mini|hochkant|Fritz Kühn, 1953

Fritz Kühn (* 29. April 1910 in Mariendorf; † 31. Juli 1967 in Ost-Berlin) war ein deutscher Kunstschmied, Fotograf, Bildhauer und Schriftsteller.

Leben Ausbildung und künstlerischer Werdegang mini|Fritz Kühn am Zeichentisch bei einem Entwurf zu einem Kirchenfenster, 1947 mini|Fritz Kühn mit Ehefrau und dem Dortmunder Bürgermeister Dietrich Keuning, 1966 mini|hochkant|links|Fritz Kühn berät sich mit einem Kollegen über die Gestaltung des Eingangsportals für die Komische Oper Berlin, 1966

Er wurde als Sohn des Kunstschlossers und Schmiedes Artur Kühn geboren. Nach seiner Schulausbildung absolvierte Fritz Kühn ab 1924 zunächst eine Lehre als Werkzeugmacher. Gleichzeitig begann er zu fotografieren. Sein Vater eröffnete im Juli 1925 in Berlin-Weißensee eine Schmiedewerkstatt, die Kunstschmiede Artur Kühn.Helgard Kühn, Achim Kühn (Hrsg.): Wasser – Erde – Luft. Zum 75-jährigen Gründungsjubiläum der Kunstschmiede Arthur Kühn, ISBN 978-3-910178-31-1. Anmerkung: Das in diesem Buch angegebene Gründungsdatum der Bauschlosserei A. Kühn & Co entspricht nicht der Eintragung im Amtsgericht Charlottenburg. Fritz Kühn lernte 1927 den Unternehmer Karl Schmidt kennen, der seine Selbstständigkeit förderte. 1937 legte Kühn die Meisterprüfung als Kunstschmied ab und eröffnete eine Atelier-Werkstatt in Berlin-Bohnsdorf (zur damaligen Zeit zu Berlin-Altglienicke gehörend) auf einem umgebauten Gutshof.Ingeborg Ruthe: Der unideologische Universalist in: Berliner Zeitung, 11. Mai 2010; S. 21; abgerufen am 15. Februar 2014. Im gleichen Jahr heiratete er Gertrud Moldenhauer.Vita Fritz Kühn 1938 erschien Kühns erstes von zwölf Kunst- und Fachbüchern Geschmiedetes Eisen im Wasmuth-Verlag. 1942 wurde sein Sohn Achim Kühn geboren. Aufgrund eines Herzfehlers wurde Kühn nicht zur Wehrmacht eingezogen.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges baute Fritz Kühn seine am 23. Dezember 1943 zerbombte Werkstatt in Bohnsdorf mit Hilfe seiner Gesellen wieder auf und kümmerte sich um Aufträge beim Wiederaufbau bedeutender Berliner Gebäude. So fertigte seine Werkstatt, in der er auch Lehrlinge ausbildete, beispielsweise neue Treppengeländer für das damalige Zeughaus, schmiedete Treppengeländer sowie Innen- und Außengeländer für die Staatsoper.

1947 veröffentlichte Fritz Kühn eine erste fotografische Arbeit, 10 Jahre Kunstschmiede Fritz Kühn, in der seine Verbundenheit zum Werkstoff Eisen zum Ausdruck kommt. Kühn gelang ein innovatives Oberflächen-Behandlungsverfahren für das geschmiedete Eisen, das Fachleute mit „dem Tachismus von Yves Klein oder der informellen Malerei von Emil Schumacher“ vergleichen.

Seine Kunstwerke fanden schnell internationale Anerkennung. Die DEFA drehte 1954 mit Fritz Kühn über sein Werk einen Film mit dem Titel Lebendiges Eisen im Atelier. Uraufführung war zu den Filmfestspielen in Montevideo/Uruguay. 1964 wurde er zum Professor an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst ernannt. Die Lehrtätigkeit fand in der damaligen Monbijoupark-Dependance der Hochschule, im Institut für angewandte KunstDesign in der DDR: Kunsthochschule Berlin-Weißensee, abgerufen am 15. Februar 2014. statt. 1958 erreichte er die notwendigen Genehmigungen zum Kauf seiner Atelier-Werkstatt und der nebenliegenden ehemaligen Koppel. Unter Leitung von Fritz Kühn begannen 1964 Planungen zum Neubau des Instituts für Metallgestaltung neben der Atelier-Werkstatt in Berlin-Grünau (Architekt: Horst Welser). Das Institut sollte gleichermaßen Ausbildungsstätte (Gesellen- und Meisterausbildung) sein und ein Kurssystem beinhalten zur Vorbereitung und zum Studium eines neu entwickelten Hochschul-Fachbereichs Metallgestaltung – in enger Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

Fritz Kühn war ein führender Vertreter der sakralen (kirchlichen) Baukunst in der DDR. Seine bedeutendste Leistung auf diesem Gebiet waren das 1958 für die wieder errichtete katholische Bischofskirche St. Hedwig gefertigte drei Meter hohe Kuppelkreuz sowie eine transparente Brüstung aus Bronze und Kristallglas um die zentrale Bodenöffnung im Innenraum.

