mini|Gotthard Oswald Marbach (Hrsg.): Geschichte von der schönen Magelone (= Volksbücher. Band 5). Wigand, Leipzig 1838(–1849) Volksbuch ist eine „Buchgattung des 18. und 19. Jahrhunderts mit Vorläufern im Zeitalter des Frühdrucks“. Der Begriff wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts von dem Lehrer und Publizisten Joseph Görres in Anlehnung an das Volkslied-Konzept Johann Gottfried von Herder eingeführt und bezeichnet Schriften, die als volkstümlich angesehen werden. Die noch junge Literaturwissenschaft des frühen 19. Jahrhunderts suchte Werke einer nationalen Tradition. Zu diesem Zweck wandten die Sammler der Texte ihren Blick zurück bis in das Mittelalter. Unter das Volksbuch-Konzept fallen nach heutigem Verständnis eine ganze Reihe von Textsorten, zum Beispiel Sagen, Legenden und Schwänke. Vielfach werden auch Versromane des Mittelalters oder gedruckte Prosaromane als Volksbücher veröffentlicht. Weder spezifische Stoffe noch eine einheitliche Herkunft zeichnen die Titel dieses Marktes aus.
Die teutschen Volksbücher von Joseph Görres (1807) Joseph Görres veröffentlichte im Jahr 1807 ein Buch mit dem Titel Die teutschen Volksbücher. Nähere Würdigung der schönen Historien-, Wetter- und Arzneybüchlein, welche theils innerer Werth, theils Zufall, Jahrhunderte hindurch bis auf unsere Zeit erhalten hat beim Verlag Mohr und Zimmer in Heidelberg.deutschestextarchiv.de Er widmete seine Veröffentlichung dem Hauptvertreter der sogenannten Heidelberger Romantik, Clemens Brentano, mit dem er befreundet war. Brentanos Bibliothek diente auch als Grundlage der Sammlung.
Das Buch ist eine wertende Übersicht von insgesamt 49 sogenannten Volksbüchern, die (nach Görres) im deutschsprachigen Raum beliebt waren, begleitet von einem „Traktat über die Volksbücher […], ein[em] weitere[n] Traktat (S. 262–306), eine teils philosophisch-religiös, teils faktenbezogene Betrachtung zur abendländischen Geschichte seit der Antike mit zunehmender Fokussierung auf die Literatur und schließlich ein auf 1807 in Heidelberg datiertes Nachwort.“ Er gliedert die Werke nach ihrer Funktion und stellt Übergänge zwischen belehrender, unterhaltender, phantastischer, humorvoller und religiöser Literatur heraus. Aus heutiger Perspektive würde man die von ihm aufgeführten Texte unter anderem als Exempelsammlung (Sieben weise Meister), Versroman (Herzog Ernst, Gregorius) Schwank (Til Eulenspiegel, Lalebuch), Prosaroman (Fortunatus, Haimonskinder, Veit Warbecks Magelone), Erzählung (Johann Leonhard Rosts Eine schöne lesenswerte Historie von dem unschätzbaren Schloss in der afrikanischen Höhle Xaxa, eine Bearbeitung einer Geschichte aus Tausendundeiner Nacht), (halbfiktionaler) Reisebericht (Mandeville), Sage (Rübezahl) oder Gebrauchsliteratur (darunter z. B. Arzneibücher, gelehrte Schriften von Albertus Magnus, Zunftbücher und Rätselbücher) ansehen.
