L’HuomoLibretto (italienisch/französisch), Bayreuth 1754. Digitalisat der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg. ist eine Festa teatrale in einem Akt mit Musik und Tanz nach der von Wilhelmine von Bayreuth geschaffenen französischen Operndichtung L’Homme. Die italienische Übersetzung dafür stammt vom Bayreuther Hoflibrettisten Luigi Stampiglia, die deutsche vom Ober-Directore der Bayreuther Oper Philipp Cuno Christian von Bassewitz, und der Münchener Vizekapellmeister Andrea Bernasconi (1706–1784) komponierte die Musik. Zu der allegorischen Handlung guter und böser Mächte auf Erden, durch welche die Protagonisten Animia und Anemone, die weibliche und die männliche Seele, bewegt werden, ließ Wilhelmine sich, wie sie schreibt, vom „philosophischen System“ (Zoroastrismus) des Zoroaster (Zarathustra, altiranischer Religionsstifter) anregen.Siehe ihr Argomento bzw. Argument (Vorwort). Uraufführung war am 19. Juni 1754 im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth anlässlich des Besuches ihres Bruders Friedrich dem Großen.
Handlung in einem Akt Bühnenbilder von Carlo Galli da Bibiena: Eichenwald, im Wechsel mit fürchterlicher Höhle.
Während Animia und Anemone auf einer Wiese – voneinander getrennt – tief schlafen, erscheint aus den Wolken der gute Geist (Il Buon Genio)Bezeichnungen im deutschen Libretto: „guter“ bzw. „böser Schutzengel“ (später im Text nur „guter und böser Engel“). und besingt die beginnende Zeit der Tugend und Vernunft. Er erblickt die beiden schlafenden „Sterblichen“ (les Mortels, die weibliche und die männliche Seele) und eilt, seine Botschaft allen Menschen zu verkünden. Animias und Anemones Namen sind „gleich bedeutende Wörter“Nach zeitgenössischer deutscher Übersetzung des damaligen Direktors der höfischen Oper Philipp Christian Cuno von Bassewitz. Italienisch-deutsches Libretto, Universitätsbibliothek Rostock. und Anagramme für die weibliche und männliche Seele.Siehe Innhalt im deutschen Libretto. Der gute Geist befreit die Vernunft, seine Tochter Negiorea, und mit ihr die Tugend und die Freuden, die bis dahin alle gefesselt in einer „fürchterlichen Höhle“ lagen. Nach einem Handlungsballett befiehlt Negiorea den Tanzenden, sich Animias und Anemones anzunehmen. Sie tun das, indem sie die beiden Schlafenden mit Wahlsprüchen, genannt „Devisen“ der Redlichkeit ausstatten.
Zu den Tänzern gehört die personifizierte „ehrliche Liebe“, bei deren Versuch, Animia und Anemone aufzuwecken, sich die Bühne verdunkelt. Mit Donner und Flammen erscheint Il Cattivo Genio (böser Geist) und vertreibt die Anhänger des guten Geistes. Beim Tanz seines Gefolges, dem er befiehlt, die Menschheit zu verderben, entdeckt der böse Geist die beiden Schlafenden, worauf die Tanzenden Anemone die Zeichen der Redlichkeit abnehmen. Bei Animia gelingt ihnen das nicht, aber sie rauben ihr die Unschuld und geben ihr Eigenliebe, Stolz und Eifersucht. Negiorea, die (unsichtbare) Vernunft verhindert, dass Animia vom Pfeil des L’Amor Incostane (flüchtige Liebe) getroffen wird, der Anemone allein trifft. Beide Sterbliche wachen aus ihrem Schlaf auf. Sie sind sich fremd und betrachten sich voll Bewunderung. Ihre Annäherungen enden in einem gesungenen Liebesduett (Scena Sesta).Deutsches Libretto, S. 15 und 16.
