Nicos Poulantzas (griech.: Νίκος Πουλαντζάς; * 21. September 1936 in Athen; † 3. Oktober 1979 in Paris) war ein griechisch-französischer Politikwissenschaftler. Er lehrte als Professor an der Universität Vincennes. Sein zentraler Beitrag zur marxistischen Staatstheorie besteht in der Aussage, der Staat sei weder ein eigenständiges Subjekt noch das Instrument einer sozialen Klasse, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis. Poulantzas spricht vom Staat als einer „materiellen Verdichtung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse“. Nach seiner Theorie stellt der Staat ein Feld des sozialen Kampfes dar, in dem die, teilweise konkurrierenden, herrschenden Klassen und Klassenfraktionen als Machtblock organisiert werden.
Leben Nicos Poulantzas wuchs in bürgerlichen Verhältnissen in Athen auf. Sein Vater, Aristides Poulantzas, war Professor für forensische Graphologie.Biografische Angaben beruhen, wenn nicht anders belegt, auf: Bob Jessop, Nicos Poulantzas: Marxist Theory and Political Strategy, London 1985, S. 6 ff.; sowie: Alex Demirović, Nicos Poulantzas. Aktualität und Probleme materialistischer Staatstheorie. Münster 2007, S. 10 ff. Nach dem Besuch eines Reformgymnasiums, an dem er mit den Schwerpunkten FranzösischSeine Französischkenntnisse vervollkommnete er zudem durch Privatunterricht. und Philosophie das Baccalauréat ablegte, studierte Poulantzas von 1953 bis 1957 in Athen Rechtswissenschaften, daneben auch Sozialwissenschaften und Philosophie. Er war in der Studentenbewegung aktiv und wurde Mitglied der Eniea Dimokratiki Aristera („Vereinigung der Demokratischen Linken“), die als politischer Ersatz für die verbotene kommunistische Partei diente.
Nach seinem Studium absolvierte er einen dreijährigen Dienst bei der Marine. Danach wollte er 1960 an der Universität München seinen Doktorgrad erwerben, verließ Deutschland aber bereits nach einem Monat wieder, weil ihm die politische Stimmung der Adenauer-Ära zu reaktionär erschien.Seinem Vater schrieb er aus München, that the influence of Nazi ideas was so strong that he could not stay in Germany. Bob Jessop, Nicos Poulantzas: Marxist Theory and Political Strategy, London 1985, S. 9. Poulantzas zog nach Paris, wo er seine zweite Heimat fand. 1961 wurde er dort mit einer Arbeit über die Renaissance des Naturrechts in Deutschland promoviert. Seine Habilitation erfolgte 1964 (Begriff der Natur der Sache in der gegenwärtigen Philosophie und Soziologie des Rechts). Zum Zeitpunkt seiner Habilitation war er Assistent an der Sorbonne und lehrte Rechtsphilosophie.
Poulantzas’ Marxismusverständnis war anfangs von Jean-Paul Sartre, dann von Lucien Goldmann und Georg Lukács geprägt. Mit deren Arbeiten hatte er sich bei den Recherchen für seine Habilitationsschrift beschäftigt. Später kam eine Beschäftigung mit der Theorie Antonio Gramscis hinzu. Poulantzas schrieb neben seiner akademischen Tätigkeit für Les Temps Modernes und bewegte sich in Kreisen um Sartre, Simone de Beauvoir und Maurice Merleau-Ponty. Durch einen Artikel in dieser Zeitschrift wurde Louis Althusser auf ihn aufmerksam und es entwickelte sich eine Zusammenarbeit. Zu dieser Zeit begann er mit seinen staatstheoretischen Arbeiten.
Während seiner Zeit in der Redaktion der Temps Modernes lernte er dort die Schriftstellerin und Philosophin Annie Leclerc (1940–2006) kennen. Sie heirateten 1966, vier Jahre darauf kam ihre Tochter zur Welt.
Seine Überzeugungen trieben Poulantzas 1968 zum politischen Engagement in der damals existierenden eurokommunistischen Abspaltung von der stalinistischen Kommunistischen Partei Griechenlands (KKE), die sich selbst als KKE tou Esoterikoú (KP des Inlands) bezeichnete und in deren Nachfolge Synaspismos stand, die 2013 in SYRIZA aufging.
