Eine substanzinduzierte Psychose (auch bekannt als Drogenpsychose oder drogeninduzierte Psychose) ist eine psychotische Störung, die mit oder ohne ärztliche Verordnung von einer oder mehreren psychotropen Substanzen (wie z. B. Alkohol, Cannabinoide, Kokain, Amphetamine, Halluzinogene, neue psychoaktive Substanzen etc.) ausgelöst wurde. Substanzinduzierte Psychosen können unter Umständen irreversibel (unheilbar), aber auch vorübergehend sein.Suchtmittel, Behandlungsmöglichkeiten, Beratungsstellen, BZgA, Köln (PDF; 0,8 MB). Psychiatrisch sind sie unter exogenen Psychosen klassifiziert.
Gemäß den Kriterien des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5. Auflage (American Psychiatric Association, 2013) ist die substanzinduzierte Psychose (SIP) eine Störung, die durch das Vorhandensein von Wahnvorstellungen oder Halluzinationen gekennzeichnet ist, welche während oder kurz nach der Einnahme einer Substanz auftreten und bis zu einem Monat anhalten. Es scheint jedoch auch eine Untergruppe von Personen zu geben, die anfällig für anhaltende Symptome sind, die das derzeitige (Stand 2021) diagnostische Schema in Frage stellt, das eine Unterscheidung zwischen substanzinduzierten Psychosen und Schizophrenie-Spektrum-Störungen vornimmt.
Psychoaktive Substanzen können Psychosen verursachen oder auslösen; bereits abgeklungene Psychosen können erneut ausbrechen. Hierfür reicht unter Umständen bereits einmaliger Konsum. Psychotische Störungen durch Substanzgebrauch werden wie andere Psychosen behandelt und heilen nicht immer durch Abstinenz vollständig aus.
Einordnung nach ICD-10 Es gibt folgende Formen der substanzinduzierten Psychose: schizophreniform (F1x.50) vorwiegend wahnhaft (F1x.51) vorwiegend halluzinatorisch (F1x.52) vorwiegend polymorph (F1x.53) vorwiegend affektiv (F1x.54–56, jeweils depressiv, manisch bzw. gemischt)Nach ICD-10-GM (2014) unterscheidet sich eine psychotische Störung durch Substanzgebrauch (F1x.5) von folgenden anderen Störungen:ICD-10-GM Version 2014: (F1x.0) akute Intoxikation (akuter Rausch) (F1x.1) schädlicher Gebrauch (F1x.2) Abhängigkeitssyndrom (F1x.3) Entzugssyndromen (F1x.4) Entzugssyndrom mit Delir (F1x.6) Amnestisches Syndrom (F1x.7) Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung (F1x.8) Sonstige psychische und Verhaltensstörungen (F1x.9) Nicht näher bezeichnete psychische und Verhaltensstörung
Alkohol Neben organischen Schäden an Magen, Herz und vor allem der Leber wird auch das Gehirn durch regelmäßigen Alkoholkonsum beeinträchtigt. Erkrankungen des Gehirns sind insbesondere das Delirium tremens, eine lebensgefährliche Erkrankung mit wahnhafter Wahrnehmung wie beispielsweise Spinnen, „weiße Mäuse“ usw. mit heftiger Erregung, Schlaflosigkeit, Angst und Desorientierung. Weiterhin existiert das Korsakow-Syndrom (auch Korsakoff psychosis), eine Form der Amnesie (Gedächtnisstörung).
Alkoholpsychosen existieren in der Form des alkoholischen Eifersuchtswahns (ICD-10 F10.51) und der Alkoholhalluzinose (ICD-10 F10.52) mit Wahnvorstellungen des Kranken, in denen er beispielsweise Stimmen hört, die ihn beschimpfen. Psychosen im Zusammenhang mit Alkohol können bei akuter Vergiftung, Alkoholentzug sowie bei chronischen Alkoholikern auftreten. Die spezifische Diagnose der alkoholbedingten Psychose wird auch als Alkoholhalluzinose bezeichnet, eine relativ seltene Folge des Alkoholmissbrauchs, die je nach den für die Diagnose verwendeten Einschlusskriterien jedoch häufiger vorkommt als klassisch angenommen. Der alkoholische Eifersuchtswahn kann sich dauerhaft entwickeln, die Alkoholhalluzinose klingt nach Konsumeinstellung nach wenigen Monaten ab, entwickelt sich aber dauerhaft, wenn der Konsum nicht eingestellt wird.
