Der Jugendamtsskandal in Gelsenkirchen wurde durch die Ausstrahlung eines Beitrags im Fernsehmagazin Monitor am 30. April 2015 bekannt. in der ARD-Mediathek (abgerufen am 23. Februar 2016). Es ging um Interessenkonflikte durch personelle und geschäftliche Verflechtungen zwischen der Leitung des Jugendamts der Stadt Gelsenkirchen, der Heimleitung einer örtlichen Jugendhilfeeinrichtung, dem Ortsverband des Kinderschutzbundes in Gelsenkirchen und weiteren Institutionen, insbesondere einer ungarischen Firma, die deutschen Jugendhilfeträgern Betreuungsplätze für Jugendliche in Ungarn anbot und von den Leitern des Jugendamtes Gelsenkirchen selbst aufgebaut worden war.
Vorwürfe Der langjährige Leiter des Jugendamts Gelsenkirchen, Alfons W., und sein Stellvertreter Thomas F. wurden von Monitor beschuldigt, das katholische St.-Josef-Heim in Gelsenkirchen mit Kindern und Jugendlichen bewusst überbelegt und veranlasst zu haben, dass mehrere von anderen Jugendämtern in dem Heim untergebrachte Jugendliche ins Ausland in eine Einrichtung in Pécs (Ungarn) geschickt wurden, die dem Unternehmen Neustart Reszocializációs Kft gehörte. Gesellschafter von Neustart waren die beiden Beamten selbst. Während das Gelsenkirchener Kinderheim durch die überdurchschnittliche Belegung begünstigt wurde, erhielt Neustart pro untergebrachtem Kind monatlich 5500 Euro vom deutschen Staat. Die nach Ungarn verschickten Jugendlichen wurden anscheinend nicht angemessen betreut, die Unterbringungssituation und das pädagogische Konzept sollen mangelhaft und das Personal nicht hinreichend pädagogisch ausgebildet gewesen sein; auch sei die Schulbildung nicht sichergestellt worden. Betroffene Jugendliche, die der Sender interviewt hatte, berichteten von negativen Erfahrungen in der ungarischen Einrichtung und beklagten die dort verlorene Zeit.
Im Zeitraum von 2005 bis 2008 sollen bei Neustart Kft in Pécs acht Kinder aus Gladbeck und eines aus Herne untergebracht gewesen sein, aber kein Kind aus Gelsenkirchen. Alle von Monitor aufgedeckten Fälle, in welche die Gelsenkirchener Akteure verwickelt waren, lagen bereits mehrere Jahre zurück.Vorwurf an deutsche Jugendamtsleiter: Heimkinder zum Kasse machen nach Ungarn geschickt? Bericht im Pester Lloyd vom 3. Mai 2015, abgerufen am 23. Februar 2016.
2004 hatte die Stadt Gelsenkirchen dem Amtsleiter die Nebentätigkeit als Geschäftsführer und Betreiber des Heims in Ungarn gestattet, seinem Stellvertreter wiederum soll er die Genehmigung nach den Monitor-Berichten selbst erteilt haben.Ingrid Wielens: , Bericht in den Ruhrnachrichten vom 7. Mai 2015, abgerufen am 23. Februar 2016. Nach interner Kritik versicherte W. gegenüber seinem Vorgesetzten, seine Geschäftsführertätigkeit bei Neustart zum 1. April 2005 einzustellen und die Gesellschaftsanteile abzugeben. Trotzdem gab er auch danach noch betriebliche Weisungen, wie wenige Tage nach Aufdeckung des Skandals bekannt wurde.Kinderheim-Skandal in Gelsenkirchen: Interne Mail belastet Jugendamtsleiter schwer, Bericht in der RP Online vom 10. Mai 2015, abgerufen am 23. Februar 2016. Amtsleiter W. übertrug seinen Gesellschafteranteil seiner Frau, sein Stellvertreter F. einem Bruder. Die beschränkt haftende ungarische Gesellschaft Neustart Reszocializációs Kft war mit einem Stammkapital von drei Millionen Forint (zum Gründungszeitpunkt im Januar 2005 etwa 12.200 Euro)Vgl. Währungsrechner , Berechnung vom 8. März 2016. in Pécs registriert. 2009 wurde die Einrichtung offenbar wegen finanzieller Probleme von der Betreiberfirma abgestoßen.
Daneben hatte Thomas F. auch dafür gesorgt, dass die Buchhaltung der Firma Neustart vom Gelsenkirchener Ortsverband des Deutschen Kinderschutzbundes geführt wurde, dessen stellvertretender Vorsitzender er war. Der Ortsverband erhielt dafür 5 Euro pro Tag und Jugendlichem. Der Vertrag wurde von einer weiteren Angehörigen des Vorstands unterzeichnet, die gleichzeitig Mitarbeiterin des Jugendamts war.Boris Spernol: Jugendamtsskandal zieht weitere Kreise. buer-total.de. Abgerufen am 16. Juni 2015.
