mini|hochkant|Dambura aus Badachschan. Ziyadullo-Shahidi-Hausmuseum in Duschanbe, Tadschikistan Dambura, auch danbura, tambura, ist eine bundlose zweisaitige Langhalslaute, die im Norden Afghanistans besonders zur Unterhaltung in Teehäusern solistisch oder in einem kleinen Ensemble zur Gesangsbegleitung von Volksliedern gespielt wird. Häufig begleitet ein Sänger sich selbst auf der dambura. In einem Teehaus-Ensemble tritt der dambura-Spieler typischerweise mit zwei Sängern auf. Beide Saiten werden meist zugleich mit den Fingern ab- und aufwärts geschlagen. Zu der nur auf der oberen Saite gegriffenen Melodie kommt ein Bordunton der leeren unteren Saite.

Die dambura ist mit der in Zentralasien verbreiteten dombra verwandt. Nach der Bauform werden zwei Varianten unterschieden: Die größere turkestanische dambura mit angesetztem Hals ist in Nordafghanistan am weitesten verbreitet und ist das hauptsächliche Zupfinstrument der im Zentrum des Landes lebenden Hazara. Die kleinere badachschanische dambura, bei der Korpus und Hals aus einem Holzstück gefertigt werden, kommt in der gleichnamigen Provinz im Nordosten vor.

Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|links|Kasachische dombra. Der Korpus ist im unteren Bereich breiter und die Position der Wirbel ist eine andere als bei der dambura. Zweisaitige Langhalslauten kommen mit unterschiedlichen Namen und Variationen zahlreich in Zentralasien vor, wo sie sich in vorislamischer Zeit entlang der Seidenstraße zwischen der Türkei und China und über das iranische Hochland verbreitet haben. Im 9. Jahrhundert zählt der chinesische Autor Tuan An-tsi eine Reihe von aus Zentralasien eingeführten Musikinstrumenten auf, darunter Lauten mit kurzem Hals (pipa) und mit langem Hals. Diese „fremden“ Instrumente (hu) waren besonders während der Tang-Dynastie (618–907) bei chinesischen Herrschern beliebt. Tuan An-tsi bezieht sich auf eine Quelle des 2./3. Jahrhunderts, also gegen Ende der Han-Dynastie, wonach die pipa von fremden Völkern aus Zentralasien gebracht worden sei. In Zentralasien waren der pipa ähnliche, birnenförmige Kurzhalslauten vom Typ des barbat bekannt. In den buddhistischen Höhlentempeln und Klöstern Ostturkestans (heute Xinjiang) des 1. Jahrtausends n. Chr. sind etwa dieselben Langhalslauten, Kurzhalslauten, Winkelharfen (tschang) und andere Musikinstrumente abgebildet, wie in ihrer mutmaßlichen zentralasiatischen Herkunftsregion.F. M. Karomatov, V. A. Meškeris, T. S. Vyzgo: Mittelasien. In: Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band II: Musik des Altertums. Lieferung 9. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1987, S. 26 f. Auch wenn der Ursprung einzelner Lauteninstrumente häufig nicht eindeutig feststeht, so zeigen die ähnlichen Formen einen kulturellen Austausch über ein weites Gebiet in Asien.

mini|hochkant|Dambura aus Badachschan. Korpus und Hals aus Steineiche, Decke aus Pappel, Reparaturen mit Plastikklebestreifen. Lindenmuseum, Stuttgart, Mitte 20. Jahrhundert Im persischen Qabus-nama aus dem 11. Jahrhundert wird das Saiteninstrument do rud („zwei Darmsaiten“) erwähnt; der Name dotār/dutār (persisch „zwei Saiten“) taucht um 1500 erstmals in einer Abhandlung über Musik aus Samarqand auf. Die älteren Langhalslauten besitzen zwei oder drei Saiten und werden mit mehreren Fingern angerissen. Später kamen Langhalslauten mit mehr als drei Saiten und die Spielweise mit einem Plektrum hinzu. Weithin bekannte turkisch-iranische Langhalslauten mit Bünden heißen in der Türkei saz, in Kasachstan dombra und in Afghanistan dutār. Die kirgisische komuz hat keine Bünde. Die alte dotār oder tunbūr mit zwei Saiten scheint bald aus der höfischen Musik Persiens und Zentralasiens gewichen zu sein, denn auf persischen Miniaturen taucht sie selten auf. Die heutigen Varianten der dombra/dambura in einfacher Bauweise wurden in der Musikkultur der Nomaden und Viehzüchter überliefert und gehören zur ländlichen Musik der Usbeken und Tadschiken. Nach der Spielweise bilden die bundlosen Langhalslauten der historischen Region Chorasan und darüber hinaus bis zur kurdischen tembûr (mit früher zwei Darmsaiten, heute drei Stahlsaiten) eine Gruppe.Jean During, 2012, S. 3f

