mini|Grand Prix de Belgique 1931 Mit dem Begriff Grande Épreuve (französisch für „Große Prüfung“) wurden im Automobilsport die internationalen Veranstaltungen mit der höchsten Bedeutung bezeichnet. Traditionell waren dies die nationalen Großen Preise der im Automobil-Weltverband (AIACR; ab 1946 FIA) vertretenen „Kernländer“, also die Grands Prix von Frankreich, Italien, Belgien, Spanien, der USA, Großbritannien, Deutschland, Monaco, der Schweiz und der Niederlande. Ihre Einstufung in die Kategorie der Grandes Épreuves erlaubte eine Abgrenzung von weniger bedeutsamen Rennen, von denen einige ebenfalls den Titel Grand Prix im Namen trugen.
Übersicht
Ab den 1920er Jahren wurden die genannten Veranstaltungen als Grandes Épreuves im Sportkodex der für die Regulierung des Grand-Prix-Sports zuständigen Internationalen Sportkommission (CSI) namentlich geführt. Mit der Aufnahme in diese höchste Kategorie waren entsprechende Privilegien verbunden, die sich vor allem auf die Terminvergabe bezogen. So durften die Veranstalter eines Grande Épreuves den Termin für ihr Rennen im jährlich von der CSI erstellten Internationalen Rennkalender gleich zu Beginn reservieren, so dass ohne ihr Einverständnis innerhalb einer Sperrfrist um dieses Datum kein weiteres Rennen mit internationaler Beteiligung ausgerichtet werden durfte. Außerdem wurden im Rahmen von internationalen Meisterschaften, wie der zwischen 1931 und 1939 ausgetragenen Europameisterschaft, der ersten Markenweltmeisterschaft von 1925 bis 1930, sowie der seit 1950 durchgeführten Automobil-Weltmeisterschaft in der Regel nur die Ergebnisse von Grandes Épreuves gewertet.
Von jedem Mitgliedsland des Automobil-Weltverbands durfte pro Saison maximal ein solches Grande Épreuve angemeldet werden. Damit eine Veranstaltung in die Liste aufgenommen werden konnte, musste zuvor jedoch ihre Eignung festgestellt worden sein. Insbesondere für Länder, die nicht zu den klassischen Automobilnationen gerechnet wurden, waren dafür meist mehrere Anläufe nötig, in denen der jeweilige nationale Automobilverband erst nachweisen musste, dass er organisatorisch und wirtschaftlich in der Lage war, ein solches Großereignis dauerhaft zu etablieren.
Dabei gab es bei der Auswahl der Veranstaltung im Verlauf der Entwicklung jedoch offenbar einen gewissen Spielraum, wenn in einem Land mehrere Sportereignisse von hinreichender Bedeutung stattfanden. So waren die USA anstelle eines Rennens mit der Bezeichnung Grand Prix im Titel stets durch das 500-Meilen-Rennen von Indianapolis repräsentiert. Ebenfalls wurden nicht alle Rennen ausschließlich nach den jeweils geltenden Bestimmungen der eigentlich für diesen Zweck eingeführten Internationalen Rennformel für Grand-Prix-Rennen – die ab 1948 als Formel 1 bezeichnet wurde – durchgeführt. Der Britische Automobilclub RAC zum Beispiel benannte bis 1949 regelmäßig mit der Tourist Trophy ein Sportwagenrennen als „sein“ Grande Épreuve, obwohl daneben 1948 und 1949 auch jeweils ein nationaler Grand Prix ausgetragen wurde, und auch die Ausgaben des Grand Prix de l’ACF, des französischen Automobilclubs, von 1928, 1936, 1937 und 1949 wurden als Sportwagenrennen durchgeführt.
Auch nach der Einführung der Automobilweltmeisterschaft 1950 unterschied die FIA noch bis zur Umwandlung der Formel 1 von einer reinen Rennformel in eine exklusive Rennserie 1981 zwischen Grandes Épreuves, die sich nach wie vor aus den „klassischen“ Großen Preisen von Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Monaco, der Niederlande usw., sowie weiterhin auch den 500 Meilen von Indianapolis zusammensetzten, und anderen nationalen Grands Prix, wobei dies im Wesentlichen nur noch die beschriebene Auswirkung bei der Terminfestsetzung hatte. Für die öffentliche Wahrnehmung trat schnell die Eigenschaft eines Rennens als Weltmeisterschaftslauf in den Vordergrund, so dass der Begriff Grande Épreuve aus dem heutigen internationalen Sprachgebrauch weitgehend verschwunden ist.
