mini|hochkant|Eliot Higgins bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises 2015 Bellingcat (stilisierte Eigenschreibweise auch bell¿ngcat) mit Sitz in Amsterdam (NL) ist ein nicht-staatliches investigatives Recherchenetzwerk um den Netzaktivisten Eliot Higgins, das sich auf den Faktencheck und Open Source Intelligence (OSINT) spezialisiert, insbesondere im Bereich Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Wirtschaftskriminalität.
Nach der Gründung im Juli 2014 begann Bellingcat den Einsatz von Waffen im Bürgerkrieg in Syrien zu untersuchen. Aufsehen erregte die Analyse der Bewegungen des Raketenwerfers beim Abschuss der Passagiermaschine MH-17 im Krieg in der Ukraine. Bellingcat führte u. a. Recherchen zur Identifizierung der Täter im Fall Skripal wie auch zur Nachverfolgung der Bewegungen russischer Geheimagenten bei den Vergiftungsversuchen von Alexei Nawalny oder Dmitri Bykow.
Name Der Name leitet sich von der englischen Redewendung belling the cat (der Katze eine Schelle umhängen) ab. Diese geht auf eine mittelalterliche Fabel zurück. Darin beraten die Mäuse, wie sie die Katze ungefährlich machen können. Eine schlägt vor, ihr eine Glocke um den Hals zu hängen; aber es findet sich keine Maus, die dies auch tut.Belling the Cat. Fabel englisch und deutsch In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 1. März 2021 betonte Higgins:
Geschichte Eliot Higgins begann im März 2012 den Brown Moses Blog, dessen Namen er einem Frank-Zappa-Song entlehnte. Seine Recherchen stützten sich auf Videos aus dem syrischen Bürgerkrieg. Er sah sich Hunderte dieser kurzen, im Internet verbreiteten Clips an, lokalisierte sie und untersuchte Details zu den eingesetzten Waffen. So konnte er bestätigen, dass der Vorwurf der Kriegsgegner stimmt, dass das Baath-Regime Streubomben und chemische Waffen einsetzt.
Im Juli 2014 rief der Blogger mit Hilfe privater Finanzierungsbeiträge, die er im Rahmen einer Kampagne auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter eingenommen hatte, die Plattform Bellingcat ins Leben. Kristyan Benedict, ein Kampagnen-Manager von Amnesty International, äußerte 2013 gegenüber dem New Yorker, dass viele Organisationen Analysten hätten, jedoch sei Higgins schneller als viele etablierte Rechercheteams.
Organisation Im Jahr 2019 hatte Bellingcat neben Higgins 16 Angestellte und 60 freie Mitarbeiter, im März 2021 waren es ca. 20 bezahlte Vollzeitstellen.Interview mit Eliot Higgins: Wir werden immer gegen das Schlechte ankämpfen auf sueddeutsche.de vom 1. März 2021. Zudem gibt es eine große Zahl „Freiwilliger, die sich zum Teil regelmäßig und zum Teil sporadisch einbringen“. Der Hauptsitz befand sich ursprünglich in der englischen Stadt Leicester; seit 2018 ist der Sitz in Amsterdam mit einem zusätzlichen Büro in Berlin.
Finanzierung Bellingcat ist nach eigenen Angaben unabhängig; es startete als Graswurzelbewegung; ein Drittel seiner jährlichen Einnahmen von etwa 500.000 Euro (Stand 2021) erwirtschaftet es durch Seminare, zwei Drittel sind Spenden.Markus Wehner: Der Zeuge G. und seine Quellen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Februar 2021, Seite 3. Im Verlaufe seiner Tätigkeit wurde Bellingcat von verschiedenen Organisationen unterstützt, so von Stiftungen, welche sich für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit einsetzen, wie Porticus Amsterdam, Adessium (beide Niederlande), Auxilium (Schweiz) und der Stiftung von Sigrid Rausing, welche sich für Menschenrechte einsetzt, sowie von den Open Society Foundations von George SorosHow a college drop out became a champion of investigative journalism, The Guardian, 30. September 2018 und vom National Endowment for Democracy (aus US-Bundeshaushalt finanziert). Weitere Finanzierungen kommen von Zuschüssen der Europäischen Union, von der niederländischen und schwedischen Postcode-Lotterie sowie über die Stiftung Civitates von der Europäischen Kulturstiftung.
