mini|Bifurkationsnadel bei der klassischen Pockenimpfung. Beim Pockenimpfstoff der dritten Generation (Imvanex) erfolgt die Impfung dagegen subkutan. Ein Pockenimpfstoff ist ein Impfstoff gegen das Pockenvirus. mini|Typische Narbenbildung am Oberarm bei Nutzung einer Bifurkationsnadel

Geschichte mini|Vergleich der Einstichstellen bei der Vaccination und der Variolation Pockenimpfstoffe sind die ältesten bekannten Impfstoffe. Seit vermutlich etwa 1000 n. Chr. wurden in China Variolationen durchgeführt. Die erste gesicherte Dokumentation über Pockenimpfungen stammt aus dem Jahr 1549 vom chinesischen Arzt Wan Quan (1499–1582) in seinem Werk Douzhen xinfa (痘疹心法).Joseph Needham: Science and Civilization in China. Volume 6: Biology and Biological Technology. Teil 6: Medicine. Cambridge University Press, Cambridge 1999, S. 134. Bei dieser Impfung wurde gemahlener Pockenschorf in die Nase der Impflinge geblasen. Die daraus resultierende Immunität senkte die Letalität einer Pockenvirusinfektion von 20 bis 30 % auf unter 2 %. Bis ins 18. Jahrhundert wurden Impfungen zuerst mit Pockenviren (früher auch Variola major) als Lebendimpfstoff durchgeführt, was als Variolation bezeichnet wurde. In Jamaika wurden ab 1729 Pockenimpfungen vorgenommen, „da die Blattern sonst oft eine Menge Menschen hinwegrafft.“Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 260 (Zitat ohne Quelle). Bereits 1767 führte der Mediziner Franz Heinrich Meinolph Wilhelm (1725–1794), der in Wien die Variolation mit echten Menschenpocken kennengelerntAndreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg (Druck: Bonitas-Bauer), Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 219. hatte, am Würzburger Juliusspital Pockenimpfungen durch.Martin Sperling: Spezialisierung in der Medizin im Spiegel der Würzburger Geschichte. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 3, 1985, S. 153–184, hier: S. 157. Ab Ende des 18. Jahrhunderts wurde von Edward Jenner der Wirksamkeitsnachweis einer Pockenimpfung mit dem Vacciniavirus (früher auch Variolae Vaccinae) erbracht, die auch seltener zu einer Erkrankung führte. Daraus leitet sich eine der heutigen Bezeichnungen für Impfung ab, die Vakzination, die Jenners Bekannter Richard Dunning im Jahr 1800 prägte. Das Vacciniavirus wurde ursprünglich für ein Kuhpockenvirus gehalten (lat. vacca – die Kuh). Inzwischen ist bekannt, dass das Vacciniavirus näher mit den Pferdepocken als mit den Kuhpocken verwandt ist.K. A. Smith: Smallpox: can we still learn from the journey to eradication? In: The Indian journal of medical research. Band 137, Nummer 5, Mai 2013, S. 895–899. PMID 23760373,

Im Frühjahr 1800 unternahm der deutsche Arzt Gerhard Reumont eine Studienreise nach London zu Edward Jenner, um unter dessen Anleitung die von ihm 1796 entwickelte Pockenschutzimpfung zu erlernen. Auf seiner Rückreise führte er in Dover und mehreren französischen Städten Schutzimpfungen durch. Anlässlich seines Aufenthaltes in Paris wurde er eingeladen, am Institut National de Paris Vorträge über die neue Art der Vorsorge zu halten. Neben mehreren hochrangigen Offizieren war unter anderem auch Napoleon Bonaparte anwesend, der sich über den militärischen Nutzen von Impfungen erkundigte.Philip Rosin: Gerhard Reumont. Mediziner (1765–1828). Portal Rheinische Geschichte (Abruf am 30. März 2022). Reumont, der spätere Kurarzt Kaiserin Joséphines, führte am 17. April 1801 in Aachen und im Département de la Roer die Pockenschutzimpfung ein. In und um Blankenese tat sich Friederike Klünder auch selbst mit Pockenimpfungen an der Bevölkerung hervor. Am 26. August 1807 wurde in Bayern als weltweit erstem Land eine Impfpflicht eingeführt. Bereits 1812 wurden im Département de la Roer mehr als 10.000 Kinder jährlich geimpft und Reumont wurde von Napoleon Bonaparte für seine Verdienste um die Bekämpfung der Pocken öffentlich geehrt.T. F. Kraus: Auf dem Weg in die Moderne. Bonne ville d’Aix-la-chapelle. Aachen in französischer Zeit – 1792/93, 1794–1814. Handbuch-Katalog zur Ausstellung im „Krönungssaal“ des Aachener Rathauses vom 14. Januar bis zum 5. März 1995. Verlag des Aachener Geschichtsvereins, Aachen 1994, ISBN 3-9802705-1-3, S. 254. Ab 1803 wurde der Impfstoff im Rahmen der von der spanischen Krone finanzierten „Real Expedición Filantrópica de la Vacuna“ (Königlich philanthropische Impfexpedition, auch „Balmis-Expedition“) unter Leitung von Francisco Javier Balmis in die spanischen Kolonien nach Lateinamerika und Asien gebracht, um auch dort Impfkampagnen zu initiieren. Die Spanier verwendeten für den Transport des Pocken-Impfstoffs 22 Waisenkinder. Die Kinder wurden während der Überfahrt von der spanischen Krankenschwester Isabel Zendal Gómez betreut und gepflegt.Isabel Zendal und der Kampf gegen die Pocken In: Zeitblende von Schweizer Radio und Fernsehen vom 17. April 2021 (Audio)