Bühnenbilder: Palmenwald, in dem die Liebesgötter spazieren; dann gebirgige, unwegsame Landschaft, wechselnd mit Berglandschaft, in der ein Altar platziert ist, um den sich der Chor der Spiriti Celesti versammelt; zum Schluss: Landschaft und Kristallpalast mit durchscheinenden Säulen, in der Ferne die griechische Hafenstadt Piräus.
Animia vermisst an Anemone die Zeichen der wahren Treue (die ihm abgenommen wurden), wird stutzig und die Intrige nimmt ihren Lauf. Volusia, die Wollust, und Incosia, die unbeständige Liebe, bemächtigen sich Anemones, der Animia vollständig vergisst. Animia kann den Versuchungen widerstehen. Parallel dazu ereignet sich – als Hauptsache auf übergeordneter Ebene – der Kampf Negioreas mit den bösen Mächten, in welchem letztendlich das Gute siegt, indem Anemone sein Unrecht einsieht und zur Reue beeinflusst wird. Animia verzeiht ihm großmütig.
Frage zum Sujet Bei diesem einfachen GleichnisSo die Übersetzung im deutschen Vorwort. um das Liebespaar Animia und Anemone – die Verführung der männlichen Seele, deren Bekehrung durch das Einschreiten der Vernunft (Negiorea) und die großmütige Vergebung durch die weibliche Seele – fällt eine gewisse Einfalt in der Vorführung des moralischen Vorsprungs des weiblichen Prinzips auf. Es verwundert bei einer höfischen Theateraufführung, die eigens für ein Staatsereignis konzipiert ist, den Besuch Friedrichs des Großen in der fränkischen Residenz, dass Wilhelmine hier explizit keine „Königshuldigung“ durch die regierende Herrschaft zu Brandenburg=CulmbachNach Wortlaut im deutschen Librettotitel. in Gestalt einer entsprechenden Handlung vornimmt, sondern eine weibliche Seele in den Vordergrund ihres Singespiels L’Homme (Der Mensch) stellt. Diese Frage könnte in der Scena Sesta beantwortet werden, in der beide Seelen aus dem Schlaf erwachen: Animia, die weibliche Seele wird von der männlichen als das autre moimême mais bien plus parfait (das andere, viel bessere Ich) erkannt.Anemon über Animia: „Cet autre moimême mais bien plus parfait que moi“.
Hintergrund Die einaktige Festa teatrale – ein moralisierendes Musiktheaterstück der AufklärungSiehe dazu auf dichterischem NiveauDas zeigen die Dialoge in ihrer schlüssigen, sprachlich-rhetorischen Qualität. – wird von der Theaterleiterin Wilhelmine im Argument (Vorwort) bescheiden als eine simple Allégorie (deutsches Vorwort: ein bloßes Gleichniß, eine Art lyrischen Gedichts) mit einem sujet philosophique sur un Théatre d’opera bezeichnet.Siehe das dreisprachige Vorwort. Interessant ist das Sujet der an französischer Kultur orientierten Wilhelmine im Hinblick auf die damalige französische Oper, die in den 1750er Jahren Schauplatz des sogenannten Buffonistenstreites war: Hier hatte 1752 Jean-Jacques Rousseau mit seiner Oper Le devin du village für einen umfassenden, in der Folge europaweiten französischen Erfolg gesorgt. Wilhelmine thematisiert wie Rousseau die Nöte eines entzweiten Liebespaares (weibliche und männliche Seele) und deren Wiedervereinigung. Bei Rousseau ist der Devin (Dorfwahrsager) der „rettende Engel“ für die Versöhnung, bei Wilhelmine hat diese Rolle Negiorea, die personifizierte Vernunft,Guter und böser Schutzengel ist die Bezeichnung des Bayreuther Hofoperndirektors Philipp Cuno Christian von Bassewitz in seiner deutschen Übersetzung des Librettos. nach dem von der Opernleiterin angeführten System Zoroasters, das sich im Dialog der beiden Seelen verwirklicht.
