Paul Herbert Morgen (* 25. Juli 1901 in Wiesbaden; † 28. Januar 1997) war ein deutscher Agrarsoziologe. Als enger Mitarbeiter des Agrarwissenschaftlers Konrad Meyer arbeitete Morgen während des Zweiten Weltkriegs an den Siedlungsplanungen für die „eingegliederten Ostgebiete“ mit (Teilplanungen des Generalplan Ost). Nach 1945 lehrte er an der Pädagogischen Hochschule in Wilhelmshaven. Er überführte zentrale Theoreme der NS-Agrarforschung in die frühe bundesdeutsche Bauern- und Vertriebenensoziologie und engagierte sich in der Hochschulreform. Morgen amtierte von 1966 bis 1970 als Präsident der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) in Hannover.
mini|Das Grab von Herbert Morgen und seiner Ehefrau Liselotte geborene Schucht im Familiengrab auf dem Wiesbadener Nordfriedhof
Leben und Wirken Vor 1945 Morgen studierte Landwirtschaft, Volkswirtschaft und Pädagogik an den Universitäten Gießen, Göttingen und Berlin. Als Student in Gießen gehörte er der Studentenverbindung Agronomia Gießen, in Göttingen der Agronomia Gottingensis an. Er schloss sein Studium als Diplom-Landwirt ab und wurde im Juni 1932 in Göttingen mit der Arbeit Die Obsterzeugung und der Obstabsatz im Rheingaukreise und in der Stadt Wiesbaden. Ein Beitrag zur landwirtschaftlichen Marktlehre bei Wilhelm Seedorf promoviert. Nach einer Tätigkeit als Assistent an der Universität Gießen sowie als Direktoratsassistent und Fachlehrer an der Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau in Weihenstephan ging er nach Berlin an das Institut für Agrarwesen und Agrarpolitik der Universität Berlin, wo er sich bei Konrad Meyer in Agrarpolitik habilitierte und ab 1941 als Dozent lehrte.
Herbert Morgen wirkte mit zwei Beiträgen an dem in hoher Auflage verbreiteten Sammelwerk „Landvolk im Werden. Material zum ländlichen Aufbau in den neuen Ostgebieten und zur Gestaltung des dörflichen Lebens“ mit (Berlin: Deutsche Landbuchhandlung 1941). Die Mitglieder dieses Autorenkollektivs (darunter u. a. Walter Christaller, Artur von Machui, Herbert Frank, Friedrich Kann, Ludwig Wilhelm Ries, Joseph Otto Plassmann, Heinz Hamann, Georg Blohm, Josef Umlauf) arbeiteten i. d. R. entweder im Stabshauptamt des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums (Amt VI – Planung und Boden bzw. Amt IV – Landwirtschaft), an Konrad Meyers Institut für Agrarwesen und Agrarpolitik oder auch in anderen agrarwissenschaftlichen Instituten.
Morgen leitete am Institut geschäftsführend den „Forschungsdienst“ der Reichsarbeitsgemeinschaft der Landbauwissenschaft, der sieben Reichsarbeitsgemeinschaften der Landwirtschaftswissenschaften koordinierte. In dieser Funktion erstellte er Sozialanalysen für die Bereinigung der Sozialstrukturen im sogenannten Altreich. Als Leiter der Abteilung „Bodenordnung und ländliche Soziologie“ des Instituts arbeitete Morgen von 1942 bis 1945 an einer Studie mit dem Titel „Grundlagenerstellung zur Schaffung einer neuen Volksordnung nach dem Grundsatz der Festigung deutschen Volkstums i. d. Siedlungsgebieten des Reiches“. Nach dem Informationsportal „GEPRIS historisch“ bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft Herbert Morgen zwischen 1941 und 1944 dreiundzwanzig Anträge auf Sachbeihilfe, Forschungsaufträge u. ä. Morgen war nicht unmittelbar beim Planungsamt (Amt VI, s. o.) des Stabshauptamtes des Reichskommissars für die Festigung des deutschen Volkstums (RKF) tätig, das Meyer in Berlin leitete. Morgen arbeitete aber als freier Mitarbeiter des Reichskommissariats mit dem „Forschungsdienst“ an den gleichen Themengebieten und an der Vorbereitung der Generalpläne, ohne das Reichskommissariat als Dienststelle angeben zu wollen. Morgen gilt damit neben Walter Christaller und Angelika Sievers als einer der Mitarbeiter des Instituts, die den Generalplan Ost erarbeitet haben könnten.Hansjörg Gutberger: Konrad Meyer und Herbert Morgen. Zwei Wissenschaftlerkarrieren in Diktatur und Demokratie. In: Karl-Siegbert Rehberg, Deutsche Gesellschaft für Soziologie (Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Teilbd. 1 u. 2. Campus, Frankfurt am Main 2008, S. 3335; Mechtild Rössler: „Wissenschaft und Lebensraum“. Geographische Ostforschung im Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Disziplingeschichte der Geographie. Reimer, Berlin 1990, S. 165, 220.
