mini|Saint-Sulpice mini|Saint-Sulpice, Chor von Nordosten mini|Innenansicht mini|Grundriss mini|Erster Fassadenentwurf von Servandoni, ca. 1732

Saint-Sulpice ist eine katholische Pfarrkirche im Pariser Stadtteil Quartier de l’Odéon (im 6. Arrondissement). Sie ist dem heiligen Sulpicius II. von Bourges als Namenspatron geweiht.

Die Kirche hat eine Länge von 118 m und eine Breite von 57 m. Mit diesen Maßen ist sie nur wenig kürzer als die Kathedrale Notre Dame de Paris und damit die zweitgrößte Kirche der Stadt. Unter den Kirchenschiffen befinden sich diverse Krypten, deren Grundflächen zusammen fast genauso groß sind wie die Grundfläche der Kirche selbst. Franz Grillparzer hat sie als „nach Notre Dame die schönste Kirche von Paris“ bezeichnet.Grillparzer's sämmtliche Werke.10. Darin: Tagebuch aus dem Jahr 1826 (Reise nach Paris und London), S. 336

Aus der Verwandtschaft von König Ludwig XIV. wurden z. B. Louise Élisabeth d’Orléans und ihr Halbbruder Louis Charles de Saint-Albin in der Krypta der Kirche bestattet. Saint-Sulpice wurde auch von einigen anderen der größten Adelsfamilien Frankreichs (darunter die Familien Condé, Conti und Luynes) zur Grabstätte auserkoren. Dort ist auch der Komponist und langjährige Organist von St. Sulpice, Charles Marie Widor, bestattet. Berühmte Persönlichkeiten wurden in der Kirche getauft wie der Marquis de Sade, Amalie Zephyrine von Salm-Kyrburg und Charles Baudelaire oder heirateten dort, so z. B. Victor Hugo und Heinrich Heine.

Aus dem Priesterseminar St. Sulpice sind bedeutende Persönlichkeiten wie z. B. Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord hervorgegangen.

Die Hauptorgel der Kirche, weltweit berühmt und ein weitgehend im Originalzustand erhaltenes Meisterwerk von François-Henri Clicquot und Aristide Cavaillé-Coll, war zur Zeit ihrer Entstehung eine der größten Europas und wurde bzw. wird von berühmten Musikern gespielt.

Geschichte Der romanische, mehrfach erweiterte Vorgängerbau aus dem 12. Jahrhundert wurde im 17. Jahrhundert größtenteils abgerissen. 1646 wurde der Grundstein zu einem Neubau nach den Plänen von Christophe Gamard gelegt, 1655 übernahm Louis Le Vau die Bauleitung. Nach dessen Rücktritt legte Daniel Gittard einen Entwurf vor, der ab 1660 verwirklicht wurde. Die Größe der Kirche orientierte sich an den ca. 100.000 Einwohnern der damaligen Kirchengemeinde. Bereits 1678 unterbrach Geldmangel die Bauarbeiten. Nur der Chor samt Umgang und Kapellen sowie das Nordquerhaus und die Vierungspfeiler waren damals fertig. Langhaus, Vierung und südlicher Querhausarm wurden erst zwischen 1719 und 1736 durch Gilles-Marie Oppenordt errichtet. Zur Finanzierung wurde ungewöhnlicherweise eine Lotterie veranstaltet.

Saint-Sulpice ist eine dreischiffige Basilika mit Umgangschor und kaum über die Fluchtlinie vortretendem Querhaus. Zwischen den Strebepfeilern sind Kapellen eingezogen, unter denen die Marienkapelle (Chapelle de la Vierge) am Chorhaupt hervortritt. Das Mittelschiff ist zweizonig aufgebaut: unten Pfeilerarkaden mit einer vorgelagerten korinthischen Pilasterordnung, darüber die Wölbungszone mit einer Längstonne samt Stichkappen für die Obergadenfenster. Die Gesamtdisposition ist als Reduktion des Schema der gotischen Pariser Kathedrale Notre-Dame zu verstehen, vermittelt über die Pfarrkirche St-Eustache de Paris. Auch Detailformen in den älteren Bauteilen (scheitelrippenartiges Profil, schlusssteinartige Rosetten) erinnern an gotische Vorbilder.

Die westliche Doppelturmfassade gehört, wiewohl noch zur Zeit der Bauarbeiten am Langhaus errichtet, einer neueren Stilstufe an. Aus einem Wettbewerb ging 1732 der Theaterarchitekt Giovanni Niccolò Servandoni, ein Florentiner französischer Abstammung, als Sieger hervor. Sein Entwurf gewann in der Realisierung mehr und mehr antikisch-römische Größe und weist schon auf den frühen Klassizismus voraus, eine Tendenz, die Jean-François Chalgrin mit seinem Entwurf für neue Turmfreigeschosse (nur Nordturm realisiert) fortschrieb.

