Abū l-Qāsim ʿAbdallāh ibn Ahmad al-Kaʿbī al-Balchī (; gestorben 19. August 931 in Balch) war ein muʿtazilitischer Kalām-Gelehrter, der vor allem in Chorasan wirkte und der letzte große Theoretiker der muʿtazilitischen Schule von Bagdad war. Al-Balchī war ein äußerst produktiver Autor, der sich außer mit Kalām auch mit Koranexegese, Fiqh, Adab und Doxographie befasste. In seinen Schriften setzte er sich nicht nur kritisch mit den Lehren zeitgenössischer philosophischer Denker auseinander wie Rhazes und Abū ʿAlī al-Dschubbā'ī, sondern auch mit der erstarkenden Hadith-Gelehrsamkeit, die in der Zeit nach der Mihna Förderung durch die abbasidischen Kalifen erhielt.Vgl. el-Omari: "Abu l-Qāsim al-Balkhı̄ al-Ka'bi's doctrine of the Imāma". 2007, S. 40.

Abū Mansūr al-Māturīdī, der al-Balchīs Lehren in aller Ausführlichkeit in seinem Kitāb at-Tauḥīd diskutiert, merkt dort an, dass er bei den Muʿtaziliten wie ein "Imam der ganzen Menschheit" (imām ahl al-arḍ) verehrt wurde.Vgl. Rudolph: Al-Māturīdī. 1997, S. 173f. Die von al-Balchī begründete muʿtazilitische Lehrrichtung, die sich besonders dadurch auszeichnete, dass sie Gott das Attribut des Willens absprach, wird in den sunnitischen Quellen als KaʿbīyaSo as-Samʿānī: al-Ansāb. 1981, Bd. X, S. 445 und al-Baġdādī: Al-Farq baina l-firaq. S. 159. bzw. BalchīyaVgl. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Lisān al-mīzān. Bd. IV, S. 429. bezeichnet. Im Bereich des Fiqh gehörte al-Balchī der hanafitischen Lehrrichtung an. Von seinen politischen Ansichten her war er Zaidit.Vgl. van Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. I, S. 328.

Leben Herkunft und frühe Jahre Über Abū l-Qāsim al-Balchīs Herkunft ist kaum etwas bekannt, seine Nisba al-Kaʿbī soll auf einen Vorfahren namens Kaʿb zurückgehen.Vgl. as-Samʿānī: al-Ansāb. 1981, Bd. X, S. 444. Sein Vater stand der Tahiriden-Dynastie nahe und gehörte möglicherweise zu ihren Verwaltungsbeamten. Al-Chatīb al-Baghdādī berichtet, dass al-Balchī ein Buch über die löblichen Eigenschaften der Tahiriden (Kitāb Maḥāsin Āl Ṭāhir) überlieferte, das sein Vater von ʿAbdallāh ibn Tāhir erhalten hatte.Vgl. Zaryāb: "Abū al-Qāsim al-Balḫī" Bd. VI, S. 155b. Al-Balchīs Vater überlieferte von ʿAbdallāh ibn Tāhir auch einen Hadith über die Schreibung der Basmala.Vgl. van Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. I, S. 329. Von Abū l-Qāsim al-Balchī selbst ist ein Gedicht für den Tahiriden-Herrscher Muhammad ibn ʿAbdallāh ibn Tāhir (reg. 862-873) überliefert.Vgl. Yāqūt: Muʿǧam al-udabāʾ. Bd. IV, S. 1492.