Morgen unternahm 1939 außerdem Reisen in das besetzte Polen, wo er Bestandsaufnahmen in den ehemals russischen Kreisen durchführte. In seinen „Reiseskizzen“ äußerte er sich antipolnisch und antisemitisch. So bezeichnete er die jüdische Bevölkerung als „vollkommen degenerierten, minderwertigen Teil der menschlichen Gesellschaft“.Erstmalig zitiert in Weinreich 1946. Siehe auch: Hansjörg Gutberger: Konrad Meyer und Herbert Morgen. Zwei Wissenschaftlerkarrieren in Diktatur und Demokratie. In: Karl-Siegbert Rehberg, Deutsche Gesellschaft für Soziologie (Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Teilbd. 1 u. 2. Campus, Frankfurt am Main 2008, S. 3335; Carsten Klingemann: Soziologie und Politik. Sozialwissenschaftliches Expertenwissen im Dritten Reich und in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit. VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 3-531-15064-2, S. 103 f. Bereits 1934 formulierte er in seinem Beitrag über Gustav Ruhland:„Zum Judentum stand Ruhland im bewußten Gegensatz. Er war, wie wohl jeder gute Deutsche, 'völkisch' eingestellt, also auch instinktiv Antisemit.“Martin Kühner, Herbert Morgen: Pflügende Hand / Forschender Geist. Lebensbilder denkwürdiger Bahnbrecher und Führer des Nährstandes. Berlin: Parey 1934, S. 203. Das Vorwort (S.VI) weist Herbert Morgen als Verfasser des Aufsatzes über Gustav Ruhland aus.In seiner Studie „Bausteine zur ländlichen Volks- und Bodenordnung“ (1943), die Morgens Arbeiten für das RKF zusammenfasste, verzichtete er auf antisemitische Stereotype. Der Soziologe Carsten Klingemann beschreibt Morgens Forschungsansatz als „dezidiert soziologisch“. Jeder Blut-und-Boden-Romantik fernstehend, habe Morgen praktische planerische Vorschläge für die zukünftige Agrar- und Sozialstruktur gemacht und sei einer der Autoren des Generalplanes Ost gewesen.Carsten Klingemann: Soziologie und Politik. Sozialwissenschaftliches Expertenwissen im Dritten Reich und in der frühen westdeutschen Nachkriegszeit. VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, ISBN 3-531-15064-2, S. 103 f. zit. 104. Hansjörg Gutberger zufolge sind Morgens Arbeiten zum Altreich zudem nicht von den Planungen für die „eingegliederten Ostgebiete“ zu trennen.Hansjörg Gutberger: Konrad Meyer und Herbert Morgen. Zwei Wissenschaftlerkarrieren in Diktatur und Demokratie. In: Karl-Siegbert Rehberg, Deutsche Gesellschaft für Soziologie (Hrsg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Teilbd. 1 u. 2. Campus, Frankfurt am Main 2008, S. 3334. Indem Morgen eine „angewandte Soziologie“ propagierte, welche die Kategorie des sozialen Raumes in seiner Verflechtung mit Gesellschaft, Raum und Wirtschaft in den Mittelpunkt stellte, entwickelte er die land- und agrarsoziologische empirische Forschung theoretisch-konzeptuell und auch methodisch weiter.Heide Inhetveen: Emerita vel bene merita? Zum Stand der Land- und Agrarsoziologie. In: Barbara Orth et al. (Hrsg.): Soziologische Forschung. Stand und Perspektiven. Ein Handbuch. Leske + Budrich, Opladen 2003, S. 231.
Nach 1945 Nach 1945 zog Morgen zunächst nach Oker im Harz. 1947 wurde er Gründungsmitglied der Bonner Forschungsgesellschaft für Agrarpolitik und Agrarsoziologie. Im Prozess Rasse- und Siedlungshauptamt der SS in Nürnberg sagte er als Zeuge der Verteidigung des dort angeklagten Konrad Meyer aus. Dabei behauptete er einen idealistischen, friedfertigen und vor allem innovativen Charakter von Meyers Wissenschaft, von dessen Forschungsergebnisse viele von bleibendem Wert seien.Isabel Heinemann: Wissenschaft und Homogenisierungsplanungen für Osteuropa. Konrad Meyer, der „Generalplan Ost“ und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. In: Isabel Heinemann u. Patrick Wagner: Wissenschaft – Planung – Vertreibung. Neuordnungskonzepte und Umsiedlungspolitik im 20. Jahrhundert. Steiner, Stuttgart 2006, S. 66.