Bei der alkoholinduzierten Psychose treten Psychosesymptome während oder kurz nach starkem Alkoholkonsum auf oder wenn Patienten ins Krankenhaus eingeliefert werden und dann Entzugserscheinungen mit oder ohne Delirium tremens entwickeln. Klinisch gesehen ist die alkoholinduzierte Psychose ähnlich der Schizophrenie, hat sich aber als eine einzigartige und unabhängige Erkrankung erwiesen [ICD-11 6C40.6; ICD-10 F10.5; DSM-5 292.1 alcohol-induced psychotic disorder (AIPD).B. Masood, P. Lepping, D. Romanov, R. Poole: Treatment of Alcohol-Induced Psychotic Disorder (Alcoholic Hallucinosis) – A Systematic Review. In: Alcohol and alcoholism. Band 53, Nummer 3, Mai 2018, S. 259–267, doi:10.1093/alcalc/agx090. PMID 29145545 (Review).
Sie ist gekennzeichnet durch Halluzinationen, Paranoia und Angst.A. Chandrakumar, A. Bhardwaj, G. W. ’t Jong: Review of thiamine deficiency disorders: Wernicke encephalopathy and Korsakoff psychosis. In: Journal of basic and clinical physiology and pharmacology. Band 30, Nummer 2, Oktober 2018, S. 153–162, doi:10.1515/jbcpp-2018-0075. PMID 30281514. PMID 29083782. Eine niederländische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 über alkoholinduzierte psychotische Störungen ergab eine Lebenszeitprävalenz von 0,4 % in der Allgemeinbevölkerung und eine Prävalenz von 4 % der alkoholinduzierten Psychose bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit.C. P. Engelhard, G. Touquet, A. Tansens, J. De Fruyt: [Alcohol-induced psychotic disorder: a systematic literature review]. In: Tijdschrift voor psychiatrie. Band 57, Nummer 3, 2015, S. 192–201. PMID 25856742 (Review). Die Alkoholpsychose kann wenige Wochen bis Monate dauern. Patienten mit alkoholbedingter Psychose haben ein Risiko von 5 % bis 30 %, ein chronisches schizophrenieähnliches Syndrom zu entwickeln. Einmal mit einer alkoholbedingten Psychose diagnostiziert, besteht eine Chance auf Wiedereintritt von 68 % und eine Komorbidität (Begleiterkrankung) von 37 % mit anderen psychischen Störungen. Neben der Alkoholpsychose haben Patienten eine wesentlich höhere Chance, an Angststörungen oder Depressionen zu erkranken oder an Suizid zu sterben.
Das Auftreten ist bei Männern im erwerbsfähigen Alter am höchsten. Es gibt auch eine höhere Prävalenz der alkoholbedingten Psychose bei Patienten, die in jungen Jahren vom Alkohol abhängig wurden, sowie bei Patienten mit niedrigem sozioökonomischen Status, Personen, die arbeitslos sind oder von ihrer Rente leben, und solchen, die allein leben. Bei Alkoholikern wurden väterliche Alkoholprobleme und väterliche psychische Gesundheitsprobleme mit einem höheren Auftreten der alkoholbedingten Psychose in Verbindung gebracht. Zwillingsstudien deuten auch auf eine genetische Prädisposition für die Entwicklung einer alkoholbedingten Psychose hin.
Cannabinoide Inwieweit Cannabinoide Psychosen auslösen können, ist abschließend nicht geklärt, ein ursächlicher Zusammenhang ist bislang noch nicht gefunden worden. Es blieb bislang unklar, ob Cannabinoide hier als alleiniger Faktor oder in Kombination mit anderen Faktoren (Alkohol, Vorerkrankungen) als Auslöser in Betracht kommen.T. H. Moore, S. Zammit, A. Lingford-Hughes, T. R. Barnes, P. B. Jones, M. Burke, G. Lewis: Cannabis use and risk of psychotic or affective mental health outcomes: a systematic review. In: Lancet. Band 370, Nummer 9584, Juli 2007, S. 319–328, doi:10.1016/S0140-6736(07)61162-3. PMID 17662880 (Review).J. A. McLaren, E. Silins, D. Hutchinson, R. P. Mattick, W. Hall: Assessing evidence for a causal link between cannabis and psychosis: a review of cohort studies. In: The International journal on drug policy. Band 21, Nummer 1, Januar 2010, S. 10–19, doi:10.1016/j.drugpo.2009.09.001. PMID 19783132 (Review).S. Minozzi, M. Davoli, A. M. Bargagli, L. Amato, S. Vecchi, C. A. Perucci: An overview of systematic reviews on cannabis and psychosis: discussing apparently conflicting results. In: Drug and alcohol review. Band 29, Nummer 3, Mai 2010, S. 304–317, doi:10.1111/j.1465-3362.2009.00132.x. PMID 20565524 (Review). Als möglicher neurobiologischer Mechanismus wurde eine