mini|Fassade zur Rathausstraße

Das Freiweltliche adelige von Jena’sche Fräuleinstift (Kurzform: Jena’sches Fräuleinstift; auch Jenastift) war ein Frauenstift in Halle. Das Stift befand sich in der Hallenser Rathausstraße 15. Ihm gehörten bis zu neun alleinstehende Damen aus dem Adelsstand an, die unter Leitung einer adeligen evangelisch-reformierten Äbtissin Unterkunft und Verpflegung fanden. Die bis 1945 eingetretenen Stiftsdamen waren sehr selbstbewusst und widmeten sich aus christlicher Nächstenliebe besonders der Krankenpflege.Jenastift in der Rathausstraße. In: Mitteldeutsche Zeitung, Halle (Saale), 11. Mai 2003. Eine heute noch bekannte Stiftsdame unter der letzten Äbtissin war die erste promovierteAngabe ihres Dr.-Grades im Adressbuch von Halle 1943: Teil I Haushaltsvorstände nach Namen geordnet Krankenschwester Erna von Abendroth.Adressbuch von Halle und Umgebung 1943, digitalisiert von der Uni.-Bibliothek Halle (Saale), Teil II, S. 100 Spalte 5: Rathausstraße 15 „Jenasches Fräuleinstift“

Gründung Die Stiftung geht auf den kinderlosen Kurator der ersten Hallenser Universität Gottfried von Jena (1627–1703) zurück, der in seinem 70. Lebensjahr nach Halle gezogen war und dort das Bürgerrecht erwarb.Siegfried Hildebrand: 14. Mai 1703 – 14. Mai 2003. 300 Jahre Jenastift. In: Amtsblatt der Stadt Halle, 11. Jahrgang, Nr. 9, 7. Mai 2003. Er stellte rund 60 Tausend Taler zur Verfügung.„Jena. Reichsadelsstand“: Gottfried v. J. In: Ernst Heinrich Kneschke im Vereine mit mehreren Historikern (Hrsg.): Neues allgemeines Deutsches Adels-Lexicon. Band 4, Friedr. Voigt, Leipzig 1863, S. 588. Am 30. Dezember 1702 bestätigte Friedrich I. von Preußen die Stiftungsurkunde für das „Jena’ische Fräuleinstift“ in der halleschen Rathausstraße. Das vom Stifter beantragte und vom preußischen König genehmigte Wappen zierte auch zu DDR-Zeiten die Wand des früheren großen Saales in der ersten Etage zum Hof hin. Die Stiftsdamen lebten in dem ehemaligen Wohnhaus Gottfried von Jenas, einem repräsentativen Renaissancebau, der auch als Hallesches Stadtpalais bezeichnet wurde.Das Jenastift. Ein hallesches Stadtpalais (Titel einer Fotoausstellung von Thomas Molsberger, Halle 2005): Spurensuche im Jenastift

Stiftsname Im Laufe der Geschichte des einzigen adligen Damenstiftes der Stadt Halle wurden für dieses Stift für allein- stehende Frauen aus dem Adelsstand verschiedene Bezeichnungen verwendet. Der Prädikant und spätere Domprediger Adolf Zahn (1824–1900) bezeichnete das von ihm geistlich betreute Frauenstift als „v. Jenasches adliges Fräuleinstift“ und verwies darauf, dass der „Freiherr Gottfried von Jena“ das „große Haus in der Rathausgasse zu einem freiweltlichen Fräuleinstift mit sehr guten Ordnungen“ ausgestattet hatte.Adolph Zahn: Aus dem Leben eines reformierten Pastors. Barmen 1881, , S. 11. Das ehemalige Stiftshaus, einst in der Rathausgasse gelegen, die in Rathausstraße umbenannt wurde, wird im 2014er Innenstadtplan von Halle als „Ehem. (adliges) Jenastift“ unter den bemerkenswerten Gebäuden und Denkmälern aufgeführt.Innenstadtplan Halle (Saale) unter Nr. 48; Hrsg. Stadtmarketing Halle (Saale) GmbH; Kartenerstellung: Stadt Halle (Saale); Stand August 2014.

Im Adressbuch von 1946 wurde noch der herkömmliche Name „v. Jenasches adliges Fräuleinstift“ verwendet und das Stift in die „Anstaltseinrichtungen der Wohlfahrtspflege“ unter „Alters- und Pflegeheim für Alte und Gebrechliche“ eingeordnet.

