Die Reihe Bibliotheca Mundi (Weltbibliothek) ist eine von 1920 bis 1924 mit 14 Titeln im Leipziger Insel Verlag erschienene Buchreihe, die ein Teilstück des multilingual konzipierten „Orbis Literarum“ (Welt der Literatur) bildete. Sie wurde von Stefan Zweig angeregt und herausgegebenLink zur Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA) vom 29. Juni bis 16. Oktober 2011 Stefan Zweigs Weltbibliothek (Text und Bilder). und enthielt bis auf einen ausschließlich deutschen und einen mehrsprachigen Text nur fremdsprachige Titel.

Ausgabeanlass mini|150px|Brief Stefan Zweigs an den Verleger A. Kippenberg vom 20. April 1920 zur Arbeit an der Reihe (S. 1)

Die Idee zur Edition fremdsprachiger Literatur in den Originalsprachen im Insel Verlag stammte von dem kosmopolitisch eingestellten Verlagsautor Stefan Zweig.Der Briefwechsel von 1919 und 1920 zwischen Stefan Zweig und dem Verleger (174 Blatt) und Angaben über Herstellung, Inhalt und Vertrieb der Reihe (80 Blatt) sind im Archiv der Klassikstiftung Weimar zum Leipziger Insel Verlag erhalten (Archivdatenbank). Dieser ging unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg davon aus, dass der Import ausländischer Bücher nach Deutschland zur Lektüre in der Originalfassung aufgrund der zunehmend ungünstigeren Wechselkursverhältnisse der Mark gegenüber ausländischen Währungen längerfristig erschwert sein würde. So hatte die Papiermark gegenüber der internationalen Leitwährung US-Dollar am 31. Januar 1918 die Hälfte und am 31. Januar des Folgejahres bereits drei Viertel ihres Wertes verloren. Ihr weiterer Verfall war abzusehen. Zweig entwickelte unter diesem Eindruck in einem Brief vom 27. Februar 1919 an den Verleger Anton Kippenberg seine Idee einer Buchproduktion mit ausländischen Originalwerken im Insel Verlag, womit er auch Konkurrenzunternehmen anderer Verlage zuvorkommen wollte. Diesem Vorhaben schloss sich nach anfänglichem Zögern Kippenberg an, da ihn vor allem das ökonomische Argument überzeugte. So formulierte er auch in einer späteren Verlagswerbung zur Begründung dieses Projekts, dass es

Bei einem Treffen in Leipzig im Oktober 1919 wurden die Einzelheiten des Projekts, das aus drei sich gegenseitig zum „Orbis Literarum“ ergänzenden Buchreihen bestehen sollte, ausgearbeitet. Dabei lag der Reihencharakter für Zweig und Kippenberg in seiner Klassizität, was sich in dem Briefwechsel zwischen beiden zur Ausarbeitung des Reihenprogramms widerspiegelt. Bei dem Treffen wurden auch die notwendigen Werbemaßnahmen beschlossen. Eine erste Anzeige im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel noch im Jahre 1919 sollte die Aufmerksamkeit des Buchmarkts auf die geplanten Buchreihen lenken, und eine weitere vom 17. Februar 1920 das Geschäftsfeld gegenüber etwaigen mit ähnlichen Ideen konkurrierenden Verlagen abstecken. Zweig wies auch auf die Vorteilhaftigkeit von Prospektbeilagen in den Reihenwerken hin, mit denen auf alle Reihenprogramme hingewiesen wird. Auch bekannte Autoren, wie Thomas Mann, und sonstige Personen des öffentlichen Lebens wurden durch Rezensionsexemplare um entsprechende persönliche Verwendung für das Reihenprojekt in entsprechenden Publikationen gebeten. Thomas Mann kündigte daraufhin eine öffentliche Stellungnahme an, die zum Weihnachtsgeschäft 1920 in den Münchner Neuesten Nachrichten erschien. Am 15. Februar 1921 folgte ein Essay Hugo von Hofmannsthals in der Neuen Freien Presse.Neue Freie Presse vom 15. Februar 1921 (Nr. 20283), Wien, S. 1 f. (ANNO online).

