mini|hochkant|Richard Schaukal, Foto von Hermann Clemens Kosel, 1924 rahmenlos|zentriert|160px mini|hochkant|Das Grab von Richard Schaukal und seiner Ehefrau Fanny geborene Hückel auf dem Grinzinger Friedhof in Wien

Richard (von) Schaukal (* 27. Mai 1874 in Brünn; † 10. Oktober 1942 in Wien) war ein österreichischer Dichter.

Leben und Werk Richard Schaukal war der Sohn des Brünner Kaufmanns und kaiserlichen Rats Franz von Schaukal (1844–1908) und dessen Ehefrau Wilhelmine (Minna), geborene Seidl.

Nach der Schulzeit in Brünn studierte Richard Schaukal Rechtswissenschaften in Wien und trat anschließend in den Staatsdienst ein. 1898 promovierte er zum Dr. jur. und wurde 1899 an die Bezirkshauptmannschaft nach Mährisch Weißkirchen versetzt. Ebenfalls 1899 heiratete er Fanny Hückel, die Tochter eines Hutfabrikanten, mit der er drei Kinder hatte, darunter Johann Wolfgang (von) Schaukal.Vgl. Widmung in Das Buch der Tage und Träume, der erweiterten Neuausgabe des Gedichtbandes Tage und Träume (Digitalisat im Internet Archive). Seine Karriere als Staatsbeamter verlief ausgesprochen erfolgreich; 1903 wurde er in das Ministerialpräsidium nach Wien berufen, 1908 zum Ministerialsekretär, 1909 zum Sektionsrat und 1911 zum Ministerialrat ernannt, 1918 wurde er durch Kaiser Karl nobilitiert. Noch im gleichen Jahr verließ er den Staatsdienst, um von da an ausschließlich als freischaffender Dichter, Kritiker und Übersetzer zu arbeiten. Schaukal starb 1942 in Wien, wo er zuletzt mit seiner Familie in der Cobenzlgasse 42 in Döbling, XIX. Wiener Gemeindebezirk wohnte.

Von Wien aus pflegte Schaukal intensive Kontakte zu führenden Vertretern der literarischen Szene, so stand er beispielsweise in regem Briefkontakt mit den Dichtern Arthur Schnitzler, Thomas und Heinrich Mann, Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse, Karl Kraus, Arno Holz, Max Brod, Ferdinand von Saar, Bertha von Suttner, Marie von Ebner-Eschenbach und Dora Hohlfeld. Auch verbanden ihn freundschaftliche Verhältnisse mit Malern und Illustratoren wie Heinrich Vogeler, der unter anderen seinen Gedichtband Pierrot und Colombine (1902) illustrierte, oder Alfred Kubin.

Schaukals Wesen ebenso wie sein Schreiben war nicht geschlossen und einheitlich, oft kann man ihn mit seinen eigenen Aussagen widerlegen. Vergleicht man die strengen stilkritischen Bemerkungen, die ihn in den Kontext der Ornamentkritik Karl Kraus’ oder des Architekten Adolf Loos stellen, mit seinen impressionistisch gefärbten literarischen Arbeiten, zu denen neben den frühen Gedichten auch die Novelle Mimi Lynx (1904) zählte, so wird ein krasser Widerspruch deutlich, der Schaukals Charakter und sein Werk insgesamt auszeichnet. In seinen vielschichtigen Tätigkeiten als Schriftsteller, Übersetzer, Rezensent und Kulturkritiker war er gleichermaßen konservativ und progressiv. Da er die verschiedensten Einflüsse seiner Zeit sensibel registrierte und produktiv umsetzte, stellte er eine gleichsam seismographische Figur nicht nur der Wiener Jahrhundertwende, sondern der europäischen Kultur um 1900 dar. Der Historiker Gordon A. Craig sieht bei ihm wie seinen deutschen Zeitgenossen das Unpolitische vorherrschen.Gordon A. Craig: Deutsche Geschichte 1866–1945. Vom Norddeutschen Bund bis zum Ende des Dritten Reiches. Beck, München 1980; zuletzt München 1999, ISBN 3-406-42106-7, hier S. 247.

Schaukals auf Lyrik und Novellistik konzentriertes Œuvre umfasst über 75 Werke; die frühen Gedichte orientierten sich an der französischen Lyrik des Symbolismus, die er auch bevorzugt übersetzte, und sind von schwüler, jugendlicher Leidenschaft sowie der elitären Abgrenzung gegenüber der Masse geprägt, besonders der Gedichtband Meine Gärten. Einsame Verse (1897). Im Weiteren kreiste Schaukals Schreiben um die zeittypischen Pole Liebe und Tod, was sich in seinen Gedichten ebenso zeigte wie in dem Novellenband Eros Thanatos (1906). Zu einigen Erzählungen aus dem Prosaband Von Tod zu Tod (1902) existieren Illustrationen von Joseph Beuys.