Verwendung des Begriffs in der Frühzeit der Automobilrennen Schon in der Frühzeit der Automobilrennen wurde der Begriff Grande Épreuve im französischen Sprachraum allgemein verwendet, um die Bedeutung besonders wichtiger, meist auch gleichzeitig besonders anspruchsvoller Veranstaltungen hervorzuheben. Die Bewertung war zunächst jedoch rein subjektiv, so dass der Begriff für eine ganze Bandbreite von Rennen verwendet wurde.
Ab seiner ersten Auflage 1906 galt insbesondere „der“ Grand Prix des französischen Automobilverbands ACF als weltweit mit Abstand bedeutendstes Automobilrennen. Daneben gab es aber auch in anderen Ländern Bestrebungen, ähnliche Formate – zum Teil unter Aufstellung eigener technischer Regularien – zu etablieren. Beispiele hierfür sind der Kaiserpreis-Rennen in Deutschland, der American Grand Prize und das 500-Meilen-Rennen von Indianapolis in den USA, die italienische Targa Florio oder die Tourist Trophy des britischen Automobilclubs.
In den 1920er Jahren war jedoch auch eine starke Zunahme an Rennen zu verzeichnen, die die Worte „Grand Prix“ im Titel trugen. Waren dies zunächst nur die jeweiligen Hauptveranstaltungen der nationalen Automobilclubs, also die Großen Preise von Italien, Spanien, Belgien usw., in denen weiterhin nur offizielle Werksmannschaften von Automobilfirmen startberechtigt waren, so kamen nun Rennen hinzu, die auch nach Städten oder Regionen bezeichnet wurden, also z. B. die Großen Preise von Pau, San Remo oder der Picardie, und die auch bzw. hauptsächlich für Privatfahrer offen standen. Um angesichts dieser Aufweichung des Grand-Prix-Begriffs noch die klassischen Großveranstaltungen unterscheiden zu können, wurde für diese im Französischen wiederum häufig die Bezeichnung Grande Épreuve verwendet.
Zunehmende Reglementierung des Grand-Prix-Sports Angesichts solcher Entwicklungen wurde seitens der schon 1904 gegründeten AIACR bald die Notwendigkeit erkannt, den Grand-Prix-Sport international zu reglementieren und zu koordinieren. Neben der Festlegung einer sogenannten Internationalen Grand-Prix-Formel, in der die technischen Bestimmungen für den Bau von Rennwagen festgelegt wurden, die jedoch für die einzelnen Rennveranstalter lediglich eine Empfehlung darstellte und keine bindende Wirkung hatte, wurde jedes Jahr auch ein internationaler Rennkalender verabschiedet, in dem wiederum einige international besonders bedeutsame Veranstaltungen bei der Terminfestlegung Vorrang genossen.
Auf ihrer anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Britischen Automobilclubs RAC am 7. Dezember 1922 in London durchgeführten Tagung gründete die AIACR schließlich die Internationale Sportkommission CSI, deren Vertreter aus dem Kreis der Delegierten der Mitgliedsverbände jährlich neu gewählt wurden. Aufgabe der CSI war es, die Vollversammlung der AIACR zu entlasten, indem sie für die dort zu verabschiedenden Beschlüsse – insbesondere die Verabschiedung der Grand-Prix-Formel und des Internationalen Rennkalenders – entsprechende Empfehlungen vorbereitete.