Die Leiterin des St.-Josef-Heims in Gelsenkirchen, Anja G., soll in mindestens fünf Fällen in Gladbeck im Rahmen von Hilfeplan-Gesprächen, in denen das zuständige Amt zusammen mit Eltern, Erziehern und den betroffenen Jugendlichen über Lösungen für schwierige Lebenssituationen berät, zur intensivpädagogischen Maßnahme in Ungarn geraten haben. Recherchen hatten auch ergeben, dass in einer Informationsbroschüre von Neustart das St.-Josef-Heim als Kooperationspartner und die Heimleiterin als Ansprechpartnerin genannt worden waren.Kinderschutzbund und Kinderheim in Gelsenkirchener Jugendamtsskandal verwickelt. Bericht im Domradio vom 7. Mai 2015, abgerufen am 23. Februar 2016.
Im Zuge weiterer Recherchen von Medien und Stadt stellte sich heraus, dass Jugendamtsleiter W. zusammen mit seinem ehemaligen Stellvertreter Hans-Jürgen M., der bis 2004 in dem Amt tätig gewesen war, seit 1996/97 auch an dem Reiterhof Tekeres in der ungarischen Ortschaft Orfű in der Nähe von Pécs beteiligt gewesen war. Auf diesem Reiterhof führte das Jugendamt seit 1997 – teilweise in Kooperation mit dem Kinderschutzbund – jährlich bis zu vier Ferienfreizeiten durch, die zusammen jährlich mit rund 85.000 Euro aus städtischen Mitteln mitfinanziert wurden.Boris Spernol: Nebengeschäfte mit Folgen. buer-total.de. Abgerufen am 16. Juni 2015. Zu den Eigentümern der Anlage gehörten laut Prüfbericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft neben dem ehemaligen stellvertretenden Jugendamtsleiter aus Gelsenkirchen auch der ehemalige Bürgermeister von Pécs., Bericht im WDR vom 31. Juli 2015.
In den Sendungen des WDR wurde auch auf vergleichbare Fälle aus anderen Städten hingewiesen. Dabei wurde ein Fall aus Dorsten öffentlich gemacht: Der elfjährige „Paul“ war in Ungarn in einer Einrichtung der Bochumer Firma Life Jugendhilfe GmbH untergebracht und lebte dort unter pädagogisch fragwürdigen Betreuungsverhältnissen. Der Junge wurde daraufhin nach Deutschland zurückgeholt.Stefan Diebäcker: Bericht in der Dorstener Zeitung vom 12. Mai 2015, abgerufen am 24. Februar 2016.
Reaktionen Die Stadt Gelsenkirchen reagierte mit einer Stellungnahme, man wolle eine objektive Aufklärung ermöglichen.Stellungnahme der Stadt Gelsenkirchen zu einem Bericht der ARD-Sendung Monitor vom 30. April 2015 im Stadtspiegel Gelsenkirchen vom 1. Mai 2015, abgerufen am 23. Februar 2016. Auch Alfons W. nahm Stellung:Presseerklärung von Alfons Wissmann zur Monitor – Berichterstattung vom 30.04.2015 im Stadtspiegel Gelsenkirchen vom 4. Mai 2015, abgerufen am 23. Februar 2016.
Alfons W. und Thomas F. wurden von Oberbürgermeister Frank Baranowski (SPD) am 1. Mai 2015 freigestellt. Mit dem Amtsleiter wurde später ein Auflösungsvertrag geschlossen, sein Stellvertreter erhielt eine fristlose Kündigung. Die St. Augustinus Heime GmbH, Träger des St.-Josef-Heims in Gelsenkirchen, stellte die Leiterin Anja G. einige Tage nach Aufdeckung des Skandals frei Meldung in der Recklinghäuser Zeitung, 7. Mai 2015, abgerufen am 22. April 2019. und kündigte ihr Arbeitsverhältnis nach Erhärtung der sie betreffenden Vorwürfe ebenfalls fristlos.
