mini|Lateinischer Druck der Gesta Romanorum: Inkunabel, gedruckt in Straßburg von Martin Schott, ca. 1486 (GW 10894);Der hier verlinkte Druck von 1488 (siehe „Weblinks“) ist laut Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW), Bd. IX, ein Nachdruck des hier abgebildeten Drucks von Schott, den Johann Grüninger, ebenfalls in Straßburg, im selben Typensatz herstellte, den er wahrscheinlich von Schott übernommen hatte. Incipit
Die Gesta Romanorum (deutsch: Die Taten der Römer) sind eine spätmittelalterliche Exempelsammlung, die seit der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts bis in den Barock in wechselnder Gestalt weite Verbreitung fand.
Inhalt Der Umfang der Gesta Romanorum variiert in den Handschriften und umfasst bis zu 240 moralisierte Exempel, d. h. beispielhafte Erzählungen mit einer angefügten moralisierenden Ausdeutung. Der Sammlungstitel, Taten der Römer, weist auf das Interesse hin, die Geschichten mit einem Bezug zur römischen Geschichte zu versehen, auch wenn die Erzählstoffe häufig erfunden sind oder aus griechischer, biblischer oder orientalischer Tradition stammen. Die der eigentlichen Erzählung regelmäßig angefügte „moralizatio“ gibt der erzählten Handlung eine allegorische Deutung, indem sie im Rahmen der christlichen Tugend- und Sündenlehre darlegt, wie der Leser/Hörer die Nutzanwendung auf sein eigenes Handeln zu vollziehen hat. Die Gesta Romanorum stehen damit in der allgemeinen Tradition mittelalterlicher Exempelsammlungen, wie sie zum Beispiel durch Petrus Alfonsi oder Die sieben weisen Meister vertreten wurde, und deren primäre Aufgabe es war, für die Predigt geeignete Stoffe zur Verfügung zu stellen.
Die Gesta Romanorum bieten eine große Vielfalt an Themen und Geschichten, die offenbar weitläufig eingesammelt worden sind: „Neben antiken Stoffen (Medusa, Perseus, Pyramus und Thisbe, Odysseus und die Sirenen, Alexander der Große, Apollonius von Tyrus) stehen eine Paraphrase des alttestamentlichen Buches Esther, die Geschichte vom Aussatz heilenden Propheten Elischa, die Geschichte vom Mord an Siseras durch Jaël, die christlichen Legenden von Alexius, Julianus Hospitator, Gregorius und Eustachius, Fabeln (Androklus und der Löwe), die Geschichte von der Schlange am Busen ihres Retters, schwankhafte Geschichten wie z. B. vom eingebildeten Kranken, Beschreibungen von ritterlichen Turnieren und vieles mehr.“F. Wagner: Lexikon des Mittelalters, Bd. 4, Sp. 1408
Entstehung und Rezeption Die anonyme Sammlung aus antiken Geschichten und mittelalterlichen Legenden wurde in ihrem Kern vermutlich Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts in lateinischer Sprache verfasst. Die Entstehungs- und Stoffgeschichte liegt im Dunkeln, zumal bereits die lateinischen Kompilierungen in den verschiedenen europäischen Regionen ebenso differierten wie die nachfolgenden landessprachlichen Fassungen und seit dem 15. Jahrhundert deren Drucke. So bildeten zum Beispiel die Faits des Romains (13./14. Jahrhundert) mit Geschichten um Julius Caesar eine eigene französische Tradition.
Ein großer Teil der äußerst zahlreichen lateinischen Handschriften wurde im Süden des deutschen Sprachraums geschrieben. Seit dem Ende des 14. Jahrhunderts finden sich Versionen im Deutschen, Niederländischen, Englischen, Französischen, Tschechischen, Polnischen, Russischen und Ungarischen, wobei im Spätmittelalter die deutschen Bearbeitungen die umfänglichste Gruppe bildeten.
