Eiche und Angora ist ein Theaterstück von Martin Walser, das im November 1962 in der Zeitschrift Theater heute erstmals veröffentlicht wurde. Bereits am 23. September desselben Jahres wurde das Stück im Berliner Schillertheater uraufgeführt und stieß bei Zuschauern und Kritikern auf geteilte Meinungen.

Eiche und Angora spielt im Jahr 1945 sowie in den Nachkriegsjahren 1950 und 1960 und zeigt die Geschichte des Alois Grübel, der sich den jeweils gegenwärtigen Umständen nicht schnell genug anpassen kann und somit stets hinter seiner Zeit zurückbleibt. Die prägenden Thematiken des Stücks sind die Vergangenheitsbewältigung der Nachkriegszeit sowie die Frage nach der Schuld der deutschen Bevölkerung.

Entstehung Walsers Eiche und Angora ist nach Der Abstecher das zweite von ihm veröffentlichte Theaterstück. Erste Aufzeichnungen in Form einer Auflistung der auftretenden Figuren lassen sich in einem Tagebucheintrag Ende des Jahres 1961 finden.Vgl. Martin Walser: Leben und Schreiben. 1951–1962. Reinbek bei Hamburg 2005, S. 564. Kurze Zeit später begann er mit ersten Notizen zu seinen beiden weiteren Bühnenwerken Überlebensgroß Herr Krott sowie Der Schwarze Schwan.Vgl. Walser 2005, S. 638f. Walser selbst berichtet in einem Interview mit Henning Rischbieter, er habe erste Notizen zu Eiche und Angora bereits im Jahr 1960 nach der Veröffentlichung seines Romans Halbzeit niedergeschrieben, kurz darauf jedoch sein erstes Bühnenstück Der Abstecher begonnen, das ihm als Übung gedient habe, und Eiche und Angora zunächst beiseitegelegt.Vgl. Henning Rischbieter: „Gespräch mit Martin Walser“. In: Theater heute. 1962/11, S. If.

Eiche und Angora bildet das erste von drei Stücken, die Walser unter dem Titel Deutsche Chronik veröffentlichen wollte. Während es Der Schwarze Schwan zur Veröffentlichung sowie am 16. Oktober 1964 in Stuttgart zur Uraufführung brachteVgl. Gerald A. Fetz: Martin Walser. Stuttgart 1997, S. 89., wurde Ein Pferd aus Berlin (TagebucheintragVgl. Martin Walser: Leben und Schreiben. 1963–1973. Reinbek bei Hamburg 2007, S. 27. vom 8. April 1963) allerdings nie verwirklicht.Vgl. Matthias N. Lorenz: ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck‘. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser. Stuttgart 2005, S. 286. Stattdessen bildete das 1994/95 verfasste Stück Kaschmir in Parching den dritten Teil der Deutschen Chronik,Vgl. Lorenz 2005, S. 278. deren Theaterstücke jedoch keine Trilogie bilden. „Sie hängen zusammen durch die Zeitgeschichte, die die Anlässe lieferte.“vgl. Lorenz 2005, S. 288.

Die Idee zu Eiche und Angora kam Walser eigenen Angaben zufolge durch eine Geschichte aus dem Jahr 1945, die in seiner Umgebung am Bodensee geschehen war: Mitten in der Idylle der Landschaft um den Bodensee herum wurde ein polnischer Gefangener aufgehängt, der eine Beziehung zu einem deutschen Mädchen gehabt hatte. Da dieser Pole Walser jedoch nicht vertraut genug war, erschuf er eine andere Hauptfigur, den Alois, für sein Stück.Rischbieter: „Gespräch mit Martin Walser.“, S. If.

Handlung Szene 1 bis 5 – 1945 Im April 1945 marschieren Kreisleiter Gorbach und der ehemalige Kommunist Alois Grübel, der im Konzentrationslager „politisch erfolgreich umgeschult worden“Johannes Jacobi: „Walsers erster großer Versuch“. In: Thomas Beckermann (Hg.): Über Martin Walser. Frankfurt am Main 1970, S. 101. ist, zur Anhöhe, dem Eichkopf. Auf dieser soll das künftige Hauptquartier liegen. Alois ist dafür verantwortlich, Gorbach den Weg hinauf zu zeigen. In dem Gespräch der beiden wird deutlich, dass Alois im Konzentrationslager kastriert wurde und daher nicht mehr in der Lage ist, mit seiner Frau Anna Kinder zu zeugen. Im Dorf züchtet er Angorahasen, denen er auf Befehl eines SS-Offiziers des Konzentrationslagers jüdische Namen zugeteilt hat.