Im Einzelnen: Die Reihe „Libri Librorum“ (Bücher der Bücher) würde große Werke im handlichen Format der „Großherzog Wilhelm Ernst Ausgabe“ bringen, das auch schon bei den deutschen Klassikern des Verlags erfolgreich Verwendung fand. Die auf Dünndruckpapier gedruckten Texte wären in Leinen- und Ledereinbänden lieferbar. Werke mittleren Umfangs und Gedichtanthologien sollten im Fokus der hier beschriebenen zweiten Reihe stehen, der „Bibliotheca Mundi“. Und schließlich sollte bei der Reihe „Pandora“, die kürzere Texte von ca. 6 Bogen, wie Novellen, Erzählungen, Stücke oder Gedichtzusammenstellungen präsentieren sollte, bei Ausstattung und Konzeption direkt an die schon seit 1912 mit hervorragenden Verkaufszahlen erfolgreich auf dem Markt befindliche Insel-Bücherei angeknüpft werden. Sie würde die beiden Reihen mit Büchern größeren Umfangs ergänzen und durch eigene Musterpapiere, spezielle Titelschilder sowie ein eigenes Signet auch gegenüber der IB ein eigenes Gesicht erhalten. Letztlich erreichte sie nur 52 Titel.

Im Nachgang ist freilich festzustellen, dass die von Zweig und Kippenberg erhoffte Resonanz beim Publikum bei allen drei Buchreihen weitestgehend ausblieb, was nicht nur auf die bereits im November 1923 mit der Einführung der Rentenmark erfolgreich eingeleitete Währungsstabilisierung zurückzuführen war. Vielmehr wollten die Käufer die relativ hohen Preise der Gesamtreihe nicht bezahlen und waren die ausgewählten Texte wohl nicht attraktiv genug für das Publikum oder auch zu anspruchsvoll.Susanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarische Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942). Buchhändlervereinigung, Frankfurt am Main 1998, S. 164.

Ausgaben mini|x175px|Schutz­umschlag (innen)

Ankündigung 1919 und 1920 sowie Ausgaben ab 1920 Die erste Börsenblatt-Anzeige zum „Orbis Literarum“, hier der Bibliotheca mundiBörsenblatt Nr. 269 vom 6. Dezember 1919, S. 13533 (Digitalisat der SLUB Dresden)., datierte vom 6. Dezember 1919. In einer mit sieben Seiten weitaus umfangreicheren zweiten Börsenblatt-Anzeige vom 17. Februar 1920, „Ausführliche Ankündigung über BIBLIOTHECA MUNDI. LIBRI LIBRORUM. PANDORA. drei einander ergänzende Sammlungen von Meisterwerken der Weltliteratur in den Ursprachen“Börsenblatt Nr. 39 vom 17. Februar 1920, S. 2171 (Digitalisat der SLUB Dresden)., waren für diese Reihe zunächst 20 Titel vorgesehen. Von diesen erschienen nur neun. Nicht zur Ausgabe gelangten unter anderen Spinoza (Ethica), Balzac (Le Peau de Chagrin), Goethe (Ausgewählte Gedichte) und Schopenhauer (Aphorismen zur Lebensweisheit); dafür erschienen sechs weitere, ursprünglich nicht angekündigte Titel. Mit dem Börsenblatt vom 6. Dezember 1920 wurden die ersten vier Bände der Reihe: Baudelaires Les fleurs du mal, Kleists Erzählungen, Alfred de Mussets Trois Drames und der Russische Parnass (Русскiй Пapнaccъ), als soeben erschienen angezeigt.Börsenblatt Nr. 275 vom 6. Dezember 1920, S. 14791 (Digitalisat der SLUB Dresden). Sie kamen in einer Auflage von je 5000 Exemplaren auf den Markt. Diese waren bereits in der Verlagsschrift Die Bücher des Insel-Verlages - Leipzig. Herbst 1920, (S. 41) aufgeführt. Dort waren zusätzlich weitere 3 Bände, Byrons Poems, der Libro de su vida von Madre Teresa de Jésus und Stendhals De l’Amour angekündigt. Bis 1924 folgten weitere sieben Bände.

Als dauernder wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Betreuung der Reihe in Leipzig wurde André Jolles verpflichtet. Weiter arbeiteten an den drei fremdsprachigen Projekten der Romanist Heinrich Wengler und Fritz Adolf Hünich mit.Susanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarische Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942). Buchhändlervereinigung, Frankfurt am Main 1998, S. 152 ff.

