mini|Wappen von Papst Franziskus Laudato si’ (volgare umbro [„umbrisches Altitaloromanisch“] für „Gelobt seist du“) ist die zweite Enzyklika von Papst Franziskus. Die auf den 24. Mai 2015 datierte und am 18. Juni 2015 in acht Sprachen veröffentlichte Verlautbarung Über die Sorge für das gemeinsame Haus befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Themenbereich Umwelt- und KlimaschutzJörg Bremer: Ein Warnschrei für die Schöpfung. Auf: FAZ.net, 18. Juni 2015. Abgerufen am 18. Juni 2015. und setzt zudem Zeichen im Hinblick auf bestehende soziale Ungerechtigkeiten und auf die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen. Das Klima wird als Allmende, als „ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle“ gesehen (Ziffer 23). In den internationalen Medien wurde die Enzyklika vielfach als Aufruf zu einem weltweiten Umdenken und als Wendemarke in der Kirchengeschichte bezeichnet.
Titel, Entstehungsgeschichte und Vorstellung mini|Franz von Assisi, älteste Darstellung (13. Jahrhundert) aus Subiaco Titel und Charakterisierung Die Enzyklika wird, wie bei päpstlichen Texten üblich, nach ihrem Incipit benannt. Titel und Anfangsworte der Enzyklika entstammen dem Sonnengesang des Franz von Assisi, der in der römisch-katholischen Kirche und von vielen Christen anderer Konfessionen als Heiliger verehrt wird: Laudato si’, mi’ signore, cun tucte le tue creature („Gelobt seist du, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen“). Papst Franziskus erklärt in der Enzyklika, dass er Franziskus zum Papstnamen wählte, weil für ihn der heilige Franziskus „eine Art Leitbild und eine Inspiration“ sei: „Ich glaube, dass Franziskus das Beispiel schlechthin für die Achtsamkeit gegenüber dem Schwachen und für eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie ist.“Laudato si’ Nr. 10. Für ihn sei Laudato si’ nicht nur eine Umweltenzyklika, sondern darüber hinaus auch eine Sozialenzyklika, betonte er 2021.
Entstehungsgeschichte Schon nach seinem Amtsantritt hatte Franziskus eine Umweltenzyklika angekündigt. Der erste Entwurf wurde vom Rat Justitia et pax erstellt, zahlreiche Bischöfe wie Erwin Kräutler arbeiteten zu. Nach mehrfacher Überarbeitung – im Staatssekretariat mit Blick auf politische Implikationen und in der Glaubenskongregation wegen theologischer Aussagen – erfolgte im März 2015 die Endredaktion. Die Urfassung der Enzyklika war in spanischer Sprache verfasst., abgerufen am 21. Juni 2015. Seither wurde das Dokument in verschiedene Sprachen übersetzt.Katholische Presseagentur Österreich: Öko-Enzyklika „Laudato sii“ wird Beitrag zu Klimagipfel in Paris. 3. Juni 2015. Abgerufen am 5. Juni 2015.
Franziskus beabsichtigte, durch die Enzyklika auf die UN-Klimakonferenz in Paris 2015 Einfluss zu nehmen. Er äußerte in einer Pressekonferenz Mitte Januar 2015: „Wichtig ist, dass zwischen ihrer Veröffentlichung und dem Treffen in Paris ein gewisser zeitlicher Abstand liegt, damit sie einen Beitrag leistet. Das Treffen in Peru war nichts Besonderes. Mich hat der Mangel an Mut enttäuscht: An einem gewissen Punkt haben sie aufgehört. Hoffen wir, dass in Paris die Vertreter mutiger sein werden, um in dieser Sache voranzukommen.“ Auf: Radio Vatikan, 23. März 2015. Abgerufen am 18. Juni 2015. Am 28. April veranstaltete die Päpstliche Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit dem Sustainable Development Solutions Network (SDSN) der Vereinten Nationen und Religions for Peace eine Konferenz zum Klimawandel (), bei der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Eröffnungsrede hielt.Pontificial Academy of Sciences: Workshop, 28. April 2015. Abgerufen am 18. Juni 2015.Pope Francis throws the weight of his office behind tackling climate change. In: The Washington Post, 15. April 2015. Abgerufen am 18. Juni 2015.