Servandoni war in Paris eigentlich berühmt geworden mit seinen barocken Bühnen- und Festdekorationen, die ihn auch nach Lissabon, Dresden und London führten. Und eine ähnliche Tendenz zur theaterhaften Prachtentfaltung findet sich auch hier, allerdings in einer etwas zwiespältigen Version. Was auf einer Bühne wirkt, wirkt nicht unbedingt an einer Kirchenfassade. Servandoni hat hier bei weitem nicht das erreicht, was bei anderen großen Barockkirchen so überzeugend wirkt. Die Fassade von St-Sulpice ist proportional unausgewogen. Die beiden großen übereinander liegenden Säulenhallen werden von den Türmen nicht zusammengefasst.

1642 gründete Jean-Jacques Olier (1608–1657) hier die Kongregation der Sulpizianer, einen katholischen Orden, und das Priesterseminar St. Sulpice, mit dem Hauptzweck der akademischen und spirituellen Priestererziehung, die bis heute existiert. Das Priesterseminar und die Schule von Saint-Sulpice waren geistige Horte der Französischen Revolution. Aus ihnen sind Sieyès und Talleyrand, führende Köpfe der Revolution, hervorgegangen.

Während der Revolution wurde die Kirche als Siegestempel (Temple de la Victoire) bezeichnet, woran heute noch ein Schild über der Mitteltür des Haupteinganges erinnert, kurz danach aber geplündert und beschädigt. Im Rahmen der Wiederaufbauarbeiten wurde die erste Südkapelle mit zwei Fresken von Eugène Delacroix aus den Jahren 1858 bis 1861 geschmückt, die den Kampf Jakobs mit dem Engel und die Geschichte Heliodors zeigen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Delacroix möglicherweise ein Sohn von Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord war, der im Priesterseminar St. Sulpice ausgebildet worden war.

Nach dem Brand von Notre-Dame 2019 übte St-Sulpice vorübergehend faktisch die Funktion einer Kathedrale (in Bezug auf diözesane liturgische Veranstaltungen) aus.

Orgeln Saint-Sulpice verfügt über zwei Orgeln: die große Hauptorgel auf der Westempore, und eine Chororgel. In Saint-Sulpice findet jeden Sonntag um 10:00 Uhr ein Orgelkonzert statt (Auditions des Grandes Orgues à Saint Sulpice, vor dem Gottesdienst um 11:00 Uhr, der mit einem 15-minütigen „Prélude“ der Hauptorgel ab 10:45 Uhr eingeleitet wird).News (auf Englisch). www.aross.fr. Aufgerufen am 25. Februar 2023.

Die räumlichen und akustischen Gegebenheiten von Saint-Sulpice, mit Chor- und Hauptorgel, berücksichtigend, schrieben Charles-Marie Widor 1885/1890 die Messe op. 36 und sein Student und Stellvertreter Louis Vierne 1899 die Messe solennelle.

Hauptorgel mini|Inspirierend für Chalgrins Gehäuseentwurf: Ein Tempel im antiken Praeneste (Rekonstruktionszeichnung).Michael Hesse: Ein Tempel der Musik in der christlichen Kirche - Das Orgelgehäuse für Saint-Sulpice in Paris von Jean-François-Thérèse Chalgrin mini|Die in der heutigen Gestalt von Cavaillé-Coll erbaute Hauptorgel. Widor war dort 64 Jahre Organist. mini|Werkaufbau der Hauptorgel mini|Spieltisch mini|Firmenplakette von Aristide Cavaillé-Coll am Spieltisch der Hauptorgel von Saint-Sulpice Die Hauptorgel geht auf ein Instrument zurück, das 1776–1781 von François-Henri Clicquot mit 64 Registern auf fünf Manualen und Pedal erbaut wurde.Association Aristide Cavaillé-Coll/Kurt Lueders (Hrsg.): Le Grand-Orgue de Saint-Sulpice et ses Organistes. La Flûte Harmonique, Numéro spécial, no. 59/60 (1991), S. 7–29. Das monumentale Orgelgehäuse wurde vom Architekten Jean-François Chalgrin entworfen. Seine Struktur greift auch die Gliederung der Westfassade der Kirche, in der es steht, auf: Zwei Türme flankieren einen fünfgliedrigen Mittelteil. Die Uhr mitsamt der zwei sie einrahmenden Engelsfiguren ist erst später auf das Rückpositiv aufgesetzt worden.