Sprachen Diese Buchreihe des „Orbis Literarum“ weist die größte Vielfalt bei der Verwendung von Originalsprachen auf. Von den alten Sprachen ist zwar nur Latein vertreten, ein altgriechischer Text fehlt also. Dafür liegen Texte in den meisten der damals verbreiteten Weltsprachen, wie Englisch, Französisch, das hier mit 5 Bänden dominiert, Russisch – dieser Gedichtband wurde noch in der alten Orthographie gesetzt – und Spanisch, vor. Hinzu kommen Lyrik und Prosa, zumeist in Anthologien, in Hebräisch, Italienisch, Ungarisch und sogar Rätoromanisch, das nur noch von einem kleinen Bevölkerungsteil der Schweiz gesprochen wird. Auch ein deutscher Band mit Erzählungen fehlt nicht. Da die „Anthologia Helvetica“ mehrsprachig angelegt ist, sind trotz der vielen französischsprachigen Bände insgesamt 10 Sprachen vertreten. Folgeauflagen gab es nur von 3 TitelnSarkowski gibt in Der Insel Verlag. Eine Bibliographie 1899–1969, S. 8, bei der Anthologia Helvetica für 1923 eine zweite, durchgesehene Auflage (6.–9.) an. Diese ist weder im Verzeichnis aller Veröffentlichungen des Insel-Verlags 1899-1924 zu finden, noch verzeichnet sie die DNB. Folgerichtig hat er sie in der zweiten Auflage von 1999 (Bibliographie-Nr. 37, S. 36) wieder getilgt.: Baudelaires Erfolgstitel „Les fleurs du mal“, dem „Russischen Parnass“ und der „Anthologia Hebraica“. Der „Russische Parnass“ mag seine Abnehmer nicht zuletzt in dem recht großen Emigrantenkreis, der sich nach der Oktoberrevolution 1917 in Deutschland, vor allem Berlin, angesiedelt hatte, gefunden haben. Auf den ersten Blick erstaunlich muten die insgesamt 9000 Exemplare der „Anthologia Hebraica“ nach der zweiten Auflage an. Aber vielleicht könnte der Titel zu liturgischen Zwecken auch von Rabbinern benutzt worden sein, die die hier in punktierter Form gelieferten religiösen Texte lesen und vortragen konnten. Laut Buchinger wird der Band sogar „in Israel bis heute nachgedruckt“.Susanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarische Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942). Buchhändlervereinigung, Frankfurt am Main 1998, S. 161.

Zweig hatte auch noch einen Band mit hundert ausgewählten Goethe-Gedichten geplant, deren Auswahl Kippenberg von den Verlagsautoren Hofmannsthal, Rilke und Ricarda Huch vornehmen lassen wollte. Aber obwohl Hofmannsthal seine Vorschläge Zweig im Juni 1920 zugeleitet hatte, ist der Band nie erschienen.Susanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarische Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942). Buchhändlervereinigung, Frankfurt am Main 1998, S. 158.

Format und Auflagenhöhe, Ladenpreis Die im Oktavformat (8°) gehaltene „Bibliotheca Mundi“ erschien in Erstauflagen von 5000 Exemplaren. Nur die „Anthologia Hungarica“ ging mit nur 3000 Bänden an den Start, was der vergleichsweise geringen Anzahl von ungarischen Muttersprachlern geschuldet gewesen sein dürfte. Zur Lieferbarkeit der Ausgaben siehe die unten gemachten Ausführungen zur Verlagswerbung.

Ende 1920 wurden die ersten Pappbände für 25 Mark angeboten, was etwa 1 US-$ oder 6,50 Schweizer Franken entsprach. Daneben gab es hier noch geheftete Exemplare für 18 Mark, die später nicht mehr angeboten wurden, weil davon bis Anfang 1922 „so gut wie nichts [...] verkauft“ wurde.Anmerkung von Anton Kippenberg in einem Brief vom 3. April 1922 an Stefan Zweig, in: Anton Kippenberg, Stefan Zweig: Briefwechsel 1905-1937, Insel Verlag, Berlin 2022, S. 450. Halblederausgaben kamen 1921 zusätzlich ins Angebot; sie kosteten laut Angaben in den Werbemitteln „Orbis literarum“ (I.V. 439) 70,– M, wobei für die Pappbände inzwischen 35,– M ausgegeben werden mussten. Nach Überwindung der Inflation kosteten die Reihenbände 1924 in Pappe 7,– und in Halbleder 10,– Reichsmark.

Ausstattung Titelei Die von den Leipziger Firmen W. Drugulin, Breitkopf & Härtel und Spamer gedruckten Bücher weisen ein rot/schwarzes Titelblatt auf. Der Schmutztitel ist mit dem Reihennamen und dem allgemeinen Verlagssignet des Insel Verlags, das bereits 1907 von Eric Gill entworfen worden war, versehen.

Geheftete Exemplare (Interimsbroschuren)