Lobbyisten versuchten, Formulierungen der Enzyklika zu beeinflussen.Hans-Jürgen Schlamp: Der grüne Papst. Auf: Spiegel Online, 16. Juni 2015. Abgerufen am 17. Juni 2015. Der Vatikan-Journalist Sandro Magister brach die Sperrfrist und stellte einen ihm vorliegenden Text vorzeitig online; daraufhin wurde ihm vom Vatikan die Akkreditierung entzogen.Julius Müller-Meiningen: Öko-Enzyklika sorgt schon vorab für Ärger. Auf: Rheinische Post online, 17. Juni 2015 (Seite 6). Abgerufen am 17. Juni 2015.
Datierung und Sprachen Die Enzyklika wurde von Papst Franziskus am 24. Mai 2015, dem Pfingstsonntag, erlassen.
Am 18. Juni 2015 stellten Kardinal Peter Turkson, der orthodoxe Metropolit Ioannis Zizioulas, der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sowie Carolyn Y. Woo, Präsidentin des Catholic Relief Services und bis 2011 Dekanin des Mendoza College of Business, University of Notre Dame, USACatholic relief services, abgerufen am 22. Februar 2016, die Enzyklika gemeinsam in einer Pressekonferenz im Vatikan vor.salastampa, 2015/06/18 Sie wurde zeitgleich auf Arabisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Polnisch, Portugiesisch und Spanisch veröffentlicht.M. Fischer in schoenstatt.org, abgerufen am 21. Juni 2015. Eine offizielle lateinische Fassung erschien Ende September 2015 mit dem Untertitel De communi domo colenda („Über die Sorge für das gemeinsame Haus“); dabei mussten für eine Reihe von Fachausdrücken Umschreibungen oder Neologismen gefunden werden., 29. September 2015.
Inhalt Aufbau und Struktur Die Enzyklika ist in die Einleitung und sechs Kapitel gegliedert und schließt mit zwei Gebeten.
In einer Einleitung (1–16) wird die Enzyklika in den Kontext vorangegangener päpstlicher Lehrschreiben und anderer Aussagen zur Thematik bis zurück zur Enzyklika Pacem in terris von Papst Johannes XXIII. aus dem Jahre 1963 gestellt. Der Papst spricht weiter über seine Motivation, den Text zu verfassen, und verweist insbesondere auf Franz von Assisi (10–12). Er betont in einem „Aufruf“ die Dringlichkeit des Problems und lädt mit einem Wort des Dankes an die „weltweite ökologische Bewegung“ „zu einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten“ (14). Papst Franziskus würdigt ausdrücklich die Beiträge der Ökumene und hier beispielhaft die Beiträge von Patriarch Bartholomäus, den er wörtlich zitiert: „Dass Menschen die biologische Vielfalt in der göttlichen Schöpfung zerstören; dass Menschen die Unversehrtheit der Erde zerstören, indem sie Klimawandel verursachen, indem sie die Erde von ihren natürlichen Wäldern entblößen oder ihre Feuchtgebiete zerstören; dass Menschen anderen Menschen Schaden zufügen und sie krank machen, indem sie die Gewässer der Erde, ihren Boden und ihre Luft mit giftigen Substanzen verschmutzen – all das sind Sünden.“ (8) Im ersten Kapitel („Was unserem Haus widerfährt“, 17–61) erfolgt eine umfassende Analyse der Problematik: Umweltverschmutzung und Klimawandel mit den Facetten „Verschmutzung, Abfall und Wegwerfkultur“ (20–26), die Wasserfrage (27–31), der Verlust der biologischen Vielfalt (32–42), Verschlechterung der Lebensqualität und sozialer Niedergang (43–47), weltweite soziale Ungerechtigkeit (48–52). Der Papst kritisiert in Nr. 53–59 „die Schwäche der internationalen politischen Reaktion“ (54), während die Wirtschaftsmächte fortfahren, „das aktuelle weltweite System zu rechtfertigen, in dem eine Spekulation und ein Streben nach finanziellem Ertrag vorherrschen, die dazu neigen, den gesamten Kontext wie auch die Wirkungen auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren.“ (56) Franziskus folgert: „So wird deutlich, dass die Verschlechterung der Umweltbedingungen und die Verschlechterung im menschlichen und ethischen Bereich eng miteinander verbunden sind.