mini|Sea-Watch mit Rettungsinseln wartet auf Hilfe, 2015
Sea-Watch ist ein deutscher Verein mit Sitz in Berlin. Wichtigster Zweck des Vereins ist die Rettung von Menschen auf der Flucht, die im Mittelmeer in Seenot geraten. Der Verein wurde im Mai 2015 von Harald Höppner gegründet. Sea-Watch führt Rettungsmissionen mit vereinseigenen Rettungsschiffen durch sowie in Kooperation mit der Schweizer Humanitarian Pilots Initiative zivile Aufklärungsflüge, um aus der Luft nach Flüchtlingsbooten zu suchen.
Gründung Der Verein entstand Ende 2014 aus einer Initiative von Freiwilligen um Harald Höppner, als die italienische Marineoperation Mare Nostrum beendet wurde.Paolo Cuttitta: Repoliticization Through Search and Rescue? Humanitarian NGOs and Migration Management in the Central Mediterranean. Geopolitics, Vol. 23, 2018, S. 7 Am 19. Mai 2015 wurde der Verein gegründet, um im Mittelmeer in Seenot geratene Flüchtlinge zu retten. (PDF-Datei; 312 kB).„Man zwingt die Leute auf die Boote“, TAZ, 14. Dezember 2016. Dabei leistet die Organisation durch unmittelbare Seenotrettung humanitäre Hilfe. Auf der politischen Ebene prangert Sea-Watch die Abwesenheit staatlicher Seenotrettungskräfte an und fordert mit politischen Aktionen sichere Zugangswege für Flüchtlinge und sonstige Migranten nach Europa.Paolo Cuttitta: Repoliticization Through Search and Rescue? Humanitarian NGOs and Migration Management in the Central Mediterranean. Geopolitics, Vol. 23, 2018, S. 10
Seenotrettung mini|Aufkleber der Sea-Watch und ihrer Defend Solidarity Kampagne Höppner kaufte einen alten Fischkutter (Sea-Watch), der zwischen Februar und April 2015 in Hamburg-Harburg umgebaut wurde, um das Schiff ab Mitte Juni 2015 im Mittelmeer einzusetzen. Von November 2015 bis Januar 2016 agierte der Verein im Rahmen des Programms Retter helfen Rettern der International Maritime Rescue Federation, IMRF 3. März 2017, abgerufen am 28. August 2018 (parallel zu den Rettungsaktivitäten auf der zentralen Mittelmeerroute) mit zwei Schnellbooten vor der griechischen Insel Lesbos, um zu einer Reduzierung der Todesrate bei den zahlreichen Übersetzungen von der Türkei nach Griechenland beizutragen. Nach eigenen Angaben rettete der Verein im Jahr 2015 rund 2000 Menschen. Im Dezember 2015, während der Flüchtlingskrise in Europa 2015/2016, kaufte der Verein die Sea-Watch 2. Seit 2017 ist die Sea-Watch 3 im Betrieb.
Schiffe mini|Sea-Watch 2 überfüllt mit Geretteten, 19. März 2017
Mit relativ kleinen und langsamen Booten, die nicht für die längere Aufnahme von Geretteten und den Transfer in Häfen vorgesehen sind, operiert Sea-Watch (Stand 2018) mit aufblasbaren Rettungsflößen, auf denen die Menschen Zuflucht finden. Die Übernahme und den Transport in einen sicheren Hafen sieht der Verein als zentrale Aufgabe staatlicher Seenotrettung. Damit vermied Sea-Watch behördliche Untersuchungen wie Identitätsfeststellungen an Bord ihrer Schiffe.Paolo Cuttitta: Repoliticization Through Search and Rescue? Humanitarian NGOs and Migration Management in the Central Mediterranean. Geopolitics, Vol. 23, 2018, S. 12
Sea-Watch Das gleichnamige Schiff Sea-Watch ist ein ehemaliger Fischkutter, den der Verein 2015 kaufte und zum Rettungsboot für den Einsatz im Mittelmeer umbauen ließ. Das Schiff wurde 2018 an den Verein Mare Liberum übergeben.