Sein erstes Buch, das bedeutende Aufmerksamkeit erlangte, war das im Mai 1968 in Frankreich veröffentlichte Buch Pouvoir politique et classes sociales (Politische Macht und gesellschaftliche Klassen). Danach folgte eine Reihe weiterer Bücher über den Staat und die Klassen, speziell auch über Diktaturen (Faschismus und Diktatur, 1970; Klassen im Kapitalismus heute, 1973; Die Krise der Diktaturen, 1975). In der Zeit seiner politischen und theoretischen Aktivität existierten in den südeuropäischen Ländern Spanien, Portugal und zeitweise auch in Griechenland Militärdiktaturen.
Nach den Mai-Ereignissen wurde Poulantzas an die neugegründete Reformuniversität von Vincennes berufen und lehrte und forschte dort im Bereich der Sozialwissenschaften. Dort waren auch andere bekannte Persönlichkeiten wie Michel Foucault und Gilles Deleuze tätig.
1974/1975 lehrte Poulantzas als Gastprofessor an der Universität in Athen. Ebenfalls 1974 hatte er einen Ruf an die Universität Frankfurt erhalten. Für nur einige Wochen nahm er die Stelle an und unterrichtete dort im Sommersemester. Auf Grund von Verhandlungsschwierigkeiten mit dem zuständigen Ministerium gab er die Stelle wieder auf.
In der britischen Zeitschrift New Left Review führte er über einige Artikel eine Auseinandersetzung mit Ralph Miliband über den kapitalistischen Staat, die auch im Einzeldruck veröffentlicht wurde. Ernesto Laclau war hieran auch mit einem Artikel beteiligt. Poulantzas begann diese Diskussion mit einer kritischen Rezension von Milibands Werk Der Staat in der kapitalistischen Gesellschaft.Vgl.: Kontroverse über den kapitalistischen Staat. Berlin: Merve Verlag, 1976.
1978 erschien sein letztes großes Werk, L’État, le pouvoir, le socialisme („Der Staat, die Macht, der Sozialismus“), oder auf Deutsch auch kurz „Staatstheorie“. Zu dieser Zeit beteiligte sich Poulantzas auch an der durch Althusser angestossenen Debatte über eine Krise des Marxismus und äußerte sich kritisch über die realen Arbeiterparteien und forderte den vom leninistischen und sozialdemokratischen unterschiedenen eurokommunistischen Ansatz theoretisch auszuarbeiten und eine Öffnung hin zu den sozialen Bewegungen. Er betonte die Notwendigkeit einer radikalen Transformation des Staates (und nicht nur die Inbesitznahme der Staatsmacht) und bezugnehmend auf Rosa Luxemburg die Bedeutung repräsentativer demokratischer neben rätedemokratischen Elementen. Zudem verwendete Poulantzas in diesem Werk kritisch die Machttheorie von Foucault. Außerdem beschäftigte er sich hier u. a. mit Foucaults Theorien zum Wissen, der Disziplinierung und Normalisierung.Vgl.: Bob Jessop: Macht und Strategie bei Poulantzas und Foucault. Supplement der Zeitschrift Sozialismus, S. 10f.
Im Jahr 1979 beging Nicos Poulantzas, der zuvor an Depressionen erkrankt war, im Alter von 43 Jahren Suizid. Poulantzas’ Tod erzeugte in der damaligen Pariser Intellektuellenlandschaft tiefe Betroffenheit.
Theorie Beziehung zu Althusser und Gramsci In den Jahren 1964 bis 1966 veränderte sich Poulantzas’ wissenschaftlicher Fokus, weg von der singulären Betrachtung des Rechts geriet immer mehr der Staat in den Fokus seiner Aufmerksamkeit. Er näherte sich der strukturalistischen Position von Louis Althusser an, was sich auch darin niederschlug, dass er eine an Althussers eigener Ausdrucksweise angepasste Sprache verwendete.Vgl.: James Martin: Introduction. In: The Poulantzas Reader. Marxism, Law and the State, London 2008, S. 2 f. Im Mai 1968 veröffentlichte Poulantzas mit Politische Macht und gesellschaftliche Klassen sein erstes staatstheoretisches Werk. Es ist von einer starken Antiempirie gekennzeichnet. Er verwendet hier den von Althusser geprägten Begriff des strukturalen Ganzen und weist der Ökonomie, dem Politischen, dem Ideologischem jeweils eine spezifische Ebene zu.Vgl.: Alex Demirovic/Joachim Hirsch/Bob Jessop: Einleitung der Herausgeber, in: Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus, Hamburg 2002, S. 10.
