miniatur|Das Winterverbrennen. Aus: Otto von Reinsberg-Düringsfeld, Das festliche Jahr in Sitten, Gebräuchen und Festen der germanischen Völker, Leipzig, 1863 miniatur|Brennender Funken in Form eines Holzturms in Dornbirn (Vorarlberg)

Das Funkenfeuer (kurz: Funken) ist ein alter Feuerbrauch, der heute noch im schwäbisch-alemannischen Raum (Vorarlberg, Liechtenstein, Schweiz, Schwarzwald, Allgäu, Oberschwaben, am Bodensee, sowie im Tiroler Oberland und Vinschgau), aber auch in Ostfrankreich und bis in die Gegend von Aachen sowie bei den Sathmarer Schwaben in RumänienHans Gehl: Wörterbuch der donauschwäbischen Lebensformen. Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, S. 313.Mirela Filimon: . In: Informaţia Zilei vom 6. März 2011. verbreitet ist. Jedes Jahr am Funkensonntag (heute teilweise auch am Samstag davor) werden die sogenannten Funken abgebrannt. Mit Funkensonntag bezeichnet man den ersten Sonntag nach Aschermittwoch, also den ersten Fastensonntag.Im schweizerischen Appenzell ist der vierte Fastensonntag Funkensonntag: Funkensonntag appenzell.ch, abgerufen am 22. März 2020

Der Funken ist meist ein Strohhaufen oder aufgeschichteter Holzturm, der nach Einbruch der Abenddämmerung unter den Augen der Dorfbevölkerung angezündet wird. Die größten Funken können eine Höhe von bis zu 30 Metern erreichen. Im Jahr 2010 wurde der Funkenbrauch im österreichischen Bundesland Vorarlberg in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes in Österreich aufgenommen.

Ablauf miniatur|Glühend auf ihren Stöcken rotierend bewegte Scheiben beim Bürgler Funkenfeuer, Dornbirn, Österreich, Februar 2012

Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden die Vorbereitungen meist durch die Dorfjugend durchgeführt. Im Laufe der Zeit wurden diese Aufgaben aber auch durch Funkenzünfte oder den örtlichen Narrenverein übernommen. In Vorarlberg wird traditionell am Faschingsdienstag die Funkentanne geschlagen. In derselben Woche wird in der Bevölkerung Brennmaterial gesammelt. Für den Funkenbau werden oftmals alte Christbäume, Holzpaletten oder anderes Abfallholz verwendet.

Aufbau mini|Funkenaufbau und -anzünden in Gortipohl 2012

Am Samstag vor dem Funkensonntag wird mit dem Aufbau des Funkens begonnen. In Vorarlberg und im Allgäu besteht dieser meist aus einem kunstvoll aufgeschichteten Holzturm, im westlichen Oberschwaben eher aus einem großen Strohhaufen, und im Rheintal wird v. a. Schnittholz (Astwerk) verwendet. Im Inneren wird das weitere gesammelte Brennmaterial untergebracht. Den Kern der Konstruktion bildet die Funkentanne, ein bis auf den Wipfel entasteter Baumstamm, auf dessen Spitze eine Hexenpuppe („Funkenhexe“) hängt. Mancherorts, vor allem im Allgäu und in Vorarlberg, ist die Funkenhexe mit Schießpulver gefüllt. In Erdeed (Rumänien) besteht der Funka aus einem mit Stroh umwickelten Holzkreuz auf einer Stange, die in einem Scheiterhaufen steckt.

Funkenwache In der Nacht auf Sonntag passt eine Funkenwache auf, damit der Funken nicht frühzeitig von den Burschen aus den Nachbardörfern angezündet wird. Die wirtschaftlichen Interessen, die heute vielerorts mit diesem Brauch verbunden sind, haben dazu geführt, dass dieser althergebrachte Streich heute strafbar ist. Trotzdem finden solche Anschläge noch statt.

mini|Ein vorbereiteter Linzgauer Funken bei Herdwangen, bestehend v. a. aus Stroh mit Funkentanne und Hexe mini|Derselbe Funken, nachdem er entzündet wurde

Funkenwirtschaft Früher wurde in manchen Gegenden (etwa nordwestlich des Bodensees) in den Funken ein Raum für die Funkenwirtschaft eingebaut, in der bis kurz vor dem Anzünden bewirtet wurde. Aus Sicherheitsgründen wird heute aber eher in einem Zelt neben dem Funken gefeiert. Mancherorts ziehen die Dorfbewohner bei Einbruch der Dämmerung in einem Fackelzug zum Funkenplatz. In einigen Gemeinden wird am Nachmittag auch ein Kinderfunken abgebrannt. Der Zug wird oftmals von einer Dorfmusik, einem Gesangsverein oder Fackelschwingern begleitet. Ansonsten trifft man sich gegen Abend in der Funkenwirtschaft bzw. im Funkenzelt und versammelt sich zu gegebener Zeit um den Funken.