Auf Bellingcats Website werden Finanzierungsquellen und Geldgeber offengelegt, nicht aber die Beträge einzelner Quellen. Zu den Finanzierungsquellen gehöre zum Beispiel nicht der US-Thinktank Atlantic Council, wie Higgins in einem Tweet erklärte, auch wenn er mit dem Atlantic Council kooperierte und dort Senior Fellow war.Silvia Stöber: Ein Geheimdienst für das Volk?, 16. Februar 2021, tagesschau.de
Rezeption Der Schlüssel zur Glaubwürdigkeit von Bellingcat sei Transparenz, schrieb die NZZ im Jahr 2021; sowohl Finanzen als auch Vorgehensweise würden akribisch dokumentiert – auch wenn vorherzusehen sei, so Christo Grosew, dass dies einen Informationsweg für die Zukunft versperren könne wie im Fall Skripal.The Online Sleuths Fighting Russian Disinformation, Wall Street Journal, 22. März 2022 CBS schrieb, selbstverständlich leugne Russland alles; aber genau hier komme die Methode von Bellingcat ins Spiel, welche offen zugängliche Online-Daten und soziale Medien auswerte, um Desinformation zu entlarven. Grosew sagte an der gleichen Stelle auch, Russland werde vielleicht nie in einem Gerichtssaal Rechenschaft abgeben müssen, „aber die Arbeit traditioneller Journalisten und die wachsende Datenbank von Bellingcat überwältigten Putins Propaganda“ („There may be no accountability for Russia in a courtroom, but the work of traditional journalists and Bellingcat’s expanding database are overwhelming Putin’s propaganda“). Der Produzent der CBS-Sendung 60 Minutes, Henry Schuster, wies darauf hin, dass der Kreml zwar viele Kritiker habe, aber wenn Bellingcat etwas veröffentliche, reagiere der Kreml üblicherweise („the Kremlin usually responds“),CBS 60 Minutes Henry Schuster Minute 5:25 selbst Präsident Putin persönlich hatte Bellingcat erwähnt und ihnen unterstellt, keine Recherchen zu betreiben, sondern eine „Fassade westlicher Geheimdienste“ zu sein.Putin rejects Navalny poisoning allegations as 'falsification', The Guardian, 17. Dezember 2020 Gründer Eliot Higgins nennt Glaubwürdigkeit als entscheidendes Element für die Organisation.
Der lautstärkste Bellingcat-Kritiker sei, schrieb Luke Harding im Guardian, das Kreml-Fernsehen RT, weitere Verbreitung erhielte die „Community der Tatsachenleugner“ über sogenannte „alternative Medien“ („This evidence-denying community has some strange ideological allies (…) Their views are expressed on alternative media outlets and via government propaganda channels such as RT, the Kremlin’s TV wing – and Bellingcat’s most vocal critic.“)We Are Bellingcat by Eliot Higgins review – the reinvention of reporting for the internet age, The Guardian, 1. Februar 2021 Higgins/Bellingcat würden „routinemäßig“ von der Alt-Right kritisiert und von der extremen Linken verachtet. Bellingcat werde vorgeworfen, auf der Seite westlicher Regierungen gegen die Regierungen von Syrien und Russland zu recherchieren. Im Falle Skripal suggerierte RT, das National Endowment würde zusammen mit „britischen Nachrichtendiensten“ und dem Atlantic Council die Prioritäten der Untersuchungen von Bellingcat sowie deren Schlussfolgerungen diktieren.Ilya Yablokov, Precious N Chatterje-Doody: Russia Today and Conspiracy Theories: People, Power and Politics on RT, Verlag Routledge, 2021, ISBN 978-1-00-043359-3, S. 2072. Im Fall eines Giftgasangriffs auf die Stadt Douma in Syrien gab es unbelegte Vorwürfe angeblicher Falschinformation.
Solche Desinformations-Kampagnen könnten ohne Bellingcat sogar erfolgreich sein, damit Täter davonkämen, schrieben Hersman/Williams/Claeys 2022, Bellingcat habe jedoch diese falschen Whistleblower widerlegt und damit der offiziellen OPCW-Untersuchung den Rücken gestärkt.Rebecca K. C. Hersman, Heather Williams, Suzanne Claeys: Integrated Arms Control in an Era of Strategic Competition, Verlag Rowman & Littlefield, 2022, ISBN 978-1-5381-4052-9, S. 47.