Görres hat mit der Ausgabe eine kulturpolitische und literaturgeschichtliche Absicht verfolgt. Er wollte das in seinen Augen abgewertete und vergessene Erzählgut des „gemeinen Volkes“ rehabilitieren und damit zeigen, dass in diesen Schriften ein originärer, prägender „Volksgeist“ sichtbar wird, ähnlich den „Volksliedern“ Herders. Dabei ging es ihm um die Versöhnung zwischen der hohen und der volkstümlichen Literatur: Fernab von dem Kreise höherer Literatur, und ihrem vornehmen Tun und Treiben, hat unscheinbar und wenig gekannt bis auf die letzten Zeiten die Volksliteratur bestanden; die feinere Schwester hat ihrer niederen Abkunft sich geschämt, und hat’s nicht geliebt, viel Redens von ihr zu machen, und sie immer nur halb spöttisch von der Seite angesehen, damit sie nicht unbescheiden sich an sie drängen möge. Da vieler Hochmut in dieser Zeit zu Fall gekommen, so ist zu hoffen, daß auch diese Ziererei ihr Ende gefunden hat. Das angezeigte Buch wollte die Versöhnung zwischen den beiden, die, obgleich aus einem Stamm hervorgegangen, doch einander so fremd gewordenwaren, begründen und es scheint, als ob es ihm zum Teil gelungen sei.Er forderte die gebildeten Klassen auf, die kulturellen Wurzeln im „Volk“ nicht zu verleugnen und sah darin die Grundlage einer nationalen Identität. Das Mittelalter sah Görres stark idealisiert als Schlüssel zur kulturellen Vergangenheit der Nation. Wissenschaftliche Exaktheit stand bei seinem Vorhaben nicht im Vordergrund; Görres wollte begeistern und das Interesse für die nationale Vergangenheit wecken. Das zeigt sich beispielsweise in seiner Auswahl von Texte aus Brentanos Bibliothek, bei der er Werke überging, die seiner Auffassung nach nicht bekannt genug waren oder auf Grund ihrer kostbaren Ausstattung nicht volksnah genug erschienen. Seine romantische Faszination für das Mittelalter spiegelt sich auch in folgenden Worten:
Die volkskundliche Beschäftigung sollte als Beitrag zur Bildung eines kulturellen Selbstbewusstseins im Zeitalter des gesellschaftlichen Wandels dienen.Natalia Igl: Görres’ ‚Teutsche Volksbücher‘ in der ideologischen Konstellation der Zeit. Eine Untersuchung der Referenzprobleme und Strategieentwürfe der Volksbuchschrift mit Blick auf den gesellschaftlichen Strukturwandel und dessen Folgeprobleme. Arbeit zur Erlangung des Grades eines Magister Artium an der LMU München. 2005. In: Goethezeitportal, S. 90. Das von ihm dargelegte Konzept vom sogenannten „Volksgeist“ und die Annahme unterscheidbarer „Nationalcharaktere“ ist ein Bausteinen, auf den sich der deutsche Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert gründet.
Die deutschen Volksbücher wiedererzählt von Gustav Schwab (1836/1837) Gustav Schwab war Lehrer und Redakteur beim Brockhaus-Verlag in Leipzig. Später wurde er zum wichtigsten Berater des Cotta-Verlages. Neben seinen eigenen Veröffentlichungen redigierte er Texte und förderte junge Autoren, darunter Eduart Mörike und Theordor Fontane. Schwab gilt als einer der entscheidenden Vertreter der Tübinger Romantik. Viele Literaturschaffende, darunter Goethe, schätzten ihn als literarischen Mittler. Heute ist er kaum bekannt und wenig erforscht. Zunächst noch unter dem Titel Buch der schönsten Geschichten und Sagen für Alt und Jung veröffentlichte Schwab eine Anthologie in zwei Bänden in den Jahren 1836/37. Später erschienen, auf Wunsch seines Verlegers, der das Buch verkaufsfördernd Volksbuch nennen wollte, mehrere Neuauflagen unter dem Titel Die deutschen Volksbücher wiedererzählt von Gustav Schwab. Schwabs Interesse war kein primär philologisches, sondern vor allem pädagodisch. Sein Vorhaben waren Ausgaben für jugendliche Leser. Enthalten waren die folgenden Titel in Reihenfolge des Abdrucks:
Band 1 (1836) Die Historie vom gehörnten Siegfried von 1726 Die schöne Magelone Der arme Heinrich Hirlanda Genovefa Das Schloss in der Höhle Griseldis (Petrarca) aus dem Lateinischen übersetzt von Heinrich Steinhöwel Robert der Teufel Die Schildbürger Die vier Heymonskinder
Band 2 (1837) Kaiser Octavianus Die schöne Melusina (Thüring von Ringoltingen) Historie vom Herzog Ernst von Bayern und Österreich Doctor Faustus Fortunat und seine Söhne
Karl Simrock und die Volksbücher Karl Simrock war einer der bedeutendsten Germanisten des 19. Jahrhunderts. Ursprünglich hatte er Jura studiert, wurde aber in seiner Zeit als Rechtsreferendar am Berliner Kammergericht 1830 entlassen, weil er in einem Gedicht die Pariser Julirevolution feierte. Seine finanzielle Situation erlaubt ihm das Dasein eines Privatgelehrten. Er war Schüler von Friedrich Heinrich von der Hagen und Karl Lachmann und wandte sich nach seiner Entlassung ganz seinen literarischen Interessen zu. Er pflegte Freundschaften und berufliche Kontakte mit den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm und mit Ludwig Uhland. Zur Popularisierung der Rheinromantik trug er eine Anthologie mit Rheinballaden bei, zu der er ein eigenes Gedicht beisteuerte. Ab 1850 hatte Simrock die erste Professur der Germanistik an der Universität Bonn inne, zunächst ohne Geld dafür zu bekommen. Insgesamt veröffentlicht er die erste Sammlung von Volksbüchern noch vor seiner Berufung zwischen 1839 und 1843, teilweise gleichzeitig, zwischen 1839 und 1851, erscheint eine weitere Reihe von insgesamt 58 Volksbüchern in einzelnen Bänden und zwischen 1845 und 1867 noch einmal 13 Bände. Er widmet sich im Wesentlichen Erzähltexten und erweitert Görres Textbestand. Die Titelblätter seiner Anthologien sind erkennbar romantisch geprägt und versprechen die Authentizität der abgedruckten Werke, entsprechen jedoch nicht den seit Lachmann üblichen Standards von Editionen.