Studium in Bagdad Al-Balchī lebte lange Zeit in Bagdad, wo er bei dem Muʿtaziliten Abū l-Husain al-Chaiyāt (gest. 913) und dem Philologen al-Mubarrad (gest. 898) studierte und Zugang zu dem Kreis des bekannten persischen Literaten und Muʿtaziliten Abū Ahmad Yahyā ibn ʿAlī Ibn al-Munaddschim (855–912) hatte, der von den großen Kalām-Gelehrten der Zeit aufgesucht wurde.Vgl. Fück: "Neue Materialien zum Fihrist". 1934, S. 304. Daneben traf er in Bagdad mit dem Sufi al-Dschunaid zusammen.Vgl. Zaryāb: "Abū al-Qāsim al-Balḫī" Bd. VI, S. 154b. und führte Lehrgespräche mit al-Hasan ibn Mūsā an-Naubachtī.Vgl. van Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. I, S. 329. Nach ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad hatte al-Balchī im Irak auch Umgang mit Abū ʿAlī al-Dschubbā'ī, der ihn mehr schätzte als seinen Lehrer al-Chaiyāt.Vgl. Horten: Die philosophischen Systeme. 1912, S. 382. Al-Balchī wollte auch al-Dschubbā'ī auf dem Rückweg nach Chorasan besuchen, al-Chaiyāt soll dies jedoch aus verletzter Eitelkeit verhindert haben.Vgl. ʿAbd al-Ǧabbār: Faḍl al-iʿtizāl. 1974, S. 290, 295f.

Auch nachdem al-Balchī dauerhaft nach Chorasan zurückgekehrt war, kam er immer wieder zu Besuchen in die Hauptstadt und pflegte Freundschaften zu ihren Gelehrten, so insbesondere zu dem Vater des Grammatikers al-Marzubānī (gest. 994), der seine Bücher in Bagdad verbreitete.Vgl. al-Ḫaṭīb al-Baġdādī: Tārīḫ Baġdād. 2001. Bd. XI, S. 25f. Mit al-Chaiyāt unterhielt er eine langanhaltende Briefbeziehung. Die Anfragen zu bestimmten Problemkreisen, die al-Balchī an seinen Lehrer richtete, waren als al-Balḫīyāt bekannt.Vgl. van Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. I, S. 332f.

Als Sekretär bei den Zaiditen in Tabaristān Möglicherweise unmittelbar nach seinem Aufenthalt in Bagdad trat al-Balchī als Sekretär in den Dienst von Muhammad ibn Zaid (gest. 900), dem zaiditischen Dāʿī von Tabaristan. In dieser Funktion begleitete er ihn auch nach Dschurdschān.Vgl. al-Ḥākim al-Ǧušamī: "Ǧalāʾ al-abṣār" in Wilferd Madelung: Arabic Texts concerning the History of the Zaydī Imāms of Ṭabaristān, Daylamān and Gīlān. Franz Steiner, Beirut, 1987. S. 122 und van Ess: Art. "Abu’l-Qāsem al-Balḵī al-Kaʿbī". 1983, Bd. I, S. 359. Hier wurde auch Yahyā ibn al-Husain, der später in den Jemen ging und dort unter dem Beinamen al-Hādī ilā al-Haqq das zaiditische Imamat des Jemen begründete, sein Schüler.Vgl. Zaryāb: "Abū al-Qāsim al-Balḫī" Bd. VI, S. 151b.

Als Wesir in Balch Da al-Balchī im Jahre 887 in Balch mit al-Hallādsch zusammentraf, kann vermutet werden, dass er zu dieser Zeit bereits in seine Heimatstadt zurückgekehrt war.Vgl. Rosalind Ward Gwynne: The tafsīr of Abū 'Alī al-Jubbā'ī first steps toward a reconstruction. Dissertation, University of Washington, 1987. S. 11. In Balch unterhielt er freundschaftliche Beziehungen zu dem Gelehrten Abū Zaid al-Balchī und verteidigte ihn gegen den Vorwurf der Häresie (zandaqa), den er sich aufgrund der Beschäftigung mit Logik eingehandelt hatte.Vgl. Zaryāb: "Abū al-Qāsim al-Balḫī" Bd. VI, S. 154a. As-Safadī berichtet, dass aber auch Abū l-Qasim al-Balchī selbst in Balch der Häresie beschuldigt wurde.Vgl. aṣ-Ṣafadī: al-Wāfī bi-l-wafāyāt. 1982, Bd. XXVII, S. 26, Z. 6.