Eigentum und Nutzung nach 1945 Durch Beschluss der Landesregierung Sachsen-Anhalts vom 2. Februar 1949 unter Ministerpräsident Erhard Hübener wurde das von Jena’sche Fräuleinstift in eine unmittelbare kirchliche Einrichtung der Evangelisch-Reformierten Domgemeinde in Halle umgewandelt. Im Jahre 1952 verstarb die letzte Äbtissin des Stiftes – Beginn ihrer Amtszeit 1925Monika Kubrova: Vom guten Leben. Adelige Frauen im 19. Jahrhundert. Akademie Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-05-005001-0, S. 395, Tabelle 3 „Äbtissinnen des Jenastifts“ – Anna von Seydlitz-Kurzbach.Anna von Seydlitz ist mit dem Beruf „Äbtissin“ und der Anschrift Rathausstraße 15 im Hallenser Adressbuch 1946/47 eingetragen, wobei aus ihrem Doppelnamen ein einfacher Familienname gemacht wurde. Im halleschen Adressbuch für das Jahr 1940 heißt es dagegen zutreffend „von Seydlitz-Kurzbach, Anna, Äbtissin“ Hallesches Adressbuch mit Umgebung für das Jahr 1940 Die letzte Stiftsdame, Fräulein von Rohrscheidt († 1974) lebte mit ihrer ehemals „bürgerlich“ verheirateten Schwester und späteren Witwe bis zum eigenen Tod im einstigen Damenstift. Zu den letzten im Jenastift wirkenden StudentenpfarrernGeschichte der ESG Halle (Saale); gehören Rudolf Schulze (1964 bis 1970)ESG-Geschichte im Web-Archiv und der evangelische Theologe Wolf Krötke (1970 bis 1973), nachmaliger Professor für systematische Theologie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.Beintker, Michael: Professor Krötke feiert am 5. Oktober seinen 80. Geburtstag …. In: Wochenzeitung "die Kirche", Wichern-Verlag Berlin, Nr. 40 / 7. Oktober 2018, S. 3 Nachdem das Stiftsgebäude 1976 wegen hoher Kosten und Sanierungsbedürftigkeit an die Stadt veräußert wurde, zog die jahrzehntelang dort beheimatete Hallenser Evangelische Studentengemeinde (ESG)Nachweis in einer Ausstellung zum 60-jährigen Bestehen der ESG Halle im Jahre 2005, und der „Chor der Studenten-Gemeinde Halle“, die Kurrende, unter ihrem Leiter Domorganist Reinhard Ohse aus den ehemaligen Räumen der früheren Oberin, darunter dem „Roten Salon“ und dem Saal im ersten Obergeschoss, in ein anderes Heim innerhalb der Universitätsstadt um. Das ehemalige Stiftsgebäude wurde ein kommunaler Verwaltungssitz und gehört nun zum benachbarten Rathaus. Im Architekturführer von Halle (Saale) aus dem Jahre 2002 wird dieses historische Gebäude in der Altstadt als eines der eindrucksvollsten Patrizieranwesen aus der Zeit der Renaissance gewürdigt.Holger Brülls / Thomas Dietzsch: Architekturführer Halle an der Saale. Berlin 2002, ISBN 3-496-01202-1, S. 36 unter Nr. 44.

Gedenktafel, Wappen und Stiftssiegel mini|Wappen

Eine Gedenktafel informiert über die Geschichte des Gebäudes:

Nach 1945 hingen kriegsbeschädigt und farblos über dem Rundbogen des kombinierten Eingangs- und Durchfahrtsportals zu Haus und Hof des Jenastifts das Mittlere Staatswappen von Preußen sowie in seinen 12 Feldern die Wappen der preußischen Provinzen und Länder, darunter das Wappen der Provinz Sachsen, zu der das Jenastift in Halle gehörte. Das königlich-preußische Wappen wurde erstmals am 23. März 1703 über dem Tor des Stiftsgebäudes in der damaligen Rathausgasse zusammen mit dem Stiftswappen angebracht.Pagus Neletici et Nudzici, oder Ausführliche diplomatisch-historische Beschreibung des zum ehemaligen Primat und Ertz-Stifft, nunmehr aber durch den westphälischen Friedens-Schluß secularisirten Hertzogthum Magdeburg gehörigen Saal-Creyses, und aller darinnen befindlichen Städte, Schlössen, Aemter, …: insbesonderheit der Städte Halle, Neumarckt, Glaucha, Wettin, Lobejün, Cönnern und Alsleben / Johann Christoph von Dreyhaupt. Hrsg. Uwe Meißner / Arbeitsgemeinschaft für mitteldeutsche Familienforschung e. V., Arbeitskreis Halle und Umgebung, Fliegenkopf Verlag, Halle 2002, ISBN 3-930195-70-4, S. 228. Die öffentliche Anbringung dieses Wappens hatte die Funktion eines königlich-preußischen Schutzbriefes – Salva Guardia – und war in dem von preußischen Staatsminister Paul Freiherr von Fuchs ausgefertigten Dokument Nummer 381 vom 4. Januar 1703 geregelt.Ziff. 13 im „Privilegium des freyen Weltl. Jenaischen Fräulein-Stiffts zu Halle“: S. 243.

