Ein Kritisches Lebensereignis ist ein Ereignis, das die bestehende Lebenssituation einer Person verändert und sie zu Maßnahmen der Bewältigung und Anpassung zwingt. Beispiele für Kritische Lebensereignisse (auch belastendes Lebensereignis, Lebenskrise, Stressful Life Event, Adversity) sind: Verlust des Arbeitsplatzes, Trennung/Scheidung, Tod von Partner oder Kind, schwere eigene Erkrankung/Unfall bzw. von Familienmitglied sowie lebensbedrohende Ereignisse (Traumata). Kritische Lebensereignisse treten in jedem Lebenslauf auf. Sie werden von der Sozial-Epidemiologie untersucht als mögliche Verursacher oder Auslöser von körperlichen und psychischen Erkrankungen. Sie erhöhen die Risiken verschiedener Erkrankungen. Die betroffenen Personen bewältigen kritische Lebensereignisse mehrheitlich jedoch soweit erfolgreich, dass sie nicht manifest bzw. nicht längerfristig erkranken.

Im Rahmen der Entwicklungspsychologie wird die Bedeutung von kritischen Lebensereignissen für Entwicklungsveränderungen über die Lebensspanne untersucht. Zu den kritischen Ereignissen werden hier auch Entwicklungsaufgaben und Rollen-Übergänge gerechnet. Sie lösen entwicklungsmäßigen Wandel aus. Unabhängig von einer evtl. Erkrankung beeinflusst ein kritisches Lebensereignis häufig die gesamte Lebenssituation einer Person und kann ihren Lebenslauf in eine ungünstige Richtung bringen. – In neuerer Zeit werden die Auswirkungen von kritischen Lebensereignissen im Rahmen des Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modells eingeordnet. Weiterhin werden die Bewältigungs-Strategien sowie die Auslöser von kritischen Ereignissen untersucht.

Definition und Merkmale Kritische Lebensereignisse „attackieren das Passungsgefüge einer Person mit ihrer Umwelt“. Sie erschüttern bislang unhinterfragte Gewissheiten und können heftige Emotionen auslösen. „Wenn alle Versuche der Reorganisation der Person-Umwelt-Passung [Bewältigung] zu misslingen scheinen und auch der damit einhergehende negative Affekt nicht reguliert werden kann“, kommt es zur Krise, deren Ausgang positiv oder negativ sein kann.S. H. Filipp, P. Aymanns: Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. 2010, S. 13 ff.

Unter "Kritischem Lebensereignis" werden sehr heterogene Ereignisse in der gesamten Lebensspanne zusammengefasst, wobei beträchtliche Überlappungen bestehen zu "Stress" und zu "Trauma":T. Klauer, W. Greve: Kritische Lebensereignisse und Gesundheit. 2005.S. H. Filipp, P. Aymanns: Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. 2010, S. 41 ff.B. Wheaton u. a.: The impact of twenty childhood and adult traumatic stressors on the risk of psychiatric disorder. In: I. H. Gotlib, B. Wheaton (Hrsg.): Stress and adversity over the life course: Trajectories and turning points. Cambridge University Press, New York 1997, S. 50–72. kritische Lebensereignisse im engeren Sinn, lebensverändernde Ereignisse normative Ereignisse, Entwicklungsaufgaben chronische Stressfaktoren (z. B. Pflege eines chronisch kranken Angehörigen) Alltagsbelastungen (daily hassles, z. B. langer Anfahrtsweg zur Arbeitsstelle) belastende Großereignisse (z. B. Wirtschaftskrise, Naturkatastrophe) Nicht-Ereignisse (z. B. ungewollte Kinderlosigkeit, ausbleibende Beförderung) Traumata im engeren Sinne: ein Trauma-Ereignis liegt vor, wenn das Leben oder die körperliche Unversehrtheit der Person verletzt oder bedroht wird (z. B. Opfer von körperlicher Gewalt, Vergewaltigung, Kriegshandlung).A. Maercker: Symptomatik, Klassifikation und Epidemiologie. In: A. Maercker (Hrsg.): Posttraumatische Belastungsstörungen. 4. Auflage. Springer, Berlin 2013, S. 13–34. Teilweise werden auch schwerwiegende, aber nicht lebensbedrohende Ereignisse als "Trauma" bezeichnet. kritische Lebensereignisse bzw. Trauma-Ereignisse im Kindesalter (Kindheitstraumata), vor allem sexueller Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung.