Als Ahmad ibn Sahl al-Marwazī, der aufständische Statthalter des Samaniden Nasr II. ibn Ahmad (reg. 914-943) in Nischapur Chorasan unter seine Kontrolle brachte und nach Balch kam, machte er Abū l-Qāsim al-Balchī zu seinem Wesir und Abū Zaid al-Balchī zu seinem Sekretär. Abū l-Qāsim erhielt ein monatliches Gehalt von 1.000 Dirham, Abū Zaid eines von 500 Dirham.Vgl. Zaryāb: "Abū al-Qāsim al-Balḫī" Bd. VI, S. 152a. Als Ahmad ibn Sahl von seinem Oberherrn 919 besiegt wurde, ließ dieser Abū l-Qāsim ins Gefängnis werfen. Als er dort erkrankte, setzte sich ʿAlī ibn ʿĪsā, der zu der Zeit des Kalifen al-Muqtadir der reale Machthaber in Bagdad war, für ihn ein und sorgte dafür, dass er aus der Haft entlassen wurde.Vgl. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Lisān al-mīzān. Bd. IV, S. 430 und Fück: "Neue Materialien zum Fihrist". 1934, S. 304. Danach lebte al-Balchī eine Zeitlang in Bagdad und nahm an öffentlichen Disputen teil.Vgl. Yāqūt: Muʿǧam al-udabāʾ. Bd. IV, S. 1491.

Lehrtätigkeit in Nasaf Zeitweise war al-Balchī auch in Nasaf tätig. Er kam in die Stadt, als Abū ʿUthmān Saʿīd ibn Ibrāhīm dort Stadtoberer (raʾīs) war, ließ sich im Ribāt von al-Dschaubaq nieder und erhielt eine Lehrposition (maǧlis al-imlāʾ).Vgl. as-Samʿānī: al-Ansāb. 1981, Bd. X, S. 444. Allgemein brachte man ihm dort viele Ehrenbezeigungen entgegen. Der Hadith-Gelehrte Abū Yaʿlā ʿAbd al-Mu'min ibn Chalaf (gest. 957), der selbst der zāhiritischen Lehrrichtung angehörte,Vgl. Zaryāb: "Abū al-Qāsim al-Balḫī" Bd. VI, S. 152a. hielt ihn dagegen für einen Kāfir und weigerte sich, ihn zu grüßen. Anstoß erregte insbesondere ein Werk, in dem al-Balchī die Hadith-Gelehrten kritisiert hatte.Vgl. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Lisān al-mīzān. Bd. IV, S. 429.

Seine Schüler und sein Ende Abū l-Qāsim hatte zahlreiche Schüler. Zu ihnen gehörten Abū t-Taiyib Ibrāhīm b. Muhammad Ibn Schihāb (gest. 962), Abū l-Hasan al-Ahdab und ʿAlī ibn Muhammad al-Haschā'ī al-Balchī. Nach Ibn Abī l-Hadīd war auch der imamitische Gelehrte Abū Dschaʿfar Ibn Qiba ar-Rāzī ein Schüler von al-Balchī.Vgl. Modarressi: Crisis and Consolidation. 1993, S. 119. Als al-Haschā'ī einmal auf dem Weg zum Haddsch in Bagdad vorbeikam, wurde er dort begeistert als der "Adlatus von al-Kaʿbī" (ġulām al-Kaʿbī) begrüßt und bestaunt und nach dem Befinden seines Meisters ausgefragt. Adh-Dhahabī berichtet, dass er während seines Aufenthaltes in Bagdad von den dortigen Kalām-Gelehrten wie ein "berufener Prophet" (nabī mursal) mit einer eigenen Offenbarung verehrt wurde.Vgl. Yāqūt: Muʿǧam al-udabāʾ. Bd. IV, S. 1491.

Al-Balchī starb am 1. Schaʿbān 319 (= 19. August 931) in Balch.Vgl. Fück: "Neue Materialien zum Fihrist". 1934, S. 305.

