mini|Außenansicht der Accademia di Belle Arti di Firenze am Piazza San Marco in Florenz Die Accademia di Belle Arti di Firenze ist eine staatliche Kunsthochschule in Florenz, mit Sitz in der Via Ricasoli 66/Piazza San Marco. In ihrer heutigen Form geht sie auf eine Umstrukturierung aus dem Jahr 1784 zurück, mit der die bereits 1563 gegründete Accademia delle Arti del Disegno neu organisiert wurde. Die Accademia di Belle Arti di Firenze ist eine dem italienischen AFAM-System zugeordnete, öffentliche Kunsthochschule mit einem an das universitäre Studiensystem angeglichenen, gestuften Studienangebot (drei- und zweijährige Studiengänge sowie weiterführende Master- und Spezialisierungsprogramme). Aufgrund ihrer Vorgeschichte als Accademia del Disegno von 1563 gilt sie als eine der institutionsgeschichtlich bedeutendsten Kunstakademien Italiens. In der Literatur wird sie teils als erste eigenständige Malereiakademie Europas bezeichnet. Ihre Geschichte ist eng mit derjenigen der benachbarten Galleria dell’Accademia di Firenze verknüpft, deren Sammlungsbestand ursprünglich aus dem Lehrbetrieb der Akademie hervorging. Seit der Verselbstständigung der Galerie im Jahr 1882 handelt es sich jedoch trotz des gemeinsamen Namensursprungs um zwei organisatorisch getrennte Einrichtungen. Auch die als Ehreninstitution fortbestehende Accademia delle Arti del Disegno ist von der heutigen Lehranstalt zu unterscheiden.
Geschichte
Vorgängerbau: Ospedale di San Matteo mini|Aula grande di scultura (große Bildhauerklasse) der Accademia di Belle Arti di Firenze, Florenz, mit Skulpturen und Gipsabgüssen aus der Lehr- und Studiensammlung der Akademie Der von der Accademia bis heute genutzte Gebäudekomplex geht auf ein Hospital zurück, das der aus Montecatini stammende und in Florenz ansässige Bankier Guglielmo (Lemmo) di Vinci di Graziano Balducci stiftete. Im Jahr 1385 erwarb er im Tausch gegen ein neues Kloster für die Benediktinerinnen von San Niccolò di Cafaggio ein Grundstück zwischen der heutigen Via Ricasoli und der Via Cesare Battisti. Dort ließ er durch die Baumeister Romolo di Bandino und Sandro del Vinta ein Hospital errichten. Das Dormitorium und der Refektorium waren 1387 fertiggestellt, die Loggia entstand 1391/1392 nach dem Vorbild des Ospedale di Bonifacio. Die Bauarbeiten waren 1410 abgeschlossen. Lelmo selbst war bereits 1389 gestorben. Das dem heiligen Matthäus geweihte Hospital wurde von der Zunft Arte del Cambio verwaltet und im Volksmund Spedale di Lelmo genannt. Im Unterschied zum städtischen Ospedale di Santa Maria Nuova nahm es auch auswärtige Kranke auf. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts fanden dort frühe Versuche der Variolisierung (Pockenimpfung) an Kindern des nahegelegenen Ospedale degli Innocenti statt.
Unabhängig von diesem Hospital wurde am 13. Januar 1563 in Florenz die Accademia e Compagnia delle Arti del Disegno gegründet, eine Initiative Giorgio Vasaris unter der Schirmherrschaft Cosimos I. de’ Medici. In vereinfachten Darstellungen werden als Gründer meist Vasari, Agnolo Bronzino und Bartolomeo Ammanati genannt, drei der bedeutendsten Künstler des Manierismus. Ausführlichere Quellen führen daneben auch die Maler Pier Francesco Foschi und Michele Tosini, den Bildhauer Vincenzo de’ Rossi sowie den Architekten Francesco da Sangallo als von Vasari einberufene Gründungsmitglieder an. Die Institution tagte zunächst in den Kreuzgängen der Basilica della Santissima Annunziata. In der kunsthistorischen Literatur wird sie häufig als erste institutionalisierte Kunstakademie – insbesondere als erste eigenständige Malereiakademie – Europas bezeichnet. Im Jahr 1616 wurde mit Artemisia Gentileschi (1593–1653) erstmals eine Frau in diese Accademia delle Arti del Disegno aufgenommen, was seinerzeit als Sensation galt.