Zwischen 1834 und 1846 führte Daublaine-Callinet Umbauarbeiten durch, jedoch mit keinem zufriedenstellenden Ergebnis. Aristide Cavaillé-Coll übernahm ab 1855 die Stimmung und Wartungsarbeiten und baute zwischen 1857 und 1862 das Instrument (unter Verwendung von etwa 40 Prozent des Pfeifenwerks von Clicquot und Callinet) grundlegend um.

Das Rückpositiv ist seither nur eine Attrappe; die Register des Positivs (III. Manual) befinden sich im Hauptgehäuse. Der Organist sitzt mit dem Rücken zum Hauptgehäuse und kann das Geschehen im Chor und am Hauptaltar durch den V-förmigen Spalt über dem mittleren Pfeifenfeld des ansonsten leeren Rückpositivgehäuses beobachten (Bis zu diesem Umbau bildeten alle Prospektpfeifenmündungen des Mittelteils des Rückpositivs eine Gerade und endeten an der Oberkante der Gehäuseöffnung). Zu dieser Spieltischanordnung wurde Cavaillé-Coll durch den süddeutschen Orgelbau, speziell durch die Gabler-Orgel der Basilika Weingarten, angeregt. Das fast bis an den Gewölbescheitel des Mittelschiffs reichende Schwellwerk (Récit expressif) ist eine Zutat Cavaillé-Colls und, um als auf Chalgrins Gehäuse aufgesetzter Fremdkörper möglichst wenig aufzufallen, in den Farben des es umgebenden Steins gehalten. Zahlreiche Prospektpfeifen haben Überlänge. In dieser Zeit (1850–1863) war der aus Trier stammende Georg Schmitt Titularorganist von Saint-Sulpice.

Das Instrument wurde im April 1862 mit 100 Registern auf fünf Manualen und Pedal eingeweiht. Es war damals die größte Orgel Frankreichs und eine der größten in Europa. Heute gilt es als eines der Hauptwerke des französisch-romantischen Orgelbaus, wobei es in klanglich einmaliger Weise zahlreiche original erhaltene Register aus der Barockzeit mit Pfeifenwerk aus dem 19. Jahrhundert harmonisch kombiniert.

Seither wurde die Orgel nur geringfügig verändert: 1903 tauschte Charles Mutin auf Wunsch von Charles-Marie Widor zwei Register aus und veränderte die Manualanordnung („Bombarde“ (IV. Manual) wurde „Solo“ (V. Manual); „Récit“ wurde vom V. auf das IV. Manual verlegt). 1934 ergänzte die Société Pleyel Cavaillé-Coll, ebenfalls auf Wunsch von Widor, zwei Pedalregister (Principal 16′ und 8′). In den siebziger Jahren wurden die verschlissene Pedalklaviatur ausgetauscht sowie das Plein jeu harmonique III-VI des Positifs eingelagert und durch eine neoklassische Mixtur ersetzt. 1989–1991 wurden das mittlerweile denkmalgeschützte Instrument (Monument Historique) von Jean Renaud (Nantes) einer umfassenden Restaurierung und Generalreinigung unterzogen und der Austausch des Plein jeu harmonique gegen eine Mixtur rückgängig gemacht.

Der fast original erhaltene Zustand der großen Orgel von Saint-Sulpice ist den Titularorganisten Louis James Alfred Lefébure-Wély (1863–1869), Charles-Marie Widor (1870–1933), Marcel Dupré (1934–1971), Jean-Jacques Grunenwald (1973–1982) und Daniel Roth (1985–2023) zu verdanken. Die Association pour le rayonnement des orgues Aristide Cavaillé-Coll de l’église Saint-Sulpice (Paris) setzt sich seit Jahren für die Aufnahme der Großen Orgel in das UNESCO-Welterbe ein.Association pour le rayonnement des orgues Aristide Cavaillé-Coll de l’église Saint-Sulpice (Paris): Who we are (auf Englisch). www.aross.fr. Aufgerufen am 25. Februar 2023.

Die Orgel hat heute 102 Register (ca. 7.000 Pfeifen) auf fünf Manualen und Pedal. Die Spiel- und Registertraktur ist mechanisch (mit Barkermaschinen).The great organ (auf Englisch) und Great organ specification (auf Englisch). www.aross.fr. Aufgerufen am 25. Februar 2023.Roth, Daniel und Pierre-François Dub-Attenti: The Neoclassical Organ and the Great Aristide Cavaillé-Coll Organ of Saint-Sulpice, Paris. London: Rhinegold Publishing, 2014.