Deutsche Volksbücher: Nach den ächtesten Ausgaben hergestellt (1839) Unter dem Titel Deutsche Volksbücher. Nach den ächtesten Ausgaben hergestellt. Mit mehr als hundert schönen Holzschnitten. Wohlfeilste Ausgabe. werden 1839 fünf Bände in einem Band von Karl Simrock in der Berliner Vereins-Buchhandlung herausgegeben. Die Ausgaben sind jeweils mit einer Titelvignette und insgesamt 116 Holzschnitten von Friedrich Wilhelm Gubitz nach Zeichnungen von Hans Holbein ausgestattet.
Band: Salomon und Morolf: eine gar anmuthige Historie … Band: Eine schöne merkwürdige Historie des heiligen Bischofs Gregorius auf dem Stein genannt. Band: Die sieben weisen Meister … Band: Seltsame und wunderbarliche Historien Till Eulensppiegels … Band: Wunderseltsame, abenteuerliche und bisher unbeschriebene Geschichten und Thaten der Schildbürger in Misnopotamien, hinter Utopia gelegen …
Die deutschen Volksbücher herausgegeben von Karl Simrock (1845–1867) mini|Titelblatt des ersten Bandes von 1845 Zwischen 1845 und 1867 veröffentlicht er eine Textsammlung mit dem Titel Die deutschen Volksbücher. Gesammelt und in ihrer ursprünglichen Echtheit wiederhergestellt. Das Werk ist heute im Wesentlichen von wissenschaftsgeschichtlichem Interesse, weil in den Schriften Simrocks Zweispalt zwischen den strengen literaturwissenschaftlichen Maßstäben seines Mentors Lachmann und seinen romantisch-nationalistischen Neigungen sichtbar wird. In der Bildungsgeschichte des 19. Jahrhunderts liegt seine Bedeutung in seinem auf das zeitgenössische Publikum gerichteten, starken Bemühen um die Popularisierung der Literatur des Mittelalters durch Übersetzungen und Bearbeitungen.
Die 13 Bände der Deutschen Volksbücher enthalten die folgenden Texte:
Band 1 (1845): Heinrich der Löwe / Die schöne Magelone / Reineke Fuchs / Genoveva (). Band 2 (1845): Die Haimonskinder / Friederich Barbarossa / Kaiser Octavianus (). Band 3 (1846): Peter Dimringer von Staufenberg / Fortunatus / König Apollonius von Tyrus / Herzog Ernst / Der gehörnte Siegfried / Wigoleis vom Rade (). Band 4 (1846): Dr. Johannes Faust / Doctor Johannes Faust, Puppenspiel / Tristan und Isolde / Die heiligen drei Könige (). Band 5 (1847): Deutsche Sprichwörter (). Band 6: Melusina / Margraf Walther / Gismunda / Der arme Heinrich / Der Schwanenritter / Flos und Blankflos / Zauberer Virgilius / Bruder Rausch / Ahasverus (). Band 7: Fierabras / König Eginhard / Das deutsche Räthselbuch / Büttner - Handwerksgewohnheiten / Der Huf- und Waffenschmiede-Gesellen Handwerksgewohnheit / Der Finkenritter (). Band 8: Die Deutschen Volkslieder (). Band 9: Der märkische Eulenspiegel / Das deutsche Kinderbuch / Das deutsche Räthselbuch II / Thedel Unverfährt von Walmoden / Hugschapler (). Band 10: Die sieben Schwaben / Das deutsche Räthselbuch. Dritte Sammlung / Oberon oder Hug von Bordeaux / Till Eulenspiegel / Historie von der geduldigen Helena (). Band 11: Pontus und Sidonia / Herzog Herpin / Ritter Galmy (). Band 12: Thal Josaphat / Hirlanda / Gregorius auf dem Stein / Die sieben weisen Meister / Ritter Malegis (). Band 13: Hans von Montevilla / Aesops Leben und Fabeln / Meister Lucidarius / Zwölf Sibyllen Weissagungen / Lebensbeschreibung des Grafen von Schaffgotsch ().
Die deutschen Volksbücher herausgegeben von Richard Benz (1911–1924)