Der ehemalige Kellner Maschnik, nun im Dienste der Nationalsozialisten, führt die beiden Gefangenen Maria und den Polen Jerzy, die Alois‘ Frau Anna in flagranti erwischt hat, in Richtung Hauptquartier. Dem Polen droht nun die Todesstrafe aufgrund von „Rassenschande“.Henning Rischbieter: „Veränderung des Unveränderbaren“. In: Thomas Beckermann (Hg.): Über Martin Walser. Frankfurt 1970, S. 278. Anna tritt hinzu, um sich nach der Strafe für die beiden zu erkundigen und spricht sich für ein milderes Urteil aus.Vgl. Martin Walser: „Eiche und Angora. Deutsche Chronik I“. In: Helmuth Kiesel (Hg.): Martin Walser. Werke in zwölf Bänden. Stücke. Bd. 9. Frankfurt am Main 1997, S. 130. Der SS-Arzt Dr. Zerlebeck, ebenfalls auf dem Weg zum Eichkopf, nutzt das Aufeinandertreffen mit Anna, um diese nach dem gesundheitlichen Zustand ihres Mannes zu befragen, da die Untersuchungen nach Alois‘ Kastration noch nicht abgeschlossen seien. Anna ist das Gespräch merklich unangenehm.Vgl. Kiesel 1997, S. 131. Der Jude Woizele, KZ-Kleidung tragend, tritt der Szene bei, scheinbar auf der Suche nach seinen drei Söhnen.Vgl. Martin Walser: „Eiche und Angora“. In: Theater heute. 1962/11.

Oberstudienrat Potz erscheint im Hauptquartier, um sich über den für die Schanzarbeiten zuständigen Studienrat Schmidt zu beschweren, der bei den absichernden Arbeiten auf alemannische Königsgräber gestoßen ist und deshalb die Gräben verlegen möchte. Gorbach beauftragt Potz mit der Verhaftung von Schmidt und überträgt ihm den dadurch frei werdenden Posten zur Leitung der Schanzarbeiten.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 138.

Kurz nachdem Gorbach Schmidt wegen Befehlsverweigerung angeklagt hat, wird deutlich, dass die Franzosen an der Nachbarstadt Kretzenberg vorbeimarschiert sind und sich kurz vor Brezgenburg befinden.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 149. Schmidt bringt seine Kenntnisse in der Kriegsführung zum Ausdruck und wird aufgrund dessen von Gorbach zunächst frei gesprochen.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 145. Alois erhält unterdessen von Gorbach die Erlaubnis, im Dorf seine Hasen zu versorgen.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 148.

Die fünfte Szene spielt nach der Kapitulation von Brezgenburg, die Alois dadurch herbeigeführt hat, dass er Angorafelle an die Bürger verkauft hat, die diese zum Zeichen der Kapitulation gehisst haben.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 150. Als Alois nun zum Eichkopf zurückkehrt, wird er zum Tode verurteilt, da er Hochverrat begangen habe.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 153. Dieser ist sich den Folgen seiner ungeschickten Tat zwar bewusst, hat die Kapitulation jedoch nicht bewusst herbeiführen wollen; er bezeichnet seine Handlung als „Rückfall“.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 152. Es kommt zu einer Diskussion über die Durchführung der Erhängung Alois‘, da Dr. Zerlebeck Alois als Untersuchungsgegenstand erhalten haben möchte. Als Gorbach Alois den letzten Wunsch gewährt, möchte dieser in den Gesangsverein aufgenommen werden – ein lange gehegter Traum. Alois bekommt die Gelegenheit, etwas vorzusingen, wodurch Gesangsvereinsleiter Potz – trotz seines anfänglichen Plädierens für den Tod Alois‘ – gerührt scheint.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 158. Als Schüsse ertönen, wird die Diskussion um Alois niedergelegt, um sich der Rettung aller auf dem Eichkopf zu widmen. Alois erklärt den anderen seinen Plan, sich gegenseitig zu fesseln, um den Anschein zu erwecken von der jeweils gegnerischen Seite (SS oder Franzosen) überfallen worden zu sein – keiner weiß, ob die SS oder die Franzosen zuerst da sein werden.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 161. Dies wird in die Tat umgesetzt.