Im 20. Jahrhundert wurde die Attenuierung von Viren durch Passagieren in Zellkulturen entdeckt,M. Theiler, H. H. Smith: The effect of prolonged cultivation in vitro upon the pathogenicity of Yellow Fever Virus. In: J Exp Med. Band 65, Nr. 6, 1937, S. 767–786. PMID 19870633; . die zur Herstellung von Pockenvirus-Impfstämmen mit geringeren Nebenwirkungen eingesetzt wurde, z. B. das NYCBH (USA), EM-63 (UdSSR), Tempel des Himmels (China), das Modified-Vaccinia-Ankara-Virus (Deutschland) und ACAM2000.S. R. Rosenthal, M. Merchlinsky, C. Kleppinger, K. L. Goldenthal: Developing new smallpox vaccines. In: Emerging Infectious Diseases. Band 7, Nummer 6, Nov-Dez 2001, S. 920–926, doi:10.3201/eid0706.010602. PMID 11747717, .E. L. Lousberg, K. R. Diener, M. P. Brown, J. D. Hayball: Innate immune recognition of poxviral vaccine vectors. In: Expert review of vaccines. Band 10, Nummer 10, Oktober 2011, S. 1435–1449, doi:10.1586/erv.11.121. PMID 21988308.J. W. Golden, J. W. Hooper: The strategic use of novel smallpox vaccines in the post-eradication world. In: Expert review of vaccines. Band 10, Nummer 7, Juli 2011, S. 1021–1035, doi:10.1586/erv.11.46. PMID 21806397. Ab den 1960er Jahren wurden Pockenimpfstoffe mit einer von Benjamin Rubin entwickelten Bifurkationsnadel (Nadel mit geteilter Spitze) verabreicht, wodurch die notwendige Dosis des Impfstoffes auf ein Viertel verringert wurde.B. A. Rubin: A note on the development of the bifurcated needle for smallpox vaccination. In: WHO Chronicle. Band 34, Nummer 5, Mai 1980, S. 180–181. PMID 7376638. In Westdeutschland endete 1976 die Impfpflicht für Pockenimpfstoffe, die in Deutschland seit dem Impfgesetz von 1874 gegolten hatte.Eva-Maria Henig, Fritz Krafft: Pockenimpfstoffe in Deutschland. In: Pharmazeutische Zeitung. Ausgabe 38, 1999. Die weltweite Verwendung von Pockenimpfstoffen mündete unter der Koordination durch Donald A. Henderson im Jahr 1980 in der Eradikation der Pocken.T. W. Langefeld, J. Engel, T. Menges, G. Hempelmann: [Small pox–infection, therapy and anaesthesiological management (part 1)]. In: Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie: AINS. Band 38, Nummer 7, Juli 2003, S. 445–455, doi:10.1055/s-2003-40069. PMID 12822115. Am 1. Januar 1981 wurde in Österreich die Impfpflicht aufgehoben, in der DDR Ende 1982.Vom Zwang zur Pockenschutzimpfung zum Nationalen Impfplan Pockenviren werden seitdem noch in den Centers of Disease Control and Prevention in Atlanta und im staatlichen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie „Vektor“ in Kolzowo gelagert.