Abbrennen Bei Einbruch der Dunkelheit werden die Funken, eventuell nach einer feierlichen Ansprache der Funkenzunft, unter den Augen der Dorfbevölkerung angezündet, die auf die Explosion der Funkenhexe wartet. Erreichen die Flammen des Funkens die Hexenpuppe, explodiert sie laut schallend, was besonderes Glück verheißt. Es gilt allgemein als schlechtes Omen, wenn der Funken umfällt, bevor die Hexe explodiert ist. In diesem Fall wird die Hexe am darauffolgenden Sonntag in einer Zeremonie „beerdigt“. Nach der Explosion der Hexe wird oft noch ein Feuerwerk abgebrannt.

Regionale Begleitbräuche Funkenringwürfeln Diese Tradition findet in Oberschwaben und im Allgäu traditionell am Funkensonntag (bzw. vielerorts zudem auch am Samstagabend) statt. Dann wird in vielen Wirtshäusern und Vereinshäusern ab dem Frühschoppen um sogenannte Funkenringe, ein kreisförmiges Hefegebäck (Kranzbrot), gewürfelt. Der Funkenring gilt auch als ein Sonnen- und Fruchtbarkeitssymbol.

Funkenwagen Im Oberschwäbischen Raum gehört zum Funkenbauen auch das gemütliche Beisammensein im Funkenwagen. Ein Funkenwagen ist oft ein alter, teils von den Funkenbauern umgebauter Bauwagen.

Der Böögg mini|Funkenhexe an der Spitze eines Vorarlberger Funkens

In der Nordschweiz, vor allem in den Kantonen Zürich und St. Gallen, wird statt der Funkenhexe der «Böögg» verbrannt, eine mit Schießpulver gefüllte Stoffpuppe, die unter lautem Knallen explodiert.

Scheibenschlagen Beim Funken wird in einigen Regionen auch der Brauch des Scheibenschlagens gepflegt, bei dem glühende Holzscheiben mithilfe einer Rute oder eines Steckens über eine Rampe in die Luft katapultiert werden.

Puma In der Gemeinde Bürs in Vorarlberg werden etwa seit dem Jahr 1870 sogenannte „Puma“ durch das Dorf zum Funken getragen. Puma sind unterschiedlich geformte Holz- oder Metallkonstruktionen, die mit farbigem Papier überzogen und auf Stangen befestigt sind. Die traditionellen Motive sind von innen mit Kerzen beleuchtet. Die größten Puma haben Seitenflächen von über einem Quadratmeter, ein Gewicht von über zehn Kilogramm und werden mit Tragegurten getragen.Herti Henss: Die fünfte Jahreszeit vom Arlberg bis zum Bodensee. Hard 2004, S. 25.

Geschichte Ursprung mini|300px|Verbreitung der Feuer am Funkensonntag (rot) und am 1. März (blau)

Der Ursprung dieses Brauches ist, obwohl er außergewöhnlich früh schon belegt ist, unklar. Frühe Überlegungen dazu gingen meist davon aus, dass es sich um Überreste eines heidnisch-germanischen Brauchtums zur Vertreibung des Winters sei. Diese Deutung ist etwa bei dem Landeshistoriker und Priester Josef Thaler zu finden, der in einem Gedicht mit dem Titel „Lertha“ aus dem Jahre 1798 die Funkenfeuer im christlichen Sinne interpretierte. Er sah den Brauch als Rest aus dem Heidentum, der von den gegenwärtigen „Enkeln“ jedoch zum Lob Gottes und zur sittlichen Hebung durchgeführt wird. Dem Gedicht hat Thaler eine historische Deutung beigefügt:

Auch Franz Josef Fischer spricht im Jahr 1921 in seinem Buch Der Funken und Küachlesonntag in Vorarlberg und Liechtenstein unter anderen die Möglichkeit eines heidnischen Ursprungs an:

Die heidnische Interpretation wurde im 19. und 20. Jahrhundert auch von der volkskundlichen Wissenschaft stark verbreitet und ist heute die landläufige Erklärung des Brauches. Die moderne europäische Ethnologie zeichnet ein etwas differenzierteres Bild. Überlieferung und Termin des Brauchs zeigen einen engen Zusammenhang mit dem Ende der Schwäbisch-alemannischen Fastnacht und damit dem christlichen Jahreslauf. Genauer gesagt ist der Termin ein Überbleibsel des früheren Beginns der Fastenzeit (daher in manchen Gegenden auch Alte Fasnacht genannt). Auf der Synode von Benevent im Jahr 1091 wurde der Termin auf den Aschermittwoch verlegt. Bereits zu dieser Zeit war der Funkenbrauch also so stark in den christlichen Kalender integriert, dass er in manchen Regionen den Termin am ehemaligen Beginn der Fastenzeit trotz deren Verlegung weiter beibehielt. Der Volkskundler Matthias Zender führt in einer europaweiten Untersuchung von Feuerbräuchen das Abbrennen des Feuers am Funkensonntag auf noch heute in Oberitalien gebräuchliche Feuer zum römischen Jahresanfang am 1. März zurück. An diesem Tag wurde im alten Rom im Tempel der Vesta das heilige Feuer entzündet. Die Feier soll später, im frühen Mittelalter, in den christlichen Kalender integriert worden sein. Der Ursprung wäre danach zwar ein heidnischer, aber römischer Brauch gewesen.

Außerdem diente der Funken zur Verbrennung von Unrat und hatte somit eine überaus profane Funktion, die in Verbindung mit der Frühjahrsreinigung des Hauses und der Wiesen stand.

Mittelalter und frühe Neuzeit mini|Funken am Oberfallenberg

Der erste Beleg für den am Funkensonntag stattfindenden Feuerbrauch stammt aus einem lateinischen Brandbericht des Benediktinerklosters Lorsch aus dem Jahr 1090. Laut Bericht wurde der Brand des Klosters durch eine brennende Holzscheibe entfacht, die die Burschen am Abend des 21. März 1090 geworfen hatten. Weitere Belege aus dem 15. Jahrhundert (Basel) sowie des 16. und 17. Jahrhunderts (Luzern, Bregenz, Innsbruck) belegen die einstige Verbreitung des Brauchs.

Erst mit der Aufklärung wurde er zurückgedrängt. Die Verbrennung einer Hexenpuppe auf dem Funken ist nicht ein Rest der Hexenverbrennungen der frühen Neuzeit, sondern vermutlich erst im 19. Jahrhundert in Anlehnung an die Fastnacht entstanden.

20. Jahrhundert Nach dem Ersten Weltkrieg ließ der Brauch des Funkenabbrennens stark nach. Auf Grund des allgemeinen Holzmangels war er sogar einige Jahre verboten. Im österreichischen Ständestaat zwischen 1933 und 1938 ist der Funken auch im Spannungsverhältnis zwischen dem Ende der Ersten Republik und dem austrofaschistischen Putsch zu sehen. Dabei hatte die lokale austrofaschistische Kulturpolitik insgesamt versucht, den Funken mit ständestaatlichen Ideen zu verbinden und heimatliche Traditionsbildungen fortzuführen. Der Funken wurde propagandistisch bewusst zur Förderung einer „Österreich-Ideologie“ bzw. zur Darstellung des Ständestaates eingesetzt – dies aber nur mit mäßigem Erfolg. Der Funkenbrauch wurde nur selten in das austrofaschistische Festrepertoire übernommen.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wurde in Vorarlberg vor allem der touristische Aspekt des Funkens entdeckt. Durch den Anschluss war die Tausend-Mark-Sperre aufgehoben worden, und zahlreiche deutsche Urlauber strömten nun im Winter nach Vorarlberg. Der politische Nutzen, den der Funken für die Nationalsozialisten hatte, war eher gering. Der Funken demonstrierte zwar die Vielfalt des Reiches, zugleich aber auch einen weniger erwünschten Regionalismus, der nicht in das Bild von nationaler Stärke und Geschlossenheit passte.

Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfuhr der Funkenbrauch in Vorarlberg einen starken Aufschwung. Trotz Brennstoffmangels brannten dort überall zahllose Feuer. Der Funken diente in dieser Zeit als Instrument zur Identitätsfindung der Vorarlberger Bevölkerung. Mehr als je zuvor wurde der Funken in Vorarlberg zum Landesbrauch schlechthin, während er in Deutschland ein über seine Region hinaus weitgehend unbekanntes Anhängsel an die Fasnacht blieb. Daher wurden in Deutschland die Funken teils weiterhin von nicht offiziell organisierten Gruppen oder Mitgliedern einzelner Vereine errichtet, teils aber auch von den örtlichen Narrenvereinen organisiert. In Vorarlberg wurden dagegen nun in zahlreichen Gemeinden eigens für die Durchführung des Funkens Funkenzünfte gegründet. Mit der einhergehenden Professionalisierung der Durchführung wurden die Funken immer höher und kunstvoller gebaut. Die einzelnen Funkenzünfte entwickelten über die Jahre hinweg unterschiedliche Funkenbauweisen und Begleitprogramme, sodass heute eine fast unüberschaubare Vielfalt existiert.