Neben den beiden dambura gibt es in Afghanistan weitere Langhalslauten. Dutār bezeichnet mehrere unterschiedliche Langhalslauten mit Bünden: die Herati dutār besaß ursprünglich zwei Saiten, Mitte des 20. Jahrhunderts wurde eine dutār mit drei Saiten entwickelt und um 1965 kam eine dutār mit 14 Saiten hinzu. Die zweisaitige usbekische dutār ist in Usbekistan beliebt und kommt sehr selten in Nordafghanistan vor, ebenso die von Turkmenen gespielte turkmenische dutār. Die mit einem Plektrum gespielte tanbūr ist wie die rubāb ein ureigenes afghanisches Saiteninstrument und in unterschiedlichen Größen in Kabul und im Norden weit verbreitet. Die tanbūr-Varianten unterscheiden sich auch nach der Zahl der Resonanzsaiten und Bünde.John Baily: Afghanistan. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. 2. Auflage, Band 1. Macmillan Press, London 2001, S. 186 Die Wirbel der tanbūr sind gemischt vorderständig für die Melodie- und seitenständig für die Resonanzsaiten. Der wesentliche Unterschied zwischen tanbūr und dambura in Afghanistan liegt nicht in der Form und Spielweise, sondern in der Verwendung der tanbūr, die sich weitgehend auf die populäre städtische (Kunst-)Musik beschränkt. Die dambura gehört dagegen zur Volksmusik der unteren Schichten.Felix Hoerburger: Langhalslauten in Afghanistan. In: Asian Music, Vol. 6, No. 1/2 (Perspectives on Asian Music: Essays in Honor of Dr. Laurence E. R. Picken) 1975, S. 28–37, hier S. 35f

Die turkestanische dambura ist das häufigste Lauteninstrument in Nordafghanistan und bei den Hazara in Zentralafghanistan (im Gebiet Hazaradschat). Sie wird vor allem von Usbeken, Tadschiken und kleineren Volksgruppen wie den Aimaq gespielt, auch von manchen Turkmenen. Afghanisch-Turkestan ist der trockene steppenartige Landstrich im Nordwesten des Landes mit den Provinzen Faryab, Dschuzdschan, Balch und Samangan. Im Osten kommt die dambura bis in die hauptsächlich von Paschtunen bewohnte Provinz Laghman vor. Nördlich von Afghanistan wird sie von der usbekischen dombra abgelöst. Im Südwesten ist die dambura bis in die Provinz Badghis verbreitet, wo sie an das Gebiet der Herati dutār grenzt. Im Nordosten gehen die Verbreitungsgebiete der turkestanischen und der badachschanischen dambura ineinander über. Letztere kommt nur in den Gebirgsregionen im Nordosten des Landes vor. Der Wachankorridor im äußersten Nordosten ist ein schmaler, zu Afghanistan gehörender Landstreifen, der seit den 1890er Jahren die russische Einflusssphäre im Norden (heute Berg-Badachschan in Tadschikistan) vom Kolonialbesitz Britisch-Indiens (heute Pakistan) trennt. Zuvor hing die gesamte Region Badachschan kulturell zusammen, weshalb die auf tadschikischer Seite im Hochgebirge gespielte dumbrak mit der dambura weitgehend übereinstimmt.

Die dambura ist ferner mit der fünfsaitigen chitrali sitar verwandt, die in der östlich angrenzenden pakistanischen Provinz Khyber Pakhtunkhwa gespielt wird und außer dem Namen nichts mit der indischen sitar gemeinsam hat. Die Bauform aus Maulbeerbaumholz ist ähnlich wie bei der dambura. Beide Langhalslauten klingen relativ leise und werden zur Gesangsbegleitung verwendet. Die zwei- bis viersaitige, meist bundlose damburag in der pakistanischen Provinz Belutschistan entspricht mit ihren großen vorderständigen Wirbeln im Wesentlichen der dambura. Die damburaq begleitet die suroz, die in Belutschistan gebräuchliche Bezeichnung für die Streichlaute sarinda, oder die endgeblasene Doppelflöte donali.Vgl. Anderson Bakewell (Aufnahmen und Text): Music of Makran. Traditional Fusion from Coastal Balochistan. (International Collection of the British Library Sound Archive) CD von Topic Records, London 2000

