mini|hochkant=0.7|Das Buch von Berlin (1927), Umschlag von Walter Trier (1. Binderate) Was nicht im „Baedeker“ steht war eine von 1927 bis 1938 im Piper Verlag München herausgegebene Buchreihe von insgesamt 17 Bänden, die sich als alternative Reisebeschreibungen im feuilletonistischen Stil verstanden. Die Reihentitel waren mit Schwarzweißillustrationen von namhaften Buchkünstlern und überwiegend mit Einbänden nach Entwürfen von Walter Trier ausgestattet.
Inhalt und Autoren Das Reihenkonzept Die von dem jüdischen Teilhaber des Verlags, Robert Freund, lektorierte ReiheLudwig Hirschfeld: Das Buch von Wien. 1927, 11.–20. Tausend, S. 1 widmete sich ausgewählten europäischen Metropolen, deutschen Mittelstädten, zum Teil auch unter Zusammenfassung von benachbarten Orten, einigen bekannten Landschaften des In- und Auslands, aber immerhin der gesamten Schweiz mit zwei Bänden. Aufgrund der nur begrenzten Anzahl der Titel, was sicher mit der politischen Entwicklung ab 1933 in Zusammenhang steht, die zur weitestgehenden Einstellung der Buchreihe geführt haben dürfte, liegt kein repräsentativer Querschnitt von deutschen und europäischen Reisezielen vor, sondern nur ein Kaleidoskop ausgewählter Destinationen. Die Reihenbände sollten ihre Wirkung als augenzwinkernder Gegenentwurf zu den sehr sachlichen und auf das, aus Sicht des Baedeker-Verlags, für den Reisenden Wesentliche beschränkten Baedeker-Inhalten entfalten. Die Orts- und Landschaftsbeschreibungen verstanden sich dabei auch nicht als Reiseführer im klassischen Sinne, waren sie doch schon von Format und Ausstattung her nicht für den Gebrauch unterwegs geeignet. Vielmehr reflektierten sie in feuilletonistischem Stil vor allem die Atmosphäre der behandelten Reiseziele und lenkten dabei vielfach den Blick des Lesers auch hinter die Kulissen der touristischen Fassaden. Gerade zu den titelgebenden deutschen Großstädten liefern die pointiert verfassten Texte noch heute informative Abrisse ihres mannigfaltigen kulturellen und geistigen sowie politischen Lebens am Ausgang der Weimarer Republik, das nach der bald folgenden Machtergreifung durch Hitler, der im Band München ebenso wie NSDAP-Versammlungen als dort anzutreffende „Sehenswürdigkeiten“ noch mehrfach sarkastisch erwähnt wirdPeter Scher, Hermann Sinsheimer: Das Buch von München. R. Piper & Co. Verlag, München 1928, S. 18, 48, zunächst seines liberalen und progressiven, vor allem aber jüdischen Elements beraubt werden und schließlich in den folgenden Kriegsjahren endgültig untergehen sollte. Dieses Schicksal teilte auch die Hauptstadt des nicht einmal eine Dekade später an Deutschland angeschlossenen Österreichs. Nicht wenige der in den Büchern erwähnten Personen fanden sich später auf den behördlichen Verfolgungslisten des Deutschen Reichs und in den Emigrantenkreisen des Auslands wieder. Der österreichische Autor Ludwig Hirschfeld wurde sogar trotz seiner Flucht nach Paris später von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Der Inhalt der Bände wurde neben dem Inhaltsverzeichnis überwiegend durch Register zu den erwähnten Orten, Personen und Themen erschlossen.