Schaukals wohl bekanntester Prosatext Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser (1907) beschreibt das Leben eines Dandy in Glossen, Dialogen, Briefen sowie scharfzüngigen Aphorismen. Andreas von Balthesser, „der prächtigste Dandy der österreichischen Poesie“, wie Peter Härtling ihn nannte, vertritt einen dekadent überfeinerten Lebensstil, ist überlegen, lässig, elitär und hasst die Gesellschaft, die er gleichwohl nicht missen möchte. Im Mittelpunkt des Interesses steht seine äußere Erscheinung, die er mit größtem Aufwand inszeniert. Dennoch achtet der Dandy auch auf sein Benehmen, seine Manieren und seine Sprache; das Dandytum ist eine Ideologie.

Mit vielen Intellektuellen teilte Schaukal die Begeisterung für den Ersten Weltkrieg, die sich in seinen Ehernen Sonetten (1915) niederschlug. Ähnlich wie Hugo von Hofmannsthal, Alexander Lernet-Holenia oder Anton Wildgans konnte er sich mit dem Untergang der Donaumonarchie nicht abfinden und verfasste als überzeugter Österreicher und Monarchist kontemplative Texte mit katholisch-philosophischer Prägung sowie biographische Erzählungen. Er wurde am Grinzinger Friedhof bestattet.Grabstelle Richard von Schaukal, Wien, Grinzinger Friedhof, Gruppe 4, Nr. 23A.

Im Jahr 1973 wurde in Wien-Hernals (17. Bezirk) die Schaukalgasse nach ihm benannt.

Werke (Auswahl) Gedichte, 1893 Verse 1892–1896, 1896 (enthält Pierrot. Ein Mysterium, S. 71–111; Digitalisat im Internet Archive) Meine Gärten, 1897 (Gedichte) Tristia, 1898 (Gedichte) Tage und Träume, 1899 (Gedichte) Sehnsucht, 1900 (Gedichte) Intérieurs aus dem Leben der Zwanzigjährigen, 1901 Von Tod zu Tod und andere kleine Geschichten, 1902 Das Buch der Tage und Träume. Leipzig, Seemann, 1902 [Erweiterte Ausgabe von 'Tage und Träume']. Pierrot und Colombine oder das Lied von der Ehe, 1902 Mimi Lynx, 1904 (Novelle), zusammen mit Die Sängerin wieder Carl Böschen Verlag, Siegen 1999, ISBN 3-932212-16-9. Eros Thanatos, 1906 (Novellen) Kapellmeister Kreisler. Dreizehn Vigilien aus einem Künstlerdasein, 1906 Leben und Meinungen des Herrn Andreas von Balthesser eines Dandy und Dilettanten, 1907, zuletzt Edition Atelier, Wien 2013, ISBN 978-3902498779. Giorgone oder Gespräche über die Kunst, 1907 Buch der Seele, 1908 (Gedichte) Vom unsichtbaren Königreich, 1910 Die Märchen von Hans Bürgers Kindheit, 1913 Kindergedichte, 1913 Eherne Sonette. 1914, 1914 Herbst, 1914 (Gedichte) Das Buch Immergrün, 1915 Heimat der Seele, 1916 (Gedichte) Dionys-bácsi, 1922 (Novellen) Jahresringe, 1922 (Gedichte) Herbsthöhe, 1933 (Gedichte) Frühling eines Lebens, 1949 (Memoiren) Meine Gärten. Einsame Verse. Herausgegeben von Andreas Wicke und Ingo Warnke, Carl Böschen Verlag, Siegen 2002, ISBN 3-932212-31-2.

Werke in Einzelausgaben Langen-Müller, München: Betrachtungen. 1960. Kindheit und Jugend. 1965. Um die Jahrhundertwende. 1965. Erzählungen. 1966. Über Dichter. 1966 (über Altenberg, Hans Christian Andersen, Otto Julius Bierbaum, Wilhelm Busch, Dostojewski, Ebner-Eschenbach, Flaubert, Anatole France, Gide, Bogumil Goltz, Grillparzer, Johann Peter Hebel, Hugo von Hofmannsthal, Gottfried Keller, Heinrich von Kleist, Karl Kraus, Conrad Ferdinand Meyer, Eduard Mörike, Nestroy, Jean Paul, Edgar Allan Poe, Wilhelm Raabe, Adalbert Stifter, Vergil, Frank Wedekind, Oscar Wilde). Gedichte. 1967.

Richard-von-Schaukal-Gesellschaft Im September 1996 wurde an der Universität Kassel die Richard-von-Schaukal-Gesellschaft gegründet. Ihre publizistische Hauptaktivität ist die Herausgabe des Jahrbuches Eros Thanatos. Es enthält literaturwissenschaftliche Aufsätze und Aktualitäten zur Erforschung von Schaukals Werk sowie der Literatur der Wiener Moderne. Darüber hinaus veranstaltet man Lesungen, Ausstellungen und sammelt philologisches Material zu Schaukals Leben, Umfeld und Rezeption.