Morgen trat der Göttinger Agrarsozialen Gesellschaft bei. Inhaltlich orientierte er sich nun an den Positionen der Meyer-Gegner Constantin von Dietze und Heinrich Niehaus. Er wurde an die Akademie für Landwirtschaft und zweckverwandten Unterricht im Helmstedt berufen und 1948 Professor für Agrarwirtschaftslehre und ländliche Soziologie an der nach Wilhelmshaven verlegten Pädagogischen Hochschule für landwirtschaftliche Lehrer, später auch ihr Direktor. 1951 trat er in das Präsidium der Deutschen Akademie fur Städtebau ein. In der Akademie für Raumforschung und Landesplanung, der er ab 1953 als ordentliches Mitglied angehörte, leitete er den Ausschuss „Landwirtschaft“. Von 1960 bis 1965 leitete er dort den Facharbeitskreis „Raum und Landwirtschaft“. Von 1966 bis 1970 amtierte Morgen als Präsident der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) in Hannover, der vorherigen Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung (RAG).
weitere Mitwirkung an der ARL: Mitglied bzw. Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rates (1966–1974; 1966–1970) Mitglied der Sektion I: Planungsprozesse und Forschungsmethoden Mitglied der Sektion II: Sektorale und integrierende Aspekte und Instrumente Hochschularbeitsgemeinschaft für Raumforschung und Landesplanung Wilhelmshaven Leiter des Forschungsausschusses Raum und Landwirtschaft (1960–1965) Mitglied des Forschungsausschusses Regionale Bildungsplanung Mitglied des Arbeitskreises Leitvorstellungen zur Entwicklung ländlicher Räume Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland Mitglied der Wissenschaftlichen Plenarsitzung (1965) Gründungsmitglied der Förderkreises für Raum und Umwelt e. V. (1989)
Ehrungen Professor-Niklas-Medaille in Silber (1986)
Schriften (Auswahl)
Die Obsterzeugung und der Obstabsatz im Rheingaukreise und in der Stadt Wiesbaden. Ein Beitrag zur landwirtschaftlichen Marktlehre. Göttingen 1932. und Martin Kühner (Hrsg.): Pflügende Hand, forschender Geist. Lebensbilder denkwürdiger Bahnbrecher und Führer des Nährstandes. Parey, Berlin 1934. Bodenschätzung und Betriebsgrößenklassen. In: Raumforschung und Raumordnung. RuR, 3. Jg., 1939, 6, S. 318–320. Die natürlichen Ertragsfaktoren – Boden, Klima und Geländegestaltung – in ihrer Beziehung zur Verteilung der Betriebsgrößenklassen in 26 Landkreisen Pommerns. Eine raumpolitische Studie. Reichsnährstand-Verl.-Ges., [Berlin] 1940. Zur Ermittlung gleichwertiger Hofstellen bei verschiedenen Bodengüten. In: „Raumforschung und Raumordnung“ (RuR), 4. Jg., 1940, 7/8, S. 311–314. Ehemals russisch-polnische Kreise des Reichsgaues Wartheland. Aus einem Reisebericht. In: Neues Bauerntum 32 Jg. (1940), Heft 9, S. 320–326. Bestand und Aufbau des deutschen Landvolkes. In: Meyer, Konrad (Hrsg.): Landvolk im Werden. Material zum ländlichen Aufbau in den neuen Ostgebieten und zur Gestaltung des dörflichen Lebens. Berlin 1941, S. 79–93. Forstwirtschaft und Forstpolitik im neuen Osten. In: Meyer, Konrad (Hrsg.): Landvolk im Werden. Material zum ländlichen Aufbau in den neuen Ostgebieten und zur Gestaltung des dörflichen Lebens. Berlin 1941, S. 311–318.Peter-M. Steinsiek kontextualisiert diesen Aufsatz in "forstlichen Großraumszenarien" zahlreicher Forstwissenschaftler: Vgl. Peter-M. Steinsiek: Forstliche Großraumszenarien bei der Unterwerfung Osteuropas durch Hitlerdeutschland. In: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 94. Band (2007), Heft 2, S. 141–164 (hier. S. 153 ff.).