Kühn war Mitglied des Verbands Bildender Künstler der DDR. Er hatte in der Zeit der DDR eine bedeutende Zahl von Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland, u. a. 1958 und 1962/1963 an der Vierten und Fünften Deutschen Kunstausstellung in Dresden.

Nach seinem plötzlichen Tod verstarb kurz darauf am 16. Oktober 1967 seine Ehefrau Gertrud. Die letzte Ruhe fanden die Eheleute Kühn in einem Ehrengrab der Stadt Berlin auf dem Waldfriedhof Grünau im Feld S.

Seitdem führt sein Sohn Achim Kühn die Atelier-Werkstatt erfolgreich weiter.

Reflexion und der künstlerische Nachlass mini|hochkant|Eingangsportal im Landtag Niedersachsen; Tafeln im Schmiedefeuer mit Messing und Kupfer beschmolzen, geätzt und lasiert. Aufnahme von 2013

Im Jahr 2010 erschien zum 100. Geburtstag von Fritz Kühn die Publikation Die kleinen Dinge bauen die Welt mit ausgewählten Zitaten und Briefen des Künstlers und anderer Persönlichkeiten, die ihre Erinnerungen an den Künstler schildern. Hierin bezeichnet der Landeskonservator Jörg Haspel Fritz Kühn als „einen der bedeutendsten Berliner Metallbildhauer des 20. Jahrhunderts überhaupt und eine der faszinierendsten Künstlerpersönlichkeiten der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte.“ Im Weiteren spricht er sich nachdrücklich für die Sicherung des gesamten künstlerischen Nachlasses der Kunst der Metallgestaltung von Fritz Kühn aus, das für die Architektur- und Kunstgeschichte Berlins ein einmaliges Quellenmaterial bieten kann. Die Maßstäbe, die zur kunsthistorischen Bewertung des fotografischen Werkes von Fritz Kühn durch die Berlinische Galerie geführt haben, „sollten für den Metallkünstler und Kunstschmied Fritz Kühn erst recht Anwendung finden.“Landesdenkmalamt Berlin: , Jörg Haspel auf Stadtentwicklung.Berlin.de, abgerufen am 15. Februar 2014.

mini|hochkant|links|Grabstätte auf dem Waldfriedhof Grünau Am 20. Januar 2014 lehnte der Kulturausschuss Berlins Anträge der LinkenAntrag der Fraktion Die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus zur Sicherung des künstlerischen Nachlasses von Fritz Kühn vom 15. Januar 2014. und Grünen zur Sicherung des künstlerischen Nachlasses ab, über das zum „Nationalen Kulturgut“Das Werk von Fritz Kühn wurde 1983 zum Nationalen Kulturerbe anerkannt, Schreiben des Bezirksamts Treptow von Berlin vom 3. Januar 1991, Originaldokument. erklärte Werk Fritz Kühns zu beraten, um eine Lösung zu finden.Berlin will sein Erbe nicht, Neues Deutschland, 3. Februar 2014. Eine Berliner Tageszeitung hatte noch im Januar 2014 gemahnt: Wolfgang Thierse zählt Wolfgang Thierse: Gedanken über Fritz Kühn, Berliner Zeitung, 28. Januar 2014; zitiert auf fritz-kuehn-gesellschaft.de

Wegen offener Eigentumsprobleme und der ungelösten Finanzierung des Skulpturengartens wurde zum 17. Februar 2014 eine Zwangsräumung angekündigt, was ein breites Medienecho auslöste.3sat: Meister der Metallkunst. Fritz Kühns Nachlass vor der Zwangsräumung, 5. Februar 2014. Seit Februar 2014 führt die Fritz-Kühn-Gesellschaft Gespräche mit dem Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner bei Berlin über die Übernahme eines Teils des Nachlasses. Gegenstand der Gespräche ist der Papiernachlass von Fritz Kühn, der die Zeichnungen, schriftlichen Unterlagen und Fotos umfasst..Rettung des kulturellen Erbes von Fritz Kühn auf www.archivalia.hypothese.org; Eil-Petition an den Deutschen Bundestag; 4. Februar 2014.

Wie der Kunstwissenschaftler Peter Michel feststellt, gingen insgesamt 56 Werke oder Werkgruppen aus Fritz Kühns Schaffen und dem seines Sohnes Achim Kühn durch nach 1990 erfolgte städtebauliche Veränderungen in Berlin, Leipzig, Frankfurt (Oder) und an anderen Orten verloren.Peter Michel: Ankunft in der Freiheit. Essays gegen den Werteverlust der Zeit, Berlin 2011, S. 190.