Reform von 1784 und Gründung der Accademia di Belle Arti mini|Malsaal im Dachgeschoss (aula di pittura nel sottotetto) der Accademia di Belle Arti di Firenze Im Zuge einer umfassenden Auflösung kleinerer und mittlerer Florentiner Spitäler hob Großherzog Pietro Leopoldo von Lothringen (später als Leopold II. Kaiser des Heiligen Römischen Reichs) im Jahr 1784 das Ospedale di San Matteo auf; dessen Vermögen ging an das Arcispedale di Santa Maria Nuova über. Mit Dekret desselben Jahres ordnete er zugleich an, dass sämtliche Malschulen von Florenz unter einem Dach und unter der Leitung einer neu organisierten Accademia zusammengefasst werden sollten. Zudem sollte dieser eine Galerie mit Gemälden alter Meister angegliedert werden, um den Studierenden als Anschauungsmaterial zu dienen. Das freigewordene Hospitalgebäude wies er der neu geschaffenen Accademia di Belle Arti zu. Diese ging aus der älteren Accademia delle Arti del Disegno hervor, von der sie die Unterrichtsaufgaben übernahm, während die alte Accademia als Berufsverband der etablierten Künstler fortbestand. Der Umbau des Gebäudes für die neue Nutzung erfolgte zunächst unter der Leitung des Architekten Gasparo Maria Paoletti, der zugleich erster Lehrer der akademieeigenen Architekturschule war. Später übernahm Giuseppe Del Rosso die Leitung. Von Beginn an wurden Malerei, Bildhauerei, Architektur sowie Grottesco (später in Ornato und heute in Decorazione umbenannt) und Kupferstich unterrichtet. Zugleich diente die Akademie als Sammelstelle für Kunstwerke aus im Zuge der Klosteraufhebungen säkularisierten kirchlichen Einrichtungen. Diese sollten den Studierenden als Studienmaterial dienen. Ein Großteil dieser Bestände befindet sich bis heute in der benachbarten Galleria dell’Accademia di Firenze. Dieser Bestand war zwischen 1798 und 1815 während der französischen Besetzung des Großherzogtums Toskana zusätzlich von Kunstraub betroffen. Die Statuten von 1807 und 1812 brachten Reformen der Lehrmethoden mit sich, die die Struktur der Institution bis heute prägen. Der als Sachverständiger für die Parthenon-Skulpturen (Elgin Marbles) nach London berufene Bildhauer Antonio Canova schickte der Accademia Gipsabgüsse zu Studienzwecken.
Unter den lothringischen Großherzögen wurden im selben Stadtviertel um die Piazza San Marco und die Via Ricasoli mehrere Kunst- und Bildungsinstitutionen zusammengeführt: die Accademia di Belle Arti mit ihrer Galerie, das Conservatorio Luigi Cherubini und die Restaurierungswerkstatt Opificio delle Pietre Dure. Dieses Ensemble aus Stadtplanung und Institutionen wird in der Fachliteratur als Quadrilatero lorenese delle arti (lothringisches Kunstviereck) bezeichnet. Eine Zuordnung der Musik- und Restaurierungsausbildung zum unmittelbaren Zuständigkeitsbereich der Accademia di Belle Arti selbst lässt sich anhand der verfügbaren Quellen nicht bestätigen.
19. Jahrhundert mini|Sala Ghiberti der Accademia di Belle Arti di Firenze während der Ausstellung Il Culto del Bello. Antonio Canova, Giovanni degli Alessandri e l’Accademia di Belle Arti di Firenze, 2022 Im August 1873 wurde Michelangelos David von der Piazza della Signoria in die Räume der Accademia bzw. der ihr angegliederten Galerie überführt; für die Piazza wurde eine Kopie angefertigt. In der zweiten Hälfte des 18. und im 19. Jahrhundert kam es an der Akademie zu Auseinandersetzungen zwischen traditionsorientierten Vertretern – darunter die Lehrer und Schüler Pietro Benvenuti, Lorenzo Bartolini, Raffaello Morghen und Giovanni Dupré – und Erneuerern, insbesondere den der Bewegung der Macchiaioli zugerechneten Künstlern Adriano Cecioni, Telemaco Signorini, Silvestro Lega und Giovanni Fattori. Während der Zeit Florenz als Hauptstadt (1865–1871) wurden die Lehranstalt und ihre Sammlungen (Galleria Antica e Moderna) endgültig getrennt. Die Sammlung wurde in der Folge zu einem eigenständigen Museum, das teils in denselben Räumen untergebracht war. In ihrer heutigen institutionellen Form als von der Akademie unabhängiges Museum wurde die Galleria dell’Accademia im Jahr 1882 eingerichtet.