Seit 1992 werden attenuierte Pockenviren vor allem im Zuge des Impfstoffdesigns als virale Impfvektoren gegen andere Erkrankungen eingesetzt, z. B. das Modified-Vaccinia-Ankara-Virus.P. H. Verardi, A. Titong, C. J. Hagen: A vaccinia virus renaissance: new vaccine and immunotherapeutic uses after smallpox eradication. In: Human vaccines & immunotherapeutics. Band 8, Nummer 7, Juli 2012, S. 961–970, doi:10.4161/hv.21080. PMID 22777090, .P. F. McKay, A. V. Cope, J. F. Mann, S. Joseph, M. Esteban, R. Tatoud, D. Carter, S. G. Reed, J. Weber, R. J. Shattock: Glucopyranosyl lipid A adjuvant significantly enhances HIV specific T and B cell responses elicited by a DNA-MVA-protein vaccine regimen. In: PLOS ONE. Band 9, Nummer 1, 2014, S. e84707, doi:10.1371/journal.pone.0084707. PMID 24465426. . Die Verwendung als Impfvektor gegen andere Krankheiten wurde 1992 in der Arbeitsgruppe von Bernard Moss entwickelt.G. Sutter, B. Moss: Nonreplicating vaccinia vector efficiently expresses recombinant genes. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 89, Nummer 22, November 1992, S. 10847–10851. PMID 1438287, .

Immunologie und Impfschutz gegen die Pocken Die Verletzung der Haut mit der Bifurkationsnadel führt zu einer zusätzlichen Aktivierung der angeborenen Immunantwort.A. D. Rice, M. M. Adams, S. F. Lindsey, D. M. Swetnam, B. R. Manning, A. J. Smith, A. M. Burrage, G. Wallace, A. L. MacNeill, R. W. Moyer: Protective properties of vaccinia virus-based vaccines: skin scarification promotes a nonspecific immune response that protects against orthopoxvirus disease. In: Journal of virology. Band 88, Nummer 14, Juli 2014, S. 7753–7763, doi:10.1128/JVI.00185-14. PMID 24760885, . Verschiedene Zytokine werden induziert.W. L. Simon, H. M. Salk, I. G. Ovsyannikova, R. B. Kennedy, G. A. Poland: Cytokine production associated with smallpox vaccine responses. In: Immunotherapy. Band 6, Nummer 10, 2014, S. 1097–1112, doi:10.2217/imt.14.72. PMID 25428648, . Für die Vermehrung der T-Zellen sind bei einer Pockenimpfung weder Interferone des Typs I noch Interleukin-12 notwendig.N. D. Pennock, L. Gapin, R. M. Kedl: IL-27 is required for shaping the magnitude, affinity distribution, and memory of T cells responding to subunit immunization. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 111, Nummer 46, November 2014, S. 16472–16477, doi:10.1073/pnas.1407393111. PMID 25267651, . Bei der Impfreaktion werden neutralisierende Antikörper gebildet, die vor einer Infektion mit humanen Pockenviren schützen.I. G. Ovsyannikova, V. S. Pankratz, H. M. Salk, R. B. Kennedy, G. A. Poland: HLA alleles associated with the adaptive immune response to smallpox vaccine: a replication study. In: Human genetics. Band 133, Nummer 9, September 2014, S. 1083–1092, doi:10.1007/s00439-014-1449-x. PMID 24880604, . Innerhalb von ein bis zwei Wochen weisen 95 % der Geimpften neutralisierende Antikörper mit einem Titer von eins zu über zehn auf.CDC: . Abgerufen am 19. Mai 2015. Ein Titer über Werten zwischen eins zu zwanzig und eins zu 32 (je nach Quelle) wird mit einer Immunität assoziiert.I. J. Amanna, M. K. Slifka: Contributions of humoral and cellular immunity to vaccine-induced protection in humans. In: Virology. Band 411, Heft 2, 2011, S. 206–215. doi:10.1016/j.virol.2010.12.016. PMID 21216425. . Zytotoxische T-Zellen sind an der Entfernung der Viren beteiligt.

Der Impfschutz durch eine einzelne Pockenimpfung nimmt laut CDC nach etwa drei bis fünf Jahren ab, nach 20 Jahren sei der Impfschutz vernachlässigbar gering. Bei erfolgreicher zweimaliger Impfung kann der Schutz gegenüber schwerer Erkrankung über dreißig Jahre anhalten. Nach einer Studie aus dem Jahr 2003 hält der Schutz gegenüber (schwerer) Erkrankung nach einer Impfung vermutlich lebenslang an.Hammarlund, E., Lewis, M., Hansen, S. et al. Duration of antiviral immunity after smallpox vaccination. In: Nat Med 9, 1131–1137 (2003). doi:10.1038/nm917

Impfschutz gegenüber Affenpocken