Die Autoren der einzelnen Reihenbände Reihenentwicklung bis Anfang 1933 mini|Werbung für die Buchreihe in der Zeitschrift die neue stadt (5/1932)Zeitschrift die neue Stadt (Heft 5 von August, 1932, 2. Umschlagseite, Digitalisat der Uni Heidelberg)
Auftaktbände 1927 Berlin Den ReihenauftaktVergleiche die Ankündigung der ersten beiden Bände für Berlin und Wien als „Geb.[unden]“ zum Preis von 3,60 Mark im Börsenblatt Nr. 128 vom 3. Juni 1927, S. 5282, 5292 (SLUB Digitalisat). für die deutsche Hauptstadt verfasste kein Urberliner – hier wäre beispielsweise Hans Ostwald in Betracht gekommen –, sondern der aus Ungarn stammende Journalist sowie Buch- und Drehbuchautor Eugen Szatmari, der den Band zweimal leicht überarbeitete. Während die erste Auflage noch mit einem Sachregister ausgestattet wurde – beim 11. bis 15. Tausend blieb davon nur noch ein ins Leere führender Eintrag im Inhaltsverzeichnis übrig –, warteten die beiden folgenden mit der neuen Rubrik „Kurze Ratschläge für Berlinreisende“ auf, bei der es um praktische Alltagsfragen des Aufenthalts in Berlin, wie Postämter, Verkehrsmittel oder auch das Dampfbaden ging. Die Zahl der zunächst 36 Illustrationen reduzierte sich ab dem 11. Tausend auf 32, wobei erst dann alle 9 enthaltenen Künstler auch auf dem Titelblatt ausgewiesen wurden. In der dritten Auflage ist noch immer Derso genannt, obwohl im Band keine mit seinem Namen signierte Illustration mehr zu finden ist. Die neu aufgenommene, unsignierte Zeichnung von Reichskanzler Heinrich Brüning entspricht offenkundig nicht seinem Stil.Vergleiche S. 53 des 16.-20. Tausend. Während bis zum 15. Tausend im Kapitel „Zwischen Wilhelmstraße und Platz der Republik - Regierungsviertel und Parlament“ eine möglicherweise in Aussicht stehende Ernennung von Hermann Müller zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten erwähnt wird, war in der letzten Auflage der Amtsantritt Heinrich Brünings als neuer Reichskanzler thematisiert worden – der Redaktionsschluss dieser Auflage lässt sich dadurch auf etwa Ende 1930/Anfang 1931 datieren. Erstmals in dieser Auflage sind die im Ergebnis der Reichstagswahl von September 1930 mit 18,3 % (Zuwachs von 15,5 % zu 1928) im Reichstag vertretenen „Nazis“ als neue starke politische Kraft erwähnt. Die Lektüre des Berlin-Bandes zur Information über den Reichstag und seine damaligen Protagonisten empfahl kein Geringerer als Franz Hessel in seinem 1929 erschienenen Essay „Spazieren in Berlin“.Franz Hessel: Spazieren in Berlin. Dr. Hans Epstein, Leipzig und Wien 1929, S. 134 (Digitalisat der ZLB Berlin).
Wien Zunächst war diesem 1927 erschienenen II. Reihenband ein Anhang für Budapest, die mit Wien eng verbundene, ehemalige zweite Hauptstadt der Donaumonarchie beigegeben. In der 2. Auflage (11.-20. Tsd.) wurde dieser weggelassen, weil bereits das Erscheinen eines eigenen Bands für Ungarn und Budapest im Folgejahr geplant war. Der Autor Ludwig Hirschfeld wollte mit diesem Buch seine Geburtsstadt dem literarisch, kulturpolitisch und touristisch interessierten Leserkreis nahebringen.Hintergründe zur Entstehung dieses Bandes und zum Schaffen des Autors gibt Peter Payer im Magazin des Wien Museums (27. August 2024) unter dem Titel: Ludwig Hirschfelds ‚Was nicht im Baedeker steht: Wien‘ (Digitalisat). Er wurde trotz seiner Emigration 1938 nach Paris noch ein Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Am 6. November 1942 sollte er von Paris aus nach Auschwitz deportiert und ermordet werden. Ludwig Hirschfeld hatte in einem besonderen Kapitel anhand der im Wiener Alltag damals vielfach zu hörenden Frage „Ist er ein Jud?“ das Verhältnis seiner Heimatstadt zum Judentum thematisiert. Die Frage sollte somit in seinem Schicksal eine Antwort mit tragischen Folgen finden.
The Vienna Das Buch von Wien wurde 1929 als einziger Band unter Neugestaltung auch der Einbandzeichnung durch Walter Trier und der Illustrationen ins Englische übersetzt, wofür T. W. MacCallum,Erstaunlicherweise wird auf der Titelseite und dem Schutzumschlag sowie auf beiliegenden Werbematerialien des Verlages der Übersetzer in Abweichung von seiner tatsächlichen Schreibweise stets getrennt "Mac Callum" geschrieben. der damals als Autor von Sprachlehrbüchern und Radiomoderator in Erscheinung trat, verantwortlich zeichnete. Die Einführung Hirschfelds wurde durch eine Vorbemerkung des Übersetzers ersetzt, deren Inhalt sich an den englischsprachigen Leser richtete. Der Band erhielt 1931 sogar eine besondere US-amerikanische Ausgabe.