Aufgrund der Ereignisse rief der Oberbürgermeister für den 4. Mai 2015 eine Sondersitzung des Rates ein.Quelle: , abgerufen am 8. März 2016 (Archiv). Bereits im Vorfeld der Sitzung war die Einsetzung eines kommunalen Untersuchungsausschusses gefordert worden. Am 21. Mai 2015 bildete der Rat einen „Ausschuss zur Untersuchung von Fehlverhalten im Kontext der Gelsenkirchener Jugendhilfe“. Es habe massives Fehlverhalten gegeben. Ein formeller Untersuchungsausschuss mit den entsprechenden gerichtsähnlichen Kompetenzen konnte indes nicht gebildet werden, da dieses parlamentarische Instrument auf kommunaler Ebene in Nordrhein-Westfalen nicht existiert. Die Stadt Gelsenkirchen beauftragte im Mai 2015 eine unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit der Aufarbeitung des Falls. Auch die St. Augustinus Heime GmbH ließ von einem Wirtschaftsprüfungsinstitut eine forensische Sonderuntersuchung über das Verhalten der Heimmitarbeiter anfertigen und stellte das Gutachten der Stadt Gelsenkirchen zur Verfügung.Bericht über die forensische Sonderuntersuchung „St. Josef“ im Mai/Juni 2015. Teilanonymisierte Veröffentlichung auf der Internetseite des Untersuchungsausschusses. Die Staatsanwaltschaft Essen prüfte nach der Monitor-Veröffentlichung, ob ein Anfangsverdacht für Straftaten vorliege, und nahm kurze Zeit später in mehreren Fällen Ermittlungen auf, unter anderem gegen die beiden beschuldigten Gelsenkirchener Jugendamtsleiter Alfons W. und Thomas F.Skandal um Gelsenkirchener Jugendamt zieht weitere Kreise, Berichte untermauern Vorwürfe gegen ehemalige Jugendamtsleiter, Berichte im Domradio vom 5. Mai und 1. August 2015, beide abgerufen am 26. Oktober 2016. Auch in dem von den Gelsenkirchener Vorgängen unabhängigen Fall „Paul“ wurden Ermittlungen gegen die Verantwortlichen der Stadt Dorsten und die Inhaber der Firma Life Jugendhilfe eingeleitet, bei denen es sich um einen Bochumer SPD-Ratsherrn und seine Ehefrau handelte., Bericht in der Dorstener Zeitung vom 6. September 2015, abgerufen am 25. Oktober 2016.
Die nordrheinwestfälische Familienministerin Ute Schäfer forderte, Kinder- und Jugendheime im Ausland stärker zu kontrollieren. Einen entsprechenden Antrag stellte sie für das Treffen der Familienminister von Bund und Ländern in der zweiten Maihälfte 2015 zur Debatte. Lokalnachrichtenmeldung im REL vom 15. Mai 2015, abgerufen am 23. Februar 2016. Dazu seien Gesetzesänderungen nötig.
Das Fernsehmagazin Westpol befragte im Mai 2015 sämtliche 187 Jugendämter Nordrhein-Westfalens und erhielt von 70 % der befragten Ämter eine Antwort. Demzufolge seien 247 Kinder in 22 Ländern weltweit untergebracht. Das Landesjugendamt führe keine gesonderte Statistik darüber.Jugendhilfeskandal weitet sich aus: 247 Heimkinder aus NRW ins Ausland verschickt, Bericht im Westpol-Magazin (WDR) vom 10. Mai 2015 (abrufbar bis zum 10. Mai 2016), abgerufen am 23. Februar 2016.
Fortgang Der ehemalige stellvertretende Jugendamtsleiter Thomas F. wehrte sich vor dem Arbeitsgericht Gelsenkirchen gegen seine fristlose Kündigung; die Stadt habe von den Vorgängen mehr Kenntnis gehabt als sie heute behauptet, erklärte er.Michael Rose: Bericht des REL vom 2. Juli 2015, abgerufen am 23. Februar 2016. Auch die Heimleiterin Anja G. klagte vor dem Arbeitsgericht Gelsenkirchen gegen ihre Kündigung und verlangte eine Abfindung.Inge Ansahl: Ohne Abfindung will ehemalige Gelsenkirchener Heimleiterin nicht gehen. Bericht in der WAZ vom 21. November 2015, abgerufen am 11. Juli 2017.
In den Verhandlungen des Untersuchungsausschusses bestätigte sich im Sommer 2015 das vermutete Korruptionsgeflecht: Der Bericht der Wirtschaftsprüfer legte das Dreiecks-Verhältnis zwischen den ehemaligen Jugendamtsleitern, dem Kinderheim St. Josef und dem Kinderschutzbund offen. Die Wirtschaftsprüfer waren sich allerdings auch sicher, dass der Stadt Gelsenkirchen durch den Jugendamtsskandal und die Ferienfreizeiten in Ungarn kein finanzieller Schaden entstanden sei., Lokalnachrichtenmeldung im REL vom 21. August 2015, abgerufen am 23. Februar 2016. Währenddessen wurden die staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen die Beschuldigten fortgeführt.