durch Cannabinoide verursachte Störung dopaminerger Systeme diskutiert.R. Kuepper, P. D. Morrison, J. van Os, R. M. Murray, G. Kenis, C. Henquet: Does dopamine mediate the psychosis-inducing effects of cannabis? A review and integration of findings across disciplines. In: Schizophrenia research. Band 121, Nummer 1–3, August 2010, S. 107–117, doi:10.1016/j.schres.2010.05.031. PMID 20580531. Untersuchungen über einen möglichen Zusammenhang zwischen dem COMT-Genotyp und der Wahrscheinlichkeit einer Psychoseentwicklung bei Cannabis-Konsumenten ergaben bislang (Stand 2018) uneinheitliche Ergebnisse und ein äußerst komplexes Bild.B. Misiak, F. Stramecki,.. Gawęda, K. Prochwicz, M. M. Sąsiadek, A. A. Moustafa, D. Fryd: Interactions Between Variation in Candidate Genes and Environmental Factors in the Etiology of Schizophrenia and Bipolar Disorder: a Systematic Review. In: Molecular neurobiology. Band 55, Nummer 6, Juni 2018, S. 5075–5100, doi:10.1007/s12035-017-0708-y. PMID 28822116, (Review). Cannabis wird möglicherweise auch aufgrund der antipsychotischen Wirkung des Cannabidiols (CBD) im Rahmen einer Selbstmedikation konsumiert, mehrere Studien deuten auf ein heilsames Potential von Cannabidiol bei Schizophrenie hin.C. M. White: A Review of Human Studies Assessing Cannabidiol’s (CBD) Therapeutic Actions and Potential. In: Journal of clinical pharmacology. [elektronische Veröffentlichung vor dem Druck] Februar 2019, doi:10.1002/jcph.1387. PMID 30730563 (Review). Die Weltgesundheitsorganisation hält in ihrem Review von 2018 fest:
Auf der Basis einer Fall-Kontroll-Studie (2019) mit mehr als 900 Psychose-Patienten in verschiedenen Regionen Europas wurde eine sehr deutliche Korrelation zwischen dem Risiko der Ausprägung von Psychosen und dem täglichen Freizeitkonsum sowie hohen THC-Konzentrationen festgestellt. Jedoch wurde in dem Studiendesign weder der Cannabidiol-Wert des konsumierten Cannabis mit berücksichtigt, noch wurden Urin- oder Blutproben der Teilnehmer entnommen. Sie hält abschließend fest:Marta di Forte et al.: The contribution of cannabis use to variation in the incidence of psychotic disorder across Europe (EU-GEI): a multicentre case-control study. In: The Lancet – Psychiatry. 19. März 2019. doi:10.1016/S2215-0366(19)30048-3.
Die durch Cannabinoide induzierte psychotische Störung (ICD-10 F12.50-.53) ist oft paranoid-halluzinatorisch geprägt mit deutlich affektiven Anteilen (schizoaffektive Prägung). Sie hält Tage bis wenige Wochen an, selten auch Monate.
Cannabinoide und Schizophrenie
Ob Cannabis Schizophrenie auslöst, ist umstritten, die Internationale Klassifikation der Krankheiten hat dafür keinen Code vorgesehen, auch ist die Kausalkette unklar.Laura C. Andreae: Cannabis use and schizophrenia: Chicken or egg? In: Science Translational Medicine. 10, 2018, S. eaav0342, doi:10.1126/scitranslmed.aav0342. Weiterhin ist der Cannabiskonsum seit 1960 stark angestiegen, jedoch blieb die Zahl der Schizophreniefälle relativ konstant.Martin Frisher, Ilana Crome, Orsolina Martino, Peter Croft: Assessing the impact of cannabis use on trends in diagnosed schizophrenia in the United Kingdom from 1996 to 2005. In: Schizophrenia Research. 113, 2009, S. 123, doi:10.1016/j.schres.2009.05.031.L. Degenhardt, W. Hall, M. Lynskey: Testing hypotheses about the relationship between cannabis use and psychosis. In: Drug and alcohol dependence. Band 71, Nummer 1, Juli 2003, S. 37–48. PMID 12821204.M. Rotermann, R. Macdonald: Analysis of trends in the prevalence of cannabis use in Canada, 1985 to 2015. In: Health reports. Band 29, Nummer 2, Februar 2018, S. 10–20. PMID 29465739.World Health Organization, Expert Committee on Drug Dependence (Hrsg.): Critical Review of Cannabis and cannabis resin (PDF) (PDF; 3,7 MB) , Department of Essential Medicines and Health Products, Section 3: Toxicology, 1.8 Mental health, 2018, S. 7. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass Cannabiskonsum bei bestimmten Personen das Risiko der Ausbildung einer Schizophrenie erhöhen oder den Verlauf einer bestehenden schizophrenen Erkrankung verschlechtern kann.
Methamphetamin