Springender Punkt nebenbei ist, dass die Theaterleiterin unter dem Titel Der Mensch (L’Huomo) ausdrücklich beide Geschlechter als Handelnde versteht; mit diesem Titel bezieht sie Stellung zu einem alten Identifikationsproblem der Frau, wie es in dem nur das männliche Geschlecht enthaltenden romanischen Wortstamm „homo“ programmiert ist. Der in der Oper thematisierte moralische Vorsprung Animias ist im Hinblick auf die Querelle des femmes um dieses Problem bemerkenswert. Nach der christlichen Lehre, wie sie seit der Renaissance diskutiert wurde, konnte nur Adam wählen und über sein Leben bestimmen.Über die Definition männlich/weiblich, insbesondere bei Giovanni Pico della Mirandola, siehe Gisela Bock: Frauen in der Europäischen Geschichte. S. 14. Dazu schrieb der Humanist Giovanni Pico della Mirandola die berühmte 1496 gedruckte Rede Oratio de hominis dignitate (über die Würde des Menschen). Demgegenüber ist es in L’Huomo allein die weibliche Seele Animia, die der Vernunft, Negioreá und damit aus Überzeugung der flüchtigen Liebe nicht gehorcht.
Beide Geschlechter agieren eigenständig, doch das weibliche trägt moralisch den Sieg davon. Das ist Konfliktstoff für die damals in den Salons diskutierte Querelle des femmes. Wilhelmine drückt das sehr vereinfacht so aus:
Dazu kommentiert Wilhelmine, ein guter Ausgang wie dieser – der moralische Sieg der Frau [=der weiblichen Seele] – sei nur auf dem Theater möglich.
Zum altitalienischen Wort L’Huomo „L’Huomo“ (alt-italienische Schreibweise) als Operntitel deutet keinerlei Bühnenhandlung an, wie beispielsweise die historische Figur Semiramis als Überschrift zu Wilhelmines Libretto ihrer Vorgängeroper. Die Definition des Wortes L’Huomo ist „Mensch“ und zugleich „Mann“, nicht aber „Frau“. Diese Thematik (u. a.) führte innerhalb der Jahrhunderte andauernden sogenannten Querelle des femmes zu gravierenden Diskussionen und rhetorischen, oft frauenfeindlichen Spitzfindigkeiten. Vergegenwärtigt man sich die Aktivitäten der für die Bühnen ihres Hofes seit 1737 mit französischem Theater und italienischen Opern tätigen aufgeklärten Theaterfrau Wilhelmine,„Markgräfin Wilhelmines Opernbemühungen verdienen größtes historisches Interesse“. Reinhard Wiesend: Markgräfin Wilhelmine und die Oper. In: Galli Bibiena und der Musenhof der Wilhelmine von Bayreuth. Prestel, München 1998, ISBN 3-7913-1963-9, S. 94. erhebt sich die Frage, ob der Autorin bei ihrem Titel insbesondere die Thematik der Querelle ein Anliegen war, auch wenn sie das nicht extra angibt – oder gerade deshalb.
Das Jahrhunderte alte, lebhafte Schrifttum der Querelle wird zum Beispiel durch das Pamphlet Ob die Weiber Menschen seyn, oder nicht? (1595, deutsche Fassung 1618) illustriert. Darin sagt der misogyne Benediktiner-Disputant:
Wilhelmine sprach und schrieb hauptsächlich die Sprache des gebildeten Adels, Französisch, und Frankreich war das Land der Salons, in denen Themen wie die der Querelle erörtert wurden.Zum Beispiel erwähnt Gisela Bock die Salonière Madame d’Epinay, die noch 1776 in diese Richtung über das Wort l’homme sinnierte, das als solches den Menschen an sich oder – mit Artikel un – den Mann bedeute, wogegen die Frau – „une femme“ – mit anderem Wortstamm ausgedrückt würde. Woraus sie ableitete, dass die Frau nicht als Mensch, sondern als anderes Geschlecht definiert wird. Bock S. 20.
mini|150px|Das Titelbild zu Händels Rinaldo-Libretto 1715 zeigt Ähnlichkeit zur stilisierten Zeichnung des Bühnenbildes „Palmenwald“ von Carlo Bibiena 1754
Französisch-italienische Mischform