Bis weit ins 16. Jahrhundert waren die Gesta in fast allen europäischen Sprachen im Druck vorhanden und sehr populär. Giovanni Boccaccio und William Shakespeare zum Beispiel wie auch Hans Sachs nutzten die Gesta Romanorum als Stoffsammlung und ergiebige Quelle für ihr literarisches Schaffen.
Beispieltext mini|Gesta Romanorum, Martin Schott, Straßburg 1486; fol. IIr
Fundstellen berühmter Stoffe Kap. 81: Von der wundersamen Gnade Gottes und der Geburt des seligen Papstes Gregor (Gregor-Roman): Thomas Mann Der Erwählte Kap. 89: Vom dreifachen Lauf der Welt: Gotthold Ephraim Lessing Nathan der Weise, Ringparabel Kap. 108: Vom getreuen Halten eines Versprechens: Schiller Die Bürgschaft Kap. 153: Von zeitlicher Trübsal, welche sich endlich in ewige Freude verwandeln wird (Apollonius-Roman): William Shakespeare Perikles, Prinz von Tyrus Erster Anhang, Kap. 10: Vom Kaiser Lucius, sowie Zweiter Anhang Kap. 17: Boccaccio Decameron X,1 und Shakespeare Der Kaufmann von Venedig Zweiter Anhang, Kap. 2: Shakespeare König Lear
(Kapitelangaben und Überschriften nach Gesta Romanorum. Die Taten der Römer. Ein Geschichtenbuch des Mittelalters. Hrsg. von H. E. Rübesamen nach der Übersetzung von J. T. G. Grässe, München (Goldmann), o. J. Auf Grund der vielen unterschiedlichen Ausgaben der Gesta Romanorum stimmen diese Kapitelangaben nicht exakt mit denen anderer Ausgaben überein. Dasselbe gilt für die Titel, manchmal auch für die Namen der Kaiser, auf die sich das jeweilige Kapitel bezieht.)
Ausgaben
Deutsch Winfried Trillitzsch (Hrsg.): Gesta Romanorum. – Geschichten von den Römern. Ein Erzählbuch des Mittelalters. Erstmals in vollständiger Übersetzung. Insel-Verlag, Leipzig 1973 Rainer Nickel (Hrsg.): Gesta Romanorum, Lateinisch–Deutsch, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1991, ISBN 3-15-008717-1. Johann Georg Theodor Grässe (Hrsg.): Gesta Romanorum: Das älteste Märchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters, Neuausgabe, Hofenberg 2019, ISBN 978-3-7437-3011-3
Latein Wilhelm Dick (Hrsg.): Die Gesta Romanorum nach der Innsbrucker Handschrift v. J. 1342 und vier Münchener Handschriften. Erlangen 1890. (Erlanger Beiträge zur Englischen Philologie; ) Hermann Oesterley: Gesta Romanorum. Berlin 1872 ()
Literatur Udo Gerdes: Gesta Romanorum. In: Verfasserlexikon, Bd. 3, 1981, Sp. 25–34. Udo Wawrzyniak: Gesta Romanorum. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Begründet von Kurt Ranke. 11 Bände. Berlin und New York 1977–2003, Bd. 5, Sp. 1201–1212.
Weblinks
Oesterleys Edition bei Wikisource Handschriften der Gesta Romanorum bei Manuscripta Mediaevalia Handschriften der Gesta Romanorum dt. im Handschriftencensus Gesta Romanorum im Gesamtkatalog der Wiegendrucke
Auswahl in der Bibliotheca Augustana (Latein) Ausgaben von 1482 und 1488 digitalisiert Gesta Romanorum. Ulrich Zell, Köln nach 1472. () Veröffentlichungen zu den Gesta Romanorum im Opac der Regesta Imperii
Gesta Romanorum unter arlima.net
Johann Georg Theodor Gräße: Gesta Romanorum, das älteste Mährchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters. 3. Auflage, Unveränderter Neudruck Leipzig: Löffler, Alicke 1905. bei: Zeno.org, abgerufen am 30. August 2017.
Anmerkungen
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur des Mittelalters Kategorie:Literatur (14. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Mittellatein) Kategorie:Sage, Legende Kategorie:Inkunabel (Werk)