Das mittlere preußische Staatswappen ist nach farbenprächtiger Restaurierung durch einen Hallenser Handwerker wieder an ursprünglicher Stelle zu betrachten.Restauriertes mittlere preußische Staatswappen am ehemaligen Jenastifts-Gebäude in Halle (Saale), Rathausstraße 15: Abbildungen des wiederhergestellten Wappens Das Stiftswappen wurde im Siegel des Freiweltlichen adeligen von Jena’schen Fräuleinstifts abgebildet: Zwei Engelsgestalten, die sich mit ihren Köpfen sowie Flügeln über ein größeres Wappenschild beugen und mit je einer dunkelfarbigen Stola über ihren weißen Gewändern leicht bekleidet sind, wenden sich mit ihren ausgeprägten Gesichtern einem achteckigen Stern zu. In dem größeren Wappenschild mit Vierung und einer Kugel in Feld 1 und 4 sowie einem Querbalken in Feld 2 und 3 befindet sich ein weiteres, alle vier Felder übergreifendes kleineres Wappen mit einem nach links auffliegenden preußischen Adler. Im kreisförmigen Stiftssiegel gab es zudem die lateinische Inschrift in Großbuchstaben: SIGILLUM CONVENTUAL VIRGINUM NOBILIUM (Siegel des Konvents der Adeligen Jungfrauen).Abbildung in: Johann Christoph von Dreyhaupt: Pagus Neletici Et Nudzici…, Halle (1750), S. 228 Bei der Siegelung von Stifts-Dokumenten hatte die Äbtissin oder der bestellte Syndikus grünes Wachs zu verwenden.Johann Christoph von Dreyhaupt: Pagus Neletici Et Nudzici … Halle (1750), S. 230

Denkmal der Renaissance in Halles Altstadt mini|Rückseite

Das repräsentative Gebäude des ehemaligen adeligen Fräuleinstifts gehört zu den Denkmalen der Renaissance in der Altstadt von Halle.Denkmale in Halle Die fensterreiche Fassade des ehemaligen Stiftsgebäudes in der Rathausstraße wird durch eine großzügige Toreinfahrt und ein Fußgängerportal aus der Zeit der Renaissance aufgelockert. Die steinerne Umrahmung des Tores ist mit Diamantquadern geschmückt, die durch einen gelben Anstrich betont sind. Die Toreinfahrt führte einst in den ruhigen, erholsamen Hof, der von einem Ost- und einem Westflügel umschlossen wurde. Ein künstlicher SpringbrunnenAdolph Zahn: Aus dem Leben eines reformierten Pastors. Barmen 1881, S. 12. befand sich zur Erholung der Stiftsdamen reformierten Bekenntnisses und der sie geistlich betreuenden Domprediger sowie der Kuratoren auf dem Hofgelände, zu dem Bäume und ein Garten gehörten.

Die Stiftsbewohnerinnen und ihre Gäste konnten anfänglich einen gesonderten Eingang – das Fußgängerportal – zu ihrem Wohnhaus benutzen. Dieses reich verzierte Fußgängerportal wurde bei Umbaumaßnahmen im Jahre 1876 entfernt, blieb aber durch seinen Einbau in die Grundstücksmauer des Stifts erhalten. Es wurde im Jahre 1999 von der Stadt Halle an seine ursprüngliche Stelle in die Hausfront Rathausstraße als charakteristisches Stilelement der deutschen Renaissance eingefügt. Zu den einzelnen Etagen des mehrgeschossigen Gebäudes führt eine steinerne Wendeltreppe. Die beiden steinernen mit Muscheln verzierten Sitznischen von der Tür zum Treppenaufgang des Wendelsteins, die beim Umbau 1876 von der Fassade ihren Platz dort fanden, wurden in das ursprüngliche Fußgängerportal des ehemaligen Stiftsgebäudes wieder eingebaut. Der steinerne Bogen über der Fußgängerpforte ist von zwei ionischen Säulen geradlinig umrahmt und der dadurch entstandene Raum bietet Platz für die Köpfe der Gesichter von zwei Engelsgestalten, wie sie ähnlich im Stiftswappen und -siegel vorkamen. In den Portalbogen hinein schuf der Steinmetz in der Hochrenaissance einen bärtigen Männerkopf und darüber ein weiteres Gesicht, das eine zur Zierde angebrachte Schneckenlinie – die Volute – mittig unterbricht.S. Hildebrand: Das ehemalige von Jena’sche Fräuleinstift in Halle/Saale – Beispiel eines Stadtpalais der Renaissance- und Barockzeit. In: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt. Heft 12, 2003, S. 332–340, hier S. 332; Autorisierte