Literatur

Monographien Michael A. Burri: Mobilizing the aristocrat. Pre-war Vienna and the poetics of belligerence in Herzl, Hofmannsthal, Kraus and Schaukal. Dissertation, University of Pennsylvania 1993. Thomas Mann (Autor), Claudia Girardi (Hrsg.): Briefe an Richard Schaukal (= Thomas-Mann-Studien 27). Klostermann Verlag, Frankfurt/M. 2003, ISBN 3-465-03243-8. Cornelius Mitterer: Im Leben der Anderen. Richard Schaukals literarisches Feld und Netzwerk. Dissertation, Universität Wien 2017. Karl Johann Müller: Das Dekadenzproblem in der österreichischen Literatur um die Jahrhundertwende, dargelegt an Texten von Hermann Bahr, Richard von Schaukal, Hugo von Hofmannsthal und Leopold von Andrian (= Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik 28). Verlag Heinz, Stuttgart 1977, ISBN 3-88099-027-1. Dominik Pietzcker: Richard von Schaukal. Ein österreichischer Dichter der Jahrhundertwende Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1997, ISBN 3-8260-1367-0 (zugl. Dissertation, Universität Freiburg/B. 1996). Claudia Warum: Richard von Schaukal als Kritiker und Übersetzer aus dem Französischen. Dissertation, Universität Wien 1993.

Aufsätze Enrico de Angelis: Die Poesie als Erfahrung des Minimalen. Zwei Symbolisten. In: Giuseppe Farese (Hrsg.): Akten des Internationalen Symposiums „Arthur Schnitzler und seine Zeit“ (Jahrbuch für internationale Germanistik/A; 13). Verlag Lang, Bern 1985, ISBN 3-261-03525-0, S. 225–243. Henriette Blasl: „Man muss sich die Menschen vom Leib halten“. Erinnerungen an Richard von Schaukal. In: Der literarische Zaunkönig. Zeitschrift der Erika Mitterer Gesellschaft, 2005, Heft 2, S. 5–8. Michael A. Burri: Theodor Herzl and Richard von Schaukal. Self-Styled Nobility and the Sources of Bourgeois Belligerence in Prewar Vienna. In: Austrian History Yearbook, Bd. 28 (1997), , S. 223–246. Francis Claudon: Pariser und Wiener Apokalypse-Paraphrasen. Élémir Bourges, Richard von Schaukal. In: Gerhard R. Kaiser (Hrsg.): Poesie der Apokalypse. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1991, ISBN 3-88479-570-8, S. 161–168. Claudia von Girardi-Warum: Schwüle Leidenschaft. Richard Schaukal und der Simplicissimus. In: Literatur in Bayern; Sonderheft Simplicissimus, 1996, , S. 67–69. Claudia Girardi: „Und nun hat sich hinter meinem Rücken sozusagen die Schaukalgesellschaft gebildet“. Zur Geschichte der Wiener Schaukalgesellschaft. In: Eros Thanatos. Jahrbuch der Richard-von-Schaukal-Gesellschaft, Jg. 1 (1997), , S. 9–28. Claudia Girardi: „Alte Schlösser lieb ich...“. Mährische Salonkultur am Beginn der literarischen Moderne. Briefe von Marie von Ebner-Eschenbach und Richard Schaukal. In: Norbert Bachleitner u. a. (Hrsg.): Beiträge zu Komparatistik und Sozialgeschichte der Literatur. Festschrift für Alberto Martino (Chloe; 26). Rodopi, Amsterdam 1997, ISBN 90-420-0294-8, S. 741–778. Claudia Girardi: Schaukals Intérieurs aus dem Leben der Zwanzigjährigen. Publikation als Therapie oder: „Ich gab es preis. Jetzt ist mir leichter.“ In: Eros Thanatos. Jahrbuch der Richard-von-Schaukal-Gesellschaft, Jg. 3/4. (1999/2000), , S. 5–26. Claudia Girardi: Pierrotdichtungen im deutschen Sprachraum um 1900. In: Florian Krobb, Sabine Strümper-Krobb (Hrsg.): Literaturvermittlung um 1900. Fallstudien zu Wegen ins deutschsprachige kulturelle System (Internationale Forschungen zur allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft; 54). Rodopi, Amsterdam 2001, ISBN 90-420-1356-7, S. 93–111. Claudia Girardi: Der Dichter Richard von Schaukal als „Konservator“ der guten alten Zeit. In: Ulrich E. Zellenberg (Hrsg.): Konservative Profile. Ideen und Praxis in der Politik zwischen FM Radetzky, Karl Kraus und Alois Mock. Verlag Stocker, Graz 2003, ISBN 978-3-70201007-2, S. 285–3026.

Peter Härtling: Richard von Schaukal: Balthesser. In: (ders.): Vergessene Bücher. Hinweise und Beispiele. Goverts, 1966, S. 50–56. Alexander Huber: „Stil ist Wesensausdruck“. Bemerkungen zu Richard Schaukals Verständnis von Sprache und Stil. In: Eros Thanatos. Jahrbuch der Richard-von-Schaukal-Gesellschaft, Jg. 2 (1998), , S. 67–92.