoviani peculiare signum sive vexillum sub quo Helvetiis militant. Josias Simmler (1577) , S. 310.
Frühmoderne Von Zürich her griff 1529 die Reformation auch auf Rheinau über. 1532 wurde das Kloster wiederhergestellt; in der Folge entwickelte es sich zu einem Zentrum der Gegenreformation.
Hexenverfolgung in Rheinau ZH Um 1611 starben 200 von ca. 500 Einwohnern des Städtchens Rheinau an der Pest. In den Jahren 1618 und 1619 wurden in Rheinau sieben Frauen als Hexen verbrannt: 1618 Magdalena Muntelin sowie die Witwen Verena Binder und Anna Schildknecht, im März 1619 Regula Kempf und Ursula Rapold, ebenfalls Witwen, und am 3. Oktober wurde die verheiratete Regula Manz zusammen mit Margaretha Manser auf dem «Galgenbuck» enthauptet und anschliessend verbrannt. Über die Rheinauer Hexenprozesse wurde aufgrund der Forschungen des Rheinauer Historikers Stephan Aregger im September 2019 in den Lokalmedien berichtet.Sieben Hexen auf 500 Einwohner. In: Schaffhauser Nachrichten. 10. September 2019 (nur über Paywall abrufbar).Gabriele Spiller: Warum in Rheinau 7 Hexen verbrannt wurden. In: Der Landbote. 2. September 2019 (Interview mit Stephan Aregger; nur über Paywall abrufbar). In der Zählung von Otto Sigg (2012, 2019), der insgesamt 84 «Zürcher Hexenmorde» auflistet, sind die Hexenprozesse von Rheinau nicht inbegriffen, da Rheinau zu dieser Zeit nicht zum Hoheitsgebiet der Stadt Zürich gehörte.Otto Sigg: Hexenprozesse mit Todesurteil. 2013; ders.: Hexenmorde Zürichs und auf Zürcher Gebiet. Nachträge und Ergänzungen zur Dokumentation 2012. 2019.
Moderne mini|Die ehemalige Benediktinerabtei auf der Rheininsel Während der Wirren nach dem französischen Einmarsch in die Schweiz im Jahr 1798 wurde das Kloster vorübergehend aufgelöst, 1803 im Rahmen der Mediation aber wiederhergestellt.
Die Gründung der modernen Gemeinde Rheinau und ihre Eingliederung in den Kanton Zürich datieren auf die Mediationsverfassung von 1803. In den Abteigebäuden auf der Insel wurde nach der Aufhebung des Klosters 1862 bis 2000 eine psychiatrische Klinik untergebracht.Vergleiche dazu Birgit Schoop-Russbült: Psychiatrischer Alltag in der Autobiographie von Karl Gehry (1881–1962). Medizinische Dissertation. Zürich 1989 (= Zürcher medizingeschichtliche Abhandlungen. 204). 2014 wurde in einem Teil des ehemaligen Klosters die Musikinsel Rheinau eröffnet.Musikinsel Rheinau vor der Eröffnung. In: Schweizer Musikzeitung. 29. April 2014, abgerufen am 23. März 2022.
Das Gemeindewappen mit der Blasonierung In Blau ein gestreckter linkssteigender silberner Salm wurde am 21. Dezember 1928 eingeführt. Es basiert auf dem Stadtsiegel von 1374 bzw. 1646.Peter Ziegler (Hrsg.): Die Gemeindewappen des Kantons Zürich. Antiquarische Gesellschaft in Zürich, Zürich 1977, S. 85.Das Siegel von 1374 zeigt einen nach links schwimmenden Salm in einem uferumrandeten Fluss. Ein Artikel im Landboten bezeichnete aufgrund des Datums 1374 das Rheinauer Wappen als das «drittälteste [Gemeinde-]Wappen des Kantons Zürich», nach den Wappen von Winterthur und Grüningen: Unmittelbare Vorlage für das moderne Gemeindewappen war jedoch das Stadtsiegel von 1646, dessen Stempel noch erhalten ist und das einen linkssteigenden Salm zeigt.
Forensische Klinik Im August 2007 wurde nach zwei Jahren Bauzeit in Rheinau die forensische Klinik der PUK Zürich fertiggestellt. Der Klinik angegliedert ist ein Gefängnis. Es werden psychisch kranke Straftäter aus der gesamten Deutschschweiz aufgenommen.
Möglicher Endlager-Standort Schon seit den 1990er Jahren gilt das Zürcher Weinland aufgrund seiner Opalinuston-Gesteinsschichten im geologischen Untergrund als möglicher Standort für ein Endlager von radioaktiven Abfällen. Im Januar 2015 hat die Nagra ihre ergebnisoffene Suche mit drei Standorten für hochradioaktive Abfälle (HAA) und sechs Standorten für schwach- und mittelradioaktive Abfälle (SMA) auf zwei Standorte eingeschränkt: die Region Bözberg im Aargau und das Zürcher Weinland. Beide Standorte eignen sich demnach auch für ein kombiniertes Lager HAA und SMA und werden von der Nagra als die geologisch-technisch geeignetsten Standorte eingestuft. Welcher Standort (allenfalls wären es auch beide, einer für HAA und einer für SMA) schliesslich ausgewählt wird, entscheiden im weiteren Verlauf des Verfahrens Nagra und ENSI sowie auf politischer Ebene das Bundesparlament und allenfalls eine Volksabstimmung.
Die Oberflächen-Anlagen für das Lager befänden sich auf dem Gebiet der Gemeinden Rheinau ZH und Marthalen.. Nagra, Januar 2015, abgerufen am 11. Februar 2015 (PDF; 7,5 MB).
Sehenswürdigkeiten
Kloster Rheinau Bergkirche St. Nikolaus Spitzkirche St. Magdalena Rheinbrücke Rheinau–Altenburg
Persönlichkeiten
Ehrenbürger 1870: Johann Wipf (1802–1874), Pater Pirmin 1923: Friedrich Ris (1867–1931), Leiter der Psychiatrie Rheinau 1898–1931 und Libellenforscher 1943: Rupert Nieberl (1872–1949)
Söhne und Töchter der Gemeinde Aegid von Waldkirch (1621/22–1667), Benediktinermönch, Abt des Klosters Muri
Literatur
Hermann Fietz: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich. Band I: Die Bezirke Affoltern und Andelfingen (= Die Kunstdenkmäler der Schweiz. Band 7). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK). Bern 1938, , S. 225–368 (Digitalisat).