Ob ein kritisches Lebensereignis zu einem erhöhten Erkrankungsrisiko führt, hängt sowohl von Merkmalen des Ereignisses als auch von Merkmalen der betroffenen Person ab. Relevante Ereignismerkmale sind: Unkontrollierbarkeit: das Ereignis bzw. seine Folgen können durch eigene Handlung nicht verhindert oder beeinflusst werden; Schweregrad, Intensität, Anzahl der durch das Ereignis tangierten Lebensbereiche ("Wirkungsgrad"); Dauer des Ereignisses und seiner Folgen: einmaliges/kurzfristiges Ereignis (Typ-I-Trauma) vs. chronisches bzw. wiederholtes Ereignis (Typ-II-Trauma).

Relevante Personenmerkmale sind: Alter bei Eintritt Geschlecht persönliche Bewertung des Ereignisses Fähigkeiten und Ressourcen zur Bewältigung, persönliche Schutzfaktoren verfügbare soziale Unterstützung.

Untersuchungsmethoden In der empirischen Forschung werden häufig Listen kritischer Lebensereignisse verwendet, anhand derer die Befragungspersonen die von ihnen erlebten Ereignisse angeben sollen. Die Erhebung erfolgt per Fragebogen oder/und durch geschulte Interviewer. Eines der ersten Instrumente war die "Social Readjustment Rating Scale SRRS" von Holmes & Rahe (1967).T. H. Holmes, R. H. Rahe: The social readjustment scale. In: Journal of Psychosomatic Research. Band 11, 1967, S. 213–218. Die Skala enthält 43 negative und positive Lebensereignisse, deren jeweilige Schweregrade zahlenmäßig festgelegt sind durch ihren sog. Wiederanpassungsaufwand (Life Change Unit; z. B. Tod des Ehepartners = 100, Eheschließung = 50, Arbeitsplatzverlust = 47; s. Artikel Stressor). Die Belastungswerte der individuell angegebenen Lebensereignisse werden zu einem Gesamt-Belastungswert addiert. Empirisch hat sich gezeigt, dass nur negative Lebens-Ereignisse das Risiko von Erkrankungen erhöhen.S. L. Hatch, B. P. Dohrenwend: Distribution of traumatic and other stressful life events by race/ethnicity, gender, SES and age: A review of the research. In: American Journal of Community Psychology. Band 40, 2007, S. 313–332.

Bei der Verwendung von Ereignislisten bestehen verschiedene methodische Probleme. Es wird eine Vielzahl von unterschiedlichen Ereignis- und Trauma-Listen eingesetzt, so dass die Ergebnisse nur teilweise vergleichbar sind. Wenn in einer Liste auch weniger schwerwiegende Ereignisse enthalten sind, ergibt sich eine höhere Anzahl von betroffenen Personen. Die subjektive Bewertung und affektive Bedeutung der Ereignisse sowie die auslösenden Bedingungen werden häufig nicht erfasst. Schwere bzw. traumatische Ereignisse haben eine niedrige Eintrittswahrscheinlichkeit, sie sind häufig in den Listen nicht enthalten. Die Erfassung erfolgt meistens retrospektiv, was zu Erinnerungsfehlern führen kann; z. B. kann die Erinnerung an das Ereignis durch die Folgen des Ereignisses beeinflusst werden.S. H. Filipp, P. Aymanns: Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. 2010, S. 55 ff. – Ein alternatives Vorgehen besteht darin, Personen zu untersuchen, die mit einem bestimmten kritischen Lebensereignis konfrontiert waren, z. B. Krebsdiagnose. Wie betroffene Personen dieses Ereignis und seine Folgen interpretieren und bewältigen, wird ausführlich untersucht.

Forschungsethik der Untersuchung kritischer Lebensereignisse Zwischenzeitlich ist die empirische Untersuchung kritischer Lebensereignisse aufgrund oben genannter epistemisch-methodischer Herausforderungen sowie der prinzipiellen Gefahr, gesellschaftliche Stigmatisierungstendenzen zu reproduzieren, Reflexionsgegenstand einer eigenständigen Forschungsethik. Ausgehend vom neo-aristotelischen Verständnis gelingenden Lebens, streben Wissenschaftsethiker wie Frederic Vobbe eine stärkere Partizipation betroffener Gruppen bei der Problemdefinition und sämtlichen relevanten Forschungsentscheidungen an.