Poulantzas ist ebenfalls in seiner Ablehnung des marxistischen Humanismus und antiökonomistischer Positionen stark an Althusser orientiert.Vgl.: Bob Jessop: Nicos Poulantzas, S. 14. Dies trifft zunächst ebenso auf Poulantzas’ Bewertung von Antonio Gramsci zu. Zunächst werde dieser ebenso wie bei Althusser gelobt, um dann einer heftigen Kritik unterzogen zu werden. Am Ende folge dann eine explizite Ablehnung. Gramsci wird von Poulantzas in Anlehnung an Althusser als ein Vertreter des Historismus bezeichnet und als Voluntarist bewertet.Vgl.: Peter Thomas: Konjunktur des integralen Staates? Poulantzas Gramsci-Lektüre. In: Lars Bretthauer et al. (Hrsg.): Poulantzas lesen. Zur Aktualität marxistischer Staatstheorie, Hamburg 2006, S. 308.
Zudem folgt Poulantzas der Ansicht von Althusser, dass das Werk von Karl Marx einen inhaltlichen Bruch aufweise. Dieser sei im Kapital in vollem Ausmaße wahrzunehmen.Vgl.: Nicos Poulantzas: Theorie und Geschichte. Kurze Bemerkungen über den Gegenstand des Kapitals. In: Kritik der politischen Ökonomie heute. 100 Jahre Kapital, Frankfurt/Main 1968, S. 64. Marx breche demzufolge in diesem Werk mit den Konzepten der Verdinglichung und der Entfremdung. Darüber hinaus werde hier der Marxismus als Antihumanismus begründet.Vgl.: Nicos Poulantzas: Theorie und Geschichte, S. 64.
In der Debatte mit dem britischen Marxisten Ralph Miliband bezieht sich Poulantzas positiv und zustimmend auf Althussers Konzept der Ideologischen Staatsapparate (ISA) und des Repressiven Staatsapparates (RSA). Althusser hatte diese Konzeption in seinem Essay Ideologie und ideologische Staatsapparate entwickelt. Poulantzas vertritt in Übereinstimmung mit dieser Schrift die Auffassung, dass der Staat aus einer Pluralität von Apparaten und Institutionen bestehe. Eine Reduktion allein auf den repressiven Apparat sei ungenügend. Poulantzas folgt in seiner fortführenden Argumentation weitestgehend den Darlegungen Althussers.Poulantzas, Nicos: Das Problem des kapitalistischen Staates. In: Poulantzas, Nicos/Miliband, Ralph: Kontroverse über den kapitalistischen Staat, Berlin 1976, S. 19–22.
In dem Werk Faschismus und Diktatur, in der deutschen Fassung 1973 erschienen, beginnt Poulantzas an der Konzeption Althussers deutliche Kritik zu üben. Er ist der Auffassung, dass Althusser das Verhältnis der ISA zum Klassenkampf nur sehr abstrakt und formal dargestellt habe. Dem Klassenkampf käme nicht die ihm gebührende Stellung zu.Poulantzas, Nicos: Faschismus und Diktatur. Die Kommunistische Internationale und der Faschismus, München 1973, S. 322 und Fußnote 416. Darüber hinaus habe Althusser die Rolle der Staatsapparate in der Ökonomie entweder stark unterschätzt oder nicht zur Kenntnis genommen. Für Althusser hätten die Staatsapparate einzig über die Reproduktion der Produktionsverhältnisse einen gewissen Einfluss auf die Ökonomie. Der Staat setze sich in dessen Überlegungen nur aus Repression und Ideologie zusammen. Nur der Apparat der Schule stelle eine Ausnahme dar, denn dieser sei für die Reproduktion der Arbeitskraft zuständig.Poulantzas, Nicos: Faschismus und Diktatur, S. 325, Fußnote 419.
Dieser Kritik folgt die Erweiterung der Konzeption der ISA und des RSA um einen ökonomischen Apparat. Dessen Bezeichnung als Staatsapparat lehnt Poulantzas ab, denn dessen Kernziel sei es, die Massen der Menschen auszubeuten. Dieses sei hingegen nicht die Aufgabe der ISA und des RSA. Der ökonomische Apparat umfasst nach Poulantzas die Betriebe.Poulantzas, Nicos: Faschismus und Diktatur, S. 326 und Fußnote 420.