20. Jahrhundert bis heute
Im Jahr 1873 wurde innerhalb bzw. neben der Accademia di Belle Arti die Accademia delle Arti del Disegno als rein ehrenamtliche Einrichtung neu gegründet. Deren Professorenkollegium nahm beratende und aufsichtliche Funktionen gegenüber der Lehranstalt wahr, ohne deren didaktische Aufgaben zu übernehmen. Diese Konstruktion bestand bis 1937. Im Zuge der Bildungsreform Gentile von 1923 wurde der Architekturunterricht ausgegliedert und in die Universität Florenz überführt (in der Literatur wird hierfür das Jahr 1927 genannt). Die Accademia delle Arti del Disegno wurde endgültig zu einer von der Schule unabhängigen Ehreninstitution. Am Gebäude wurden 1934/1935 unter der Leitung von Amedeo Orlandini und anschließend von Alfredo Barbacci die zwischenzeitlich zugemauerte Loggia freigelegt und restauriert. Dabei wurde das barocke Hauptportal Paolettis auf die angrenzende Piazzetta delle Belle Arti versetzt, wo es heute den Eingang des Istituto Musicale Luigi Cherubini ziert. Weitere Restaurierungen erfolgten in den Jahren 1964/1965, 1973 sowie 1975–1978 (dokumentiert in einer Publikation von 1979). Mit der Einführung gestufter Studiengänge (Diplomi di primo e secondo livello, entsprechend Bachelor- und Masterabschlüssen) wurde die Accademia in das italienische Hochschulsystem für Kunst und Musik (AFAM, Alta Formazione Artistica, Musicale e Coreutica) unter Aufsicht des italienischen Hochschulministeriums eingegliedert.
Architektur mini|Gedenktafel für den Maler Giovanni Fattori an der Accademia di Belle Arti di Firenze, Via Cesare Battisti Der Gebäudekomplex liegt an der Piazza San Marco. Die Schaufassade zeigt einen wiederhergestellten Säulenportikus mit Blattkapitellen. Darunter befinden sich drei glasierte Terrakotta-Lünetten von Andrea della Robbia und seiner Werkstatt aus dem Jahr 1490 mit den Darstellungen Mariä Himmelfahrt, Madonna mit Kind zwischen zwei Heiligen (ursprünglich aus dem Complesso di Sant’Orsola) und Auferstehung (aus Santa Chiara). Das Obergeschoss wird durch zwei Gurtgesimse gegliedert. In der Fensterzone sind vier Wappen angebracht, die heute nur noch schwer lesbar sind. Laut Literatur sind sie dem Stifter Lemmo di Balduccio und der Zunft Arte del Cambio zuzuordnen.
Im Inneren befindet sich ein Kreuzgang, dessen Arkaden zu Beginn des 17. Jahrhunderts mit Flachbögen überbaut wurden. In der sogenannten Cappella della Crocetta ist ein 1621 entstandenes Fresko von Giovanni da San Giovanni mit der Darstellung der Flucht nach Ägypten erhalten. Es wurde im Jahr 1788 aus dem nahegelegenen Palazzo della Crocetta, dem heutigen Sitz des Museo Archeologico Nazionale, hierher übertragen und unter der Leitung von Gasparo Maria Paoletti wieder zusammengesetzt. Das Fresko gilt als eines der frühen dokumentierten Beispiele der Freskoübertragungstechnik. Im sogenannten Saal des Cenacolo befindet sich ein Abendmahl-Fresko von Stefano d’Antonio Vanni aus den Jahren 1465/66 und in der Aula Ghiberti, die ihren Namen von einem großformatigen Abguss der Paradiestür Lorenzo Ghibertis erhielt, ist ein Fresko der Kreuzigung der zehntausend Märtyrer zu sehen, das ebenfalls Stefano d’Antonio zugeschrieben wird. In dem gesamten Gebäude, insbesondere in der Aula Minerva, ist eine umfangreiche Sammlung von Gipsabgüssen antiker bis neuzeitlicher Skulpturen zu Lehrzwecken aufgestellt, darunter Abgüsse der Parthenonfriese. Im zweiten Hof liegt ein Fragment der Colonna di San Marco, die ursprünglich nach den Plänen Cosimos I. auf der benachbarten Piazza San Marco aufgestellt werden sollte.