Die Hazara pflegen eine vorwiegend vokale Musik mit der dambura als ihrem wichtigsten Begleitinstrument. Eine Legende, die ein hazarischer Dichter erzählt, erklärt den Ursprung des Namens dambura und lässt das Musikinstrument als eigene Entwicklung der Hazara erscheinen. Demnach hieß die dambura ursprünglich – vor rund 2900 Jahren – gawsar („Stierkopf“) nach der Form des Korpus. Als das Musikinstrument später populär wurde, erhielt es den Namen ghamkam („Befreier von Sorgen“), weil es die Stimmung aufzuhellen vermochte. Einmal lebten ein Junge und ein Mädchen, die ineinander verliebt waren, aber sich nicht sehen durften. An einem Tag im kalten Winter spielte der Junge im Haus vor ein paar Männern ghamkam. Das Mädchen war verrückt nach dem Jungen und kletterte auf das Dach, um durch ein Loch im Dach der Musik zu lauschen. Sie blieb dort so lange, bis sie schließlich erfroren war. Nach einiger Suche fand man sie tot auf dem Dach und nannte das Musikinstrument dambormona, was „das Leben nehmen“ bedeutet.Mathieu Poitras: Universität Ottawa (Kanada), 2015, S. 47f

Etymologie Die viersaitige Langhalslaute setār, die hauptsächlich in der persischen und tadschikischen Musik vorkommt, hat wie mehrere afghanische Musikinstrumente ihren Namen aus dem Persischen. Der Name der bekanntesten, in der afghanischen Musik gespielten Laute rubāb ist von der arabischen Konsonantenwurzel r-b-b abgeleitet und mit rabāb, der Gruppe der orientalischen Spießgeigen verwandt. Auch dambura geht auf das Arabische zurück und hängt mit tunbūr (Plural tanābīr) zusammen, dem frühislamischen arabischen Standardnamen für eine Halslaute. Unter dem Namen tanbūr war bereits in sassanidischer Zeit eine Laute in Gebrauch. Der arabische Philosoph al-Masʿūdī (um 895–957) hielt das Musikinstrument tunbūr für eine Erfindung der sündigen Leute von Lot aus der biblischen Erzählung von Sodom und Gomorra, woraus sich die Volksetymologie von tann, „musikalischer Klang“ und būr, „jemand, der dem Verderben geweiht ist“, ergab. Nach der eher akzeptierten Etymologie setzt sich tunbūr aus dum oder dunba, „Schwanz“, und bara, „Lamm“, zusammen. Die spätmittelalterlichen arabischen Autoren unterschieden durch Suffixe die Lauten nach ihrer Herkunft oder Beschaffenheit, so gab es nach al-Farabi (um 872–950) eine tunbūr baghdādī und eine tunbūr chorāsānī.J.-C. Chabrier: Ṭunbūr. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 10, Brill, Leiden 2000, S. 625

Zum Wortumfeld von arabisch/persisch tunbūr gehören unter anderem die orientalische Langhalslaute tanbur, die tanburag der Belutschen, die tanburo im Sindh, die tandura in Rajasthan und die klassisch-indische tanpura. Aus dem arabisch-persischen ṭanbūr abgeleitete Wortbildungen konnten auch Trommeln bezeichnen, was sich im französischen tambour, italienischen tamburo und im deutschen Tamburin für Rahmentrommel erhalten hat. Über das osmanische tambur(a) gelangte der Instrumentennamen in zahlreichen Abwandlungen auf den Balkan (wie tambura in Nordmazedonien) und direkt über das persische Wort nach Norden in mehrere Sprachen Zentralasiens. Auf Krim-tatarisch heißt der Lautentyp ebenfalls dambura, auf Kasan-Tatarisch dumbra, auf Mongolisch dombura, auf Kalmückisch dombr, auf Kirgisisch dombra und auf Tadschikisch dombrak. Die russische domra ist eine viersaitige Laute mit rundem Korpus. Aus einer älteren dreisaitigen Variante namens dombra entwickelte sich im 18. Jahrhundert die russische dreieckige balalaika.