Folgebände 1928 bis 1932 Bände von Hermann von Wedderkop Gleich fünf Reihenbände, wovon drei den europäischen Metropolen London, Paris und Rom und die beiden anderen „Oberitalien“ und „Köln, Düsseldorf, Bonn“Vergleiche die Ankündigung des Bandes im Börsenblatt Nr. 182 vom 7. August 1928, S. 6353 (SLUB Digitalisat). gewidmet waren, steuerte der Herausgeber des Zeitgeistmagazins Der Querschnitt, Hermann von Wedderkop, bei. London Für diesen Band lieferte der britische Zeichner Paul [John] Bloomfield, die Illustrationen und verleiht dem Band dadurch besondere Authentizität. Er ist später vor allem auch als Schriftsteller und Biograf in Erscheinung getreten.Paul John Bloomfield (1898–1975; die Internet Speculative Fiction Database (ISFDB) listet ihn mit dem Geburtsjahr 1898 und dem Todesjahr 1975) hinterließ eine Autobiografie „Half the Battle: Harrow, Oxford, London“ von 1936, der sich 1950 das „Journal, 1939–1949“ (persönliches Tagebuch, das die Kriegs- und Nachkriegsjahre dokumentiert) anschließt. Weitere wichtige Werke über britische Persönlichkeiten sind: „William Morris“ von 1934 (Studie über das Leben und Werk des Künstlers und Sozialisten); „Benjamin Disraeli“ von 1961 (Teil der Reihe Writers and Their Work (No. 138), veröffentlicht für den British Council); „Edward Gibbon Wakefield. Builder of the British Commonwealth“ von 1961 (Biografie über den britischen Kolonialpolitiker) oder „L. P. Hartley“ von 1962/1970 (literaturkritische Studie über den britischen Schriftsteller). Weitere Sachbücher von ihm sind: „Uncommon People. A Study of England's Elite“ von 1955 (soziologisch-biografische Untersuchung), „Imaginary Worlds. Or, The Evolution of Utopia“ von 1932 (frühe Auseinandersetzung mit utopischer Literatur) und „B.B.C.“ von 1941 (Werk über die British Broadcasting Corporation). Ein von ihm selbst geschriebenes und illustriertes Werk war „Quite Contrary“ von 1930. Vergleiche zu einigen Titeln die Webseite Open Library, wobei die Erstausgaben neueren Datums (nach 1975) einem namensgleichen Autor zuzuordnen sind, was zu beachten ist. München In einem einführenden Kapitel „Bei Licht betrachtet“ werden mit humoristischem Unterton schlaglichtartig bayerische und lokale Besonderheiten in Politik, Kultur und Alltagsleben beleucht.Vergleiche die Ankündigung des Bandes im Börsenblatt Nr. 171 vom 25. Juli 1928, S. 6111 (SLUB Digitalisat). Dabei ist auch Hitler nach dem misslungenen Putsch von 1923 – entgegen der tatsächlichen späteren Entwicklung – als schon erledigte „Saisonerscheinung“ erwähnt im Gegensatz zum als sehr populär beschriebenen, im Ergebnis der Nazi-Herrschaft ab 1933 aber abgesetzten bayerischen Ministerpräsidenten Held. Die bekanntesten Münchener Künstler und Schriftsteller sowie die mit dem Verlagswesen und Kunsthandel verbundenen bedeutenden Personen sind in einer von Hermann Bahr bis Walther Zimmermann (Direktor der Münchener Künstlergenossenschaft) reichenden, mit launigen Charakterisierungen versehenen umfangreichen Ehrentafel aufgeführt, die mit Portraitzeichnungen von Heinrich und Thomas Mann, Oskar Maria Graf und Max Halbe geschmückt ist. Ergänzend werden in einem der Kleinkunst gewidmeten Kapitel unter anderen Karl Valentin und Liesl Karlstadt, Ringelnatz mit dem von Kathi Kobus gegründeten Simplicissimus sowie die Volkssänger Weiß Ferdl und Eringer Seppl vorgestellt. Überhaupt finden sich an vielen Stellen des Buchs Hinweise zum besonderen Verhältnis der Stadt zu den Künsten, das auch mit einem „Traktat über die schönen Künste“ schließt. Bei der Erwähnung der vielfältigen Münchener Freizeitaktivitäten („Weekend und andere Münchner Ansammlungen“) darf natürlich auch das Oktoberfest nicht fehlen; München wird auch als Ausgangspunkt für mehr oder weniger in der Nähe liegende Reiseziele, wie die Salzburger Festspiele und die Oberammergauer Passionsspiele („München und die Provinz“), beschrieben. Der Mitautor Hermann Sinsheimer – der andere Autor war der ehemalige Chefredakteur des Satireblatts Simplicissimus Peter Scher –, unterlag als jüdischer Autor nach 1933 staatlichen Verfolgungsmaßnahmen, konnte aber im Gegensatz zu dem in seiner Pariser Emigration verhafteten Hirschfeld (siehe Band „Wien“) 1938 über Palästina nach England fliehen.
Leipzig, Hamburg