Higgins erklärte, dass Menschen aus dem „alternativen Medien-Ökosystem“ Bellingcat wirklich hassten – aus der Vorstellung, Bellingcat sei ein Teil der „Drei-Buchstaben-Geheimdienste, welchem auch immer“. Der erhöhte Polizeischutz bei Veranstaltungen werde nicht unbedingt wegen einer Bedrohung durch Russland aufgezogen, sondern wegen dieser Gegner.Adam Janofsky: Bellingcat Founder Eliot Higgins on Finding Truth in a World of Disinformation, The Record, 15. Oktober 2020
Von Bellingcat untersuchte Fälle (Auswahl)
Bürgerkrieg in Syrien Vom Bürgerkrieg in Syrien speicherten die Freiwilligen von Bellingcat laut The Guardian 3,5 Millionen Datensätze, welche in Zukunft verwendet werden könnten, um Verbrechen zu untersuchen. Higgins’ erste Enthüllung 2013 war laut seiner Erzählung in einem Interview die Beobachtung des Auftauchens jugoslawischer Waffen in Syrien, welche offensichtlich durch Saudi-Arabien ins Bürgerkriegsland gelangt waren.Click detectives: the story behind the open source sleuth site Bellingcat, 10. August 2021
MH17 und Krieg in der Ukraine mini|Higgins, Alina Polyakova (Atlantic Council Associate Director) und Andrij Melnyk (Botschafter der Ukraine in Deutschland) präsentieren ihre Studie Hiding in Plain Sight bei der Konferenz „Russische Desinformation im 21. Jahrhundert“ des Atlantic Council, des European Council on Foreign Relations und der Heinrich-Böll-Stiftung, 2015 Berlin.
Bellingcat sorgte mehrfach mit Recherchen zum Absturz des Passagierflugzeuges MH17 über der Ostukraine für Aufsehen. Die Gruppe hatte schon vor der gleichen Schlussfolgerung durch die offizielle Untersuchungskommission unter anderem durch Recherchen in Sozialen Medien nachgewiesen, dass ein Buk-Raketensystem einen Tag vor dem Absturz durch Russland in das von den Rebellen kontrollierte Gebiet und am Tag nach dem Absturz zurück nach Russland gebracht worden war. Laut Christo Grosew werde das in Russland erlassene Gesetz, welches russischen Soldaten verbietet, mobile Geräte während der Feindseligkeiten zu tragen, in Russland „Bellingcat-Gesetz“ genannt.Bellingcat: The online investigators tracking alleged Russian war crimes in Ukraine, CBS, 21. August 2022
Im Mai 2015 veröffentlichte die Gruppe zudem einen Bericht, der belegen sollte, dass die von Russland vorgelegten Luftbilder mit ukrainischen Waffensystemen verändert worden seien und die Datierung nicht stimme., vgl. auch Katja Tichomirowa: Das Blaue vom Himmel. Wie Russland Satellitenbilder fälschte, um eine ukrainische Schuld am Absturz von MH17 zu belegen. Berliner Zeitung (Printausgabe), 2. Juni 2015, S. 6. Viele Medien übernahmen die Darstellung von Bellingcat.Der Spiegel, Nr. 3/2015, S. 58–68. Auf Kritik des Bildforensikers Jens Kriese im Spiegel vom 3. Juni 2015Benjamin Bidder: „Bellingcat betreibt Kaffeesatzleserei“. In: Spiegel Online, 3. Juni 2015 (Interview mit Jens Kriese). und von der Analyseseite fotoforensics.com, die von Bellingcat verwendet worden war, reagierte Bellingcat mit dem Kauf von zusätzlichen Satellitenfotos der betreffenden Tage bei DigitalGlobe und gab an, beim Vergleich mit den MOD-Bildern Diskrepanzen gefunden zu haben, die belegen, dass die russischen Satellitenfotos nicht vom behaupteten Datum stammen können.
Im Dezember 2016 wurde ein Bericht von Bellingcat veröffentlicht, der den Einsatz von Artillerie der russischen Streitkräfte gegen ukrainische Ortschaften im Sommer 2014 analysiert.Putin's Undeclared War Summer 2014 Russian Artillery Strikes against Ukraine (en)
Russischer Überfall auf die Ukraine 2022 Im Zuge des Russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 berichtete Bellingcat über eindeutige Beweise, wonach über zivilen Gebieten in der Ukraine Streumunition zum Einsatz gekommen sei. Berichte zu Vorkommnissen im Zuge der Kampfhandlungen werden in einer digitalen Karte dokumentiert.
Im Juli 2022 wurde „Bellingcat“ in Russland als „unerwünschte Organisation“ eingestuft.
Fall Skripal