Bedeutung und Nachwirkung Mit seiner modernen und zugleich unangepassten Einstellung zur Metallgestaltung als experimenteller Universalist der Nachkriegsmoderne wurde Fritz Kühn schnell international bekannt. Seine Werke – Skulpturen, Metallplastiken und angewandte Kunst – sind u. a. auch in 50 Städten der alten Bundesrepublik in Kirchen, Museen und Plätzen zu sehen. Aus seinem unmittelbaren Werkstatt-Atelier in Berlin-Bohnsdorf gingen neben seinem Sohn Achim Kühn auch Rüdiger Roehl, Christian Roehl, Alfred Habermann und Peter Pechmann hervor. Seit 2010 führt der Enkel Tobias Kühn – Diplom-Designer – die Familientradition fort. Enkelin und Künstlerin Coco Kühn war sowohl Mitinitiatorin der Ausstellung White Cube im Palast der Republik, 2005, als auch der Temporären Kunsthalle Berlin auf dem Schloßplatz 2008–2010.

Ehrungen 1952 1. Preis beim Plakat-Wettbewerb zur Kunstausstellung Eisen und Stahl, Düsseldorf, später als Frontcover auf seinem Buch Eisen und Stahl – Werkstattbuch der Schmiedekunst veröffentlicht 1955 Goldmedaille auf der 7. Deutschen Handwerksmesse München 1956 Goldene Ehrennadel der Handwerkskammer Groß-Berlin 1963 1. Preis im Wettbewerb für die Fassadengestaltung eines Hotelneubaus in der Altstadt von Hildesheim, realisiert 1968 Architekturpreis (Kunst-am-Bau-Projekt, Botschaft in Budapest) (postum; folgend alle) 1969 Architekturpreis (Fassade Warenhaus Suhl/Thüringen) 1969 Gedenkausstellung im Louvre, Paris 1970 Max-Reger-Preis (Architektur-Kunst-Ensemble Kaufhaus Suhl, gemeinsam mit den Architekten Hans Fleischhauer und Luther) 1977 Ehrenpreis auf der Exempla, München 1986 Ehrenpreis auf dem 1. Weltkongress der Kunstschmiede in AachenDokumentation des 1. Weltkongresses der Kunstschmiede mit Werken von Fritz Kühn und Auszeichnung mit Ehrenpreis, abgerufen am 14. Februar 2014. 1989 Ausstellung Metallkunst aus der DDR, Berliner Kongresshalle, vom 20. April bis 21. Mai 1989Alle Auszeichnungen siehe Fritz-Kühn-Gesellschaft

Werkbeispiele

Kunst im öffentlichen Raum, architekturbezogene Werke, Skulpturen und Plastiken (Auswahl von 220 realisierten Arbeiten), abgerufen am 15. Februar 2014. mini|hochkant|Brunnen Schwebender Ring am Strausberger Platz, Foto: 2006 mini|links|A-Portal der Berliner Stadtbibliothek, Foto: 2005 mini|hochkant|Eisernes Hängekreuz im Innenraum der Berliner Parochialkirche, gesch. 1961, Höhe: 11 Meter, Foto: 2005 mini|links|Fassade des Centrum Warenhauses in Suhl, November 1999

1951: Innen- und Außengestaltung in Kunstschmiedetechnik am Hochhaus an der Weberwiese 1952–1954: geschmiedete Leuchter und Treppengitter für das Berliner Zeughaus. Je Leuchter: Höhe mit Aufhängung 3 Meter, Durchmesser 1,70 Meter, Gewicht ca. 200 kg. 1955: Wandplastik am Deutschen Theater Berlin (DT) (DT-Logo mit Inschrift) 1958: Siemens-Gedenkwand in Berlin-Siemensstadt nach Entwurf von Bernhard Heiliger 1958: raumgreifende, geschmiedete Gitterskulptur zur Weltausstellung in Brüssel in dem von Egon Eiermann und Sep Ruf gestalteten bundesdeutschen Pavillon. Eine Röntgenaufnahme des menschlichen Brustkorbs inspirierte Kühn zu dieser Arbeit. Sie befindet sich im 21. Jahrhundert im Stadtpark von Lindau am Bodensee. 1958: Bekrönung für den Glockenturm der Gedenkstätte Buchenwald 1960: Leuchter für den Flügelaltar von Charles Crodel in der Kreuzkirche (Bernterode) 1961: Altarkreuz und Leuchter der GethsemanekircheInstitut für Denkmalpflege (Hrsg.): Die Bau- und Kunstdenkmale der DDR. Hauptstadt Berlin-I. Henschelverlag, Berlin 1984; S. 398. 1961: ca. 11 Meter hohes Hängekreuz in der Ruine der barocken Berliner Parochialkirche 1963: Eiserner Vorhang und großzügige, geätzte Raumtrennwand im Foyer des Opernhauses DortmundHomepage des Opernhaus Dortmund; abgerufen am 26. Januar 2014Detailansicht der geätzten Stahlplatten im Foyer des Opernhauses Dortmund; abgerufen am 15. Februar 2014 1964: Kuppelkreuz (Höhe: 3 Meter), Brüstungsgitter und Standleuchter der Sankt-Hedwigs-Kathedrale in Berlin 1964: Fischbrunnen in Magdeburg 1964: Brunnen Wasserharfe in Dessau