“ Das zweite, umfangreichste Kapitel (62–100) trägt die Überschrift „Das Evangelium von der Schöpfung“. Es würdigt „die verschiedenen kulturellen Reichtümer der Völker, Kunst und Poesie“ und betont, dass „kein Wissenschaftszweig und keine Form der Weisheit beiseitegelassen werden“ dürfe, um eine Ökologie aufzubauen, „die uns gestattet, all das zu sanieren, was wir zerstört haben“ (63). Dem stellt der Papst in jeweils eigenen Abschnitten „die Weisheit der biblischen Erzählungen“ (65–75), „das Geheimnis des Universums“ (76–88), „die Botschaft eines jeden Geschöpfes in der Harmonie der gesamten Schöpfung“ (84–88), „eine universale Gemeinschaft“ (89–92), „die gemeinsame Bestimmung der Güter“ (93–95) und den „Blick Jesu“ (96–100) an die Seite und entfaltet zahlreiche biblische Texte zur Beziehung zwischen Schöpfer und Schöpfung aus der „Überzeugung, dass sämtliche Geschöpfe des Universums, da sie von ein und demselben Vater erschaffen wurden, durch unsichtbare Bande verbunden sind und wir alle miteinander eine Art universale Familie bilden, eine sublime Gemeinschaft, die uns zu einem heiligen, liebevollen und demütigen Respekt bewegt“ (89); Gläubige und Nichtgläubige seien sich heute einig, „dass die Erde im Wesentlichen ein gemeinsames Erbe ist, dessen Früchte allen zugutekommen müssen. Für die Gläubigen verwandelt sich das in eine Frage der Treue gegenüber dem Schöpfer, denn Gott hat die Welt für alle erschaffen. Folglich muss der gesamte ökologische Ansatz eine soziale Perspektive einbeziehen, welche die Grundrechte derer berücksichtigt, die am meisten übergangen werden.“ (93) Das dritte Kapitel (101–136) untersucht „die menschliche Wurzel der ökologischen Krise“ und benennt die Technologie in ihrer Ambiguität von Kreativität und Macht (102–105), „die Globalisierung des technokratischen Paradigmas“ (106–114), welches dazu tendiere, auch Wirtschaft und Politik zu beherrschen (109) und wegen seiner Spezialisierung die „große Schwierigkeit, das Ganze in den Blick zu nehmen“, mit sich bringe (110). Der Papst erkennt in der Moderne eine „große anthropozentrische Maßlosigkeit“: „ein prometheischer Traum der Herrschaft über die Welt […], der den Eindruck erweckte, dass die Sorge für die Natur eine Sache der Schwachen sei.“ (116) So sieht er als weiteren Faktor „Krise und Auswirkungen des modernen Anthropozentrismus“ (115–136), nämlich praktischen Relativismus (122–123). Er betont die Notwendigkeit, die Arbeit zu schützen (124–129) und mit der von der Forschung ausgehenden biologischen Innovation verantwortungsvoll umzugehen (130–136). Im vierten Kapitel (137–162) entfaltet Franziskus „eine ganzheitliche Ökologie“, so die Überschrift, und thematisiert Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialökologie (138–143), Kulturökologie (143–146), eine „Ökologie des Alltagslebens“ (147–155), das Prinzip des Gemeinwohls (156–158) und eine generationsübergreifende Gerechtigkeit (159–162). Das fünfte Kapitel (163–201) enthält „einige Leitlinien für Orientierung und Handlung“. Hier wird ein Umweltdialog in der internationalen Politik (164–175) vorgeschlagen, ein Dialog im Hinblick auf neue nationale und lokale politische Konzepte (176–181) sowie Dialog und Transparenz in den Entscheidungsprozessen (182–188). Franziskus hält es für erforderlich, dass „Politik und Wirtschaft im Dialog für die volle menschliche Entfaltung“ stehen (189–198): „Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie unterwerfen. Im Hinblick auf das Gemeinwohl besteht für uns heute die dringende Notwendigkeit, dass Politik und Wirtschaft sich im Dialog entschieden in den Dienst des Lebens stellen, besonders in den des menschlichen Lebens.“ (189) Angesichts eines unverantwortlichen Wachstums und unersättlichen Konsums während anderen ein menschenwürdiges Leben noch nicht möglich ist, ist nach Meinung des Papstes „die Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann.“ (193) Das Kapitel schließt mit Aussagen zum Dialog zwischen Religionen und Wissenschaften (199–201).