Sea-Watch 2 Sea-Watch 2 ist ein ehemaliges Fischereiforschungsschiff und übernahm in Nachfolge der Sea-Watch von 2016 bis 2017 zwischen der libyschen Küste und der Insel Malta 14-tägige Rettungsoperationen. Das Schiff wurde im zweiten Quartal 2017 an die Mission Lifeline verkauft.Markus Weinberg: , MDR.de, September 2017.
Sea-Watch 3 Sea-Watch 3 wurde zuvor als Dignity I von der Nichtregierungsorganisation Ärzte ohne Grenzen betrieben. Das Schiff war 50 m lang und bis Ende 2019 als Jacht in den Niederlanden registriert. Ab Anfang Dezember 2019 fuhr das Schiff unter deutscher Flagge. Die Sea-Watch 3 konnte laut eigenen Angaben mehr Personen als die Sea-Watch 2 unterbringen. 2023 wurde sie abgewrackt.
Mare Jonio Seit Anfang Oktober 2018 betreibt der Verein zusammen mit dem italienischen Seenotrettungsprojekt Mediterranea Saving Humans den Schlepper Mare Jonio, der allerdings ursprünglich nicht selbst zur Rettung Schiffbrüchiger eingesetzt, sondern mit dem Flüchtlingsboote in Seenot ausfindig gemacht und gesichert werden sollten.
Sea-Watch 4 Seit Anfang Februar 2020 ist der Verein Betreiber der Sea-Watch 4 (zuvor Poseidon). Das Schiff wurde mit Spenden vom Bündnis United4Rescue – Gemeinsam Retten erworben und ging Mitte August 2020 neben der Sea-Watch 3 in den Einsatz. 2022 übernahm SOS Humanity die ehemalige Sea-Watch 4 und nahm sie im August 2022 unter dem Namen Humanity 1 in den Einsatz.
Sea-Watch 5 mini|Sea-Watch 5 in Hamburg 2022 Am 3. November 2022 wurde die Sea-Watch 5, ein 12 Jahre altes Versorgungsschiff, im Hamburger Hafen getauft.
Aurora Seit Frühjahr 2022 betreibt Sea-Watch die Aurora, ein 14 Meter langes Rettungsboot, das – schon für diesen Zweck gebaut – von 1994 bis 2019 unter dem Namen Earl and Countess Mountbatten of Burma 25 Jahre lang der britischen Seenotrettungsorganisation RNLI diente.https://inews.co.uk/news/british-coastguard-blocks-rnli-lifeboat-rescuing-migrants-mediterranean-1701950 Das Schiff wurde für den Einsatz im Mittelmeer lediglich umgerüstet, unter anderem mit zusätzlichen Treibstofftanks ausgestattet. Die Aurora erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 25 Knoten, damit ist sie eines der schnellsten Schiffe der zivilen Such- und Rettungsflotte im zentralen Mittelmeer. Zunächst noch unter britischer Flagge, fährt das Schiff mit 6-köpfiger Crew seit November 2022 unter deutscher Flagge.https://sea-watch.org/mission/aurora/
Flugzeuge Zur Suche nach Flüchtlingsbooten werden Seegebiete durch kolbenmotorgetriebene Flugzeuge überwacht. Dies geschieht in Zusammenarbeit von Sea-Watch und der Schweizer Nichtgegierungsorganisation Humanitarian Pilots Initiative, die ebenfalls aus den Spendeneinnahme von Sea-Watch finanziert wird. Die Piloten für die zivilen Aufklärungsflüge über dem zentralen Mittelmeer werden von der HPI gestellt. Jedes sei dabei potentiell in Seenot und man sei verpflichtet es den Seenotrettungsleitstellen zu melden, da diese Boote „meist extrem überladen und nicht seetauglich“ seien.„Die fliegenden Seenotretter“ DW.de vom 6. Juli 2020
Moonbird
Von Frühjahr 2017Malta behindert Flüchtlingsretter, Süddeutsche Zeitung, 4. Juli 2018. bis Frühjahr 2022 setzten Sea-Watch und HPI das erste Luftaufklärungsflugzeug ein; die Moonbird war eine Propellermaschine vom Typ Cirrus SR 22. Im Jahr 2017 haben die Piloten der Moonbird nach eigener Auskunft 119 Boote in Seenot gesichtet und so 20000 Menschen gerettet.