Szene 6 bis 7 – 1950 Fünf Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus feiern die Bürger auf dem Eichkopf ein Fest, bei dem der neue Sänger des Gesangsvereins, Alois Grübel, seinen ersten Soloauftritt haben soll. Zum Gedenken an die Kapitulation wird eine Erinnerungstafel am Eichkopf angebracht, auf der folgende Worte stehen: „Wer die Heimat mit Waffen verteidigt, zerstört sie.“Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 167. In einem zunächst höflichen Tonfall führen Potz und Anna ein Gespräch über Alois’ bevorstehenden Auftritt. Anna möchte Potz davon überzeugen, Alois keinen Soloauftritt zu gewähren, da sie eine Katastrophe befürchtet, stößt jedoch auf ein stures und verständnisloses Gegenüber. Während Anna die Dekoration des Sängerfestes zerstört, trifft sie auf den verwirrt scheinenden Woizele, der erneut über seine Söhne spricht.Vgl. Walser: „Eiche und Angora.“ In: Theater heute.

Alois erleidet bei seiner Ansprache erneut einen Rückfall: Die Nennung der Namen von SS-Offizieren und der Gebrauch einer nationalsozialistisch geprägten Sprache, die ihm im Konzentrationslager eingetrichtert wurde, befremdet die Zuhörer. Am Ende der Szene wird er abgeführt und in eine Anstalt gebracht, sodass ihm sein erster Auftritt als Mitglied des Gesangsvereins verwehrt bleibt.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 170.

Szene 8 bis 11 – 1960 Gleicher Ort, 15 Jahre nach der Kapitulation der Bewohner Brezgenburgs: Woizele ist der einzige Gast im Restaurant Teutach-Blick und unterhält sich mit dem Inhaber Gorbach und Anna, die gerade Stühle abwäscht. Es wird deutlich, dass Woizele von den Erinnerungen an die NS-Zeit geplagt wird und traurig ist, weil seine Söhne fort sind. Neben Woizele scheint auch Anna die Anwesenheit von Kindern zu vermissen, die sie mit Alois niemals haben wird.Vgl. Martin Walser: „Eiche und Angora.“ In: Theater heute. Woizele tritt ab, Alois erscheint, und die Vorbereitungen für das Sängerfest gehen voran. Gorbach veranlasst Alois zur Tötung von dessen Hasen, da deren Gestank die Gäste fernhalten würde.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 172. Die Tafel – nun als „Schandtafel“Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 174. bezeichnet – wird abmontiert, um nicht mehr an die vergangenen Zeiten zu erinnern.

Potz und Semper des hiesigen Gesangsvereines treffen letzte Absprachen mit zwei Sängern der Vereine aus den benachbarten Orten Kretzenburg und Bremberg; Forderungen werden laut:Vgl. Rischbieter: „Veränderung des Unveränderbaren“, S. 279. Man verlangt das Fernbleiben des ehemaligen SS-Arztes Zerlebeck, „weil ein jüdischer Förderer des Männergesangs Anstoß nehmen könnte.“Jacobi: „Walsers erster großer Versuch“, S. 102. Dank des Protestes von Potz und Semper einigt man sich lediglich auf die Zurückhaltung Zerlebecks beim Sängerfest. Alois Ausschluss hingegen wird zum Kompromiss: „Nach allem, was man so weiß über die Nachtigall von Brezgenburg. Da denkt doch jeder an KZ, an die unmenschlichen Jahre.“Walser: „Eiche und Angora“, S. 180.

Alois wird sein Ausschluss vom Sängerfest schmerzlich bewusst. „Wütend nagelt er die Felle seiner toten Angorahasen an die zum Sängerfest aufgestellten Vereinsfahnen.“Jacobi: „Walsers erster großer Versuch“, S. 102. Aufgrund seines dritten Rückfalls wird Alois erneut in die Anstalt St. Fazzen eingeliefert. Erstmals wird auch Anna aufgrund ihrer Alkoholsucht in ein Heim gebracht.

Personenübersicht Alois Grübel Die Hauptfigur des Dramas, Alois Grübel, ist als Kommunist zur Zeit des Nationalsozialismus inhaftiert und im Konzentrationslager umerzogen worden.Vgl. Lorenz: ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck‘, S. 289. Sein großes Hobby ist die Angorahasenzucht, die er im Konzentrationslager begonnen und auch außerhalb weitergeführt hat. Seine Hasen tragen die Namen von getöteten Juden aus dem Lager.Vgl. Walser: „Eiche und Angora“, S. 127.