Auf dem Londoner Kongress wurde außerdem entschieden, beginnend mit Italien 1923 jeweils einen nationalen Automobilclub mit der Ausrichtung eines Großen Preises von Europa zu beauftragen. Das Rennen musste dann anstelle des eigenen nationalen Grand Prix des jeweiligen Verbands ausgetragen werden und sei „als eine Art Weltmeisterschaft des Automobils gedacht“,Automobil Revue, Ausgabe vom 22. Dezember 1922 also als eine Veranstaltung mit besonders hohem Stellenwert. In einem Rückblick auf die Saison wurden aber später vier Rennen des Jahres 1923, die Targa Florio sowie die Großen Preise von Indianapolis(!), Frankreich und Europa als Grandes Épreuves Internationale (in der deutschen Übersetzung als „ganz große internationale Wettbewerbe“) bezeichnet.Automobil Revue, Ausgabe vom 1. Januar 1924
Wann genau der Begriff Grande Épreuve Einzug ins Regelwerk der AIACR gefunden hat, ist eine noch nicht abschließend geklärte Frage. Jedenfalls muss dieser weitere wichtige Schritt zur Entwicklung des internationalen Grand-Prix-Sports von Einzelrennen hin zu einer „Rennserie“ wohl spätestens bis zur Ausrichtung der ersten Automobil-Weltmeisterschaft 1925 erfolgt sein. In diese Kategorie wurden nur die Rennen mit der international höchsten Bedeutung aufgenommen, die unter dem Titel eines Grand Prix des jeweiligen Landes bzw. des jeweils ausrichtenden nationalen Automobilclubs liefen. Weil an diesen Veranstaltungen nur offizielle Werksmannschaften von Automobilfirmen teilnehmen durften – Privatfahrer waren also ausgeschlossen – wurden Grandes Épreuves nur an Länder mit einer bedeutenden Automobilindustrie vergeben.Automobil Revue, Ausgabe vom 29. September 1931 1925 waren dies neben dem nun als Großer Preis von Indianapolis bezeichneten 500-Meilen-Rennen auch die Großen Preise von Europa (Belgien), Frankreich und Italien, deren Ergebnisse dann auch für die Weltmeisterschaft gewertet wurden. Deutschland blieb als Nachwirkung des Ersten Weltkriegs von der Teilnahme daran ausgeschlossen.
Damit die Automobilhersteller die Möglichkeit hatten, an allen Grande Épreuves antreten zu können, ohne für einzelne Veranstaltungen spezielle Rennwagen konstruieren zu müssen, waren die Veranstalter verpflichtet, die Bestimmungen der Internationalen Formel einzuhalten. Spätestens 1925 mit der Ausrichtung der ersten Weltmeisterschaft wurde dies als Voraussetzung unumgänglich. Im Gegenzug wurde diesen namentlich im Internationalen Sportreglement der CSI aufgeführten Rennen bei der Erstellung des internationalen Rennkalenders ausdrücklich Vorrang eingeräumt. Als Verfahren dafür wurde festgelegt, dass alljährlich bei einer ersten Tagung der CSI zunächst nur die Termine für diese „Grandes Épreuves“ festgelegt wurden. Dabei musste zwischen zwei solchen Veranstaltungen jeweils ein Mindestzeitraum von 14 Tagen liegen, um allen an der Weltmeisterschaft teilnehmenden Mannschaften ausreichend Zeit für die Vorbereitung der Wagen und die Anreise zu ermöglichen. In einer weiteren Sitzung wurden dann die übrigen, für internationale Beteiligung ausgeschriebenen Rennen in den Kalender aufgenommen, wobei hier zu einem „Grande Épreuve“ jeweils ein Mindestabstand von fünf Tagen einzuhalten war.
Mit dieser Regelung war zum ersten Mal der Begriff Grande Épreuve mit einer feststehenden Bedeutung im in französischer Sprache verfassten Sportreglement der CSI eingeführt worden. In der deutschsprachigen Berichterstattung wurden zunächst jedoch noch meist Umschreibungen wie „Großveranstaltungen“, „Internationale Rennen der offiziellen ersten Klasse“, „Internationale Große Preise“, „bevorzugte Internationale Veranstaltungen“ usw. verwendet, bevor ab Mitte der 1930er Jahre auch hier zunehmend der französische Begriff übernommen wurde.
Aufweichung des Begriffs in der Krise der späten 1920er Jahre Diese klaren Verhältnisse hatten jedoch nicht allzu lange Bestand. Auslöser dafür war eine tiefe Krise des Grand-Prix-Sports in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Die rasante technische Entwicklung hatte zu einem regelrechten „Wettrüsten“ der Rennwagenhersteller geführt, das sich am Ende immer weniger Automobilfirmen leisten konnten. Gleichzeitig gingen diese häufig dazu über, lieber die eigenen Wagen vor einem Rennen zurückzuziehen und so einer für die Publicity schädliche Niederlage aus dem Weg zu gehen, wenn sich im Vorfeld die Überlegenheit einer Konstruktion der Konkurrenz abzeichnete. So erschienen z. B. beim Grand Prix de l’ACF von 1926 nur ganze drei Autos des Bugatti-Teams zum Start, weil die anderen drei Hersteller sämtliche neun von ihnen gemeldeten Rennwagen zurückgezogen hatten.