Nachdem die maltesische Regierung die Häfen für Schiffe von Nichtregierungsorganisationen im Juni 2018 geschlossen hatte, wurde auch dem Flugzeug Anfang Juli 2018 von den Behörden ein Startverbot für Aufklärungsflüge vor der libyschen Küste erteilt. Im Jahr 2019 erteilte die italienische Luftverkehrsaufsicht der Moonbird ein Startverbot, da das Flugzeug nur für Erholungs- oder Non-Profit-Zwecke genutzt werden dürfe.Lorenzo Tondo, Sam Jones: Italy grounds two planes used to search for migrant boats. Guardian, 27. August 2019, abgerufen am 31. August 2019. Im September 2020 erteilte die italienische Zivilluftfahrtbehörde der Moonbird ein Flugverbot; der Betrieb wurde im November 2020 wieder aufgenommen.
Seabird 1 Seit dem Frühjahr 2020 ist das Luftaufklärungsflugzeug Seabird 1 im Einsatz, ein zweimotoriges Geschäftsreise-Flugzeug vom Typ Beechcraft Baron 58 (ICAO Kennung B58). Das Seegebiet, das bei einer Mission mit der Seabird 1 abgesucht werden kann, ist fast doppelt so groß wie das von Moonbird: rund 27.000 km². Außerdem kann das Flugzeug ca. 7,5 Stunden im Einsatzgebiet verbleiben. Da die Barons zweimotorige Flugzeuge sind, wird durch die Motor-Redundanz deutlich mehr Sicherheit für die Crew an Bord gewährleistet. Die Seabird 1 fliegt unter Schweizer Hoheitszeichen.
Seabird 2 Die Seabird 2 ist seit 2022 in Einsatz. Auch sie ist vom Typ Beechcraft Baron 58. An Bord finden bis zu fünf Crew-Mitglieder Platz. Eine Flugstunde der Baron 58 kostet Stand 2023 etwa 1.100 €. Die Seabird 2 fliegt ebenfalls unter Schweizer Hoheitszeichen.
Vorfall vom 10. Mai 2017 Anfang Mai 2017 geriet Sea-Watch in eine Auseinandersetzung mit der libyschen Küstenwache. Sea-Watch wurde zu einem Rettungseinsatz vor der libyschen Küste gerufen. Das Maritime Rescue Coordination Centre in Rom übertrug jedoch der Küstenwache die Koordination über den Einsatz (ON-Scene-Coordination).Lizzie Dearden: Aid workers 'lucky to be alive' after Libyan coastguard intercepts refugee boat rescue in Mediterranean, Independent 11. Mai 2017, abgerufen am 9. April 2018.Reuters: Libyan coastguard turns back nearly 500 migrants after altercation with NGO ship, 10. Mai 2017. Sea-Watch beschuldigte die libysche Küstenwache, in einem riskanten Manöver knapp an dem Sea-Watch-Schiff vorbeigefahren zu sein.Deutsches Rettungsboot gerät mit libyscher Küstenwache aneinander, Welt, 11. Mai 2017.Libyen wirft deutschen Flüchtlingshelfern Behinderung vor, Der Standard, 11. Mai 2017. Ferner wurde dem libyschen Kapitän von Seiten der Helfer vorgeworfen, weder auf ihre Funksprüche noch auf die eines italienischen Marinehubschraubers, welcher ihn zum sofortigen Anhalten angewiesen habe, reagiert zu haben. Die libysche Küstenwache gab an, von Schleppern beschossen worden zu sein und warf ihrerseits Sea-Watch vor, den Einsatz der Küstenwache gestört zu haben. Dem Sprecher Ajub Kassem zufolge wollte Sea-Watch selbst die Schiffbrüchigen retten und führte zur Begründung an, dass Libyen nicht sicher sei. Während der Rettungsaktion verloren fünf Menschen ihr Leben. Die Küstenwache nahm schließlich fast 500 Menschen auf und brachte sie zurück nach Libyen. Im Juli 2017 teilte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag mit, dass er wegen der Anzeige von Sea-Watch Untersuchungen gegen die libysche Küstenwache eingeleitet habe.Abdulkadder Assad: ICC probes Libyan Coast Guard over alleged attack on rescue NGOs. Libya Observer 6. Juli 2017, abgerufen am 11. Juni 2018
Vorfall vom 6. November 2017