Werke Abū l-Qāsim al-Balchī war ein sehr fruchtbarer Autor. Insgesamt werden 46 Werke von ihm mit Titel erwähnt. Zwar sind die meisten dieser Werke nicht eigenständig erhalten,Vgl. Saiyid: "Tarǧamat Abī l-Qāsim al-Balḫī". 1974, S. 46–55. doch sind mehrere von ihnen als Fragmente in Texten anderer arabischer Autoren überliefert. Die folgenden seiner Werke haben bisher in der Wissenschaft am meisten Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Qabūl al-aḫbār wa-maʿrifat ar-riǧāl, eine tiefgehende und beißende Kritik der Hadith-Gelehrsamkeit. Das Buch wurde von Abū ʿAmr al-Ḥusainī 2000 in Beirut in zwei Bänden ediert.Digitalisat Band I Digitalisat Band II Ǧāmiʿ ʿilm al-Qurʾān, großer Korankommentar in zwölf Bänden. Zitate daraus sind in den Amālī von asch-Scharīf al-Murtadā erhalten.Vgl. dazu van Ess: Art. "Abu’l-Qāsem al-Balḵī al-Kaʿbī". 1983, Bd. I, S. 359b. Darüber hinaus hat der zwölfer-schiitische Gelehrte Ibn Tāwūs (st. 1266) in seinem Werk Saʿd as-suʿūd fī n-nufūs diesem Korankommentar ein eigenes Kapitel gewidmet und dort zahlreiche seiner Aussagen zitiert.Vgl. Ibn Ṭāwūs: Saʿd as-suʿūd. 2001, S. 314–337. Die Fragmente sind von Ḫaḍir Muḥammad Nabha in Tafsīr Abī l-Qāsim al-Kaʿbī al-Balḫī (Beirut 2007) gesammelt herausgegeben worden. Al-Balchī vertrat in diesem Werk die Auffassung, dass der Koran nicht erst nach Mohammeds Tod, sondern schon zu seinen Lebzeiten unter seiner Aufsicht zusammengestellt worden sei.Vgl. Zaryāb: "Abū al-Qāsim al-Balḫī" Bd. VI, S. 154b-155a. Auch wies er in diesem Werk die an Sure 7:172-173 anknüpfende traditionelle Vorstellung von dem Urvertrag Gottes mit den Menschen zurück. Nach dieser Vorstellung nahm Gott die gesamte Menschheit in Form von präexistenten Wesen aus dem Rücken Adams und ließ sie bezeugen, dass Gott ihr Herr sei. Al-Balchī äußerte dazu, dass dies biologisch nicht möglich sein und auch das Koranwort eine solche Interpretation nicht hergebe. Er hielt diese Interpretation für eine Erfindung der Traditionsgelehrten und setzte ihr die Interpretation entgegen, dass Gott die Menschen in jeder neuen Generation seine Herrschaft bezeugen ließ.Vgl. Ibn Ṭāwūs: Saʿd as-suʿūd li-n-nufūs. S. 326. Maqālāt firaq ahl al-qibla, doxographisches Werk über die verschiedenen Glaubensrichtungen des Islams, das al-Balchī im Jahre 892 begannVgl. van Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. I, S. 332. und bei dem er auf Material seines Lehrers al-Chaiyāt sowie von al-Dschāhiz zurückgriff.Vgl. van Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. I, S. 335. Das Werk wurde von muʿtazilitischen Autoren viel benutzt und hat vor allem bei den Zaiditen und Ibaditen in Südarabien eine starke Nachwirkung gehabt.Vgl. van Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. I, S. 363–367. Hier, im Jemen, entdeckte auch Fu'ād Saiyid eine Handschrift der Maqālāt. Sie beruht auf einer Fassung des Werks, die al-Balchī im Jahre 903 abschloss.Vgl. van Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. I, S. 332. Der mit den Muʿtazila befasste Teil des Werks wurde bereits 1974 von Fu'ād Saiyid selbst in Tunis ediert.Vgl. Fuʾād Saiyid: Faḍl al-iʿtizāl wa-ṭabaqāt al-Muʿtazila. Tunis 1974. S. 61–119. Digitalisat Eine vollständige Edition der Handschrift erschien 2018 in Istanbul.Abū l-Qāsim al-Balḫī: Kitāb al-Maqālāt wa-maʿahu ʿUyūn al-masāʾil wa-l-ǧawābāt: aqdam kitāb fī firaq al-muslimīn yuḥaqqaq li-auwal marra ʿan nusḫa ʿatīqa farīda. Ed. Ḥusain Ḫānṣū, Rāǧiḥ Kurdī und ʿAbd al-Ḥamīd Kurdī. Kuramer, Istanbul, 2018. Digitalisat Der Kommentar zu dem Werk, den ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad schrieb, ist nicht erhalten.Vgl. van Ess: Der Eine und das Andere. 2011, Bd. I, S. 344.