Ferner begründen die Prävalenzen kritischer Lebensereignisse, weshalb der aus dem medizinethischen Principlism übersetzte Grundsatz des Nicht-Schadens forschungsethisch auch auf Kontaktrisiken angewendet werden müsse, denen Forschende selbst ausgesetzt sind. Konkret sei damit zu rechnen, dass Wissenschaftler strukturell vulnerabel werden, indem sie sich intensiv mit Erlebnissen befassen, die eigene biografische Ohnmachtserfahrungen bzw. Erfahrungen von Kohärenzverlust reaktivieren können. Vertreter dieser Position differenzieren eine systematische betroffenensensible Revision wissenschaftlicher Informalstrukturen aus.

Häufigkeit von kritischen Lebensereignissen Trennung/Scheidung und Arbeitslosigkeit sind häufige Ereignisse. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1995 hat sich das Scheidungsrisiko verdreifacht.A. Diekmann, H. Engelhardt: Die soziale Vererbung des Scheidungsrisikos. Eine empirische Untersuchung der Transmissionshypothese mit dem deutschen Familiensurvey. In: Zeitschrift für Soziologie. Band 24, 1995, S. 215–228. Bezogen auf das Jahr 2012 wurden in Deutschland mehr als ein Drittel der Ehen bis zu einer Ehedauer von 25 Jahren geschieden.Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch Deutschlands 2014. S. 55. 2014 waren in Deutschland insgesamt 2.950.250 Personen arbeitslos gemeldet.Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch Deutschlands 2014. S. 361.

Trauma-Ereignisse im engeren Sinne sind deutlich weniger häufig. Eine repräsentative deutsche Bevölkerungsstichprobe (Maercker u. a. 2008; Alter 14–93 Jahre) wurde im Jahr 2005 hinsichtlich Trauma-Ereignissen im gesamten bisherigen Leben befragt; Mehrfach-Nennungen waren möglich. Zudem wurden Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung erhoben.A. Maercker u. a.: Posttraumatische Belastungsstörungen in Deutschland. Ergebnisse einer gesamtdeutschen epidemiologischen Untersuchung. In: Nervenarzt. Band 79, 2008, S. 577–586. In Tab. 1 sind für Kriegs- und zivile Traumen die Lebenszeit-Prävalenzen angegeben.

Art des Traumas Prävalenz des Traumas % 1. direkte Kriegshandlungen 8,2 2. ausgebombt im Krieg 7,0 3. heimatvertrieben 6,7 4. Gefangenschaft/Geiselnahme 1,6 5. Vergewaltigung 0,75 6. Kindesmissbrauch* Kindesmissbrauch: jünger als 14. Lebensjahr. 1,2 7. schwerer Unfall 4,6 8. körperliche Gewalt 3,8 9. lebensbedrohliche Krankheit 3,0 10. Naturkatastrophe 0,8 11. Zeuge einer Traumatisierung 8,5 12. andere Traumen 3,6 Tab. 1 Trauma-Lebenszeit-Prävalenz (Maercker u. a. 2008); 1.–4. Kriegstraumen; 5.–12. zivile Traumen;

Häufigstes Trauma-Ereignis war es, Zeuge der Traumatisierung einer anderen Person zu sein (8,5 %). Kriegsbezogene Traumata waren ebenfalls nicht selten. Insgesamt hatten 24 % der Befragten in ihrem Leben ein oder mehrere Trauma-Ereignisse erlebt; 28,0 % der Frauen, 20,9 % der Männer. – In einer repräsentativen US-weiten Bevölkerungsstichprobe (Kessler u. a. 1995)R. C. Kessler u. a.: Posttraumatic stress disorder in the National Comorbidity Survey. In: Archives of General Psychiatry. Band 52, 1995, S. 1048–1060. wurden Personen im Alter von 15 bis 54 Jahren nach dem Vorkommen von Trauma-Ereignissen sowie nach Symptomen der Posttraumatischen Belastungsstörung in ihrem bisherigen Leben befragt (Lebenszeit-Prävalenz); Mehrfach-Nennungen waren möglich. Gemittelt über die Geschlechter waren die drei häufigsten Ereignisse: Zeuge von Unfall oder Gewalt (25,0 %); eigener Unfall (19,4 %); Katastrophe (Feuer, Flut, Naturkatastrophe 17,1 %). Von den Befragten hatten 60,7 % der Männer und 51,2 % der Frauen ein oder mehrere Traumata in der Lebenszeit erlebt. – Übereinstimmend zeigen die Erhebungen, dass Trauma-Ereignisse im Lebensverlauf keineswegs selten sind; in Deutschland hat etwa ein Viertel der Bevölkerung mindestens ein Trauma erlebt, in den USA mehr als die Hälfte.

Kritische Lebensereignisse als Auslöser von Erkrankungen